Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 4 (1902)
- Issue
- 40 (3.10.1902)
- Date
- 1902-10-03
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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i ♦ Rrdsrlton: n/3. Leopoldsgaffe 49, Tprechftmidexr An Wochentagen von 3 bis 4 Uhr nachmittags Mainfiti Midtf«eS »olkSölatt, Wiitn, 113 Vosiywrrdrn wegen «rrip Steter oder gar nicht erfolgter Zustellung erbitten wir »ns dringend. - Mn»nf«rwle »erde« «ich« znröekg-stellt. Vofllparcasten-Lonto U4?v87. In daß vbnrmnnent kann man täglich eintretrn. COM jede« Mag mtzt Mitwirkung der vom jüdischen Volks- Verein erwähnen Pressrommisston. Hnlernte übernehmen die Firmm: I. Danneberg, SL Dukes, Haafen- J»*ta » Bögler. Rudolf Moste, «. Oppelik, M. Pozfonyi, «. Schale! in Wien, ferner alle Annoncen.Srpedttiouen im kluSlande. Einzel-RnMWer i» Wie» I« Heller. «timf'NlirEon: ll/3. Leopoldsgaste 49. Telephon-Nr. 1478» Nbouuemenispreisr Telephou-Nr. 147SS Wr «vte» n. Oefrerretch-Ungaru lammt Franco.,uftellung. Ganzjährig Halbjährig vierteljährig Kr. 8— „ 4 - Für das gelammte Ausland lammt Francozustellung. Ganzjährig . Halbjährig . Vierteljährig Sh. 9.- „ 4.50 .f aas ■nniww «WMa-wn p—m Ur. 40 Wien. 3. Oktober 1808 (2. Ttfchri 5663). IV. Jahrgang. idN«O ffWTfiBMBsfijipfiffSirmi i ■« n > iü~ f>in iu111>iii biß"«I> >rwTinwirrrviriit"«>iie»ii«»n«7>«7vi mmsiuftut^iMmwnmritrmn Allen Lesern und Gesinnungsgenossen wünscht ein glückliches neues Jahr Die Redaktion. Neujahr im Esten. Li,.! Von Juda B"r a u n, Radomiöl (Rußland). Das alte Jahr ist dahingegaageni „mit seinem Jammer", wie in dem bekannten Gebete heißt, möge Nun das neue Jahr „init seinen Segnungen" beginnen. Der größte 'Segen, den wir zu erflehen haben, wäre aber der, daß in unfern Stammes genösse n eine Erhebung des Geistes sich rege, die den Sinn wieder erwecke für unsere große Vergangenheit, für unsere tragische Gegenwart und für unsere Zufuinft. Die Kennzeichen-, vermehren sich, daß gerade in unseren Kindern, auf die wir! alle unsere Hoffnungen bauen, eine solche Erhebung sich anbahnt. Wir aber wollen mit den Jungen und! Alten zugleich gehen, lote esim Schristwortl heißt. Unser Sinnen, und Trachten muß darauf gerichtet sein, den Jndifferentismns zu. überwinden, der wie ein Meltau auf uns liegt, den Unkenntnis vorzubeugen, die die Quelle alles Unheils ist, das über uns gekommen, um dem Abfall eutlgegeuzutreten, der immer mehr um sich greift und nicht nur die welken Blätter, sondern auch die hoffnungsvollen Blüten mit sich fortreißt. Deim nach beschäftigen ciincit Juden, der das Leben und feine Aufgaben ernst erfaßt, d r e i g r o ß e A n g e l e g e n - beiten beim Beginn des Jahres: Unser eigenes Los, das Schicksal des jüdischen! Stammes und! die Zukunft des Judentums. Es ist ein Unrecht und es ist eine Torheit obendrein, wenn wir weiter nichts erwägen als unsere eigene Zukunft; früher oder später einmal mündet jedes Menschen sein in. den Tod, das ist eine Wahrheit!, deren Trivialität nur übertroffen wird von der Häufigkeit der Fälle, in welchen wir sie vergessen. Das Sterben wird dein Alter nicht leichter als der Jugend; eher hat die Jugend, die überhaupt mehr Mut hak, auch einen größeren Mut, dem . Tode ins Auge zu sehen; die Untersuchung, ob ein ewiges Leben im. Diesseits dein Menschen genehm wäre, ist für den praktischen Verstand ganz gleichgiltiig, denn wir werden nicht in die Lage koinmen, zwischen Tod und! Leben wählen zu können! — Da nun einmal die ganze Erden- Herrlichkeit eilt Ende nimmt, da es aller Wahrscheinlichkeit nach für diejenigen, die in der Erde gebettet sind, sehr nebensächlich ist, ob prächtige DenLinäler oder niedrige Grashügel sich über ihrem Grabe erheben, so ist cs nicht verständig, unser ganzes Sinnen einznschränken ans unser eigenes Dasein. ' . An einem Tage, wo die Religion! unser ganzes Sein für sich iir Anspruch nimmt, soll nebenunserem persönlichen Wohl Freud! und Leid unseres Volksstlannncs und die Zukunft! unserer Glaubenslehre unsere Gedanken beschästigen. Der Sänger der Psalm« hat drei Dinge im Ange, wenn er betet: „Gib, o GM, nicht dem Raubtier preis die Seele deiner Taube." Der Vergleich mit dem Raubtier paßt nur zugut auf die Feinde unserer Gemeinschaft. Karm das Lamm mit dem Whist, kann die Taube mit dem Habicht rechten? Wir müssen es uns klarmacheu, daß wir Juden an vielen! Orten es mit Feinden zu tunhaben, die sich von wilden Tieren nun durch einen höheren Grad von Bosheit unterscheiden. Wie.Nacht und- Waldesdunkel dem Raubtier ctint liebsten find, so sind unsere Gegner am gefährlichsten da, wo ewige Nacht der Unwissenheit herrscht, wo- Rohheit unjd> Barbarei noch, nicht vor der Bildung und Gesittung haben zurückweichen müssen. Die Aussichten sind trübe. Was. hat! es viel zu bedentien, daß im Westen unseres Erdteiles die Sonne des Rechtes und der Freiheit für alle, also auchfür die Juden, etwas heller leuchtet? Im Westen wohnt nur eine geringe Schar unserer Stamm esgenossen; manche Stadt des Ostens hat so viel Inden in ihrer Mitte als im ganzen.! Westen wohnen.' Das Unheil, das im Osten droht, erregt jedes menschliche Gemüt. Was haben die dortigen Juden Schlitnmes getan, was ist ihr Verbrechen!? Ihr g a n z e s U n r e ch t i st , daß sie I u d e n s i n d; darum werden sie von Hans und Hof gejagt, darum werden den meisten die Bildungsanstalten verschlossen), darum, wirdder Zugang zu jedem Berus ihnen versperrt oder außerordentlich erschwert, darum dürfen sie keinen Acker bestellen, kein Handwerk ausüben, durum werden sie aufs Tiesjüe cpdemüiicit — Aber auch die Zukunft des Judentums ist umwölkt: das Schicksal der Juden ist nicht immer fllcidCjBeb'eitttlen'b! mit dem des Judentums. Wenn wir den prächtigsten TeK einer Hauptstadt durchschreiren, dann werden uns oft ans die Frage nach den Besitzern dieser Paläste jüdische Namen, genannt. ' Sind d e n n diese P r cr ch t b a u t e n S t ä t t e n j ü d i s ch e n G e i st e s , j ü d i s ch e r S i t t e? Ja, ist dieser Reichtum! an Gold nicht oft! vereint mit Armut an Ehre, an Rechtsgefühl, an Treue zum jüdischen Volksstamme? Sogar in unserer verlassenen Stadt finden wir reiche Juden in palastähnlichen Häuserin und deren Kinder verstehen das richtige HebräisckpLesen durchaus nicht und sind im vollen Sinne des Wortes p -i « n n v d. h. Laken. Wohin» wir also blicken, haben wir Anlaß zmn Gebet: „Schaue auf den Bund", ans den heiligen Bund, an dem Israel zerrt und reißt, von detnr Israel sich los reißen möchte." So rufen Hmi mit dem frommen Sänger: Gib nicht dem Raubtier preis das Leben deiiner Taube, hilf unseren über die weite Erde zerskreuken Genossen, die wie die Tauben ängstlich flattern, wenn der Habicht! sich in den Lüften zeigt; schließe den Mund der Verleumdung, des Hasses, dev schier unversöhnlichen Feindschlaft, die sich gegen Juda erhebt; laß die Fackel der Wahrheit nicht erlöschen, auch! wenn viele müde werden, die berufen sind, sie zu tragen; laß diejenigen nicht beschämt werden, die auf dich und die Zukunft Judas hoffen; gib uns allen die Kraft, lieber zu entbehren und zu entsagen, als daß wir charakterlos werden und Schmach erdulden; hilf denen, die in Sorge seufzen, daß sie aus eigener Kraft sich, ausrasscn, daß der Arme und dev Dürftige deinen Namen preise. Die Iudenfrage als Mrifchafts- und Kassenproblem. Unter diesem Titel brachte bie Berliner Wochenschrift „Gegenwart", einen Aussatz von Johannes G au l k e/ welchen die „Deutsche Zeitung" als „wertvolles Dokument im Archive des Antisemitismus" abdruckte. Betrachten wiv uns. nun dieses „Dokument" genauer, so unterscheidet es sich! von ähnlichen Artikeln n i ch. t etwa dadurch, daß es n e n e Gesichtspunkte enthält oder alte^— fehlen!, sondern nur durch den relativ anständigeren Ton und durch den bemerkenswerten Schluß: „Allerdings wird durch k l e i n l i ch e n P a r t e i s a n a t i s nr> u s das Problem (die Judeufrage) seiner Lösung n i ch t näher geführt!, sondern es bedarf eines eingehenden Stw diums, um die Mittel und Wege zu seinen Lösung zu erforschen." Die für unsere Leser bemerkenswertesten Stellen des Aufsatzes sind, abgesehen von dem Schlüsse, folgende: „Es ist das alte Lied, doch bleibt es ewig neu. Ich meine diesmal das politische Kampflied, das in bestimmten Zeiträumen aus „pangermanischen" Kehlen gegen das Judentum und die jüdische Jnternationalitnt angestimmt wird. Aber die offizielle, die parteipolitisch-antisemitische Bewegung versteht sich nicht durchzusetzen. Gerade ihre Träger schaden ihr oft am meisten. Eine antisemitische Volksversammlung gilt seit dem Auftreten der Ahlwardt und Graf Pnckler-Klein-Tschirne als eine Volksbelustigung etwa im Stil des verflossenen Americain-Thcaters. Ist nun ans der Blamage so bieler Antisemitenführer etwa die Berechtigung einer antisemitischen Bewegung überhaupt in Frage zu stellen? Oder liegt es nur an der Unfähigkeit der Leiter, datz jede Aktion gegen das Judentum wie das Hornberger Schießen endete Die Sozialdemokratie, die einzige Partei, die ans dem Boden des Klässcnkampfes ftcfjt. imb die folgerichtig nur die wirtschaftlichen Ur-- sachen einer Erscheinung des Kulturlebens erforscht, nm sie zu. beseitigen, läßt die „Judenfrage" nicht gelten und geht sogar noch einen! Feuilleton. Emile Jola. Von Sofer. In der Vollkraft seines Schaffens ist Zola am 29. September, von ausströmendem Kohlengas vergiftet, in Paris gestorben. Eben hatte er sein neuestes Werk („Verüb“) „Wahrheit" beendet; in diesem Romane wollte er die' Rolle zeichnen, die die Kirche in der Jugenderziehung spielt. Trotzdem Namen nicht genannt werden, bildet die Dreyfus-Affaire für den Eingeweihten den bedeutsamen Hintergrund. Einer der Charaktere, unzweifelhaft ist Kapitän Dreyfus' Bruder Matthieu gemeint — in Zolas Werk der Bruder eines jüdischen Lehrers — hat die Maske eines Monsieur Lecöqu-Holmes. Zolas letztes Werk heißt „V e ii 16“. Nomen est omen. Mit dem Worte „W a h r h e i t", in den, Grundzug seines Wesens bildete, gleichsam auf den Lippen, ist er gestorben; es mutet uns an, als ob das Schicksal uns symbolisch das 'Streben nach Wahrheit als Vermächtnis des großen Toten zuwies. Lassen wir noch einmal die markante Gestalt dieser „Persönlichkeit" vor unser geistiges Auge trelen. Nicht die literarische Bedeutung dieses Mannes wollen wir würdigen. Aber seine Stellung zum Judentum hängt mit ihr zusammen. Wie er-als Schriftsteller für den „ Verismus“, also für die Wahrheit in der Darstellung der Menschen und der Natur eintrnt, so verficht er mit der hinreißenden Macht seines Temperamentes auch die Wahrheit im Leben. Zola sprach ei».mal das gewaltige Wort: „Ihr wollt das Leben schildern? Betrachtet es erst genau wie es ist — und dann gebt uns den exakten Eindruck wieder . . „Was nicht breit auf Wahrheit ruht, hat keine Daseinsberechtigung. Die Wahrheit hat einen eigenen Klang, über den man sich niemals täuschen kann. Jeder Satz, jeder Abschnitt muß diesen Hellen Klang haben," Aus einer solchen Künstlerseele entsproß auch sein Sckl -chtruf in der Dreyfus-Affaire: „D i e W a h r h e i t ist >n Anzuge und niemand kann sie aufhall e n." Im Gefolge des Dreyfus-Handels ergab sich auch sein Eintreten für das Judentum. Dieses war von keiner romantischen oder sentimentalen Laune diktiert. Jry Gegenteil, Zola war im Anfänge feiner Laufbahn nichts weniger als Philosemit. Man erinnere sich nur, welche verächtliche Eigenschaften der „deutsche Jude" in seinen Erstlingswerken hat. Erst als er in der Affaire Drcyfus sah, daß man den Juden nicht wegen seiner Fehler, sondern trotz seiner Vorzüge verfolgt, als er begriff, daß die Jesuiten alle Elemente der Niedertracht m o b i l i s i e r t e n, u m eine unbequeme Rasse zu vernichten, erst da erhob er seine Stimme für die Juden. Und der Jude vergißt nicht seine Freunde. Nicht nur der ganze Westen nannte begeistert seinen Namen, auch in den Häusern und Hütten des Ostens sang man sein Lob. In der Nr. 26 des Jahrganges 1901 veröffentlichten wir ein Dreyfuslied im Jargon. * In diesem heißt es: Einer, was hot .die Sachen gehündert, Die Unschuld zü beweisen auf klaar, Trotzdem hat man die Juden geplündert In Zola verurteilt auf ein Jahr. Heila lula, die Sonim machen sich r Sudele Weißt dü, Zola, far was dir kimmt dus, weil dü nehmst dich an far a Jüdele. Die hebriijsche fiicuitut int iikittyrhitlkil Jahrhundert. (Charakteristik von W. Menkes.) Schon dem Laien,der in der hebräischenLiteraturdes 19.Jahrhunderts nur ein wenig belesen ist, stellen sich Vorzüge derselben in' diesem Zeiträume im Vergleiche mit anderen Jahrhunderten dar. Ein Geist der Erfrischung,Belebung weht in allen wichtigen Büchern dieser Periode, ein Geist der Sichtung, Aufklärung und des Selbst-' bewußtseins; ein Streben zum Ziele, das allen großen hebräischen Schriftstellern vorleuchtet, zum Ziele der Belehrung, Bildung und Nationalisierung der jüdischen Masse. Ein Garten mit' verschiedenen Blumen, die angenehm riechen und das menschliche Auge ergötzen, dünkt nns die hebräische Literatur im neunzehnten' Jahrhundert. Alle Kräfte werden hier am besten und tätigsten' ausgenützt, alle Hebel in Bewegung gesetzt, um ein Schrifttum heranznbilden, emporkeimen und aufwachsen zu lassen, das den' menschlichen geistigen Bedürfnissen vollends genügt, zur Labung,) Erquickung und wirklichen Nahrung. Verschiedene Gebiete fangen an bebaut zu werden, solche, von denen man nicht einmal wußte, ob sie je in der hebräischen Literatur ausgenommen' werden könnten. Und doch geschah das Unglaubliche! Bor unseren ' leibhaftigen Augen entwickelte sich und entstand eine Literatur,? die, obwohl sie nicht im einzelnen, ans den erstkn Anblick; hin imponiert, im allgemeinen aber einen tiefen Eindrucks macht. Ja, obwohl das neunzehnte Jahrhundert sich, wie es scheint und wie es auch wahr ist, eigenmächtig entwickelte, so kann doch nicht in Abrede gestellt werden, daß der Entwicklungsprozeß sich von deiiijenigen der früheren Zeitepvchen nur allznwenig' unterscheidet, um demselben ein eigenes Gepräge, eine ganz verschiedene Gestalt zuzuschreiben. Es herrscht vielmehr im großen und ganzen die Entwicklnngtheorie, die ihr Recht auch hier streitbar ver-' ficht. Und doch —welche Vorzüge kennz i.hnen das hebräische Schrift- :!! '■ 1; ,S : I'