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Jüdisches Volksblatt · 1902-09-12 · 37 (12.9.1902) · page 1

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
4 (1902)
Issue
37 (12.9.1902)
Date
1902-09-12
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Ardartion: n/3. Lropvldssalle 49. Gprey»ftM»de>»r kn ViochnUagen von 3 o,s 4 ai)t nachmittags p.padttff»: ASbNche» «o»«dla1l, mit», ll 3 Veschwrrdr» fflegtn uns drtngmd. Stet» oder gar nicht erfolgter ^»»ellung erbitten um (WUfeL'ttrte Werder» »ich« zvrückgestellt. Postjparcasien-Lonto «47VS7. In das Monnement kann man täglich eintreten Grschkmt jede« Freitag «* *wr Mttwirttun« «er oom jüdiküren Volk« r.«rew erwätttten PressrommiNtan. Amerati übernehmen vie ginnen; g. Danneberg, äJl. DukeS. Haajen» »du * Vogler. Rudolf Moffe, fl. Oppelik, M. Pozjonyt, fl. Tchalek in Wien, ferner alle flnnoncen-iirxpedUionen im fluSlande. Ginzei'Nrrmmer t« Wie« IS Heller. RdnnnMration: II/3. Leopoldsgahe 49. Telephon-Nr. 147SS Ab0»«emeNtSpreiS: Telephou-Nr. 14VS» AÜr ttvten n. Oesterreich-Ungar« fammt Francozustellung. Ganzjährig ^iertelMrig. . Kr. 8.- » 4.— Für das gefammte Ausland lammt Francozustellung. Ganzjährig . Halbjährig . Vierteljährig Kr. , 4.5« Ur. 37 lirn- 12. Septemder 1S02 (10. Glui 5662). IV. Jahrgang. tiß/timS&iän&SuBMimKwiämnMimüäüä&mNmBStnäBiiiM Galicien und Kroatien. Wie unmöglich es ist, auf Grundlage der dualistischen Dez cm b er-Ver sassu i l g in der österreichischen Monarchie die auch von den Inden so ersehnte nationale Ordnung, die Gleichberechtigung und den Frieden herzustellen, wie ungeeignet dazu cutd) die Läud e r a u t o n o m i e und wie notwendig eine natioual-autouomistische Verfassungsrevision ist, zeiigen besonders deutlich die sich täglich verschlechternden Verhältnisse Galiziens und Kroatiens und diie! in beiden Ländern durch dieselben gezeitigten jüngsten Exzesse. Als nach der erfolgten Zweiteilung; des Reiches im Jahre 1867, der Hauptquelle der staatsrecht l i ch-n a ti o nal en Wirren in der Habsburger Monarchie, die deutschen Liberalen in Westösterreich! sich die Herrschaft sichern wollten, lieferten sie Galizien und die dortigen Nuthenen, Juden und Deutschen der polnischen Schlachta aus und die magyarischeil Liberalen gaben wieder Kroatien eine allerdings beschränkte Autonomie, um leichter llugaru-Siebenbürgen und die dortigen Slaveu, Deutschen und Rumänen beherrsche und magyarisieren zu können. Wie wenig dies den einen in Zisleitbanien und den anderen in.Transleithanien gelungen ist, zeigt deutlich die Entwicklung seit 36 Jahren,. Die Herrschaft einer Nation über die andere ist aber nirgends mehr in der österreichischen Monarchie möglich. Es gibt nur eine Lösung der Nationalitätenfrage des Reiches — das möge sich die bornierte „Juden"- imfr Autistin itenpresse merken, die seht wieder über Galizien rrnd Kroatien in rührender Ilebereinstimmung lügt unddie Bevölkerung iurieführt — die A u t o n o m i e j e d e s V o l - k c s Gesa m t - O st e r r e lii ch s. Die nationale Autonomie fordert auch Abgeordneter Professor R o m a n c z u k , der Obmann des Nntilrenen- Klubs im österreichischen Parlamente, in einer Broschüre, betitelt: „Die Ruthenen und ihre Gegner in Galizien." Tilese Broschüre ist nach mehr als einer Seite bemerkenswert; beim sie wirft drastische Streiflichter auf die galizischen Zustände, auf die Lotterwirtschaft der polnischen Schlachta, unter der nicht nur die Nuthenen, sondern auch 811 000 Inden leiden. „ D a r u n t e r m ü s s e N s i ch w e n i g st>ens 6 6 0 0 0 0 Jude n b e f i n d en , Wel che n u-r a u:s O v Port u n it ä ts g rü nd en si>ch z u r p o l n i sich: e n S p r a ch, e ei, n b c)k a. n n t h a b e n , in derTatabe r m i t sehr w e n i g e n A u s n a h m e n s i ch b e k a n n t l i ch n i ch t d e r p o l- N i s ch>e n Sprache, s o n d e rn ihres Jargon Feuilleton. Gedichte in Kraja. # Von Hermann Blnmcnthal. r Klageruf! _ Auf den, volksbewegten Plätzen, auf allen Wiegen rief ich laut: deinen Namen, aber meine Stimme konnte dich nicht erreichen! — und deine Spuren fand ich nie loieder . . In den Tagen voll Kummer und im den schlafberaubten .Nächten habe ich! nun niemanden mehr, der nieine bedrängte Seele erlabet — und laut — laut schreie ich nach dir — aber du kommst nicht, um mich zu erlösen . . . Warum nahmst du die Ruhe aus meiner Brust und legtest den Feuerbrand des Zweifels hinein? Warum nahmst du ineine Lebensfreudigkeit mit dir — und ließest mir nur. die Erkenntnis meiner Leiden . . .? Wies ein Dieb schlichst du in der Dunkelheit davon, und als ich erwachte, spürte ich eine Leere in meinem Innern., die sich durch nichts ausfüllen lies; . . . Du hast mir Lickst und Sonne gezeigt-aber dann ließest dn mich wieder allein und uni mich wurde es trickse — wie früher. — ■— Jetzt aber kann ich ohne Lickst und Sonne nickst leben und sehnel mich nach dir zutode . . . Die Füße habe ich mir, dich suchend, wund gelaufen. Kein Wetter hielt mich zurück, keiiiie Schranke konnte sich meinem Weg entgegensetzen . . . Blutenden Herzens habe ich umhergespäht — aber du bliebst verschollen: . . . Wie ein Schatten wandte ich— suche und suche . . . bete und flehe — und es wird nicht licht. O, komme loieder, da in banger Einsamkeit meine Seele nach dir schreit! b e d i en en und viel eher den Deutschen (?) z u g e z ä h l t werden könnten, als welche s i ch a u ch die übrigen Juden eingetragen habe n." Das ist ein bei vielen Nuthenen wiederkehrender Irrtum. Die Juden sind ebensowenig Deutsche, als Polen oder Nuthenen, sondern eben — Juden, die gar nickst das geringste Interesse daran haben, den Nuthenen bei der Erkämpfung der Gleichberechtigung in Amt und Schule hinderlich zu sein. Im Gegenteil. Die Juden müssen Schulter cm Schulter mit d e n R u t h e n e n für die n a t i o nale H uton o m i c eintreten, vomusgcsetzt, daß auch die R u t h e n e n dem j ü d i s ch e n Volke zur Erlangung s e i n e r n at i o n a l e n A u t o - n o in i e förderlich zur Seite stehen. Welchen Dank die galizischen Juden von der polnischen Schlachta für ihre bisherige treue Bundesgenossenschaft gegen die Nuthenen bei allen Wahlen zu erlvarten haben, zeigte sich wieder anläßlich des letzten, infolge der schamlosen Ausbeutung der polnischen Schlachta entstandenen Landarbeiterstrikes. Der Krakauer „Czas", das Hauptargan des Pokenklribs und der galizisedeu Schlaelizizciipartci, schrieb in ciuem Artikel über die Bauernstreiks in OstgalizeN unter anderem: „Es ist eine auffallende Erscheinung, daß die Wiener Judenblätter mit keinem Worte die Tatsache berühren, daß die o st g a l i z i s ch e u B a u c r n st r e i k s, soweit sie eine reale Grundlage . haben, hauptsäch l i ch durch das Vorgehen der jü d i s ch e n G u t s p ä ch t er gegen die Bauern provoziert worden sind. Frei von jeder konfessionellen oder Rassenanimosität gegen die Juden, müssen wir dennoch das sachliche Faktum konstatieren, daß die j ü d i s ch e n GNtspächtcr, die in Ostgalizien zahlreich genug sind, gerade so das Volk exploitiercn, wie sie auch den gepachteten Grund und Boden, MckgchjZws ausbcuten. Unter ihren F i t t i g c n und häufig unter ihrer T e i l n a h m e wird jede Art von Auswuchcrung betrieben und namentlich die Auswuchernng der Arbeit, wodurch der Verdienst der Arbeiter faktisch namhaft verkürzt wird. Der Bauer nimmt von dem jüdischen P ä ch t e r aus Kredit verschiedene Lebensmittel und verpflichtet sich, den Preis abzuarbeiteil. Bei diesem „Abarbeiten" wird der Bauer verkürzt. Auch das Herabdrücken der Arbeitslöhne ist vorwiegend und in der Regel fast nur von den j ü d i s ch c n Gutspachtern praktiziert worden." Seipienti fat! So gehen die polnischen Hegemonen in Galizien gegen die Inden vor. Wie sie ihre rnthenischen Mitbürger, also ihre slavischen Stamm!esgeno!ssen Verkürzen, gegen welche sie, tvie verlautet, in der nächsten Parlamenlssession sogar aggressiv (!) Vorgehen wollen, zeigen folgende Daten, die wir der Broschüre Romanczuks entnehincn: „Nach der Nationalität leben in Wcstgalizien 36.3 Perzent, in Ostgalizien 63.7 Perzent der gesamten Bevölkerung Bringe Befreiung dem Irrenden, erlöse ihn voll allem Kummer und Zweifel- Führe ihn zu den lichten Höhen empor — wie einst . . . mache ihn stegesfroh und kampfesmutig — wie einst. . . O, kehre in meine bedrängte Brust — entschwundener Glaube! * Wunder! Im Zeitenlärm gehen die Gedanken zugrunde. Wir eilen und jagen in wirrer Hast und haben zu denken, zu sinnein verlernt — und dennoch! Oft bleiben mir im wilden Sprunge nachdenkend stehen, weil uns etlvas Unerwartetes widerfährt. Wi!v haben ein Erlebnis, das schon einnml durch Misere Seele gezogen ist. Wir begegnen jemandem, den wir im Tram ne geseheir und dessen Züge uns wohlbekannt sind. Es passiert eKvas, das wir lange, lange vorher schon geahnt . . . und genau so, wie vor es uns gedacht . . . Einige Zeit sinnen wir lvolst darüber, aber das Weltrad Packt uns und schlendert uns voUrärts . . . Wir sehen Menschenleben, die ein Hauch des Schicksals lvie einen! entwurzelten Baum zu Boden toirft und andere, die schreckliches Leid, furchtbare Schicksalssckstäge zu tragen, hatten und dennoch ungetrübt dasteben. Ein Blitz zuckt! vom Himmel herab, schlägt den eineir nieder und schlüpft an dem anderen vorbei, ihn unversehrt lassend. . . Wer könnte diese Natnrphänomene erklären, lver die geheimen^ Fäden der Bestimmung freilegen! . . . Wir leugnen die Wunder, aber empfinden sie . . . * Andacht Nach dem langen, schwülen Tage die stille, mondhelle Nacht und die lauen, belebenden Lüftchen . . . Galiziens. Nach der Nationalität wohnen in Westgalizien 87.6 Perzent Polen, 4 Perzent Nuthenen, 0.6 Perzent Deutsche, 3 Perzent Juden; in Ostgalizicn 64 Perzent Nuthenen, 21.8 Perzent Pole n, 1 Perzent Deutsche, 13.2 P e r z e n t Juden. Die Juden wohnen am meisten in den Städten; in Dörefrn leben sie als Schankwirte, Handelsleute und in neuerer Zeit auch als Gutsbesitzer und Großgrundbesitzer . . . . . Im Jahre 1867 wurde die p o l n i s ch e Sprache an die Stelle der deutschen in der Schul e, im Jahre 1869 auch im Amt und Gericht eingcsührt, die ganze Verwaltung des Landes wurde den P ölen anvertraut, die R u t h e n e n wurden ihnen pr c i s g e g e b e n. Wenn die Nuthenen seitdem noch dann und wann eine S ch ule, einige r u t h e n i s ch e Aufschrifteli, einen einigermaßen wichtigeren Posten in der Verwaltung oder ein ähnliches Zugeständnis erhielten, so werden diese Errungenschaften durch anderweitige legislative und administrative Maßregeln mehr als ausgeglichen, damit es ja nicht zur Erstarkung des rnthenischen Volkes komme. 3 600 000 Polen besitzen 72 Abgeordnete und 31 Gymnasie n, 3 343 000 Nuthenen n ur 10 Abgeordnete und 5 Gymnasien. Von den 4004 Volks schulen in Galizien sind 2093 mit polnische r, 1932 mit r u t h e n i s ch e r und 29 mit deutscher Unterrichtssprache. Dabei ist zu berücksichtigen, daß die rnthenischen Schulen nur e i n k l a s s i g, selten z w e i k l a s s i g und nur ganz ausnahmsweise drei- und vierklassig sind. Das ist die vom Polenklub stets im Munde geführte nationale Gleichberechtigung, das sind. die Früchte der Länderautonomie, die sich auch in der galizischen Wahlmache deutlich zeigen. Unter solchen Umständen ist es sehr begreiflich, daß die Ruthenen die von den Deutschnationalen und Alldeutschen programmatisch geforderte Erweiterung der gali- 'zischen Aict>onomi>e im Sinne der Sondierstellung Kroatiens entschieden verwerfen. Eine solche Sonderstellung^ Galiziens würde dieselben Resultate zeitigen, wie wir sie schaudernd vor kurzem in Agram erlebt haben. * Die nicht genug zu brandmarkenden Agramer Straßenexzesse werfen ein grelles Streiflicht auf die Unhaltbarkeit der kroatischen Verhältnisse; dieselben find nicht allein! der Erbitterung der Kroaten gegen einen gewiß zu verdammenden Artikel eines Belgrader Blattes zuzuschreibon!, in dem die Kroaten ein Bedientcnvolk genannt und Jellgeic geschmäht wurde, sondern die letzte Konsequenz der seit Jahrzehnten von den kroatischen und serbischen Chauvinisten gegenseitig geschürten Hetze, die überdies von Budapest, der u nga r i f cf; e n R e g i e r u n g und den m a g y a r i s ch e n Pa r. t e i e n sowie von Belgrad sehr gefördert wurde. Die ungarische Regierung, die in Ungarn die Serben vergewaltigt, protegiert sie in Kroatien und beherrscht! mit Im Walde ruhen wir, müde und gebrochen vom Tagesmarsch. Ich sitze mit geschlossenen Augen da und meine Gedanken sind in kveiter Ferne. Ich höre himmlische Musik; goldene Sterne und sonnenbeglänzte Fluren sehe ich . . . Neben mir sitzt sie, so traumverloren und weltvergessen .... Wo sind deine Gedanken, du Hold>ei? Denkst du auch an himmlische Musik und an Sonncnlandschaften? Warum schweifen deine Blicke über die Wirklichkeit hinaus, hinaus über die dunklen Alleen), die sich wie geivölbte Tempelhallen in die Weite dehnen! . . . Oder denkst du an Lorbeern und Palmen, an Meinlaub und an das ewige Reich? Ich und du! Wir leben nicht i>N der Wirklichkeit; in dieser Welt nicht und unter diesen Menschen nicht. Nur unsere Körper lassen wir hier vertrocknen; aber mit unseren Seelen, mit unseren Gefühlen leben wir auf goldenen Sternen, im ewigen Reiche — und um uns ist himmlische Musik-- — * Einsamkeit. Am Tage vor dem Sederabend lveilte ich bei meiner wichen, vielumworbenen Cousine. Ob sie mich lvohl für den Abend einladen wird? ging es mir durch die Seele ... Neiiv — nein, ganz gleichgültig hat sie mich verabschiedet. Es tvar große Gesellschaft da und nur mit deir andereu hat sie sich abgegeben. Großer Gott! Vielleicht bringt mir das endlich Ruhe, und langsam schlendere ich dkirch die belebten Gassen nach Hause . . . Alle — alle Ketten abschütteln, knie mir das lvohl tun lvicd . . . Aber immer und immer loieder ciiraifjt1 der Gedanke in mir:

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