Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 4 (1902)
- Issue
- 28 (11.7.1902)
- Date
- 1902-07-11
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Erscheint jede« Freitag :r MttwirktMg SSL vorn lüdisltzrn Volk« k>«rsin LLwÄtzlien Prrfsrommifston. Bnlerale übernehmrn dt-Trinen- I. Danneberg, M. DukeS, Haasen- Hia ck Bögler, Rudolf Möge. A. Oppelik, M. Pozsonyi, «. Schaler tu Wien, ferner aile Lnnoncen-Expeditionen im TuSlande. M«zel-NMWMer irr Wie« I« Heller. Vft-.! mini i Ledarkion: II/3. Levpoldsgassv 49. GpLechst«nde«r £« Wochentagen ron 3 bis 1 Uhr nachmittags. p.fiaiieff»: MdtfcheS «ollSblatt, Wie», 1I[3 Bef»^tr>-rdr« wegen -erwütkter oder gar nicht erfolgter Zustellung erbitten wir UNS dringend - Mamrsertvte merken tttcht zurückgeftellt. iriostiparcafsen-Somv -.47V37. In das Abonnement 'arm man täglich eintrctrn. ..una^ißn; II/S. Leopoldsgasie 49. Telephon-Nr. 1478» AbounemeutSyreiS: Tclephou-Nr. 1478» Für Wien «. Oefterretch-Ungarn lammt Francozustellung. Aaiizjährig vierteljährig Kr. 8.- 4.- Für das gelammte Ausland lammt Francozustellung. Sanzjährig . Halbjährig . Biertcljährig Kr. ».- „ 4.80 „ 8.85 Ur. 38 Wien, 11. Juli 1902 (6. Tharrruz 5662). IV. Jahrgang. Gin Geheimerlaß des k. k. Güertandesgerichts-Nräftdium Grap Der Oberlandesgerichts-Präsident von Graz, Graf Gleisp a ch, hat am 29. März 1899 folgenden Erlaß an alle Gerichte dieses Sprengels gerichtet: „Die unter dem Schlagworte „Los von Rom" wachgerufene Bewegung hat trotz ihres rein politischen Charakters auch die richterlichen Kreise nicht ganz unberührt gelassen. Der hohen Bedeutung des Grundrechtes der Glaubens¬ und Gewissensfreiheit bin ich mir vollbewußt und nichts könnte mir ferner liegen, als etwa die Absicht, die richterlichen Beamten in der freien Ausübung derselben zu verkürzen. Wo aber der Kon sessionswechsel nicht der religiösen Ueberzeugung entspringt und nicht der religiösen Ueberzeugung wegen vollzogen wird, sondern lediglich veranlaßt ist durch die Gründe und für die Ziele einer politischen Agitation, da ist auch der Konfessionswechsel nicht Glaubens- und Gewissenssache, sondern in Wahrheit nichts anderes, als ein Akt politischer Demonstration. Bon diesem Standpunkte kann ich die im Gefolge dieser Agitation auch in richterlichen Kreisen vorgekommenen Uebertritte zu einem anderen Glaubensbekenntnisse nicht mit Stillschweigen übergehen und halte ich mich für verpflichtet die Justizministerialerlässe vom 10. August 1895, Z. 29chpru68. B.-Bl. Nr. 17 und vom 30. September 1898, Z. 303>pi-u68, die dem richterlichen Beamten die Teilnahme an politischen Demonstrationen verbieten, weil eine solche Teilname geeignet wäre, das Ansehen des Richterstandes zu untergraben und das Vertrauen in die volle Unparteilichkeit der Rechtsprechung zu schädigen, in Erinnerung zu bringen. K. k. Oberlandesgerichts-Präsidium. Graz, 29. März 1899. G l e i s p a ch m. p. Der verehrte Graf meint also, daß ohne religiöse Ueberzeugung kein Beamter seinen Glauben (wenn er katholisch ist) ändern soll; sehr löblich. Was sagt aber der verehrte Graf dazu, daß der Staat selbst eine Prämie darauf setzt, wenn Beamte ihren Glauben (der zufällig nicht der katholische ist) ändern? Oder glaubt der Herr Justizminister. daß die Inden (um nur wenige Beispiele hervorzuheben) O. L. G. R. Beiser, Friedländer, K o h n, Sekretär Dr. G r ü nb e r g, Dr. Löffler, P o l l a k rc. aus religiöser Ueberzeugung (?) ihren Glauben gewechselt haben, ein K ckholik aber aus Ueberzeugung nicht einmal — Protestant werden kann? Das Staatsgrundgesetz vom 21. Dezember 1857, R.-G.-Bl. Rr. 142 erklärt: Art. 3. Die öffentlichen Aemter sind für a l l e Staatsbürger gleich zugänglich. Art. 14. Die volle Glaubens- und Gewissensfreiheit ist jedermann gewährleistet. Der Genuß der bürgerlichen und politischen Rechte ist von dem Neltgionsbekennlnisse unabhängig. Feuilleton. Koheleth. Von Jaroslav V r ch l i c k y.*) Der Wind pfeift traurig durch die kahlen Aeste, Horoinzieht schwarz die Nacht mit trägem 'Gang, Die Vögel sind gezogen aus dem.Neste, Das Schilf im Teiche stöhnt und neigt sich bang. Der graue Jude legt das Blatt beiseite, Darauf er Ausdruck bittrer Klage gab; Als ob ein Flor sich auf die Erde breite, Als ob er stünde an der Schöpfung Grab. Gedrückt von der durchlebten Jahre Leide, Schmerzt ihn der Lampe Schein, des Tages Glanz, Das Leben scheint ihm eine dürre Heide, Der Menschheit Mattigkeit durchfühlt er ganz. Und all der Erdenwaud'rer unnütz Neunen, Der Hände Schwielen und der Stirne Schweiß, Der Galle Bitterkeit, des Fiebers Brennen, Des Werdens und Vergehens öden Kreis; Die Hefe, die beim Weibe überdauert Des Trunkes Lust, verflog des Rausches Duft, Der Männer Lächeln, drin die Bosheit lauert, Des Unrechts Jubel an des Rechtes Gruft — *) Aus dem Buche „Gedichte", übersetzt von Friedrich Adler, Leipzig, Philipp Neclam. Und Hüter des Gesetzes entblöden sich, ganz zynisch jüdischen Petenten um Staatsstellen zu bedeuten, sich taufen zu lassen. Muß man nicht für den Bestand eines Staates fürchten, in dem die Grund- und Fundamentalgesetze nur auf dem Papiere sieben? Hat der Herr Justizminister einen kleinen Theil seiner kostbaren Zeit einmal dazu verwendet, um darüber nachzudeuken, was alles in der Seele eines Juden vorgeht, wenn er den Eintritt in die von ihm ersehnte richterliche Laufbahn oder sein Avancement mit einer Lüge auf den Lippen und einem ewigen Borwurf in seinen Herzen erkaufen muß? Hat der Herr Justizminister einen Moment überlegt, was für eine sonderbare Moral es ist, die die Tauglichkeit eines Beamten nach der Willfährigkeit, ein Opfer seines Gewissens und Intellekts zu bringen, bemißt? Caveant consules, ne quid detrimenti res publica capiat! Graf Gleispach aber irrt, wenn er glaubt mit solchen Ukasen die Abfallsbewegung einzudämmen, geradeso wie die Feinde des jüdischen Volkes irren, wenn sie durch Ungerechtigkeiten unser Volk zu unterdrücken glauben. Damit wollen wir aber durchaus nicht gesagt haben) daß wir die „Los von Rom "-Bewegung zu tragisch nehmen. In solcher Bierlaune und mit solchen falschen Propheten Hat noch nie eine Bewegung Früchte gezeitigt. Dieselben putzigen Herrchen, die sich über die Schwierigkeiten beklagen, die den „Los von Rom" Gewordenen in den Weg gelegt worden sind die ersten, die den Juden den Weg zu den Staatsämtern verlegen wollen. Dem einzigen Falle, den die Alldeutschen übrigens vorzuweisen haben, dem Fall P o g a t s ch n i g g, stellen wir hunderte und tausende aus unserer Mappe entgegen. Und was ist dem Pogatschnigg eigentlich geschehen? Er wurde wegen des Uebertrittes strafweise von Tirol nach Triest versetzt und avanzierte dort, dan kseiner guten Freunde a u ß e r t o u r l i ch. Auf der einen Seite Mädchen verführen und auf der anderen Seite sie wegen Sittenlosigkeit denunzieren und über jeden Juden, der sich etrvas zuschulden kommen läßt, Zeter und Mordio schreien, auf der einen Seite von allen jüdischen Banken von der Südbahn, Douau-Dampfschiffahrts-Gesellschast rc. Pauschalien einstecken und auf der anderen Seite über jüdische Korruption schimpfen — das ist alldeutsche Liguori- Moral. Also immer dieselbe zwiespältige und zwieschlächtige, ostdeutsche Moral. Ko« GktreldetkrmmhMkls-Gejktz. Im Lager der Agrarier und der antisemitischen Parteien berscht tiefe Trauer und große Niedergeschlagenheit. Diese hatten nämlich die Absicht, ihren Wählern ein den Getreideterminhandel untersagendes perfektes Gesetz mit- Inbringen und auf dem Präsentierteller als eine Morgengabe, als ein Angebinde feierlichst zu über- Fasst er zusammen in des Predigers Buche. Und einer fragt: „Was soll uns der Verdruss? Was folgst der Schöpfung du mit einem Fluche? Das Weib wird dennoch müde nicht zum Kuss! Der Vogel singt, die Blüte lacht und alles, Was hier du eitel schiltst, regt neue Kraft, Der Baum, scheint er das Opfer des Verfalles, Birgt neuen Keim in seiner Frucht voll Saft." Darauf der Alte: „Dass ich heul' und weine, Wen kümmert es, wenn Gott mich also lvill? Er ist der Gott, ich bin der Hund, das meine Hab' ich gesagt — nun wart' und schweig' ich still." 7 7^. "mmvölkttOiholoMer Ktdeutlmg.*) Von Professor Th. Achelis. Am DäiiiiuerilugSmorgeil unserer indogermanischen Geschichte hat sich die bedeutsame Besetzung des Pendjab durch Arier vollzogen, die dunklen Ureinwohner wurden, soweit sie sich nicht der höheren Rasse assimilierten, zurückgedrängt, geknechtet und durch ein in Betracht der anerkannten Humanität, ja Weichheit des Naturells der Hindu höchst befremdliches brutales Absperruugsshstem fast zu Thieren erniedrigt. Im übrigen entfaltete sich in jenem gesegneten Landstrich eine wunderbare Blüte geistigen Lebens; in Wissenschaft uub Kunst tritt uns so durchaus Selbständiges und *) Mit besonderer Rücksicht auf das Werk von H. Driesmann, Die Wahlverwandtschaften der deutschen Blutmischung. (Der Culturgeschichte der Nasseniustincte, zweiter Theil.) Leipzig, Eugen Diederichs. reichen. Allein es wäre zu schön gewesen, es hat nicht sollen sein. Im Abgeordnetenhanse des Reichsrates ging es freilich, das Gesetz durchzupeitschen. Das Herrenhaus dagegen ließ sich nicht bewegen, dieses national-ökonomisch hochwichtige Gesetz zwischen Tür und Angel, Zwischen Lipp' und Kelchesrand zu votieren und blieb gegen alle angewendoten Prefsionsmittel standhaft und zeigte sich trotz aller Drohungen von einer der Sache würdigen Widerstandsfähigkeit, die Schule zu machen verdient. Wir haben das Terminhandelsgesetz bereits einer Angehenden Besprechung unterzogen, und darauf hingewiesen, daß die von den Agrariern und Antisemiten damit erhofften Zwecke durchaus nicht zu erreichen fein werden. Wir haben weiter dargekan, daß das Verbot des Terminhandels geeignet sein wird, dem Getreidehandel Wiens schwere Nachteile beizufügen, und daß die Gefahr besteht, Wien werde seiner Stellung als Gekreideemporium verlustig gehen. Die Gegner des Getreideterminhandels sind jedoch taub gewesen gegen alle ins Treffen geführten Argumente, denn es war ihnen nur darum zu tun, der ihnen in die Augen stechenden Wiener Getreidebörse, derlen Besucher zumeist Juden sind, einen Todesstoß zu verschön. Wie man aus den Beratungen des Abgeordnetenhauses gewahr werden konnte, haben alle übrigen Parteien, einschließlich der liberalen und sogar die Regierung den Agrariern und Antisemiten passive und aktive Assistenz geleistet, teilweise aus Furcht vor diesen destruktiven Parteien und teilweise auch deshalb, weil es gegenwärtig modern und im Zuge, der Zeit ist, sich judenfeindlich oder wenigstens nicht judenfreundlich zu dokumentieren. Daß das Terminhandelsgesetz ein Tendenzgesetz iist, wer wollte es leugnen, man hat übrigens gar kein Hehl daraus gemacht, daß man es mit einem solchen, zu tun habe, votierte dessenungeachtet darauf los, um den enfants terribles des Abgeordnetenhauses den Mund zu stopfen. Anderer Ansicht jedoch scheint das Herrenhaus gewesen zu sein; dieses ist aus Mitgliedern zusammengesetzt, die weder Mandate zu erstreben brauchen', noch Titel und fette Pfründe zu erreichen suchen. Wohl-hat sich das Herrenhaus bewogen gefunden, der Bestimmung, gemäß welcher der Terminhandel einem Verbote unterliegen soll, gleichfalls die Zustimmung zu geben. Es hat jedoch andererseits dem Gesetzentwürfe in seinen wichtigsten Bestimmungen einschneidend amendiert, derart, daß es für die gegnerischen Parteien nur mehr problematischen Wert besitzen dürfte. Ob Agrarier und Antisemiten auf ein solchergestalt ameudiertes Gesetz noch irgendwelchen Wert legen werden, bleibt dahingestellt. Eigenartiges entgegen, dass wir uns noch jetzt, nach Tausenden von Jahren, an diesen Gaben erquicken — das einzige Zeugnis Schopenhauers betreffs der Upanishaden, jener tiefsinnigen Commentare zu den Beden, mag in dieser Beziehung genügen. Andererseits können wir umgekehrt eine fruchtbare Kreuzung verschiedenartiger Elemente beobachten; so brachte es das Araberturn in deir Moriseos, jenen: Mischnngsproduct vor: Arabern und Berbern unter Zusatz römischen Blutes, auf spanischem Boden zil glänzender Höhe und'Vollkommenheit, welche die dortige specifisch christliche Gesittung rrach allen Richtungen weit überstrahlte. Oder um ein etrvas ferner liegendes Beispiel aus den Annalen der Völkerkunde airzuführen, eroberte nach den einheimischen Ueberlieferungerr eilt hellfarbiger Stamm von Nordwesten her die lockende Inselgruppe Oeeanien und machte sich durch strenge Kastenunterschiede — man denke nur an die furchtbare Waffe des Tabul — von der dunkelfarbigen autochthonen Bevölkerung der Papuanen unabhängig. Priester und Adel theilten sich, wie immer, in den Vollgenuss dieser Oberherrlichkeit. Es bedarf somit, eye wir uns aus diesen einander scheinbar widersprechenden ethnographischen und anthropologischen Thatsachen einen Schluss erlauben, einer behutsamen Untersuchung dieses Materials selbst; das aber tvollen wir unserer Erörterung gleich vorwegschicken, dass es eine vollkommen reine Rasse im schärfsten Sinne des Wortes nicht gibt, es handelt ssch immer nur um mehr oder minder fruchtbare uud tiefere Kreuzungen und gewisse sociale Scheidungen innerhalb ein und desselben socialpolitischen Ganzen. Der Kampf ums Dasein, lediglich vom natürlichen Standpunkte anS betrachtet, würde im Laufe der Zeit durch fortgesetzte Auslese immer nur die kräftigsten und leistungsfähigsten Menschen züchten, und die Naturvölker haben vielfach noch dies Verfahren beibehalten. Alle Gesittung, und insonderheit die moderne, arbeitet durch ein höchst eomplieiertes System humanitärer Fürsorge und christlicher Barmherzigkeit, des letztem Ende auch die Wissenschaft sich anbequemt, dieser rein somatischen Bevorzugung entgegen, und insofern kann man mit Driesinans sagen, dass die Eultur zur Degeneration der Rasse beiträgt, welche in jedem Falle jenen raschen Verlauf nehmen würde, wenn nicht noch andere Factoren in Wirkung träten, die daS natürliche Gleichgelvicht wieder Herstellen. Immerhin darf man mit Ranke, Fritsch und anderen erfahrenen Anthropologen annehmen, dass (abgesehen von einzelnen durch die Berufsthätigkeit eingetretenen Schädigungen der körperlichen Ent- 27559155