Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 4 (1902)
- Issue
- 29 (18.7.1902)
- Date
- 1902-07-18
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Es ist daher kein Wunder, daß man in Ungarn, wo die nationalen Kämpfe die herrschenden Kreise stets in Unruhegehalten haben, jedes statistische Heftchen mit Spannung liest und wer will es dem temperamentNollen magyarischen Ebauoinismus verübeln, wenn er die „Ergebnisse der jüngsten Volkszählung" wie eine in siegreichem Kampfe eroberte Fahne hochflattern läßt, wenn die Magyaren den vielen gegen ihre Vorherrschaft in Ungarn vorgebrachten politischeil lmd rnenscheureckMichen Einwendungen triumphierend diese „Ergebnisse" entgegenhalten, die klipp und klar, schwarz auf weiß beweisen, daß die Ungarn nunmehr auch numerisch das Uebergewicht erlangt haben? „Das Magyarentum dehnt sich wie die schwellende Flut immer mehr und mehr ans, immer weiter und weiter verschieben sich seine Ufer und die steigende Flut verschlingt allmählich die kleineren und größereil nationaleil Inseln." Sa Posaunt das selbstbewußte chauvinistisch - magyarische Blatt "Budapesti Hirlap" die neuesten Triumphe in alle Welt hinaus. Sehen wir uns nun diese Erfolge des Magyarentums etwas näher an. Es ergab die Volkszählung im Jahre 1880 im Jahre 1890 im Jahre 1900 Magyaren 0,404.070 7,357.930 8,588.83t Nichtmagyaren 7,345.533 7,805.052 S, 132.740 13,749.003 15,102.988 10,721.574 mit anderen Worten: die Magyaren haben nun in Ungarn (ohne die Kronländers eine absolute Majorität von rund 450 000 Seelen erreicht. . Wer nun das Entstehen dieser statistischen Daten, speziell in Ungarn, kennt, der wird diesen „Ergebnissen" genau so viel Wert beilegen, wie den rein e il W a h l e n des Herrn v. S z e l l. Man bedenke doch den ganzen Vorgang. Der zu statistischen Zwecken dienende Fragebogen wird, nachdem er ausgefüllt ist, von den einzelnen Behörden aufs peinlichste geprüft, der Anhänger irgend einer Rationalität, falls er in abhängiger Stellung ist, wird auf den Index gesetzt, verfolgt, unmöglich gemacht. Das geschieht natiirlich nicht offiziell, sondern es macht sich so von selbst. Der Mann wird beobachtet, steht sozusagen unter politisch-polizeilicher Aufsicht; irgend rin magyarischer Patriot lokaler Größe benutzt eine Einflüsterung Feuilleton. Gedichte in Prosa. Urrv Hoffen! Wenn es auch Nacht ist am ganzen Horizont und die Wolken den Himmel bedecken ... Was tut,'s . . .! Bald kommt der Morgen in frischer Pracht und bringt wieder Licht und Wärme . . . Nur hoffen — und wenn auch die Sonne in Nebel und Wolken begraben ist- Bald wird sie die Fesseln sprengen und klar vom Himmelszelte lachen .... Entfalten sich nicht die Knospen nach den Stürmen zu herrlichen Allsten — und grünt und keimt es nicht nach langen, trüben Gewitterlägen . . . .! Durch Jahrhunderte hast du dich, mein Volk, nn Dunkel vorwärts getastet; durch Leid und Kampf, Not und Verzweiflung.! Du hast deiner Zukunft vertraut und immer gehofft; trotz Leid und Kampf! —■ — — Und es wird ein Tag kommen, einzig an Schönheit und Pracht, da dn dich erheben Wurst nach langer, langer Knechtschaft-! Darum kämpfe und hoffe in ruhiger Siegeszuversicht .! H e v m ci ii n B I u m e tt t h a l. gerne als Stufenleiter in seiner Karriere; der Mann hat die Unvorsichtigkeit begangen, sich über das falsche Absingen der Volkshymne abfällig zu äußern, die chauvinistischen Blätter bemächtigen sich der „Affaire" und der arme Mann, der noch obendrein das Unglück hat, einen Namen zu führen, der auf -its, -escn usw. endigt, ist für immer abgetan. Wer hat unter solchen Umständen so leicht den Mut, sich auf dem. Fragebogen nicht zur magyarischen Nationalität zu bekennen? Und nun ist aber ein solcher Mann Familienvater, hat mehrere Kinder, von denen vielleicht das eine oder andere später einmal ein Vorkämpfer für die Rechte derjenigen Nation wird, der er angehört: der Vater muß sie alle als Magyaren bekennen. Das ist nur ein Fall von vielen. Und so haben viele Hunderttausende das Opfer ihrer Ueberzeugung gebracht und haben andere Hunderttausende, die gar nicht befragt wurden, die überhaupt noch kein Verfügungsrecht haben, als Magyaren angegeben, die sie aber in Wahrheit nicht sind. Nun gelangen wir zu dem für uns wichtigsten' Punkte dieser Frage, und zwar: w c I ch e n Einfluß ü b t e n die Juden auf die Ergebnisse der Volkszählung? Um auf diese Frage antworten zu können, müssen wir vor allem untersuchen, welche Veränderungen die Verhältnisziffer der Juden in Ungarn in den letzten zehn Jahren durchgemacht hat. Die Volkszählung ergab im Jahre 1890 : 095.327 " » 1900: 802.380 + 107.053 jüdische Seelen. Die assimilatorische Politik in Ungarn hat die Juden ihren Ursprung, ihre Nationalität vollständige vergessen lassen. Tisza, Banffy und S z e l l und auch der liberale Apostel W e k e r l e haben dafür gesorgt, daß die früher in den kleinen Städten und Gemeinden in größerer Anzahl lebenden Inden nicht nur selbst zum Magyarismus schwören, sondern auch die eifrigsten Jünger der die Magyaren allein selig machenden Lehre von der magyarischen Suprematie wurden. Man kann ganz getrost annehmen, daß von den 800 000 Juden, die gegenwärtig in Ungarn leben, sich beinahe, sämtliche — auch der größte Teil der den Magyaren und Neomagyaren so sehr verhaßten aus Rumänien und Galizien eingewanderten Juden — sich aus Angst um ihre Existenz zum Magyarentum bekannten. Die oben angeführten Daten der letzten dreißig Jahre sind das beredteste Zeugnis dieser Werbearbeit unter den Juden. Nehmen wir jedoch die Dinge, wie sie in Wahrheit sind, nehmen wir an, jedermann in Ungarn hätte ohne ,die Gefahr der politischen Verfolgung seine innerste politische Ueberzeugung für sich und seine Familie in den statistischen Fragebogen niederlegen dürfen, nehmen wir ferner an, daß die Juden in Ungarn schon die politische Reife erlangt hätten, um nicht nur zu wissen, sondern auch zu fühlen, daß sie ihrer Nationalität nach weder Magyaren, noch Deutsche, Slovaken, Rumänen usw., sondern Juden sind und sie die moralische Kraft besäßen, dies auch zum Ausdrucke zu bringen, mit einem Worte: wennin Ungarn jedermann die politische Wahrheit aussprechen dürfte und wollte, so müßte auch die mit großem Apparate auferbaute' Kartenburg der magyarischen Majorität in sich zusammenstürzen unh alle Welt könnte es sehen, daß die mitunter mit den rohesten Mitteln in Szene ^gesetzten Magyarisierungsarbeiten den Haß der Nationalitäten gegen die herrschenden Magyaren vielleicht gedämpft, aber sicherlich seine Explosivkraft gesteigert haben!. Die Rolle, welche die Juden bei der Magyarisierungsarbe.it gespielt haben und noch heute spielen, hat ihre Früchte getragen. Die Juden waren in den nationalistischen Gegenden beinahe die einzigen Träger des magyarischen Gedankens; als Magyaren und auch als Proselytenmacher unter den anderen Nationalitäten haben sich die Juden verläßlicher und aufopfernder gezeigt, als die zu solchen Zwecken delegierten Beamten selbst. Und die Folge davon war, daß diese Nationalitäten sich einer solchen, für sie gefährlichen Umgebung zu entledigen suchten und so finden wir, daß sich in den letzten Jahren ganz unbemerkt und still eine Judenwanderung innerhalb Ungarns vollzogen hat, die wohl das charakteristischeste Merkmal für die Stellung der Juden in Ungarn bildet. Die jüdischen und nichtjüdischen offiziellen Kreise haben diese Erscheinung „den natürliche n Zug der Juden nach den Städten" genannt, aber in Wahrheit ist sie ein n a t ü r l i ch e s Verdrängen d e r I u d e n aus dennational i st i s ch e n G e g e n d e n i n m a g y a r i s ch e. Lassen wir hier einige Zahlen sprechen: In den N e u t r a e r und Trencsiner Komi taten, wo der oberungarische Kulturverein mit großer, jüdischer Assistenz und vielein jüdischem Gelde arbeitet, ist die Zahl der Juden in den letzten zehn Jahren von 27 244 auf 24 936, beziehungsweise von 12 463 auf 11 397 gesunken, während ihre Zahl im Pester Komitat (ausschließlich der Hauptstädte von 23 792 auf 30 169 gestiegen ist. Man lernt die Bedeutung dieser Ziffern erst recht ermessen, wenn man erfährt, daß die Zahl der Gesamteinwohner in den Komttaten Neutra und Trencsin in den letzten zehn Jahrckn um 31 737, respektive um 28 896 gestiegen ist. Dieser Abstufungsprozeß zeigt sich in all jenen nationalistischen Gegenden, wo der magyarisierende Einfluß der Juden auf die Nichtmagyaren sich unmittelbar geltend macht. (Fortsetzung folgt.) Dabkl und israelitisches Keligionsiveseu?) Von Dr. H. P. Chijcö. Die Assyriologie ist eine relativ junge Wissenschaft. Sie durchlebt erst jetzt ihre Stnrrn- und Drangperiode. Der ganze Ungestüm der Jugend, die — für diese so bezeichnende — Einseitigkeit herrschen noch in unbeschränkter Freiheit. Vor Jahren schon warnte Theodor Nöldeke vor schädlichem Uebereifer und doch richtete sich seine Mahnung an Friedrich Delitzsch, den maßvollen Führer, der um jene Zeit höchstens die Bedeutung des Assyrischen für das hebräische Lexikon überschätzte. Das wurde mit den Jahren anders. Nicht mir sollen die Babylonier als die geistigen Herren und Schöpfer der semitischen Kultur anerkannt werden (Winckler), auch die arische Poesie ist angeblich in Schöpfungen, die bislang als autochthon galten, von ihnen befruchtet. Der scharfsinnige P. I en sen hat jüngst (vergleiche Zeitschrift für Assyriologie, XVI. Heft 1., S. 125, f.) die Vermutung ausgesprochen, daß die Odyssee von dem Gilgamiß-Epos abhängig sei. Allerdings ließ eine scharfe Abfertigung von klassischphilologischer Seile nicht lange auf sich warten. Daß das alte Israel — im religiösen und mythologische Denken — eigentlich eine assyrisch-babylonische Provinz sei, hielten viele Assyriologen für eine ausgemachte Sache. Auch der besonnene Delitzsch — als Sohn und Mitarbeiter des feinsinnigen Exegetcn Front D., ein Kenner des biblischen Schrifttums, der sich übrigens vor kurzem selbst als , Hiobkommentator versucht hat — tritt jetzt aus seiner Resörve hervor und trägt in seinem vielgenannten, propagandistischen Vortrage mit dem etwas gezierten Titel, ..Babel und Bibel", die hauptsächlichsten Momente zusammen, die nach seiner Attsfassnng die starke Beeinflussung der heiligen Schrift durch babylonische Sagen und Ideen beweisen. Diese Schrift war nun augenscheinlich die nächste Beranlassung, für den uns vorliegenden Bortrag. Der hervorragende *) „Babel und israelitisches Religionswesen", Vortrag von I. Barth, a.-o. Professor an der Universität Berlin. — Berlin, Ri n y e r & M ülle r, 1002. Berliner Semitist, Prof. Bart h, will in objektiver, nüchterner Weise untersuchen, wie viel Gesichertes und Ueberzeugendes an den genannten, vielfach mit so viel Tamtam vorgetragenen Ausstellungen zu finden sei. Er gelangt zu einem negativen Ergebnisse. Das Judentum — es sei uns der anachronistische Ausdruck gestattet — habe sich in seinetn Religionswesen selbständig und konseguent entwickelt. Was uns an Verwandtem und Aehnlichem in der babylonischen Anschauung anffällt. gehe möglicherweise aus die nrsemitische Zeit und gemeinsemitische Vorstellnngsart S"ruck. Nach einer kurzen, allgemein orientierenden Einleitung geht B. zur Behandlung folgender Einzelthemen über: 1. Sabbath. 2. Der Gotteskiamen Ihm. 3.Weltschöpfung. 4. Sintflut. Wir wollen nun diese Punkte der Reihe nach besprechen, wo wir es für nötig erachten, Ergänzendes anfügen, zuweilen auch ein Fragezeichen dazu setzen. l. Einige Assyriologen vertreten die Ansicht, daß der jüdische Sabbat, einem ähiilichen babylonischen Feste seinen Ursprung verdanke. Einerseits finde man auf Syllabaren ein Wort „schabattu", das als „Tag der Besänftigung des Herzens der Götter" erklärt wird, andererseits werden m keilschristnchen Hemerolvgien für einige Tage des Monates, die in Abständen von je sieben Tageir einander folgen (7. 14. 21. .80, Beltimilinngen angeführt, dif diese Tage als geweihte Bitlage („das Ansheben seiner Hand (---Beten, (nis ic-w Hand ec Hebung ®ebei), »vtrö von Gott aiigenvmmen'5 vgl. die Phrase Ps. 141. •e'S rwfc parallel den: 'nbsr) erscheinen lassen. B a r t h wendet min dagegen ein, daß der Sabbat sich organisch aus der jüdischen Auffassung entwickelt habe, die eine ganze Reihe von religiösen Veranstaltungen mit siebentägiger (auch siebenjähriger) Dauer entstehen ließ. Anßerdern tragen liicht nur die genannten Tage im Babylonischen jenen besoiideren Charakter, auch der l->. des Monats fügt sich ihnen an, somit köiine von einer stebeiltagtgen Pause nicht die Rede sein. Diese Tage heißen im übrigen nicht Ruhelage und iverden auch nicht als solche ausgcgeben. Schließlich galten sie als Unglückstage, der jüdische Sabbat hingegen rvird von Jes. 58. 13, als Tag der Wonne bezeichnet. Ich will nur abschließend erwähnen, daß auch Hehn m der katholischen „Theologische Revue" <18. Juni, Sp- 303 ff), der im ganzen der Arbeit Delitzsch' begeistertes Lob spendet, ganz ähnliche Vorbehalte inacht und dieselben Bedenken äußert. Man wird sich im großen Allgemeinen ihrem Raisonnemeut anschließen