Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 4 (1902)
- Issue
- 36 (5.9.1902)
- Date
- 1902-09-05
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Micks Volkskai! I / frfifcritit ifftoü lirttan Ägbattian: n/3. Leopoldsgasse 49. SprechMmdest «N Wochentag«» von 3 >,tS 4 Uhr nachmittags. AiiblfcheS «oUSbliM, Wir«, 113 Vesürivrrdr« wegm verspäteter ov?.r gar nicht erfolgter latjUSntty «Litten wir UNS dringmü. - Mmuiserrsie Haerde» »tchl zm'ülkaestrktt. fiostsparcaffen'Conto »47087. In da« Abonnement kann man täglich etnrretea. -4» EMM stde« Zrcküß viwxs MiNoirttnuu der vom jüVUrtzrn VoMsmrretn ri'wähtten Pr«ssrmmntsttvn. 3fWf.za)e übernehmet« dir Firmen: I. Lanneberg, M. LukeS, Haajen. *shi 4 Kogler, Rudolf Wo sie, ft. Oppelik, M. Pozfonyi, A. Schalek tu Eien, isrner alle Nnnoncen-Erpedstionen im Auslande. M»zel-R«mMer in Wie« 10 Heller. Skmtmitratfon; II/3. Lvopoldsgaste 49. Telephon-Nr. 1472» AbounemeutSpreiS: Telephou-Nr. 1472» Für Wien u. «efterretch-Nugarn!amint Francozustellung. «anzjährig Halbjährig Vierteljährig Kr. 8.- :2:= Für dnS net amrate SlnSlaud fammt Francozustellung. Ganzjährig . Halbjährig . Vierteljährig Kr. 0 - „ 4.50 „ 2.25 Ur. 36 Wien. S. September 1908 <3. Glut 5668). IV. Jahrgang. »uw wnvwMPtm&rwmxxinrm ttivurmnvm «4«ievo^«>vt»Uu»9««»a»v Jude», Tschechen und Deutsche. Wenn die Zahl der Parteien -ein Gradmesser für die politische Reife eines Volkes bildet, dann sind die Bürger Oesterreichs politisch überreif. So viele Volkssiämme das Donaureich bewohnen, jeder von ihnen zerfällt in eine Anzahl von Fraktionen. Nächst den Deutschen besitzen die Tschechen die größte Zahl von Parteien. Außer der herrschenden, aber, wie der klerikale Sieg in den Brunner Landgemeinden zeigt, bereits im Niedergang begriffenen Partei dev Jungtfchechen und den noch keineswegs ganz taten Alttschechen, die speziell in Mähren noch einen Anhang besitzen, kommen noch in Betracht die verschiedenen klerikalen und christlichsozialen Gruppen, die National-Sozialen unter Führung des Dr. Choc und K l o f a c „ die Agrarier, die Sozialdemokraten, die Nadikal-Fortschrittler mit dem Redakteur H a y e an der Spitze, die national-radikalen Staatsrechtler Baxa'fcher.Färbung und endlich die realistische tschechische Volkspartei unter Führung des vor kurzem aus Amerika Zurückgekehrteu Professor Maste r y k. Diese Schaltung macht sich auch unter den W ii r - ner Tschechen besonders soll der Zeit stark bemerkbar, seitdem ein großer Teil derselben unter gar keinen Umständen mehr dem Dr. Lueger nnd der chriWch-sozialen Partei weiter Heeresfolge leisten '-will und aus getreuesten Anhängern Luegers erbitterte Gegner des herrschenden Reg-ünes in der Wiener Stadtverwaltung und im Landtage geworden sind. Schon bei den letzten Wahlen zeigte sich der Stimnnmgswechscl in der tschechischen Wählerschaft Wims, von der dm großer Tellisür Dr. A d!l e r .in 'Favoriten, für Sch u h men er in Ottakring stimmte und so sehr viel zum Siege der Sozialdemokraten in diesen beiden Bezirken bei tim gen. N u n st e'h e n d ieLa n d t n g s w a h l e n v orderT ü r und es zeigt sich im Lager der Tschechen plötzlich eine sehr arge Zerfahrenheit, eine Heber e i n - st i m m u n g nur in einem uns allerdings sehr einleuchtenden Punkte: für keinen Kändidaten irgend einer de nt s ch- „freiheitlichen", richtiger Deutsch - ch a u v i - n i st i s ch e n Gruppe zu stimmen. Ein Teil der Tschechen ist für Msiiuenz, ein Teil will eigene nationale Kandidaten Wahlen, ein kleiner Teil die Sozialdemokraten unterstützen nnd ein Teil endlich scheint 'wieder hv die — ch r istlich - s v z i a l cSaiiBc gehen zu wollen. Der „Slovent", das Organ der Wiener Tschechien, bringt Mitteilungen über Verhandlungen 'zwischen Dr. Dyk Feuilleton. Arthur Schnitzler. Mit dem Auftreten des .„.jüngsten Deutschland" in Berlin in den Neuuzigerjahren des vorigen Jahrhunderts begann auch bas Wiener Literaturleben neue Wege zu suchen, neue Pfade zu finden und zu weisen. Von französischen Einflüssen durchsetzt — man denke an Paul Verlaiue, Maurice Barme, Baudelaire u. v. a. — .eiitlvickelte sich durch Impulse eines Jo,Hannes Schlaf, Arno Holz, Gerhart Hanptmanu.und last not least Hermann! Bahr Wiens literarischer Kreis. Wir sahen Poeten und Schriftsteller entstehen, die sich den anheimelnden, leider zu oft mißbrauchten Namen „Jung-Wiener" beilegten. Als Epigonen eines Grillparzer, Bauern selb, Anzengruber, Raimnnd Ivaren diese Dichter im Sinne einer spezifisch österreichischen und lvienerischell Kunst ansrichtigst zu. begrüßen. Jedoch nur eine recht bescheidene Zahl dürfte dies im gleichzeitigen Ausdruck echten Europäertums zu erreichen vermögen. Zu diesen begabtesten' Jung-Wienern können füglich nur Arthur Schnitzler, Hugo von Hofmaimsthal und Hermann Bahr gezählt werden. Hoftnannsthals inniglliefe, gemüi- und geistvolle Lyrik, Schnitzlers vollendetstes novellistisches und dramatisches Talent und Bahrs musassende feinsiinnge und geistreiche essayistischel Kritik nehmen ehrenvolle Plätze in der modernen deutschen Literatur ein. Arthur Schnitzler, der Junggeselle unter den Wiener Dichtern, lvie ihn Lndlvig Speidel gelegentlich -nannte, repräsentiert eine dichterische Individualität von exklusiv, wienerischem Charakter. Sein elftes Austreteu 'beginnt! mit dein Erscheinen von „steigen" — ein Gedichtwerk von j poetischem Liebreiz — und in rascher Auseiumwerfolge! und Vertretern der Wiener Tschechen, die sich zu der national-sozialen Partei des Abgeordneten Klosac bekennen. Zweck dieser Verhandlungen soll es sein, bei den bevorstehenden Landtagswahlen, dem Dr. Lueger keine Schwierigkeiten zu bereiten. Tatsächlich werden die Anhänger Klosac' auf Fürsprache des Dr. Dyk die Christlich-Sozialen gegen Dr. Adler unterstützen, respektive einen eigenenKandidaten aufstellen. Das Blatt sagt, es wolle vorläufig keine weiteren Mitteilungen machen, bis es sich zeigen wird, wie weit „gewisse Kreise in i h r e r U n t e r st ü tz u n g d es D r. L u e g e r gehen werden." Wenn dies wirklich wahr ist, dann fragen wir den „Slovan": „Wie können wir mit den Wiener Tschechen kooperieren, wenn selbe sich mit unseren antisemitischen Gegnern Verbünden? " Der „Slovan" schrieb vor kurzem folgendes: Aber warum verbin d e n sich, denn im Kampfe um die nationale Meichberechti gung in Wien die Freunde des „ Jüdischen Bolksbl-att'" n i ch t m i t d e n Tschechen, welche hier i n W i e n doch ei n e groß e., leider bisher z er st reute Macht bilden^ und welche in so großer Anzahl in das antisemitische Lager übergegangen sind, ceben deshalb, weil sie auf Seite der Anhänger des „Jüdischen Volksblatt" keinen Schutz ihrer nationalen Rechte gesunden haben? Es möge sich das „Jüdische Volksblatt" merken: Die Juden w erden sw l au g e der Gegem stan d d er drutschen Verachtung sein., 'bis sie sich aus den G l e i ch b e x e ch, t> i g u ml g s st a 'n d p u n k t nicht bloß m i t Rucks i ch t a u s s i ch, sonderu a u ch mit R ü ck-- s i ch t a u'sd i e T f ch! e U st e l l en , und bis die Tschechen in Wien jene politische und kulturelle Stellung einnehmM, die ihnen gemäß ihrer Zahl und ihrer Arbeits- und Stenerkrast züsteht. Daß dies 'wohl aus Kosten des deutschen Chauvinisinus geschehen muß, "darüber braucht man keine Worte zu verlieren." ,W'ir antworteten darauf bereits in Nr. 33 des „Jüdischen Volksblatt" vom 16. August: Daß das tschechische Volk n a ch A bsch ü'tt e l u n g der anÜi sem iti schen E l ein ente, wenn es sich ans den Vodm der G l e i ch b e r e ch t i g u n g sowohl den Deutschen als auch unserem j ü d i s ch e n Volke gegenüber stelle, k e in en besseren Ver b ü n d e i e n h n b e n w ird , als Die Na tio n a l - Jikden. Dabei bleiben wir: entweder die Tschechen brech e n m i t d e m A n t i s e m i t i s m u s in allen Schatentstehen dtzr Episodenkranz „Anatol" — das Menge Stück „Liebelei" — das erste, welches in Wahrheit das Epitheton verdient — die Schauspiele „Freiwild" und „Das Vermächtnis" — die 'Mvellenveihe „Die Frau des Weisen" - - der Wiener Roman „Bertha Garlan" --- die dramatischen Werke „Der' Schleier der Beaince" —- „Paracelnns" — „Der grüne Kakadu" — die von geistreichem Humor und sarkastischein, Witz erfüllte Novelle „Lenrnnnt Gnstl" undschließlich^ der jüngste Einakterzyklns „Lebendige Stunden". Das echte Wienertuln, das in Jahauir Strauß' und Franz Schllberts Tondichtungen, in Schlvinds und Waldmülters Bildlverken den tiefsten, edelsten Ausdruck fand und die als etvige Marksteine lebendig bleiben! werden,, dieses still-innige, gemütvoll-trene Wienerische, bildet auch in Schnitzlers Werken den, stinnnunggebendcn, reizoerleihenden Hintergrund. „Jir Schnitzler ist das Wienerische nicht bloß ein subjektives Element, nicht bloß im. Ton und im Dust seines Schaffens, sondern es ist auch ein objektives als der Gegenstand und das beständige Thema seiner Werke: wienerisches Schicksal — das ist ein Schicksal, das an den Rand des Lebens gedrängt ist und dort seine schwermntigen Freuden findet", so kennzeichnet ein Biograph Schnitzler. — Alfred Karr, der Nachfolger Paul Schlenthers im Nedakiionssitze der „Vossischen Zeitung", gelviß ein bedeutender Litera>t>nrhistoriker — hat das Wesen Schnitzlers wohl am liebevollsten ersaßt. Er sagt einmal über ihn: „Alles flutet durcheinander: Innigkeit und Eleganz, Weichheit und Ironie, Welstädiisches und Abseitiges, Ltzrik und Feuilletonlsmus, Lebensraffineiuent llNd volksmäßige, Schlichtheit, Oesterreichertnm und Halbfranzösisches, Schimerz und Spiel, Lächeln und Sterben. Ein junger MeUter, ein glücklicher Göttersrennd, ordnet er mit Ireicher, leiser, spielend vollbringender Hand die Bestandteile." Wer kennt nicht die fein- und vchtempfundenen tiemngen, dann werden wir Nationaljuden getreu unserem Programme ebenso für ihre Gleichberecht'igung wir für die u n s e r e auch mit dem Stimmzettel eintreten, oder die Wiener Tschechen lassen sich wie bisher ausnutzen und von den christlich-sozialen Machthabern gegen uns Juden mißbranchM, dann allerdings müssen wir Gewehr bei Fuß stehen. Wir fordern keineswegs von den Wierler Tschechen, einzutreten für die sogenannten freiheitlichen Fraktioneu, die uns durchaus nicht ans H>erz gewachsen sind und deren .Nationalitätenpolitik wir verurteilen — aber ebensowenig dürfen die Tschechen die Christlich-Sozialen fördern-, die in ihrem Herzen ebensowenig tschechenals judensreundlich sind. Die jetzige Parteigruppierung ist ja übrigens nicht die letzte Etappe in der Parteientwicklung Oesterreichs und wir sind immer bereit, zu einer auf dem Boden der Gleichberechtigung aller Oesterreicher sich bildenden österreichischen V ö l k e r p a r t e i die Hand zu bieten,, die bei allen Wahlen ein Machtsaktor werden könnte. Wir hatten auch in der letzten Zeit wiederholt Gelegenheit, von den Ausführungen anderer tschechischer Blätter, und zwar in der Provinz, Notiz zu nehmen, welche die nationale Bewegung der österreichischen Inden sympathisch besprachen und für die Wasfenbrüderschast der Tschechen und Juden eintraten.. Neuerlich! tut dies wieder die „Moravska Orlice" das Organ der mährischen Tschechen. Dasselbe glaubt, daß „wenn die mährischen Juden bei den Landtagswahlen mit dem tschechischen Volke Zusammengehen würden, dieses imstande wäre, die Mehrheit aller Abgeordneten in> den Landtag zu entsenden. Der mährische Landtag zählt 100 Tlbgeordnete. Das tschechische Volk hat sichere 36 Mandate; zur Majorität würden also nur 16 fehlen und diese zu erringen, w ü r d e m i t H i l s e d e r I u d e n s ch a f t mögli ch sein." Auch der „P o z o r", der sich pessimistischer der Am Näherung der beiden Volksstämme gegenüber verhält, erwartet von einereventuellen Kooperation der Juden und' Tschechen eine totäle Aenderung der in Mähren herrschenden Verhältnisse. llnseren Standpunkt haben wir wiederholt diesbezüglich gekennzel-chinet. Wir sind Anhänger der nationalen Autonomie und der nationalen Gleichberechtigung aller Volksstämme der Habsburger Monarchie, fordern sie aber voll und ganz auch für das jüdische Volk. Juso ferne die Tschechen nicht nur Böhmens und Mährens diesen Standpunkt akzeptieren, wollen wir mit ihnen ebenso in Skizzen, welche „Anatol" bilden? Mit welch ruhiger Eleganz irnb sicherer Hand setzt unser Dichter in diesen losen Szenen die Charaktere fest und entwickelt daraus ein dramologisches Ganzes. „Liebelei" — das einzig echte „Wiener Stück" — führt uns die Licht- und Schattenseiten des Wiener Junggesellenlebeus in intimster Weise vor. In diesen beiden Werken begann auch Schnitzler den Begriff des „Süßen Mädels" — eine spezifisch wienerische Individualität — zu schassen und zu veriverten. Als Dramatiker nimmt Arthur Schnitzler eine hervorragende Stellung ein. „Freiwild" , „Das Vermächtnis", „Liebelei", „Lebendige Stunden" brachten ihm im In- und Auslande glänzende Bühnenerfolge und reihten ihn unter die maßgebenden dramatischen Talente Deutschlands. Selbst die heftigsten Gegner aller „Moderne" müssen dies ohne Einschränkung zugeben. Tie tiefe Erkenntnis für Seelenprobleme, sein scharfer Blick für psychische Zustände und Aenßernngen, sein glänzelrder, meisterhafter Stil verliehen Schnitzler auch unbestrittene Haheitsrechte auf uovellistischem Gebiete. he Frau des ,Weisen", „Bertha Garlau" und „Leutnant Gustl" entfachen in iedem literarisch denkenden: und fühlenden Leser Helle Begeisterung. Wie Schnitzler es versteht, Stimmungen zu lokalisieren, weiß jeder, der die Novellen „Blumen", „Der. Ehrentag", „Die Taten schlveigen" gelesen. Aber jeder lutrb auch das Bedürfnis empfllnden buben, diese feinsinnigen Skizzen immer wieder und mit freudiger Andacht' zu lesen. Hermann Bahr erzählt einmal in einem Fellilletau, daß Schilitzlers Stil am besten dlirck ein Wort eines französischen Essayisten charakterisiert Iverdeu Faun, nämlich als „crexr im poncif". Wie viele jlulge Schriftsteller vermögen trotz sogenannter Eigenart Schnitzlers Einflliß in ihren Werken nicht zu verwinden! Aus jedem Satze fühlt inan fast den belebendell Hauch Schnitzler'scher Reuse eutgegenivehen! Arthlir Schili'tzler ist ebenso lvie Georg Hirschfeld —