Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 4 (1902)
- Issue
- 34 (22.8.1902)
- Date
- 1902-08-22
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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♦ ♦ JWbarfimt: n/3. Leopoldsgasse 49. e&ftMHbe«: ftn Woitzentasen von 3 dis 4 ahr nachmittags. Pofiakr.ff«: Ajtdttche» «olkSblatt, Wie», ll » V.,srhtv-erd-n wegen »erwittrter aber gar nicht erfolgter Zustellung erbttiku wir SN» dringend - MamUertvte «»erde» »ich« zrnHSgeftellt. Postsparcasten-Tonto 847087. I« dar Mvnoement kann man täglich eintretm. EMM jede« Freitas vmizr AMwirkAng der vmn WriMxen Vtiike,- veretn «rrwählten PrrfsrornMtsflon. A«4erate übernehmen dte Kirmm: I. Danneberg, M. DukeS. Haalen- »ein A «ogler. Rudolf Moste. S. Oppelik, M. Pozjonhi, «. Schale« in Wim. ferner alle Nnnoncen-Lxhedttionen im SluSlande. Girszel'RttMWer i« Wie« 1« Heller. Hvmvrlitri-llion: n/3. Leopvldsgaste 49. Telephon-Nr. 147SS AbottNemeutSpreiA: Telephou-Nr. 14VS2 Kür «vtra n. Oefterretch-Uugaru lammt ffroneozustellung. Ganzjährig . . Kr. 8.— Halbjährig . «ierteljührig. , ^L!»«WZ«»UL>», 4- Für baS gefammte Ausland sammt Francozustellung. Ganzjährig . . . Halbjährig . . . Vierteljährig . . . Kr. „ 4.50 „ 3.25 «SS Ur. 34 Mim. 28. August 1908 (19. Ab 3662). IV. Jahrgang. jiiiii fojtnlbniiohtfltifdjcn Pmlkitage. t Der in Aussig stattgefundeneParteitag der d e u t s ch e n Sozialdemokratie Oesterreichs liefert den neuerlichen Be weis, daß die m a r x i st i s ch e Sozialdemokratie in der Nationalitätenfrage zerfahren ist, die I u d e n f r a g e i g n o r i e r t und in s o z i a l e r Hinsicht den r e v i s ionistischen Forderungen im Rahmen des Sozialismus nicht Rechnung tragen will. „Obgleich unsere Fraktion so klein ist, besteht doch nicht die wünschenswerte einheitliche Auffassung. Der Mangel an Disziplin hat sich vor allem darin gezeigt, daß in allen Fragen, die den m in desten nationalen Anstrich haben, verschiedene nationale Strömungen sich zeigten. P e r n e r st o r f e r verliert, wenn von Deutschen und Tschechen die Rede ist, gleich das Gleichgewicht. Ich erinnere nur an den Vorfall mit dem Abgeordneten Stransky.... Statt sich als lachender Dritter zu freuen, bat Pernerstorfer m it g es ch impft... GS hat Momente gegeben, wo wir schon so weit waren, für die Deutschnationalen gegen die Christlich-Sozialen einzutreten."' (Auch jetzt bei den niederösterreichischen Landtagswahlen.) Mit diesem Brod'schen Zitate soll keineswegs gesagt sein, daß wir den nationalen Standpunkt dieses Redners billigen. Im Gegenteil, wir bedauern aufs lebhafteste, daß Herr Brod und die anderen jüdischen Redner am sozialdemokratischen Parteitag sich nicht ebenso klar als Juden bekannten, wie Herr Pernerstorfer als Deutscher. Allerdings wäre dann ihr Platz nicht im Rahmen der deutschen, sondern einer spezifisch jüdischen Organisation. Es ist eben ein vollkommen unhaltbarer Standpunkt, den die jüdischen Wortführer in der österreichischen Sozialdemokratie einnehmen, in einer Zeit, in der das nationale Moment nicht etwa nur bei den Slaven, Magyaren, Italienern, sondern, wie die nachfolgenden Ausführungen Perner stör fers beweisen, auch bei den Deutschen sich Bahn bricht, anstatt sich ebenso wie die Vertreter der übrigen proletarischen Gruppen auf einen nationalen Standpunkt zu stellen, allein noch jenen Internationalismus festzuhalten, der gleichbedeutend ist mit dem Anationalismns oder Antinationalismus. Bei biejer Gelegenheit müssen wir uns neuerdings besonders gegenüber den einseitigen und tendenziösen Anzapfungen der „Ostdeutschen Rundschau" verwahren, als ob „die Juden und einzig und allein die I üben es sind, die auch hier die bescheidenen Reste oder Keime völkischer Gesinnung beim deutschen Arbeiter mit der Lauge semitischen Spottes wegzuätzen suchten" („Ostdeutsche Rundschau", Leitartikel, 17. August, „National oder International"). Die stets mächtiger anwachsende Gruppe der national und sozial denkenden Juden und speziell der jüdischen Proletarier identifiziert sich durchaus nicht mit den nationalen Anschaunngen der jüdischen Wortführer am sozialdemokratischen Parteitage; sie achtet und ehrt noch wahrhaft nationale Gesinnung eines Egidy, Driesmanns, Naumann, Damaschke bei den Deutschen wie bei allen anderen Völkern. Allerdings der „Nationalismus" der „Ostdeutschen Rundschau" und der meisten deutschbürgerlichen Politiker Oesterreichs, welcher sich in einer schamlosen Hetze gegen alles Nichtdeutsche und besonders gegen alle Juden ausnahmslos äußert, das Recht nationaler Entwicklung, das er für s i ch in Anspruch nimmt, allen Nicht-Deutschen verkümmert — hat nichts zu thun mit dem Begriffe des modernen Nationalismus. Der deutsch-nationale Chauvinismus, wie ihn insbesondere die „Ostdeutsche Rundschau" kultiviert, führt direkt zur Bestialität und Barbarei, in letzter Linie zum Kampfe aller nichtdeutschen Völker gegen das Germanentum. Davon weicht entschieden ab der Nationalismus eines Pernerstorfer, mag man auch sehr oft mit ihm nicht übereinstimmen. Aber man kann von einem Manne, wie Pernerstorfer, mit einer ausgesprochen radikal-deutsch nationalen Vergangenheit begreifen, wenn auch nicht billigen, wenn er anläßlich eines Antrages, die Parteitage der deutschen Sozialdemokratie Oesterreichs seltener abzuhalten, ausruft, daß weder Tschechen noch Polen einen solchen Antrag stellen würden....(?) Wenn es die andere n so wollen, so verzichten wir gleich auf unseren deutschen Parteitag und begnügen uns mit dem allgemeinen...., man komme immer wieder auf den Gedanken zurück, daß der Deutsche immer geneigt ist, seine (und der Jude nicht?) eigenen nationalen Interessen in die Schanze zu schlagen, wenn ein anderer es auch nur wünscht." Mögen die Ausführungen Perner st orfers in diesem speziellen Falle vielleicht eine nationale Finesse gewesen sein (wir enthalten uns darüber jedes Urteils), entschieden verurteilen aber müssen wir es, daß gerade ein jüdischer Vertreter Freundlich dieses Wort fallen licß und dadurch das Nationalgefühl vieler nichtantisemitischer Deutscher verletzte. Sonderbar nimmt sich in seinem Munde die Phrase aus: „Wir sind uns unserer (?) nationalen Pflicht ganz gut bewußt. (!!?) Wir sind gegen die Einführung (!) dieser nationalistischen Finessen. Wir haben uns davon viel zu viel beeinflussen lassen." Perner st orfer, mit dessen Anschauungen — wir betonen es nochmals — insbesondere die Judenfrage betreffend, wir uns durchaus nicht identifizieren, hatte nicht unrecht, als er gegenüber den Angriffen Freundlichs ausführte: „Freundlich hat mit diesem Ausdruck „nationalistischen Finessen" die Grenzen des Zulässigen überschritten. Ist er wirklich dieser Meinung, dann müßte er offen auftreten und meinen Ausschluß beantragen." Diese wenigen Stichproben und fragmentarischen Zitate sind ein genügender Beweis dafür, daß die österreichischen Sozialdemokraten, trotz ihres Brünner nationalautonomistischen Programmes, sich ebensowenig als die bürgerlichen Parteien des österreichischen Kaiserstaates — nicht einmal untereinander — über die Lösung der österreichischen Nationalitätenfrage klar sind — von der Judenfrage ganz abgesehen. Aber es ist dies nicht nur in Oesterreich der Fall, sondern auch im Deutschen Reiche erweitert sich die Kluft zwischen den polnischen und reichsdeutschen Sozialdemokraten. Die polnischen Sozialdemokraten hatten in einem oberschlesischen Wahlbezirke eigene polnische Kandidaten aufgestellt und das Verlangen von deutscher Seite, ihre bereits benannten Kandidaten zurückzuziehen sowie nach Regelung der Kandidatenfrage in einer gemeinschaftlichen Beratung abgelehnt. Alle bisherigen Einigungsversuche sind gescheitert. Der Berliner „Vorwärts" meint, es sei nun der Beweis erbracht, daß bei der polnischen sozialdemokratischen Partei nicht proletarische, sondern nationale Interessen den Ausschlag geben. * Jedoch nicht nur im Punkte der Nationalitätenfrage, sondern über die ganze zu entfaltende Tätigkeit und Taktik zeigt sich auf dem Auss'ger sozialdemokratischen Parteitage eine weitgehende Differenz; es wurde von vielen Delegierten eine heftige, mitunter berechtigte Kritik an der Tätigkeit der Parteivertretung und der sozialdemokratischen Abgeordneten geübt. Dr. Stark aus Karlsbad machte der Parteileitung den Vorwurf, daß sie mit Rücksicht auf den bevorstehenden Landtagswahlkampf in Niederösterreich gegenüber der Regierung eine konnivente Opportunitätspolitik beobachte. In Böhmen wurde dies vielfach verbreitet.- -Auch der Glaube an die Rüstigkeit des Parlamentarismus, nicht nur des privilegierten, wird wankend. Feuilleton. Die Vklgmlgknljkit und dik Ziilnmst. Von Achad-Haam. Autorisiene Uebersetzung von Moses Horolvitz, Stanislau. Ein großer Philosoph — wenn auch ein unbewußter — war Adam im Augenblicke, als er zum ersrenmale das Wort „Ich" aussprach. Wie sehr bemühten sich die späteren Philosophen, wie viele subtile Hypothesen schufen sie — alles nur, um dieses einsilbige Wörtchen zu erklären und dennoch verstehen sie es noch nicht ganz und konnten es auch mcht klar beleuchten. Wer ist das „Ich"? Diese Frage wird von jedem Gesehtechle wiederholt und jedes gibt eine verschiedene Antwort gemäß dem Niveau der Bildung und Philosophie in der gegebenen Epoche. Während die Philosophen der vergangenen Epoche glaubten, daß die Existenz des „Ich" als einheitliche n>id grundlegende Substanz eine für jeden augenscheinliche und daher keinen sonstigen Beweis erfordernde Wahrheit ist — sprechen die zeitgenössischen Philosophen von einem „geteilten", einem „doppelten Ich" und dergleichen anderem. Aber ohne den Philosophen in die Tiefen der Metaphysik zu folgen, können wir in schlichten Worten sagen: das „Ich" eines jeden Menschen ist die Summe des Gedächtnisses und Willens, die Bereinigung der Vergangenheit und Zukunft. Und fürwahr, wenn ein Mensch „Ich" sagt, will er damit nicht seine Haare und Nägel, die heute da sind und nivrgen Asche, bezeichnen, auch nickt die Hände, Füße und die aitderen Teile des „Körpers", die beständig sich verändern — er deutet nur dadurch seinen Geist oder jene innere Kraft an, die auf eine unbekannte Weise alle Eindrücke und Erinnerungen der Vergangenheit mit den Wünschen und Hoffnungen der Zukunft vereinigt und von ihnen allen ein ganzes, organisches Wesen bildet. Dieses geistige Wesen wächst und entwickelt sich gleichzeitig mit dem „körperlichen, äußeren Menschen"; nur ist die Richtung ihrer Entwicklung eine umgekehrte: von der Zukunft in die Vergangenheit. „Wenn ein Mensch jung ist" — sagten unsere Weisen auf König Salomo — „singt er Sieber, als Mann spricht er Sentenzen aus, als Greis wird er resigniert"*) In Wirklichkeit ist es auch so. Das „Ich" des Jünglings ist arm an Erinnerungen der.Vergangenheit und reich an Hoffnungen und Wünschen der Zukunft, die seine Seele ausfüllen und seine Phantasie zu „Worten von Liedern" und seine Kräfte zur unaufhaltsamen, unbegrenzten Tätigkeit anspornen. Wenn er heranwächst und ernsthaft wird, ist er schon reich an Erfahrungen und Erinnerungen der Vergangenheit und hat auch genug Kräfte, um zu begehren und in der Zukunft seine Ziele zu erreichen. Nun tritt Gleichgewicht ein zwischen den zwei Teilen des „Ich" : die Zukunft erweckt in dem jungen Menschen den Willen und die Vergangenheit mäßigt ihn und steckt ihm den Weg ab. In diesem Alter spricht er „Sentenzen", bildet sich „Grundsätze" für die Zukunft auf Grund der Vergangenheit. Wenn er aber alt wird und keine Kräfte mehr hat, für die Zukunft zu arbeiten, entblößt sich sein „Ich" noleris volens von jedem Wunsche und jeder Hoffnung und es bleibt ihm nichts übrig, als sich der Tiefe der Vergangenheit zuzuwenden, mit dem Analysieren der früheren Empfindungen und Erinnerungen zu befriedigen und endlich — wenn er klug ist wie Salomo — tröstet er sich mit den Worten: „Alles ist eitel." Nicht aber alle Greise sind klug wie Salomo. Der Mehr, heit der Menschen fehlt die Kraft und die Fähigkeit, sich mit den Worten „Alles ist eitel" zu trösten, um so ruhig zu sterben. Und wenn es dem Alter sehr schlecht geht, ruft es den Glauben zur Hilfe und er gibt ihm die Zukunft, die ihm fehlt, eine der Stimmung des Alters passende Zukunft, da sie weder *) Eine Illustration zu den Werken „SchirHaschirim" (Das Lied der Lieder), „Mischli" (Sentenzen), „Koheleth" (Prediger). Kraft, noch Tätigkeit verlangt, nur alles fertig und vorbereitet bietet. Und diese Zukunft, obwohl sie auf keinem lebendigen Experimente aufgebaut ist, nimmt das „Ich" an und verknüpft sie stark mit der Vergangenheit in ein einheitliches Ganzes. Alles, was der Vergangenheit fehlte, ergänzt die Zukunft, und je größer die Bitternis der Vergangenheit war, desto größer stellt sich ihr die Süße der Zukunft entgegen. Auf diese Weise wird nicht nur die Habsucht, sondern auch die Eifersucht von der Zukunft anstatt der Vergangenheit befriedigt und die Armen beruhigten sich erst dann, als sie glaubten, daß nur für sie der Himmel bestimmt und die Reichen dort keinen Platz haben. * Nicht weniger wurde das nationale „Ich" eines jeden Volkes der Gegenstand von subtilen Nachforschungen und tiefen Hypothesen. Aber auch hier kommen einige Philosophen (John Stuart M i l l und Rena n) zur Ueberzeugung, daß im Grunde dieser Begriff nur die Vereinigung der Vergangenheit und Zukunft ist. Erinnerungen und Eindrücke von einer Seite und Hoffnungen und Wünsche von der anderen Seite, die miteinander vereinigt und verknüpft und allen Mitgliedern des Volkes gemeinsam sind. Wie bei einem Individuum, so begegnen wir auch bei einem Volke drei Phasen, betreffend jene zwei Bestandteile des „Ich". Auch ein Volk hat eine Jugend, die Zeit des „Liedes der Lieder", in der es sein Augenmerk der Zukunft zuwendet und seine maßlosen Wünsche und unbedingten Hoffnungen keine Grenze, Methode oder Regel kennen, da es keine Erfahrungen und überlieferte Erinnerungen ans der Vergangenheit hat, die ihm als Wegweiser dienen könnten. Im Gegenteil, sogar das wenige Material, das ihm von der Vergangenheit vererbt wurde, nimmt eine „poetische" Gestalt an, gemäß dem Geiste der Wünsche des Volkes für die Zukunft. Stufenweise belehren das Volk die Ereignisse des Lebens, mit offenen Augen zurückzublicken, sich selbst seine Eigenschaften und Lebensbedingungen auf Grund der Vergangenheit kennen zu lernen und dann wird es zu einer klugen, verständigen Nation, die weiß, „von wo sie kommt und wohin sie strebt," I