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Jüdisches Volksblatt · 1902-06-20 · 25 (20.6.1902) · page 1

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
4 (1902)
Issue
25 (20.6.1902)
Date
1902-06-20
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Rrdmkion: n/3. Leopoldsgasse 49. Gprechfttmde»: litt wochenta»« vo« 3 vir 4 Uhr nachmMag». p.ß«r«ff,r Jüdisches «oNSblatt, «Sie», »IS Vrschwrrdr» wegen versvüteter oder gar nicht erfolgter Zustellung erb Men wir uns dringend. — M«msertdie inerbe« «tcht zmmckaesteM. Bostsparcafsen'LmUo »47037. In dar Svonnement kann man täglich eintreteu. MM jeden Freitag ttnitv Mittvtrkmng drr vom jüdlschrn Volks- Verein ervrSHUrn Prefseommisston. Jsferate übernehmen die Firmen: I. Danneberg, M. DukeS, Haafen» stet« » Bögler» Rudolf Moste» «. Oppeltl, M. Pozsonhi, «. Schale! in Wien» ferner alle klnnoncen-Lxpeditionen tm ÄuSlande. Mxzel'Nnwmer L« Wie« I« Heller. Administration: II/3. Leopoldsgaste 49. Telephon-Nr. 14723 Abouneiueutspreid: Telephou-Nr. 14723 Für «Sie» «. Oesterretch'Nugaen fammt Francozustellung. «anzjährig . . Kr. 8.— ... 4.— ierteljäbrig Für das gelammte Ausland fammt Franeozustellung. »anzjährig halbjährig 2.— vierteljährig .Kr. . »8S Wr. 25 Wie«. 20. Juni 1802 (15. Sinn« 5662). IV. Jahrgang. Marlamenisneige. Das Parlament hat seine ^Thätigkeit" beendet, die „Volks "Vertreter sind zu der, heimischen Penaten zurückgekehrt, und es ist daher an der Zeit, die Bilanz zu ziehen über das, was sie für Oesterreichs Völker im allgemeinen und für die Juden insbesondere leisteten und nicht leisteten. Wir haben unmittelbar nach dem Zusammentritte des neugewählten Abgeordnetenhauses und neuerlich bei Eröffnung der diesmaligen Session der Thätigkeit des Abgeordnetenhauses ein ungünstiges Horoskop gestellt. Die bisherigen Thaten der Herren Volksvertreter haben unserer Anschauung rechtgegeben: Dieses Parlament in seiner Gesammtheit und alle seine Parteien im einzelnen sind vollständig unfähig zu einer befriedigenden Realisierung der wirklichen österreichischen „Staatsnothwendigkeiten" und der unaufschiebbaren »Volksnothwendigkeiten", und nur einig in der größeren oder geringeren Betonung oder Bethätigung des Antisemitismus. Daran werden alle ofsiciösen Schönfärbereien, der Hinweis darauf, dass endlich auf parlamentarischem Wege das Budget durchgebracht wurde, dass die Obstruction gebannt sei, nichts ändern. Es soll nicht geleugnet werden, dass das Ministerium Koerber etwas moderner als seine Vorgänger ist und dass bei der Zerfahrenheit und Verlotterung ausnahmslos aller bestehenden parlamentischen österreichischen Parteien keine Regierung eine wirkliche Förderung, sondern eher Hindernisse im Parlamente findet, aber wenn man auch alles dies zugibt, so ändert dies doch für den objectivsten Beobachter nichts an den folgenden Thatfachen: 1. Das Ministerium Koerber und mit ihm die gesammte „Volksvertretung" haben auch in dieser Saison absolut keinen einzigen positiven Schritt zur Lösung der österreichischen Nationalitätenfrage unternommen. 2. Der österreichisch-ungarische Ausgleich ist ebensowenig wie vor einem Jahre perfect. 3. In wirtschaftlicher Hinsicht ist für die produeierenden Stände soviel wie nichts geschehen. Die Bilanz ist daher für das Ministerium Koerber keineswegs, wie die Regierungs- und Parteiofficiösen aller Schattierungen behaupten, gar so günstig. Allerdings, der Wahrheit die Ehre: Feuilleton. Anton Kin-nrr. Der tobte Tag. Nun mag Jehovah still die Arme breiten: Da liegt der Tag, mit Blut und Staub bedeckt! Und Schatten siehst du durch die Lüfte gleiten, Und Lämpchen sind am Himmel angesteckt. Das Bahrtuch weht — ein schwarzer Silberzipfel Flattert empor und peitscht die Himmelswand, Und leise spinnt die Nacht um Wald und Wipfel Den Trauerflor mit bleicher Frauenhand . . . Es will sich regen, in den Zweigen regelt, Und iveinen will es, uixb der Abend schweigt; DuL'chlA, wie rings auf all den trauten Wegen DcKNArün sich tiefer, iminer tiefer neigt . . . Hörst du die. Sichel durch die Halrne schneiden? Das ist der Tod! der stelzt so stumpf uild schwer.! Die Sonne sinkt, die Sonne blickt tm Scheiden, Fast wie ein Mensch, so lveltenweh umher; Und siehst die Schatten durch die Lüfte schreiten Und küsst die Welt noch einmal blutig-roth — Nun mag Jehovah still die Arme breiten: Der Tag, der letzte Sommertag ist tobt. Lriihling. Wie ein Traum voll mir zu dir In der Flüsterlinde; Wie eilt Traum von nttr zu dir: Spntzenlied tm Winde. Die Hauptschuld trägt nicht so sehr die Negierung, als das Parlament. Alle Parteien sammt und sonders haben Mandatspolitik getrieben, keine einzige eine ehrliche, reichsfreundliche, österreichische Volkspolitik. Das Parlament hat den Beweis erbracht, dass die d r i n g e n dste österreichische Staats- und Volksnothwendigkeit eine radikale Verfassungs- und Wahlreform ist, die aber alle Parteien mehr oder minder fürchten. — Wie man zum Beispiel in Ungarn über das cisleithanische Parlament denkt, zeigen nachfolgende Citate aus einem Leitartikel des „Pester Lloyd", der zwar ein Document magyarischen Größenwahnes ist, aber trotz seiner schamlosen Frechheit leider sehr viel bittere Wahrheiten enthält. Der „Pester Lloyd" schreibt in einem Leitartikel vom 13. Juni: „Die sporadischen Wahnsinnsanfälle im österreichischen Abgeordnetenhaus werden mitunter gemeingefährlich und heischen förmlich die Zwangsjacke herbei. Längst allerdings hat man sich gewöhnt, an die nur allzu häufigen Excesse dieses wunderbarsten aller Parlamente der Welt eher einen psychiatrischen als einen politischen Maßstab zu legen, und verwundert war man nur, wenn diese Volksvertretung sich eine Zeitlang nach den Gesetzen der gesunden Vernunft und gesellschaftlichen Sitte manifestierte. Scenen, wie sie die Obstruction bald der Czechen, bald der Deutschen aufwies, waren anderwärts unerhört"--- „Wenn eine deutsche Partei Oesterreichs sich irredentistisch geberdet, in Verzücktbeil für Preußen erstirbt und auf österreichischer Erde dem „Hohenzollern- Cultus" Altäre baut, so wecken sie in dem extremen Czechenthum die wildeste Reaction, und diese äußert sich dann durch Herrn Klofac"- „Nicht die isolierte Erscheinung, sondern das Gesammtbild des österreichischen nationalen Parteiwesens drängt allen die Betrachtung auf, ob Ungarn in dem bestehenden staatsrechtlichen Verhältnisse mit den in diesem wunders amen Reichsrath e vertretenen Ländern jene Garantien finden kann, die ihm die Habsburgische Großmacht gewähren sollte"-:- „Von der Wiener Gemeindestube durch die Ländervertretungen bis zum Centralparlamente ist alles die Beute der Roheit und der Scandalsuch t". So wahr und so berechtigt diese Kritik auch ist, im Munde der B u d a p e st e r Machthaber und ihrer Presse ist sie —heiter. Verzeichnen denn nicht die Berichte über die Wie ein Traum vott mir ztt dir Lispeln rings die Quellen; Wie ein Traum von mir zu dir In den Blüteuzellett. Und es schwellett Blakt und Bast, Dürstet: in beit Zweigen, Sonne quillt von Ast zu Ast, Und die Säfte steigen. Und das Blut der Scholle rinnt, Und die Wurzeln saugen; Und Natur, fast noch ein Kind, Winkt schon mit den Augen. Georg Hirschfeld. Von Marek Scherlag. Hirschfelds Darum „Die MMer" habe ich vor einigen Jahren gelesen. Es war ein Frühlingstag eben, und im Buche drin fand ich nichts als den herrlichsten Frühling lvieder. — Jung und frisch war ich damals wie tim irgend ein Obergymnasiast; von Jugend und Frische in der Literatur wurde damals geschwatzt, als wäre das die einzige Sorge der Kleinbürger des galizischen Städtchens gewesen; so erfuhr ich, dass Hirschfeld ein blutjunger Mann, vielleicht gar noch Student, wäre, der. schon viel Schönes geschaffen; ja, und ein Jude ist er, fügte man geheimnisvoll hinzu. Kein Wunder, dass ich sein jugendliches Werk, auf dem in zierlicher Schrift zu lesen war: „Meinein Freunde Ephraim Frisch", mit Freude, Stolz, Neugier und Hast verschlang und blitzwenig verstand. War ich doch betäubt von all dem „Neuen", „Unklaren", „Stimmungsvollen", „Unverstandenen!" und, ohne eine Erklärnng für den Eindruck gefunden zu haben, stimmte ich ein Verhandlungen des ungarischen Reichstages (in der die nichtmagyarische Bevölkerungsmehrheit durch eine kleine Minorität vertreten ist) T o b s u ch t s anfälle der magyarischen Chauvinisten, wenn ein deutscher, slavischer oder rumänischer Deputierter für die Rechte seines Volkes eintritt? Gibt es in Ungarn vielleicht keinen Antisemitismus? Wurde nicht unser Volksgenosse Abgeordneter Dr. Vazsonyi im ungarischen Reichstage von den magyarischen Chauvinisten insultiert, weil er dem Götzen des magyarischen Nationalismus in einem Vortrage zu wenig Weihrauch gestreut hatte? Nein, so traurig auch die Verhältnisse in Cisleithanien sein mögen, unsere magyarischen Reichsgenoffen haben ebensoviel auch im eigenen Hause zu kehren. Der ungarische Staat steht auf schwankendem Fundamente, er ist national und wirtschaftlich total zerrüttet, und jede weitere Lockerung des Verbandes mit Westösterreich würde dem ungarischen Staate den Todesstoß geben. Die Zeche bei dem früher oder später auch in Ungarn eintretenden Bankerott werden natürlich die Juden zahlen, als eine Stütze des magyarischen Hochmuthes und Chauvinismus, der ebensowenig den berechtigtenForderungen der Majorität der ungarisch - siebenbürgischen Landesbewohner deutscher, slavischer und rumänischer Abstammung, als denen Croatiens, Slavoniens und-.— W e stösterreichs Rechnung tragen will, daher ein Haupthindernis der Consolidierung der Monarchie bildet. Ein starkes, völkerversöhntes Oesterreich auf modernen Grundlagen ist aber — das kann nicht oft und nachdrücklich genug betont werden — ein Gebot der Noth.- wendigkeit für ganz Europa und alle österreichischen Völker dies- und jen.seits der Leitha, nicht in letzter Linie für die Juden. Diese können in einem österreichischen Völkerstaate auf autonomistischer Grundlage bei einer vernünftigen jüdischen Volkspolitik sich eher national, und social bethätigen, als unter der Pickelhaube oder Knute. Es ist auch vollständig falsch, die Fäulnis des Parlamentarismus und aller parlamentarischen Parteien Oesterreichs immer wieder zu verquicken mit den Existenzbedingungen des Reiches, das eben auf neue Verfassungsgrundlagen gestellt werden muss, wenn die dualistische December-Verfaffung sich überlebt hat. Aber hier liegt der Jammer unserer Parteioerhältniffe. in das Lob, das ich aus der Ferne undeutlich vernahm. Man pries ja gerade das Drama in den Zeitungen und führte das Stück auf. Zeitungen las ich zwar nur ent Sonntagen, und nur politische, vom Theater hatte ich keinen blauen Dunst, aber ich vernahm von ältiesteu! „Freidenkern" so manches, was just in der Welt umgieng. Und der große, wirre Eindruck des sonderbaren Buches blieb itr meinem Gemuth zurück. Der Inhalt krystallisierte sichmir dergestalt heraus: Ter alte Frey steckt seinen Sohn Robert, für dessen musikalische' Veranlagung er kein Verständnis besitzt, in ein solides Eomptoir, um aus dem Jungen einen recht praktischen Mann mit einem sicheren Lebensberuf zu machen. Besonders zufrieden ist'er mit dem Jungen'eigentlich nie gewesen. Nun verliebt sich gar Robert in Marie, eine arme Nt esserpol iereriu, von der er trotz der Bitten, Vorstellungen und Drohungen nicht lässt. Die Drohungen erfüllen sich: der Vater will ihn nicht keimen, die Mutter ist zu schwach, um ihn umstimmen zu köniten. Robert lebt mit Marie, die allein ihn versteht, in Liebe, Armut und Hosfuung. Nicht lauge, so stellt sich der Gram ein. Der Friede, das Elavier, die Ruhe, die Stimmung, die Schaffenskraft, das alles geht dem überreizten Jüngling ab. Zerrüttet steht er da und verzweifelt. Da erfährt er aus der Zeitung den Tod seines Vaters, und sendet au« die Schwester Hete ein Schreiben, worin seine Sehnsucht nach Hause geheim mitzittert. Hete, die eben mit der Mutter am Laude bei den Munks weilt, theilt es ihrem Verehrer Rolf Munk, Roberts Freund, mit, woraus dieser nach Berlin fährt und den kranken Musiker mit Mühe nachhause nimmt. Marie zieht ihm sofort nach, nur ihn durch die zaghafte Verkündung ihres bevorstehenden Mmterglückes zurückzuholeu; als sie aber sieht, dass er hofft, im Hause, wo jetzt Friede, Glaube au seine Begabung. Liebe und Versöhnung nebst guter Versorgung zu finden sind, Gesinnnngsgenossen, verlanget in allen Loealen das „Jüdische Volksblatt"!

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