Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 4 (1902)
- Issue
- 22 (30.5.1902)
- Date
- 1902-05-30
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Lrdsrkion: n/3. Lrvpoldsgaste 49. Gk,rt!tzsMitbe»r Kn Wocheiaagen von 3 vir < Uhr nachmittags. p«p«tn||t: SübifcheS AoNSSlstt. Wie«, II|3. Nesrhwrrde» wegen verwäteter ober gar nicht erfolgter L»»tellung erbitten wir «nS bringend. — MmmsertSte »erbe» reicht znrSügestelU. yoMparcaffen-Tonto s«70«7. In dar Monnnnent kann man täglich rintreten. AHM jchm Freitag mrksr MNVirkMm frrac snrei MUMrsn VolKsvrrein xzlvälilten pxtTßvmemiTftxm. URferate kbernehmen die Firmen: I. Danneöerg, M. Duker, Haasenftetn A Vogler, Rudolf Moflr. S. OppeM, -bi. Bozjonyi, S. Schaler in Men» ferner alle klnnyn^A-Nrpeditionsn im AuSlande. GZürzeL-NUMmev m Wie» 36 Heller. AdmtMllration: n/3. Levpvldssaste 49. AbonrremerrtSpreiS: Für Wie» «. Oesterreich-Ungar» fammt Franeozustellung. Ganzjährig Halbjährig . Vierteljährig. Kr. 8.- i!:= Für baS gefammte Ausland fammt Francozustellung. Ganzjährig . Halbjährig . Vierteljährig Kr. ».- - » 4.S« . 1 *Ä5 tkp reamtiww Nr. 22 Pl«i, 30. Mai 1902 (23. Jjar 5662). IV. Jahrgang. .ugw.flKi^taa&mMa-awCTsammTOBSMBisaEBgasaegaaigamsasaasaiasi >i^ eMmäinwrea*» Unsere Freunde und Leser bitten wir dringendst, uns in unserer nationalen Werbearbeit zu unterstützen. Wenn jeder Freund unseres Blattes nur einen Abnehmer gewinnt, ist für die gute Sache viel gcthan. Wir kämpfen für das jüdische Volk, unbeirrt durch alle Anfeindungen, die uns erwachsen. Aber das jüdische Volk möge uns zur Seite stehen, damit wir den .Kampf zu einem gedeihlichen Ende führen. Gleichzeitig machen wir unsere Aüonenten auf die den früheren Nummern beiliegenden Checks aufmerksam und bitten sie, das Abonnement pünktlich einzuzahlcn, da uns sonst unnöthige Kosten erwachsen. GinJnteriiieiv mit Sernard Lazare. Einer unserer Mitarbeiter wurde von Bernard L a - z et x e anlässlich seiner Anwesenheit in Wien zn einer Besprechung eingeladen. Der berühmte Schriftsteller, dessen Wirken anlässlich der Dreyfus-Asfaire frisch im Gedächtnis eines jeden fühlenden und denkenden Inden sein muss, ist ein kräftiger Mann in mittleren Jahren, dessen einnehmendes Exterieur allein schon, Sympathien zu erwecken vermag, lebhaft, voil universeller Bildung, ein glänzender Causeur, vertrant mit jüdischen Dingen und deutschen Verhältnissen, besitzt er nichts von der Oberflächlichkeit, die so viele Franzosen kennzeichnet. Ein gründlicher Kopf, der sein Temperameiist auch zu zügeln weiß, macht Berard Lazare auch persönlich den Eindruck ein.es energischen und unerschrockenen Kämpfers, einen Eindruck, den ja jeder Kenner seiner Schriften schon längst gewoimen haben dürste.- - Bernard Lazare sprach zunächst über die Judensrage im allgemeinen; er könne nicht begreifen, dass es noch so viele Leute gebe, die sich darüber wundern, dass man Socialist und Jude zugleich sein könne. „Schließen sich denn nationale Empfindungen und soeiale Bestrebungen ans? — Ich bin nicht Marxist, huldige vielmehr wenigstens in den meisten Hauptpunkten den Anschauungen Jaures, der ein persönlicher Freund von mir ist; ich stehe auf einem modernen socialen Standpunkte, höre ich deshalb aus, ein Jude zu. sein?" „Das sind auch unsere Anschauungen," sagte unser Mitarbeiter. „So?" fragte Berard Lazare sehr lebhaft.„Dann setzen Sie mir Ihr Programm auseinander." Die improvisierten Auseiuaudersetzuugen unseres Gelrährsmannes wurden fast bei jedem Worte von einem beifälligen Kopfnicken begleitet. „Aber das sind ja ganz meine Anschauungen, ich stimme ja mit Feuilleton. Jehova. Von IW o r i 3 R e i dj. 1 sni. Motto: Ich bin, der id) sein werde. Ich war der ewigfertige Gedanke, Der sich am Kelch! des eigenen Seins verzückte; Ich warf ihn, hin und wählte das Geschwanke Des Lebens, dass der Schall mich niederdrückte. Dass ich, erst werdend, frei empor mich ranke, Zum höchsten Einen zwänge das Zecktückte! Der Kelch verlor sich in dem Strom der Zeiten, Und ihn zusuchen brauch' ich Ewigkeiten! Ich bin die Glut, die mit dem Stoffe ringt, Jedwed Gebilde ist von mir ourchgossen; Ich bin der Quell, der ans dem Felserl dringt. Und bin die Blume auch, durch! ihrr entsprosserr; Ich bin das Lied, das jedes Herz bezwingt, Uird bin der Säuger auch, dem es entslosserr! Ick) bin das Kleine, Große, .Nahe, Ferne, ■ Der Erdendunst, das Aetherlicht der Sterne! Ich werbe sein, wenn einst der Kampf vollendet. Ein heiligwebend, geistdurchwogtes Ganzes! Und jede Kraft, dem Reinen zugeweiidel, ' Theilhastig eines duft'gen Siegerkranzes! Ins Fenerrneer der Ewigkeit gesendet, Ein jedes Glied des stillen Sphärenianzes! Nenbrütend spreit' ich ans dann mein Gefieder, ■ Und neue Sonnen rollen leuchtend nieder! Jhrren vollkommen überein, es ist schade, dass man sie (Bernard Lazare meinte die Jüdische Volkspartei) bei mrs irr. Frankreich so lvenig kennt. Natürlich müssen die politischen und taktischen Gesichtspunkte überall verschieden sein, aber ihre nMonal-socialen Grundsätze sollten süir alle denkenden Inden in Ost! und West maßgebend fein." „Sie stimmen also mit unseren Ansichten überein?" — „Vollkommen." — „Auch in Bezug aus österreichische Politik?" — Ganz und gar, gerade dieser Prmkt hat mich besonders interessiert. Denn sehen Sie, wir Ausländer haben darüber doch entschiede!•, eine ganz objective Meiinmg. Der Centralismus hat abgewirtschaftet, die Lünderautonomie ist unhaltbar, sie ist so unmodern und undemokratisch lote rnöglich, was soll denn anderes in Oesterreich konrmen, als die n a t i o n a l e A u t o - no mir. Dieses Princip muss schließlich über kurz oder lang zur Geltung kommen. Ich war jetzt in Galizien, fuhr Bernard Lazare fort, das Elend ist unbeschreiblich, da Hilst keine Action ün kleinen, keine Wohlthätigkeit int großen, da hilft kein Anslvandern und kein Anschluss an die bestehende herrschende politische Partei. Es ist im Interesse der Juden und aller wahrhaft producierenden Schichten Galiziens gelegen, dass eine Industrialisierung im Sinne Ihres Programms herbeigeführt werde. Ich. sehe nur ciirc! einzige wirklicheSchchierigkeit in JhrenAusführungen-, Sie treten für die Consmnvereine ein, das müssen Sie, ein jeder modern denkende Mensch muss dafür eintreten, aber in Galizien (darin stimmen wir überein, Amn. d. AL) segelt das ganze Genossenlll ckrswesen im antisemitischen Fahrwasser, der jüdische Ockclllitaiw wird dadurch in eckte? Reihe getrossen. Gerade dieser Punkt könnte zu Missverständnissen führen, hier ist! eine Schlvierigkeit, die im Wesen der Dinge liegt, dafür können sie nichts." „Hier muss ein Uebergangsstadiunr eiiiitreten," meinte unser Mitarbeiter. Die zahlreichen kleinen jüdischen Geschäftsleute, die sich durch ihre Concurucnz langsam aber sicher zugrunde richten und früher oder später selbst die Beute irgend eines Großunternehmers werden, müssen zu großen Einkanfsgenossenschaften zusammentreken, die einerseits das Princip der Selbständigkeit des einzelnen wahren, andererseits aber durch den Einkauf i in G r o ß e :r die Ware billiger kaufen und daher auch billiger verkaufen können, und so auch dein. Principe des Eonsumvcreines gerecht werden. Auch voir dieser Auseinandersetzung war Bernard Lazare ganz befriedigt. Er gab uns die ausdrückliche Er- Wer Jargon-Literatur. Von Lonbetzki. Wer zu viel in die Ferne schweift, verliert die Schütze vor seiner eigenen Nase, sagt rin Sprichwort. An> dieses Sprichwort lverde ich immer genrahnt, so oft nur der Zufall ein Buch in jener unglückseligen, von Alt und Jung verkannten und verlästerten Sprache in die Hand führt, die nicht! einmal einen Namen hat und die inan bald den Jargon schlechtweg, bald jüdisch, bald jüdisch-deutsch nennt. Sicherlich ist es kein Jargon, sondern eine Sprache, wenn auch noch jung und ungereift, in der es aber mächtig und vielverheißcnd gährt und darüber gelegentlich ein Wort zu verlieren, dürfte schon deswegen so lohnend sein, weil man in> interessanter Weise die Thatsache beleuchten kann, wie ein Volk, veranlasst durch geschichtliche Fügung, in die Sprache eincs anderen Volkes schlüpft und durch mehrere Jahrhunderte so lange an ihr Herumforint inid iiiodelt, bis sie vollkommen angepasst seiner eigenen Seele sitzt, Mid zwar einer sehr nervösen Seele, die gegen die mindeste Unbegiieiiilichkeit reagiert. Aber wichtiger erscheint es vor allem, von der Literatur dieser Sprache zu reden, iveil dies der praktische Dheit dieses sehr Ver)vickelteii Theiiias ist, das, Nne man sieht, von inehreren Seiten angepackt iverden kann. Währeiid niisere bernfsinäßigen Literatnrschreier fast jedes Jahr von nenen Entdeckungenzu berichten wissen, liegt dieses Gebiet vor der Nase dieser Entdecker noch innner unbearbeitet!, liienialid hat es betreten imd niemand weiß davon etwas zu inelden. lind doch verlohiit es sich, hier ein wenig llnischau 311 halten. Die seltsamen Töne, die von dorther herschallen, lvürden zn dem vielstimmigen Concert der europäischen Literatureil eine sehr lvillkonnnene Ergänzung bilden, die man nie mehr miffen möchte. Allerdings findet inan! auch in europäischen Sprachen Darstellungen aus dein jüdischen Lebeii, aber keine einzige von ihin'n hält den Vergleich mit beim ans, was in dein eigenen larrbnis, zu veröffentlichen, dass er mit unserem Programme einverstanden sei. Das Gespräch nahnr nmr eure andere Wendung. Bernard Lazare schilderte die trostlose Lage unserer nt m änische n B rüde r. Nirgends, sagte er, habe ich so viel Elend gesehen, aber auch nirgends so viele Llrbeitslust, woich hinkam, in Bukarest oder Jassy, immer derselbe N-esrain: Gebt uns Arbeit, wir wollen arbeiten. Tos interessanteste in der rumänischen Judenfrage ist, dass die Volksmassen, ich habe mich wenigstens in der Moldau davon überzeugt, gar nicht antisemitisch sind. Nicht wahr? — Bei Ihnen in Wien undin der Provinz ist das 5Aeinbürger!thum ganz antisemitisch verseucht, in Paris auch, in vielen anderen Gegenden ist das Bauernthum antifemitifcT), sehen Sie, in Rumänien sind die unteren Volksschichten dem Judenthum freundlich gesimit, uiid daher hat die Judenfrage in Runiänien nicht nur von; unsereni Standpimkte, sondern auch vo-ni socialen Gesichtspunkte ein überaus großes Interesse. Ich bin überzeugt, dass die französischen Socialisten die Frage stm bicreit werden. Es geht iücht! gut an, dass die öffentliche Meinlulg in Enropa ruhig zrisieht, wie die gesaminte arbeitende' Bevölkernng, sowohl die jüdische wie die christliche, von eiirer. kleinen Minorität von Griechen, Bulgaren uird Aiimeniern ausgesaugt wird. Ich bekänrpfechen Antisemitismus überall, sowohl votz! rueinem jüdischen ckls auch von dein allgemeinen socialistischeu Standpunkte, selbst lvenn ihn gewisse Volksschichten wirklich fordern. Aber ein Antisemitismus, der von memandcnl gefordert wird, der gar nicht im Interesse selbst der Besitzenden gelegen ist, ist einfach lächerlich, und das ist der Fall beim rmuänischetr Antlisemitismus. Ich bitte Sie, was wollen diese Gckechen, Bulgaren und Rumänen? Sie wollen die Juden bedrücken itimb fürchten sich wie der Teufel vor der 9luswauderung. Lassen Sie mal 200 000 Juden aus Rumänien verschwinden, welch kolossale Lücke würde in den rumänischen Stettiern entstehen. Die 200 000 Juden zahlen ebensoviel Steuern wie die zwei Millionen Bauern. Der Jude soll gedrückt werden und nicht auswaudern dürfen, die ganze veraltete Ausfassrtlng des Mittelalters steigt vor unseren. Augen auf. In Rumänien ist d>cr Jude gleich dem mittelalterlichen Bauern ein Object, das die Scholle nicht verlassen darf. Entflicht er, so wirder zuritckgehaltcn, bleibt ev, so wird- -er gequält, das ist eine Schande für Rumänien vor Europa! Berirard Lazare sprach noch in sehr sachlicher Weise über die Möglichkeit -einer Aus 1 vandeckmgs0rgauisationi Idiom des Volkes geschrieben wurde. Sie tragen alle den Sterupel der Gezwrurgenheit uird der Pose, ivie es bei einem europäisch schreibeuden Juden, bis nun wenigstens, nicht anders sein konnte, der, wissend, dass er sich an ein fremdes Publicum lvendet, fortwährend unter dem Ztvange des Besseriuacheus und des „Herausstreichcns" stand, während der Jargon-Schriftsteller, der nur mit dem. heimischen Publicum, zu thun hat und sich keinen Zwang auszuerlegen braucht, in natürlicher Haltung und daher mit mehr Fähigkeit schaffen kann. Eilte der Geburtsstätteu der neueren Jargon- Literattir — denn es gibt auch eine ältere, religiöse Richtung — ist Amerika, jenes Atuerika, welches große Massen jüdischen Proletariates aus Russland, Runmnien und Galizien ausnahm, das bald daratif regen Antheil am dortigen politischen Leben zu. nehmen begann!. Diese neue, ungewohnte Thätigkelt schuf das Bedürfnis nach Verständiguug und gegenseitiger Aussprache, und findige Leute, frei von aller Prüderie und Scham, kamen bald darauf, das nackte, von Gmmmatik und Traditionen! entblößte Idiom dieses Volkes zu Hilfe zu nehmen. ^Flugschriften und hernach Zeitttngen mochten keine Wechten Agitatoren für die politischen Geschäfte seuer Leutcp abgegeben haben, aber sicherlich waren sie die besten Agitatoren für die nett aufkeiinende Jargon-Literatur. Demi der russische Jude, in der Heimat begriff nicht, wie mau Jargon-Bücher kaufen oder auch nur lesen könne. „Jargongeschichten" tvaren seiner Meinung nach für Frauen, allenfalls für den Pöbel geschaffen, und wenn er kein Hebräisch und keine europäische Sprache, verstand, zog or es leider vor, gar nichts zu lesen. Aber auf dem netten Boden, wo man, statt im Talmud zu blättern, eine 9(Rhmasehine bedienen musste, griff ntan aitch nach einer Jargon-Broschüre, und dies entfesselte eine Legion gebundener Kräfte, welche sich überall regten, tun die erwachte Nachfrage zn befriedigen. Der Unrath, der durch die europäischen Literatnren fließt, hat anch hier seinen Einzug gehalten nnd die edelmüthigen Thaten romantischer Räitber und das Girren verliebter