Mannheim
Compact Memory

Jüdisches Volksblatt · 1902-07-25 · 30 (25.7.1902) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
4 (1902)
Issue
30 (25.7.1902)
Date
1902-07-25
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
92% known words query
IRI
…/2432763-2432917-2432947--1563-2435334
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Ksdarktorr: n/3. Leopoldsgaffe 49* Eprechft«»be«r An Wochentagen von 3 dis 4 Uhr nachmittags, p.ü-tr.si.: JkdtfcheS «vNSdiatt, Wie», 1113. Vrsrtzwvrdrn wegen verst,Steter oder gar nicht erfolgter Zustellung erbitten wir uns dringend. — sftmmfertErte werde» nicht znrücksestellt. Rvstlparcafie».Santo 847037. In das Abonnement kann man täglich eintreten. GrHemt jede« Freitag smtKtf MiSwkrlw.Ng der vom MdiMren Volksvsrein erwätztten Prefseommifston. Anferate übernehmen die Firmen: I. Danneberg, M. Dukes, -aasen« «ei» * Bögler, Rudolf Masse, A. Oppelik, M. Pozsonhi, «. Schalek in Wien, ferner alle Nnnoncen-Expeditionen im Auslände. Ei«zel-Sr«mmer irr Wie« I« Heller. Ubmtnillrakion: n/3. Leopoldsgalle 49. Telephon-Nr. 14723 AbomremetttSpreiS: Telcphou-Nr. 14723 Für «vte» «. Oesterreich-Ungar» lammt Francozustellung. Ganzjährig Halbjährig . Vierteljährig. Kr. 8— :fc Für baS gelammte Ausland sammt Francozustellung. Sanzjähmg . Halbjährig . Vierteljährig .Kr. 9.- . „ 4.50 . : 2.25 Nr. 30 Wien. 25. Juli 1902 (20. Thamu; 5662), IV. Jahrgang. Ein Weckruf an die jüdischen Aerche. Vor uns liegt ein Mitgliedsbuch der Meisterkrankenkasse der Wiener Schuhmacher-Genossenschaft. Auf der inneren Seite des Titelblattes der dem Mitgliedsbuche angehefteten Statuten finden wir folgen de auffällig gedruckte Empfehlung: „Die Herren Mitglieder werden ersucht, irn Falle derErkrankungsich derHilfeleistung ch r i st li ch e r Ae r z te zu bedienen." Die Angehörigkeit zur Meisterkrankenkasse ist für jedes Mitglied obligatorisch. Die Statthalterei hat die Statuten dieser Genossenschaft, welche ungefähr 600 jüdische Mitglieder zählt, genebmigt. Ob der Statthalter auch von dieser unwürdigen Verfügung der Meisterkrankenkasse Kenntnis besitzt und sie genehmigt hat, wissen wir nicht. Wir können es nicht glauben, daß die Statthalterei einen solchen Unfug wissentlich duldet oder gar sanktioniert. Aber eines ist sicher: diese Bemerkung einer Körperschaft, welche den Behörden für ihre Handlungen Rechenschaft schuldig ist, welche sozusagen unter Kontrolle der Regierung steht, ist ein niederträchtiger Affront gegen eine überaus große Anzahl intelligenter, jüdisch erBürger, welche ihr Wissen, ihre Zeit in den Dienst der leidenden Nebeumenschen gestellt. Dieser Affront ist umso niederträchtiger, als er sich in den Mantel der Gesetzlichkeit hüllt. Es hat den Anschein, als könnte die Meisterkrankenkasse gesetzlich nicht daran gehindert werden, ihren Mitgliedern den einen oder den anderen Arzt zu empfehlen, da sie keine eigenen Aerzte beistellt und der Kranke nach den Statuten den Arzt ans Eigenem zu bezahlen hat. Aber gerade deshalb, weil nach § 8 der Statuten „die Auszahlung des Krankengeldes gegen Beibringung eines v o m behandelnden Arzte ausgestellten und vom Kontrollor bestätigten Krankenscheines stattfindet, liegt in dieser „Empfehlung" eine ganz durchsichtige Beschuldigung und Verdächtigung der jüdischen Aerzte, welche diese nicht ruhig hinuehmen dürfen. Es ist das der unlauterste Wettbewerb, die schmutzigste, weil mittelbare und mit Gesetzlichkeit übertünchte Konkurrenz, gegen welche allerdings die christlichen Aerzte in erster Reihe Stellung nehmen müßten, wenn sie etwas auf Standesehre halten. Aber die jüdischen Aerzte wissen es aus eigenen Erfahrung, was sie von dieser Seite zu erwarter haben; sie werden von ihren christlichen Kollegen überall verdrängt, indem sie jeden, der die Hilfe eines jüdischen Arztes in Anspruch nimmt, als „Indenknechi" stigmalisieren. Nus ist noch die kürzlich startgefundene Gerichtsverhandlung erinnerlich, in welcher ein jüdischer Arzt gegen seinen Patienten Feuilleton. Sgbbatkleid. Des fernen Indien kunstgewirkte Seide Fließt schimmernd weiß im Faltenwurf hernieder. Verstohlen kosend Deine jungen Glieder Und bergend sie in eifersücht'gem Neide. Dich schmückt kein fühllos gleißendes Geschmeide, Kein Goldreif strahlt den Glanz der Kerzen wieder — Ein frischer Strauß von Jasmin nur und Flieder Eint anmutreich und zart sich Deinem Kleide. So schreitest Du dahin im Lichterglanze, Ein Märchenbild aus lauen Sommernächten, Das dunkle Aug' erfüllt von heil'gen Gluten. Gleich einem leuchtend weißen Lilienkranze, Umspielt ein Lichtstrahl seine blauen Flechten Und stirbt beglückt in ihren weichen Fluten. Wien. O t t o W e r n e ck. ,, , ”rr ' T T T/ ' T xr* Ein Dialog von Otto Werneck. „Und Damm diese flammende Entrüstung, diese Empörung, die Sie fast der Sprache beraubt?" fragte ich meinen Freund, der, ruir am Kaffeehaustische gegenüber sitzend, sich soeben vergeblich bemüht, mir eine zusammenhängende Darstellung irgend eines Vorfalles zu geben, und mit seinen temperamentvollen Ausdrücken nur eben nur eine, allerdings ziemlich lebhafte Vorstellung der Wut gab, die iu ihm kochte. wegen Ehrenbeleidigung auftreten mußte. Der Kranke, ein gutsituierter Mann, war dem Tode nahe, er hatte eine furchtbare Nacht, er war aufgegeben. Da erinnert man sich des jüdischen Arztes, dieser wird aus seinem Schlafe geweckt und zum Kranken geholt. Der Arzt erkennt den lebensgefährlichen Zustand des Kranken, fragt nicht nach Religion oder Nationalität: er steht im Dienste der Humanität. Der Arzt trifft schleunigst seine Verfügungen, reicht dem Kranken selbst die Medikamente, er weicht nicht von dem Lager des Todkranken, bis er die Ueberzeugung gewinnt, daß das Schlimniste vorüber ist. Und als der jüdische Arzt nach Monaten für diese Lebensrettnng um eine Entlohnung von fünf Gulden bittet, quittiert dieser Mann mit dem „goldenen Wiener Herzen" die Aufopferung seines Lebensretters mit einem echt wienerisch-antisemitischen „S—d". Spricht das nicht Bände? Die T a g e s p r e s s e schweigt solche Fälle, wie wir sie eingangs erwähnt, einfach tot. Die „Arbeiter-Zeitung", die mit dem jüdischen Gelde entstanden und hauptsächlich von jüdischen Proletariern gehalten wird und bei Besprechung rein jüdischer Angelegenheiten ihre Ausdrücke aus dem antisemitischen Schimpft lexikon holt, beneidet in einer witzig sein wollenden Notiz die jüngsten Ehrenschnster Dr. Lueger, Strobach, Schneider, A x m a n n, Dr. Hetlinger re. um ihre Ehrenmitgliedschaft in der Schuhinachergenossenschast, aber gegen diese schmachvolle, mit der freiheitlichen Idee der Sozialdemokratie gewiß nicht vereinbarliche Verhöhnung einer ganzen Berufsklasse findet sie kein Wort. Die Lage der jüdischen Aerzte ist eine traurige und wird täglich schlimmer. Von den Großjuden' werden sie nicht unterstützt, der Mittelstand ist teils zu schwach, um ihnen eine Stütze sein zu können und die christliche Klientel wird durch die oben angeführten Machenschaften ins antisemitische Lager gedrängt. Und diese Situation herrscht nicht nur in Wien und den Städten überhaupt, sie ist auf dem Lande noch unerträglicher. Allen diesen Mißständen werden die jüdischen Aerzte insolange nicht beikommen können, als sie unorganisiert, zerstreut, mitunter sogar mit Neid und Mißgunst einander bekämpfend, den Kampf um ihre Existenz führen. Die jüdischen Aerzte müssen sich organisieren, nur vereint werden s i e i hr e G e s a m t - läge heben u n d der ihrem StandesundBolksbewußtsein täglich widerfahrenden Unbill in i t Erfolg e n t g e g e n r r e t e n können. Möge dieser W e ck r u f nicht wie ein R u f in der Wüste verhallen! ' —sz. „Ich begreife Sie nicht," erwiderte er, „wie Sie so fragen können?" ( „Ich wieder," meinte ich in scheinbarer Ruhe, „kann es nicht erklärlich finden, daß Sie ob eines Schimpfes, der Sie direkt gar nichts angeht, so in Hitze geraten." „Mich nicht direkt angeht? Erlauben Sie!" „Gewiß! Soviel ich aus Ihren abgerissenen Reden entnehme, handelt es sich um eine neuerliche Betätigung der urdrolligen Selbstbespeiungsmanie Ihres Bureauchefts. Dieser Herr, der nach Ihren wiederholten Schilderungen der Typus eines beschränkten Philisters zu sein scheint, hat das Unglück, Jude zu sein und- Sie verübeln ihm, baß er die größten Anstrengungen macht, sich von dieser Schmach 31t reinigen. Er ist, wenn ich nicht irre, derselbe Herr, von dem Sie mir einst erzählten, daß er einmal einem arischen Kollegen treuherzig versichert hätte: „Eigentlich bin ich mehr Christ wie Jub, denn meine Mutier war eine geborene Christin." Damals wollen Sie ein brennendes Schamgefühl darüber empfunden haben, daß jemand die Tatsache! seiner jüdischen Abstammung etwa lote einen entehrenden Verdacht von sich, zu weisen sucht und heute geraten Sie außer Rand und Band darüber, daß dieser Jemand einem Dritten, der Sie gar nichts angeht, das Wort: „Jüdische Gemeinheit" an den Kopf wirft." „Mit vollem Rechte, denke ich. Es ist mir unverständlich, daß Sie dabei so kalt bleiben. Sehen Sie, das Wort „Gemeinheit" ist nach unseren Anständigkcits- und Wohlerzogcnheitsbegriffen ein Schimpf, denn es bezeichnet nach der allgemein giltigen Auffassung einen Defekt in der Anständigkeit oder Wohlerzogenheit eines bestimmten Individuums. Dem Maße der Erregtheit meines Bureauchefs hat es nicht genügt, den Schimpf an sich ansznsprechen. Er mußte ihn P 0 t e n zieren und er tat J|te_ politischen Falschmünzer. ..Die" Ahnengallerie der im Antisemitismus . vereinigten Parteien schmücken verschiedenartige Größen, die sich um die Deroutierung der wirtschaftlichen, politischen und moralischen Zustände in Oesterreich unrühmlichst verdient gemacht haben. Sie haben ihre Fälscher, Derruilzianten, Verleumder, Ehrabschneider, Jungfrauenschänder, Freudenhausbesitzer u. s. w. Die Knltnsstätte dieser Größen, die überall, nur nicht in Oesterreich das Licht der Oeffentlichkeit scheuen müßten, ist ihre Presse; sie folgt dem Beispiele ihrer Vorbilder: sie fälscht, beschützt den Denunzianten, lobhudelt den Jungfrauenschänder und verleumdet jeden, der nicht wenigstens vor den Wahlen zu ihrer durch die vielfachen Gemeinheiten besudelten Fahne schwört. Diesmal ist es das „Deutsche Volksblatt", das, dem ihm angeborenen Triebe folgend, eine ganz gemeine, bewußte dreifache Fälschung begangen h at, indem es unseren vorwöchentlichen Artikel: „Die .fortschrittliche' Politik der Asftmilautm" verstümmelt wiedergab, diesen Verdrehungen eine durch die „Ostdeutsche Rundschau" vor drei Jahren begangene Fälschung unseres am 12. Mai 1899 veröffentlichten Artikels über „S 0 z i a l d e m 0 k r a t i e u n d I u d e n t u m" hin z u f ü g t e und s 0 e in e n A r ti k el „k0 n st r u i e rt e" der von Lügen und Gemeinheiten strotzt. Wir müssen diese nunmehr dreijährige durch das „Deutsche Volksblatt" in dummer, gemeiner Weise aufgeftischte Fälschnngsaffäre hier rekapitulieren, In Nr. 13 unseres Blattes vom 12. Mai 1899 brachten wir einen Artikel: „Sozialdemokratie und Judentum", der sich an das damals erschienene Buch E. Bernsteins: „Die Voraussetzungen des Sozialismus und die Aufgabe der Sozialdemokratie" anschloß und die Stellung der Juden zur sozialdemokratischen Partei behandelte. Das Resultat der Untersuchungen in diesem Artikel war, daß den Juden aus theoretischen und praktischen Gründen widerrate n wird, sich der Sozialdemokratie anzuschließen. Mehr als drei Monate nach Erscheinen dieses Artikeln praktizierte die „Ostdeutsche Rundschau" genau denselben Schwindel, den heute das „Deutsche Volksblatt" verbricht. Sie riß eine Stelle des Artikels aus dem Zusammenhänge heraus und fälschte noch obendrein die zitierte Stelle selbst. Diese Fälschung but damals die Runde durch iüiumtliche antisemitisch es konservativen und klerikalen Blätier Oesterreichs und Deutschlands gemacht. Wir schrieben hierauf in Nr. 25 unseres Blattes vom 4. August 1899 : dies, indem er ihm die Bezeichnung einer Eigenschaft^beifügte, die mir und Ihnen und Millionen anderer Menschen angeboren und durch tausende von Jahren vererbt ist. Ter Schimpf gilt mir wie jedem anderen Juden. Das ist doch klar." „Ueber jeden Zweifel. Nun könnte ich Ihnen zwar einwenden, daß dem gedankenlosen Aussprechcn oder, besser gesagt, Nachsprechen irgend eines im Pöbel zur Geltung gelangten Wortes keine erhebliche Bedeutung bei- Zumessen 'sei. Anders verhielte es sich, wenn ein denkender Kops die von Hetzern geprägte und von der Masse kolportierte Schmähungsformel erwägend und bedächtig ausspräche. Daß dies hier nicht der Fall ist, bedarf wohl keines Beweises. Ein denkender Kops bes ch i m Pst nicht sich selb st. In der Tat, Sie um so/ als lebten Sie in irgend einer Einöde und hätten noch nicbt genug gesehen, gehört und gelesen, mn sich endlich mit dcr Tatsache abzufmden, daß Sie tmb ich und Millionen anderer Menschen, die Juden sind, der Gegenstand eines mit nichts begründbaren Rassenhasses sind." „Ah, kommen Sie mir so? Der Feind von außen schädigt uns wohl bitter. Aber ist das Unheil, das er stiftet, zu vergleichen mit den Verheerungen, die die Eiterwunde im Innern des Jlldenttims uns anrichtet? Gegen den Feind von außen und seine Schmähungen habe ich gelernt, gleichgiltig zu werden. Aber dcr Verräter im eigenen Lager entflammt eine unbezähmbare Empörung in mir. Denn ich sehe in ilnn den tückischen Wühler, der die Wirzeln unseres Volkstinns zerfrißt, die giftige Seuche, die unseren Leib mit Benleii überzieht, den lleberlänser, der ilns dem Feinde preisgibt." „Sie sehen 31t schwarz. Der lleberlänser ist eine menschlich iinsäglich traurige Erscheinung. Aber er tick uns nichts. Denn die, in deren Reihen er sich einzndrängen

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.