Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 4 (1902)
- Issue
- 33 (15.8.1902)
- Date
- 1902-08-15
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Rrdsrlkm: n/S. Lroxoldsgassr 49. Gprechst«»»e«r Hn KBottentogen von 3 btt 4 Uhr nachmittag». ptfUbttfft i JLbtfche» «oUSdta«, Wie«, 113 Beschwerdr» wegm verspäteter oder gar nicht erfolgter Zustellung erbitten «tr »n« drtngmd. - «amrfertvte werde« nicht zmÄSgesteM. Postsparkafien-Lonto 247087. In da« Nbonnanenl kann man täglich einttetm. Memt jeden Krttag uxdtv Mirwirrmng der dom tüdtvtzen Volks- Verein erwählten Prrssrornmifstvn. Attfernte übernehmen die Firmen! I. Danneberg, M. Dukes, Haafen» stet« * Vogler, Rudolf Moste, «. Oppelik, M. Pozsonyi, «. Schalek in «im, ferner alle Snnoncen-Lxpeditionen tat SuSlande. Gi»zel.R««mer i« Wie« I« Heller. Xbmhrtnvaiton; 11/3. Leopoldsgaste 49. Telephou-Nr. 14723 Abonnemeutspreiör Telephou-Nr. 14728 Sür «Vien u. Oefterreich-Nngaru sammt Francozustellung. Ganzjährig . . Kr. 8.— Halbjährig . vierteljährig. . 4.- Für baS gefammte Ausland sammt Francozustellung. Ganzjährig . Halbjährig . vierteljährig .Kr. f>.— . „ 4.50 . I »Ä5 Mr. 33 Mira. 15. August 1903 (13. Ab 5663). IV. Jahrgang. Aeps und die Wiener Dresse. 8. Moriz Szeps ist gestorben; wir hätten keinen Anlaß, uns mit diesem Manne zu beschäftigen, denn unsere Hochziele berührten sich in keinem Punkte mit seiner Lebenslinie. Aber zwei Punkte sind doch zu berücksichtigen: dieser kleine Jude aus Galizien, gehörte durch die unbeugsame Energie seines Stammes für eine gewisse Zeit zu den einflußreichsten Personen Wiens. Bekannt ist es, daß er in der Gesellschaft Kronprinz Rudolfs verkehrte. Doch in einer anderen Hinsicht ist er zu einer traurigen Berühmtheit gelangt. Auf seinen Geist ist der ganze Ausdruck der Wiener liberalen T a g e s b l ä t t e r zurückzuführen; sie sind Fleisch von seinem . Fleische, Blut von seinein Blute. Er war der Erste, der jene blutrünstige Sensationshascherei hegte und pflegte. Jeder Lump, den Elend oder Anlage zum Verbrecher stempelten, kann gewiß auf eine eingehende liebevolle Biographie in diesen tonangebenden Blättern rechnen; der G e r i ch t s s a a l ist ein sacrosancter Raum, für ihn ist immer Platz, alles andere muß natürlich, soweit es nicht pauschaliert ist, zurücktreten. Darin hat die Wiener Presse bahnbrechend gewirkt und die Effekthascher in der alten und in der, neuen Welt verehren sie als ihre Vorkämpferin. Der zweite facrosancte Raum ist der volkswirtschaftliche; jeder neue Redakteur bekommt eine Liste dev v e r e h r u n g s w ü r d i g e n Institute, Banken und Bahnen, die er verständnisvoll berücksichtigt. Anschließend daran knüpft sich eine jedes Maß übersteigende Pflege des Theatertratsches. Wahre Kunstintercssen finden höchstens zufällig Vertretung. Jede Wahrheit der Empfindung wurde durch den Uebevschwall der Worte erstickt. Jedes Unwohlsein der Odilon, jeder Schnupfen des Girardi, jede Liebschaft der ... wird mit furchtbarem Ernst verzeichnet, jedes Opus der bekannten Operettenfabriken wird freudig begackert; volksverdummend, jedem höheren Streben abhold, gefällt sie sich in einer gemachten Verherrlichung jeder Wiener Unart, soweit sie nicht ihre politischen Kreise stört, um nur recht wienerisch zu erscheinen; das „goldene" Wiener Herz, das nichts für sich verlangt als ein „Bachhendel und einen Heurigen" und fesche „Dudler", hat nirgends so begeisterte Interpreten und Verfechter gefunden als in dieser Presse. So mußte auch die große Masse, die lange Zeit ihre ganze geistige Nahrunig aus dieser Quelle sog, die Beute des erstbesten politischen Verführers werden. Dafür hatte sie Platz; aber mit Heroismus verwehrte sie jedem Fortschritt in Kunst und Wissenschaft und Leben den Eintritt. Alles, was heute groß und verehrungswürdig dasteht: die heiligen Losungsworte einer modernen Kultur, das wurde von ihr solange als möglich totgeschwie!- gen, beschimpft oder verleumdet. Hatte aber der Pfadfinder sich endlich durchgerungen, dann wurde er ebenso byzantinisch angelallt, wie er früher verketzert wurde. Wesh a l b d i e s e e r z ü r n t e P h i l i p p i k a an der B a h r e d i e s e s M a n n e s? W e i l d i e v on i h m i n a u g u r. i e r t e R i ch t u n g i h r g u t T e i l s ch u l d trägt an dem Aufblühen des Antisemi - tismus. Wir wollen als nationales Blatt nicht mißverstanden werden: das Entstehen und Bestehen des Antisemitismus hat viel tiefere Ursachen, als daß es diesen Tages- und Schwarmgeistern gegeben gewesen wäre, ihn zu entfesseln,aber daß d e r A n t i s e m it i s m u s in das Programm m e h r e r e r großer p o l i t i s ch e r deutscher Parteien kam, daß er den Haupt teil dieses Programmes darst e l l t e — das verdanken di e Juden nur diesen sogenannten „ Jub enb l ät t ern ". Wir sagen „sogenannt" mit gutem Recht; denn das Judentum dieser Blätter beschränkte sich darauf, daß in den Redaktionen meistens Juden saßen, die sich bemühten, sobald als möglich aus dem Judentum „auszutreten", es beschränkte sich darauf, daß diese Blätter manchmal aus Gründen der Kameraderie oder Korruption Lumpen deckten, die zufällig Juden waren. Aber diese Presse hat sich stets ä n g st l i ch g e s ch e u t, d i e R e ch t e des j ü d i - schen Volkes zu vertreten, und geschaht das einmal in heiligen Zeiten, so mußte sich erst der Druck der öffentlichen Meinung geltend machen und selbst dann war der Liebe Mühe nicht umsonst. Unjüdisch bis ins Mark, wichen diese Zeitungen ängstlich jeder Gelegenheit aus, offen das Unrecht anzunageln, das an Juden verübt wurde. Wir wollen kein Judenblatt sein, sagte mir erst neulich der Redakteur eines liberalen Organes, als ich meinte, daß ein Leitartikel über die rumänische Judenfrage höchst notwendig sei. Richtig stand nächste Woche ein Leitartikel darin, betitelt: „Pro Armenia". Diese entartete Presse schreibt für die Freiheit der Buren, der. Iren, der Neger, selbst — dev Chinesen, aber für die Freiheit des jüdischen Volkes nicht. Nie werde ich die Verachtung vergessen, mit' dev einst ein ausländische r I o u r n a I i st über die Wien>er Journalistik sprach. Ein Jude, stand er vor dem Ausweisungsbefehl, weil er seine Stimme für sein Volk erhoben hatte. Er hoffte, daß ein Sturm in der Wiener Presse, die i m A u s l a n d e n 0' ch gewisses A n - sehe n genießt, die Negierung von diesem Schritte abhalten wird. „Sie werden es doch tun, es sind doch Juden!?" Das mußte ich ihm leider rasch ausreden, daß er von ihren: Stammesgefühl irgend eine Unterstützung erwarten könne; abev ich hoffte, daß ihr Standesbeivußtsem so stark fein werde, daß sie sich des verfolgten I o u x nalisten annehmen werden. Wir wurden bitter enttäuscht; wir sprachen bei der „N. F. P." vor; wir wurden zuerst vertröstet und als nun der Ausländer, dem die Sorge um seine Existenz keine Ruhe ließ, ein zweitesmal vorsprach, fuhr ihn der betreffende Redakteur dieses Weltblattes so barsch an, daß ich mich als Wiener vor dem Fremden wegen des feinen Tones dieses Weltmannes schämen mußte. Es geschah natürlich nichts; und beim .Nachhausegehen sagte mir der Fremde: „Wir sind natürlich so verrückt, uns für» unser Volk einzusetzen, obwohl wir recht- und schutzlos sind und jeden Augenblick über die Grenze geschoben werden können; aber die Bürger eines konstitutionellen Staates sind viel zu vernünftig dazu!" Diese Wiener liberale Presse hat a b e r d u v ch i h r V e r h a l t e n g e r a d e d a s heran f b e s ch w o r e n , was sie fürchtete. Das Eintreten für ein verfolgtes Volk wäre keinem Arier a u f g e f a l l e n und kein a n - ft ä n d i g er A r i e r h ä t t e , m i t o d e r o h n e E nthusiasmus es übel genommen. Aber das Eintreten für jüdische Lumpen und L u m p e r e i e n , w o e s k e i n e E n t s ch u l d i g u n g gab, das E mp o rsch w i nde ln jeder Null, sofern s i e nu r z u r K l i q u e g eh ö r t e, das n a h m n a t ü r l i ch d a s u n a b h ä n g i g e P u b l i - fum krumm; der 11 nwille wuchs von Tag zu Tag. Aber der Arier legte dies nicht dem S z e p s u n d Konsorten zur L a st, sondern dem Juden S z e p s und dem Iudenbla t t, u n d schließlich, weil die Menge immer generalisiert, a l l e n I u d e n. So wurden die Sünden der „ Iud enblätter " dem j ü d i s ch e n V o l k e a u f g e h a l st, das a n i h n e n ganz unschuldig war; so entstanden mächtige Parteien, die den Kampf gegen die I u d e n p r e s s e u n d gegen d a s m i t ihr, nach i h r e r Meinung, verbündete jüdische Volk für ihre w i ch t i g st e A u f g a b e erklärten! Dessen klagen wir im Namen des jüdischen Volkes diese „Judenblätter" an; diese Anklage wird aber so lange fruchtlos bleiben, solange die jüdischen Talente gezwungen werden, wollen sie sich der Journalistik widmen, sich und ihr Talent zu korrumpieren, solange nicht in Wien ein jüdisches Tageblatt besteht, das zeigt, daß man offen und vor aller Welt für die Rechte des jüdischen Volkes eintreten kann, ohne die Allüren der „Judenblätter" zu besitzen. Feuilleton. Max Eisler. Heine! Nun Weit es stille Wäldesnacht Und alle Blüten sind verloht — Da ist die Erde tief erwacht Und hat ein Opfer dargebracht In ihrer Müde vor den: Tod.! * "Iw Aus schwarzem Grund gebar ihr Traum Ein Lied vom wundertiefen Lose Der Blütenkraft in: Erdenraum, Ein Traum, ein märchenalter Traum Von einer schwarzen Judenrose — Es lvar ein Lied wie Blumenlaui, ' Das liebedurstig, liebevoll, So frühlingsfroh, so wonnetraut, Und doch auf schwarzen: Grund gebaut, Von: Leid durchhallt, zur Sonne quoll. ' / Und aus der Blrnne stieg ein Sang 1 <' Und flog verzehrend flurenwärts; Das Uxu: ein heißer Sonnenklang, So heinüich süß, so minnebang — Und stille Tränen gab der Schmerz. Nikolaus Lenau und die Juden. Von Rabb. Dr. B i a ch (Brüx). An: 13. August wurde in Csatad, einem Marktflecke:: unweit Temesvar in Ungarn, der hundertjährige Geburtstag Len,aus in besonders feierlicher Weise begangen und der Grundstein zu einem Denkmale des edlen-, unglücklichen Dichters gelegt. Es dürfte aber daher wohl an: Platze sein, die Beziehungen Lenaus zu den Jude:: klarzulegen.*) Daß Lenau mit Berthold Auerbach und Ludwig A. Frankl innig befreundet war, darf wohl als bekannt vorausgesetzt werden; weniger bekännt aber ist wohl Lenaus Urteil über den Meister des Gesanges, Professor S u l z e r und der Meister lyrischer Dichtkunst Heinrich Heine. Ir: einem Briefe vom 14. März 1836 schreibt Lenau: „Mein Leben ist jetzt ganz kunstbewegt. Fast kein Tag vergeht, der mir nicht irgend einen herrlichen musikalischen Genuß brii:gt. So hört' ich heute abends den Vorsänger der hiesigen Synagoge, Sulzer, der s e h v w a h r s ch e i n l i ch die s ch ö n st e S t i m m e i n Deut s ch l a n d ha t." lieber Heine bemerkt er in einen: Briefe vom 13. Oktober 1844: „ I n i h m st e ck t ein g r o ß e r D i ch t e r, vielleicht d e r g r ö ß t e L y r i k e r. Heine ist uns sehr notwendig. Dies Element in der Literatur kann nun: gar nicht entbehren." In einen: Briefe vom 0. Juli 1843 schreibt Lenau über einen Rabbiner aus Galizien, B e r n h a z d Birke n t h a l : „Auch ein junger Jude nimmt gegenwärtig meine Teilnahnw in Anspruch: Bernhard Birkenthal, Rab¬ *) Ausführlich soll dies in einer besonderen Broschüre geschehen, in den vorliegenden steilen soll nur minder Bekanntes oder gänzlich Unbekanntes angeführt werden. biner aus Galizien, gründlicher Gelehrter der jüdischer: und christlichen Theologie, macht eine Reise durch ganz Deutschland in der großen Absicht, das Judentum überall van innen heraus zu reformieren und dasselbe sittlich und intellektuell, ja sogar auch bürgerlich, der übrigen Menschheit gleichzustellen. Er besitzt eine eminente Beredsamkeit und hat in der Tat einen Eifer und einen Nachdruck in seinen Reden, als wäre er von prophetischem Eifer ergriffen." Elf Tage später, am 17. Juli 1843, schreibt er über ihn: „Der kleine Rabbiner aus Pole::, Birkenthal, besucht mich oft und unterhält mich mit seinen reformatorischen Plänen zuweilen nicht übel. Doch fehlt es seinen Tendenzen an einer festen philosophischen Grundlage. Ein hitziges Verfolgen der Details mit Außerachtlassung der Hauptpunkte der Diskussion läßt seinen Verstand nur oft wie einen Hühnerhund erscheinen, der, nicht richtig dressiert, in seinen: übelverstandenen Eifer Spatzei: sieht statt Hühner und Hasen. Höchst merkwürdig bleibt mir der Mann indessen: inimer durch die ideale Haltung seiner ganzen Tätigkeit und die rastlose Aufopferung an fernliegende, Wohl unerreichbare Reformen der Judenschaft." Höchst ergreifend ist es, wie der Dichter Lenau in seinem „Savonarola" dckr wahnsinnige:: Juden Tubal schildert: „Dr: armer Jude! Jst's ein Wunder, Wenn deine Sinne sich verirrt llnd wenn des Wahnsinns grauser Plunder Dir zornig von den Lippen schwurt? Warft bat nicht elend und verachtet, Von Jugend auf gedrückt, gehetzt? Bis sie geraubet und geschlachtet Selbst deine Kinder dir zuletzt?