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Jüdisches Volksblatt · 1902-05-23 · 21 (23.5.1902) · page 1

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
4 (1902)
Issue
21 (23.5.1902)
Date
1902-05-23
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Erscheint jeden Freitag Rrd«lnn: h/3. Leopoldsgasse 49. Ghrechfstmbe«» Än Wochentagen von 3 vis 4 Uhr nachmittags, aftfttffte« «oNSblatt, nie«, it|3. »esihwrrd»» wegen verspäteter oder gar nicht erfolgter Zustellung erbitten wir un» dringend. — Maimf ertöte «»erbe» «Icht zmmSgesteM. Postsparcastm-stonto «47037. In da» Abonnement kann man täglich ettttret«. «nfer Mitwirkung der vom jüdischen Volksverein ertoShlfen Prefseommtsston. Amserate übernehmen die Firmen: I. Danneberg, M. DukeS, Hasse», stet» » Bögler. Rudolf Moste. «. Oppelkk, M. Pozsonyi. «. Schale! in Sie», femer alle Annoncen-Expedittonen im Ausland«. Qfatgel'&sttismev ist Wie« 16 Heller. , Administration; H/3 Abonnerm Für «Sie« «. Oesterreich-Ungar« lammt Francozustellung. Sanzjährig . . »r.8- Halbjährig . . > » 4.- Bierteljährtg. . . . „ Leopoldsgastr 49. mtspreiör Für das gelammte Ausland lammt Francozustellung. Sanzjährig ... .Kr. 9.— Halbjährig.. 4.50 Vierteljährig.. 8&5 Ur. 31 Wie«. 83. Mai 1908 (16. Mr 5662). IV. Jahrgang. Der Kampf um das Erbe. Während Alldeutsche und Ostdeutsche sich fröhlich Herumraufen und von Tag zu Tag an Boden verlieren, rüsten sich die Fortschrittlichen dazu, das Erbe der Radicalen anzutreten. Sie sind unbemakelt aus diesen Katzbalgereien hervorgegangen, und es gehörte die ganze Ungeschicklichkeit dieser Casinoten dazu, wenn ihnen die Mandate, nach denen ihnen schon der Mund wässert, entgehen sollten. Das erste nämlich, was die löblichen Führer thun, ist, dass sie ihre Principien als unnöthigen Ballast über Bord werfen. Dr. Eppinger, der den Helmbusch glorreichen Angedenkens jetzt trägt, verkündete jüngst den Tetschen- Bodenbachern, dass die neue Leitung bisher nichts gethan habe, was sie in den Geruch des Philosemitismus brächte. Also, nach langer Zeit lächelt die Sonne der Volksgunst wieder den Liberalen. Das erste, was sie thun, ist, dass sie sich gegen den Verdacht der Judenfreundschaft wehren, obwohl die Juden mit ihnen durch dick und dünn gehen, die arisch-fortschrittlichen Größen mühsam aufpäppeln. Dagegen öffnet Dr. Eppinger weit die Arme für die Antisemiten aller Couleurs; sein Ideal ist eine Partei, wo offene und geheime Antisemiten Arm in Arm wandeln und die Juden Hausknechtdienste verrichten. Das ist jene Richtung in der Politik, wie sie sich im Deutschen Volksrathe in Mähren verkörpert, der den Boycott gegen die Juden, den die Czechen mit viel Geschrei und viel Ungeschick betreiben, in aller Stille und »Gham" mit dem Gelde der Juden betreibt. Jeder frei werdende Posten für Aerzte, Advocaten, Notare und Beamte wird mit Ariern besetzt und diese deutschthümelnden und deutschdümmelnden Juden finden das selbstverständlich, ja es finden sich selbst Juden, die den Judenfeinden Handlangerdienste leisten. Ein solcher Handlanger in der fernen Bukowina ist der Abgeordnete Leon Rosenzweig. Dr. S k e d l, dieser urteutonische Slovene, spielt in diesem Ländchen unter wohlwollender Patronanz der Regierung den Landesvater. Sein Factor ist Abgeordneter Rosenzweig. Wie ein Schauspieler nach seinem ersten Debüt, schreibt die „B. P." wird der Abgeordnete Leon Rosenzweig nach den Wiener Blättern gegriffen haben, um den Eindruck seiner Jungfernrede zu lesen. Nach der Zeilenanzahl. die man ihr widmete, war er kein nachhaltiger. Und der Minister W i t t e k, der in derselben Sitzung das Wort ergriff, scheint sich in Bezug auf die Wertschätzung der oratorischen Leistungen unseres Kammervertreters in — Uebereinstimmung mit der Wiener Presse zu befinden. Wir wiffen, Herr Leon Rosenzweig wird sich damit zu trösten suchen, dass die Bukowina und ihre Abgeordneten Feuilleton. Jüdische Effekthascherei. (Ein Wort zur „Beethoven-Frage" und anderes.) Bon Heinrich Jemand. Mit der Ablehnung der Subvention für Klingers »Beethoven" ist derWiener Gemeinderath nur seiner Tradition treu geblieben, und bei der „Büldung", die in dieser Versammlung erleuchteter Geister herrscht, wurde auch die Nomenclatur: »Jüdische Effekthascherei" für Secession geprägt. Geschieht den Herren aus der Wienzeile schon ganz recht! — Als einige unzufriedene „Jungen" die Künstlergenossenschaft verließen und mit materieller Hilfe eines antisemitelnden Großindustriellen ihr eigenes Heim am Getreidemarkt schufen, da galt diese Fronde, die nach Ellbogenfreiheit rang, als antisemitisch angehaucht, und im Privatverkehr „wildelt" es noch genug unter ihnen. Wir können den Herren im „todten Viertel" nur dankbar sein, wenn sie sich vor der ganzen Knnstwelt einer europäischen Blamage aussetzen und es unseren Secessionisten in ihren Farben, also grün und blau, vor den Augen wurde ob der bodenlosen Ignoranz, die in dieser „Kunstdebatte" zutage trat. Die Ablehnung der Subvention wäre eigentlich nicht so tadelnswert, sondern das Kunstwissen, daS bei dieser Gelegenheit die Herren von sich gaben. Mit der überschwänglichen Verherrlichung des Klinger'schen Werkes wurde ein zu weitgehender Personenkultus getrieben, welcher von der anderen Seite zum willkommenen Anlasse der Bekämpfung benützt wurde. stets stiefmütterlich behandelt werden. Dem steht leider ein Präjudiz entgegen. Als der Abgeordnete Nckolaj von Wassilko am 27. Februar feine Rede im Parlamente hielt, reagirte Ministerpräsident K o e rb e r auch sofort auf dessen Ausführungen. Es scheint — vor den Ministern sind auch nicht alle Abgeordneten gleich. Ein Zeichen „besonderer" Wertschätzung hat übrigens der Abgeordnete Leon R o s e n z w e i g als Mitglied der Deutschen Fortschrittspartei erhalten. Die Alldeutschen bringen bekanntlich einen Staatssprachenantrag im Hause ein. Sie lasseu denselben von allen deutschen Abgeordneten unterfertigen. Der Deutsche- Leon Rosenzweig, wurde jedoch zur Mitfertigung nicht aufgefordert. Und seine Partei duldet nun diesen zweiten Affront, den man ihrem Mitglieds anthut, ebenso widerspruchslos — wie Rosenzweig selbst. Die Juden aber müssen endlich zur Einsicht kommen, dass es höchste Zeit ist, dieser elenden Farce eines Bundes von Juden mit Ritualmordlügnern ein Ende zu machen. Der erbittertste Feind schändet nicht so unser Volksthum, wie diese Buhlereien mit den falschen Freunden. Die Gebarmssersedniffk der israelitischen Cullusgemkinde in Wien. lVerwaltuugsjahr 1901.) ' ■ .A. Der Vorstand der israelitischen Cultusgemeiude hat in seiner am 8. d. M. unter Vorsitz des Präsidenten kais. Rath K l i n g e r stattgefundenen öffentlichen Plenarsitzung den Rechnungsabschluss pro 1901 in Berathung gezogen und zur Kenntnis genommen. Die Debatte, die sich an das Referat des knis. Rath Hirsch geknüpft hat, konnte eigentlich gar keine Debatte genannt werden. Man hatte so die Empfindung, dass sich sehr wenige der Herren — vielleicht kein einziger — die Mühe genommen haben, die vielen Ziffern auf ihre Richtigkeit zu prüfen oder wenigstens die Richtigkeit in der Anwendung der großen Summen zu untersuchen. Man sah das alte Bild vor sich: eine gefügige Majorität, die zu allem Ja und Amen sagt. In der Rathsstube war also eine eingehende und auch wirkungsvolle Kritik der Gebarungsergebnisse nicht zu erwarten, und es kann daher auch niemanden überraschen, dass die ganze wichtige Angelegenheit, genau so wie in der Gemeinderathsstube am Franzensring, in einer halben Stunde erledigt war. Und die „jüdische Presse" hat sich leider auch nicht veranlasst gesehen, ihres Amtes zu walten, und wählte Man darf sich aber bei der Beurtheilung einer so außergewöhnlichen Kunsterscheinung nicht von böswilliger Subjektivität leiten lassen, wie es im vorliegenden Falle geschehen ist. Was die da drin unter christlicher Kunstauffassung verstehen, könnten sie uns wohl selbst nicht definieren, und von unseren Stadtvätern darf man nicht zu viel verlangen. Unser Freund Lueger ist doch sonst ein fleißiger Rompilger und im Vatican wie zuhause. Er möge uns doch etwas von seinen künstlerischen Pürschgängen erzählen! No, lieber Karl! Wir wollen Dir ein bisschen zuhilfe kommen und beweisen, dass es gar keine christliche Kunst, höchstens eine im Dienste der Kirche ausgeübte und von munificenten Päpsten dotierte Kunst gab, welche sich die gute Kirche für ihre Zwecke dienstbar zu machen wusste, um, wie es die Welt erfahren hat, auf die Massen zu wirken. Unsere gute, alte Bibel galt von jeher als Fundgrube für große künstlerische Aufgaben, und was gäbe es, im Centrum der Christenheit, a u ß e r dem antiken Rom, zu sehen, wenn unsere jüdische Bibel nicht in Bild und Stein von Geistestitanen wie Michel Angela, Raphael u. «.verherrlicht worden wäre. Ist das vielleicht christliche Kunst und Kunstauffassung? Alles pilgert nach Rom und Florenz, um den Papst und — den David und Moses von Michel Angelo zu sehen. Durchwandern wir die Peterskirche —und ich that es öfter und gründlich — so finden wir auf einzelnen großen Statuen, die Päpste, Heilige oder Propheten darstellen, jüdische Inschriften. Das „K o d o s d)*, ,,S chemah" wird zur Verherrlichung herangezogen. Wir benützen weder lateinische Messformeln, noch ahmen wir rituelle Gebräuche Andersgläubiger nach. „Hosianna h", „Halleluja h", „A m e n", „Kyrie eleison" ertönt es in allen Kirchen, und wie viele andere rituelle Handlungen sind jüdischen Ursprungs! Wie sieht die angebliche christliche Kunst aus? die allerdings bequeme Art des einfachen Abdruckes des ihr zugesandten officiellen Berichtes. p-J rchl Da wir es jedoch als die allererste Pflicht gerade der jüdischen Presse hallen, die Schäden und Mängel aufzudecken, die hauptsächlich dem jüdischen Manne aus dem Volke zum Nachtheile gerathen, und sollte das Gebrechen auch unserem eigenen Leibe anhaften, so müssen wir es auch als unsere Pflicht ansehen, darüber zu wachen, dass die Cultussteuergelder thatsächlich nur für solche Zwecke verwendet werden, durch welche das Judenthum gefördert und gestützt wird. Man muss endlich einmal mit der Anschauung brechen, dass ein Cultusgemeindevorstand keine andere Aufgabe habe, als ein Heer von Beamten zu erhalten und, trotzdem er auf der einen Seite es entschieden ablehnt, sich um andere als Cultusangelegenheiten zu kümmern, dennoch das Judenthum »nach außen" in oft kostspielieger Weise zu »repräsentieren". Ehe wir auf die Kritik des Gebarens und der Verwallung in den einzelnen Sektionen des Näheren eingehen, wollen wir in unseren heutigen Ausführungen über die Verwaltung der Cultusgemeinde und den Rechnungsabschluss im allgemeinen einiges bemerken. In dem in geradezu raffiniert zusammengestellten Rechnungsabschlüsse fallen zunächst die unverhältnismäßig großen Berwaltungskosten der Gemeinde ans. Nur die fixen Gehalte und Löhne allein verschlingen die gewiss nicht unbedeutende Summe von rund 550.000 Kr., wovon auf die Centrale Seitenstettengaffe allein rund 123.000 Kr. entfallen. Nicht, dass die Gehalte der einzelnen Beamten zu groß wären, ist zu bemängeln, sondern der kolossale Beamtenapparat, der einerseits überflüssig, andererseits aber wegen der zu großen Belastung des Budgets das Avancement des einzelnen Beamten sehr erschwert. Nicht auf das Quantum der Beamten kommt es an, sondern auf die Qualität, die Arbeitslust derselben, und diese kann nur dadurch gefördert werden, wenn sie weniger Collegen, aber eine desto auskömmlichere Existenz, und keine Schinderlöhne haben. Wir begegnen auch hier allen Anomalien, welche Verwaltungen, die nicht ans rein demokratischer Basis aufgebaut sind, eigenthümlich sind, nämlich, dass, während eine Anzahl von Beamten wahre Ministergehalte — und noch darüber — beziehen, wird die wirkliche Arbeitskraft, der sogenannte kleine Beamte, mit einem Gehalte abgefertigt, der zum Sterben zu viel und zum Leben zu wenig ist. Ein weiteres Charakteristikon des Budgets und Rechnungsabschlusses der Wiener Cultusgemeiude bilden die horrenden Summen für Adaptierungen der verschiedenen Gemeindehäuser und der in Verwaltung der Gemeinde stehenden Anstalten. Ohne unseren späteren Besprechungen der Verwaltung der einzelnen Sectionen vorgreifen zu wollen, müssen wir schon heute eonstatieren, dass die größten Adaptierungs- und Renovierungs-Auslagen auf diejenigen Gebäude und Institutionen In der Peterskirche, beim Hochaltar oben, links und rechts, befinden sich zwei großartige Marmor-Grabmäler in weißem und buntem Gestein, also längst Vorläufer Klinger. Diese Monumente sind in den Zwickeln mit halbnackten, üppigen Frauenfiguren verziert, doch nein — sie sind jetzt züchtig mit einem weißgetünchten Blechgewand bekleidet, das vom Betasten schon schmutzig-bräunlich aussieht, und in der Kirche hört man ein ewiges Hämmern, weil neugierige Engländerinnen den blechernen Faltenwurf unter Kichern mit ihren knöchernen Fingern bearbeiten. — Nun hinauf durch die Loggien in die Museen, die ihresgleichen auf der Erdenrunde suchen. Ja, die Päpste waren fleißige Sammler. — Gerade kein Aufenthalt für Pensionate, denn es wimmelt von Obscönitäten. So plump und dumm sind hunderte Feigenblätter aller Dimensionen mit dünnem Draht angebracht, dass gerade der entgegengesetzte Zweck erreicht wird, denn alles Weibsvolk wirft erst recht einen scheuen, verstohlenen Blick dorthin, wo mehr entals verhüllt wird. Diese Prüderie wirkt auf jeden Unbefangenen geradezu köstlich. In die Villa Borghese läuft alles, um die nackte Prinzessin Borghese (SchwesterNapoleons I.) von Canova, nebenbei ein Meisterwerk ersten Ranges, und — die schwangere Ehebrecherin zu sehen. Rubens, der Maler des blühenden Fleisches, der in den Hofmuseen in seiner ganzen Großartigkeit vertreten ist, hat Altar- und Heiligenbilder die Menge geschaffen. Weder waren die einen von unchristlicher, noch jene von christlicher Kunstauffaffung eingegeben, und seine nackte Frau im Pelz, wohl eines seiner sinnlichsten Werke, ist ein köstliches Kleinod. Tizian, der Meister des venetianischen Rothgold, wusste wahrlich nicht, was unchristliche Auffassung heißt. Darüber haben sich alle großen Künstler niemals den Kopf zerbrochen. Es ist der jesuitische Geist der Heuchelei, der das öffentliche Leben durchzieht, und wenn man einzelne Auswüchse der Secession

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