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Jüdisches Volksblatt · 1902-06-13 · 24 (13.6.1902) · page 1

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
4 (1902)
Issue
24 (13.6.1902)
Date
1902-06-13
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Erscheint jeden Freitag antwc Mitwirlmnü Nrr tnrai jitditttzen Volkstrmtit erwähttrn PveksromMtsston. gufernte übernehmm die gtraen: I. Danneberg, ®L DukeS, Haajen» Ueta * Rogier, Rudolf Moffe. «. Ovpelik. M. Pozfonyi. «. Schale! in Wien, ferner alle Nnnoncen-iixpedttionen im SuSlande. Gi«zel'R«mmer i« Wie» IS Heller. *. ... .. . .—.—..♦ Redaktion: n/3. Leopoldssafl'e 49. Gpttchft«»he>r Tu Wochmlagen von 3 dir 4 Uhr nachmittags. p.f.bnfi»: Jüdische« «olkSblatt, Wien. 11(3 Beschwerden wegm »erspSteter oder gar nicht erfolgter Zustellung erbitten wir un» dringend. - «lauusertvte werbe» nicht znröagestellt. Postspareasten-Sonto »e?o»7 In daS «vonnement kann man täglich eintreteu. »-ch Nr. 24 Piw, 13. Juni 1902 (8. Kiuan 5662). ürnumtircatiüK; II/3. Lvopvldsttastc 49. Telephon-Nr. 1473» Abonnemeutspreiü: Tclephou-Nv. 1473» Für Wie« a, ivesterretch-Uugarn fammt Francozustellung. «anzjährtg Halbjährig . Bierteljäbrtg. Kr. 8- „ 4.- » ».- Für bud geinnlmte ittuSlaad lammt Froncozustellung. Ganzjährig . Halbjährig . Vierteljährig Kr. „ 4.50 . »ÄS , WKWlMBBW IV. Jahrgang. r.t'i.1» jiMWll» iiWUM J^»IW V FinanMrößen int Judenthum. Vor einigen Tagen hat Frau Baroniir W! a h l - borg, Tochter des Freiherru von K u b i n & k y, und deren vierzehnjähriger Sohin den 3tustritt aus dem Jndenthum angenteloet behufs Annahme der Taufe. In Beziehung auf die Familie ist dieses Ereignis umso weniger auffallend, als bereits vor einigen Jahren die Schwester der Frau Baronin Wahlberg ebenfalls aus dem Judeuthume ausgetreten ist und die Taufe genommen hat. Beachtenswerth sind solche Austritte aber in jüdisch-socialer Hinsicht. Bekanntlich. hat die C u lt usgemei ndorepräseujtanz das alte, schoit in dev heiligen Schrift bekundete d e nt o k r atis ch e Princip bei Verwaltung öffentlicher und Cultusangelegenh eiten zugunsten der Finanz-Barone und Finang-Rittev durchbrochen. Wie aber die Erfahrung lehrt, und wie man dies übrigens der Cnltnrropräsentanz voraussagte, vergeblich. Es ist eine Eigenthümlichjkeit der jüdischen Finanzgrößen, dass sie, sobald sie den Adelstitel erlangt haben, entweder sich selbst oder zu mindestens ihre Ständer taufen laffen, namentlich um Ehen mit dem arischen Hochadel ztt schließen, lvenn auch die Erfahrung lehrt, dass viele dieser Ehen sich wenig glücklich gestalten. An unb für sich wäre dieser Verlust für das Judenthurn keilt allztt großer. Viele unter diesen Finattzgrößen fallen, nachdem sie zu großem Vermögett, hoher soeialer Stellung (oft sogar unmittelbar durch die ihnen von der Judenschaft eingeräumte höhere Position) endlich zum Adel gelangt sind, mehr oder minder rasch vom Judenthum ab. Ihr Vermögen haben sie durch Speeulationen erworben, die daS Volk verallgemeinernd dem ganzen Indent h n m aufbürdet und die den Hass gegen das Judenthum ttähren, atutcr welchem Haffe des Volkes aber nicht die indischen Fittanzgrößett und il^re vom Judenithume abgefallenen Söhne und Töchter zu leiden haben, sondern die vor Hunger und Entkräftung znsammensmkenden H a u s i e r e r, Hie vom Avancement ausgeschlossenen jüdischen Bea m t e n und Hilfsl e h r e r, die vergeblich Arbeit fudjeuben jüdischen C o m - mis und Gewerbetreibeilden.DieserJllgisttieftranrig.Matl hat den armenJttden dieseFinanzgrößen förmlich als höhere Wesen hinzustellen versucht, weil sie tleben Millioiten all Stiftungen für Osficiers-Penstonisten, Beamten-Cnrhäusern tmd Lehr- und Heilstätten, die entweder ausschließlich oder fast ausschließlich Christelt zugute kommen, auch für eonfessionell-jüdische (bewahre für national- oder social-jüdische) Zwecke Geld spendetell. Wie es sich zeigt, hängen aber diese Finanzherren an dem. Judenthume so lose, wie Blätter am Baumast zur Herbstzeit. Eilt Windhauch, und sie fliegen weg, weit weg vom Judenstamme. Feuilleton. Sch hilschaar I» adoimj... Von Max Siebet. „Dieses ist des Ewigen Pforte ..." t ^Heil'ge Todesschauer mich umflüstern dem Anblick dieser düster'n. Furchtbaren und geheimnisvollen Worte. Ich betrete schen die Stätte. Hügel rings und große Marmorsteine Unter denen die Gebeine Hingeschied'ner ruh'n im ew'gen Bette. Sommer herrschet in den Gründen, Ueberall nur Licht und volles Leben, Alle eilen, hasten, streben, Um dann endlich hier die Ruh' zu finden. An das Grab der Tbenern trete Ich mit still-geheimnisvollem Zagen, Ich entsende wilde Trauerklagen, Und ich weine heiße Bittgebete. Da umweht's mich kühl und schaurig. Und mir nahen leise die Gestalten Aller, die einst lebend wallten Hier im Lichte, und sie sprechen traurig: „Höre, Sohn von unserem Blute! Du beklagest tief das Untergeben Deines Stammes, doch kann fortbestehen Oben nicht das Böse noch das Gute." Wir wollen nicht auf den! fernliegenden Abfall ganzer Familien verweisen, wie z. B. auf die Nachkommen des V a t e r. s der A s s i m ilatio n, auf die „Edlen" voit Nt e it d e l s s o h n, die jetzigen Hauptstützen der protestantisch,eit Landeskirche, nicht auf die Barone Pereira (deren Ahilherrn Bild ltoch int Culkusgcmeindesaale hängt), nicht auf die Fatllilie des Barmt Gustav Heine, Bruders des Dichters Heine usw., sondern in der neuesten. Zeit ans beit Abfall eines Zweiges des Hauses Baron Königswart e r, eitles von G u t tm a lt n , des Hauses v. Eisler, v. W a h r nt a lt n , Edlen vouI n w a l d, Ritter v o n B o s ch a lt, Ritter von Leo n, von Tedeseo ustv. Welch eine Phalanx tlin die arrneil, verfolgten jüdischeil Stamillesgellossen hättetr diese bilden können, lvenn sie dem Märihrerglaubelt ihrer Väter tretigeblieben wären! Hinzu könnte matt noch zähleit diejenigen, welche kürzere oder längere Zeit vor ihrer Nobilisierung sich taufen ließen, z. B. Mar Freiherr von Maut hu er, Baron von M o r p u r g o usw., und jette, die nicht oder ltoch nieht selbst getauft sirrd, aber deren Kinder getauft silld, z. B. die Hcrretl Th orsch» Fl e sch ttstv. Diese Reihe ließe sich noch weiter ausführen. Doch zum Beispiel genügt sie, und zur Ziehung der Lehre, dass das Jndenthum sein Hell durchaus nicht bei seinen „Reichen" suehen darf. Gerade in dem tmseligcn „Reichthume" liegt der große Ullterschied zwischen dem Abfalle dieser uitd dem Abfälle solcher Personen, welche durch g c i ff t g e Capaeitäteit sich zu hohen Stellungen emporgeschwungen haben. Auch da sagt zwar das Volk zlint Schaden der armen Juden, Pass sich die „Jnd-.nt"', in allen Remtern ein* oder vordrängen, wenn auch längst diese Herren aus g sh ö r t habeil, Jtldeu ztt sein, aber der Hass, der durch scrupelloses Speculautenthunt in einer gewissen Beziehung begründete, lvenn atich in seiner Verallgemeinertmg unbegründete Hass bleibt erspart, welchen die Heren „van" Arllstein, „von" Eskeles,„voll"Haber tutd dieBürsengrößen des Jahres 1873 und 1898 in colossaleilt Maßstabe ausstapelten. Wenn eilt Jnstizminister Baratt Glaser, Reichsgerichtspräsident U it g et, W a hlbe r g , Hofrath Beer, Sectionschef Freiherr v o n D o c s i, Ritter v o n W a l d st e i n , Rertor Professor K ö n i g usw. vont Judeuthllme absielen, so hinterließen sie weiligstens nicht den Volkshass als Erbe ihrer ehemaligen Judenangehörigkeit, während mattche Herren des Futattzadels als Altdenketl att ihre ehemalige Zugehörigkeit zlwt Judeitthtlme den grimmigsteit Hass den ärmsteit. der atittctt Indien Zurüeklasseu. Und während die „Reichen" anderer Nationen, welche auch als Minderheiten in einem Staate „Einst jedoch" — die Stimmen klangen Wild jetzt wie ein schrecklich Donnerrollen, Stark wie brausend Meeresgrollen — Und ich hörte zitternd wie sie sangen: „Einst jedoch, da kommen Tage, Wo im Geistes kämpfe ihr bezwinget Diese Welt, in der ihr ringet, Und es endet eure Qual und Plage. Haltet fest am alten Glauben. Spottet nicht der Satzung alter Zeiten, Dies nur kann euch Sieg bereiten. Alles and're muss ihn gänzlich rauben!" Träumend lauscht' ich ihretl Worten . . . Und die Bäume nickten leise, Furchtbar tönt im Ohr die Weise Mir, denn: „Dieses ist des Ewigen Pforte . . Das Frühlingsfest. Von Max Eisler. Zlvischett zwei breiten und trägen Bergkuppen., die über mld über mit viel tausend hellkronigen Bältmetl belvochseil Ina von, lag ein lichtes Feld, unb darin wuchsen saftige Hallnte tmdschönle Blumen, die t'nt Abendroth leuchteten wie ruhelose Fläl milch eil. Uttd meint es stille ward rittgstlllt in der weitett, lv ei teil Welt, schielt es, als hauchten sie Leiben atis und erzähleteu voit süßen Diitgell, von deiteu die Meltfehett itichts wtissteu, weil sie eine andere Sprache redeten, unb unzählige Birken aus dent nähert Walde rauschten so geheimnisreich dazlvischen unb saugen das große unb wundersame Lied der Natrtr. Uttd leben, weiltl! sie selbst ztt Raitg, Attsehett oder gar. Adel kmilUlen, für dett weiteren eulturelleu Fortschritt ihrer Nation eilt Fundament bildett, finkt man beim Jukuthume die traurige Erscheinullg des umgekehrten Verhältnisses, dass näullich seine „Neichen" und seine „Adeligen" ein Zersetzuilgsilloment meeDcn, und sie oder lveuigsteuS ihr Nachkolllillett die Reihen der Jtldeitgegiter durch ihr Verulögeit unb dttrch ihre Verbiltdungeu verstärken. Der Schluss aus diesen Prämissen ist: Demok r a t i s i e r u n g der jübischeit Vertvaliungs- und EulttlS-Repräseilialtzell. Und darttut fort u i: jetteit, die zwar heute Jndert, bereu Fantilieilmitplieder aber morgen schoit Convertitelt seilt werden, tmd zwar hauptsächlich deshalb, weil sie — zu Geld und Raitg gekolltiltett sind, und daher „passetlde Partien" oder „passende Earriere" suchen. Dr. I tt ft u s. Criilljsgtiukjildk. III. Die öffentliche Plettarsitzung vom 8. Mai l. I. hat trotz ihrer kurzen Dauer und trotz der außerordentlichen Wichtigkeit des Hauptpunktes der Tagesordnung, des Rechenschaftsberichtes, noch genügend Zeit gefunden, das Jndenthum in einer — in des Wortes buchstäblichem Sinne — vitalen Frage zu retten. Die Herren vom Vorstande haben in einer gewissenhaft und sehr langsam unternommenen Studien-Bummelreise die Koscherfleisch-Frage express „geregelt". Es ist das eine leidige, unangenehme Frage, diese Koscherfleisch-Frage, die schon so viel Zank und Zwist verursacht und nicht wenig dazu beigetragen hat, die auch ohnedies bestehende Kluft zwischen den einzeluen Gruppen in der Wiener Jndeuschaft noch mehr zu erweitern. Es ist gewiss nicht leicht, über diese Angelegenheit zu schreiben oder gar in derselben ei« objectives Urtheil abzrtgeben. Man muss in der ganzen Frage zwei Hauptmomente ins Auge fassen: das rituelle Moment und das wirtschaftliche. Auf das rituelle Moment können und wollen wir hier nicht des Näheren eingehen, weil wir auf dem Standpunkte stehen, dass diese Angelegenheit vom rituellen Gesichtspunkte ans nur daun als geregelt zu betrachten ist, wenn sie all diejenigen, bet denen „ein wirkliches Bedürfnis nach Koscherfleisch besteht — —■ und dies ist ja bei den strenggläubigen Juden der Fall" — wie sich Herr kais. Rath Wckhelm Pollak ausdrückte, bezüglich des Kaschrus beruhigt. Koscher gehört zu den Eigenschaftswörtern, die nicht gesteigert werden können. Eine Speise kann nur koscher sein oder nicht. Nun müssen wir aber bei Betrachtung der Frage von dieser Seite zu dem traurigen au.s den Kelchen tatichtc-n zarte Köpfchen mit güldeneit Haaren uttd fangen so süß, daß es ringsum war wie ein Feiertag mtd eine große Feier der Liebe. Demr lvie ein Blütentttagdlein aus dem dusttgen Bette erwachte und sich ltlit bett kleinen, kleinen Fingerchen den Blütenstaub aus den Augett rieb, da ward es allsogleich lebeitdig in dent Blümelein, das an dent gleichen Halme wuchs. Und ein pausbackiges Jultkerchiotl ward geseheit tmd rüttelte so lange an seinem Stengel, bis hoi De Kelche ineinander! tauchten unb glühend wurden vor lauter junger Freude. Und durch das breite Feld liefen die Wogen, uuD brauste ein gar ntächtiger Wiltd, dass die Erde bebte tutd redete. Und es lvar lvie eine Predigt in der stillen Einsamkeit, mtd die Wo rtv .lvarelt reiit, wie die Menfcheit früher loa reit, als ihre Herzett noch die Worte der Mutter redeten, voit der sie gekvllllileil mtd ztt der sie eimttal wieder tmtssteit. Kein Hass unb» keilt Schmerz war dabei, nur lautere, strahlende Liebe. Wenn aber dev Ni arger die weißen Nebel voll den Bergeil über die Halde trieb, famen. die bösen Menschen wieder in ben Wald unb auf das breite Feld. Die einen giengeil spazieren tmd sthttnplperteit viel au den. harzigen Birken bäumen, die wie Silber lettchieteit tmd bann wieder tief schwarz, Ivo die Rinde gebracheit war und das Harz herallsqnall. Dann sagten die Leute, hier liege alle Kraft des Baumes, und es wird gestiild und stark, der es riecht. Uttd loenn sich, die Sonne dttrch die Löcher des Walddaches gar stechend hlltdnrchzlvältgte, da kameit sie in Hollen Schareil herzligetallfeil mtd wischteil sich beit Schweiß von der Stirn mtd legten sich, in das schwelletlde Moos. Denn sie dachtetl, das Harz tmd das Moos tmd der Schatten der Birken und die süßen, rothen Beeren, die allüberall durch die breiten Blätter guckten, seien mm für sie gemacht. G esinnnngsgenossen, verlanget in allen Localen das „Jüdische Volksblatt"!

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