Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 4 (1902)
- Issue
- 19 (9.5.1902)
- Date
- 1902-05-09
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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EMM jede« Freitag Atütv Mtttmrmrng vor vom füdlttrrn Volks vereiv erwählten PressrommtNton. IMerale übernehmen die Firmen. g. Danneberg, M. DukcS, Haalen- Keto * «ogler. tiubolf Moste. «. Oppellk. M. Pozlonyt, tL SSalek tat Men. ferner alle Snnoncen-Ervedittonen im KnSlande. WrrzeL'Rnmmer in Wie« 16 Heller« Lrdartion: ¥111/*, 9»dji.uiüeioa|Te 1L. G-re«st»m»e»r Rn MoAenlagrn von » vis « Uhr nachmMag» p»p«d»»st»- Jübtfche« «ottSvlat«, «Sie». V1II|1. »rsitztv-rdrn wegen verspäteter oder »ar nicht erfolgter Zustellung erbitten wir uns dringend. — Mmmferwte werden nicht zurÄSarftellt. Vostsparrastrn-Lonto 347VS7. In dar Rbonnrmeni tann man täglich «intreten. Ar. IS Wir«. 9. Mai 1903 <3. Isar 5663). JUuntirtftrattrm; II. Leopoldsgaste 49 AbouuemeutSpreiS: Für Wie» «. Oefterretch-Uugar« sammt Fraacozustellung. Ganzjährig Kr. 8.— „ 4.- . a— Für daS gelammte SlnSlaod sammt Francozustellung. Ganzjährig ... Kr. Halbjährig.„ 4.50 Vierteljährig.* *.»5 IV. Jahrgang. An unsere Leser! Bom 15. d. M. befindet sich die Redaction und Administration dieses Blattes 2/3, Leopoldsgasse 49. r»>nrmiMrTnM»r»''»<g»«» Gin Epilog zur Mai-Feier. Trübe und frostig war der Tag, den die Socialdemokraten selbstherrlich als ihren Feiertag eingesetzt haben. Die Arbeiter demonstrierten für den 1. Mai, aber der 1. Mai demonstrierte gegen die Arbeiter; die Stimmung der Natur übertrug sich auf die Menschen. Die Betheiligung war eine außerordentlich schwache, und in den meisten Betrieben wurde ohne Störung gearbeitet. Die Reden klangen zwar laut, aber nicht so bestimmt wie anno dazumal, als man in eilt paar Jährchen die ganze Welt zu erobern meinte. Die Partei ist nicht schwächer, aber eine andere geworden; sie ist eine radical-socialreformatorische geworben, die zwar an Somr- und Feiertagen die alter: Ladenhüter, ihre revolutionär: Principien, hervorsucht, aber sie dann wieder prompt in den Winkel stellt. Auch bei uns vollzieht sich innerhalb der Socialdenwkratie derselbe Process, wie in Deutschland; dies ist eigentlich selbstverständlich, denn die österreichische Socialdernokratie bezieht nicht nur Geld, sondern auch ihre ganze geistige Inspiration aus Deutschland. Dort ist erst jüngst in der „Neuen Zeit", den: marxistischen Regierungsblatte, erklärt worden, dass zwischen den: organisierten, gelernten Arbeiter und den: Nichtorganisierten Proletarier eine tiefere Kluft gähne, als Zwischen: den: Arbeiter und den: Kleinbürger. Man fühlt sich schon, man ist. etwas geworden. Vielleicht ist aus diesen: Punkte die Stellung der Socialdemokrajtie dein: j ü dis ch e n Proletariat gegew über zu erklären. Anlässlich der Maifeier richtete das internationale Arbeitersecretariat m Brüssel, das wacker mitgeholfe:: hatte, die belgischer: Arbeiter zu einem beispiellosen Debacle zu treiben, ein Manifest an die Arbeiterschaft. Dabei fordert es die Genossen auf, nicht nur ihrer unterdrückten Classe, sondern: auch aller unterdrückten Völker zu gedenken. Alle zählt sie auf; selbst die Finnländer :n:d Armenier vergisst sie nicht; nur über ein Volk schweigt das Manifest —■ über das jüdisch e. Das ist die Folge der fluchwürdigen Taktik der jüdischen Arbeiterführer. Den besten, Theil ihrer Intelligenz verschwenden sie, um die Existenz eines jüdischer: Volkes zu leugnen, so erreichen sie glücklich, dass dann, wenn für die Freiheit aller Völker demonstriert wird, das jüdische Volk leer ausgeht. FeÄlletmI Ihrg Schmul, der Juwelier. Erzählung von I. Potapenko. Deutsch von Julie Goldbaum. Jtzig Schmuhl! Jtzig Schmuhl! Was ließe sich von einen: Menschen erzählen, der solch einen Vor- :md Familiennamen seit: eigei: nennt? Jtzig Schmuhl selbst lvar sich dessen wohl bewusst, und er hätte viel darum gegeben, um . . . um zun: Beispiel Rothschild genannt zu werden. Nichtsdestoweniger wurde er doch stets seit seiner Geburt Jtzig Schmuhl genannt, und es ließ sich nichts mehr dagegen machen. Jtzig Schmuhl hatte aber bereits ein Leben hinter sich, und deshalb lässt sich vor: ihn: auch nmnches erzählen, trotz de!»: er nur ein Jtzig Schnnihl ist. So zun: Beispiel ist die Thatsache auffallend, dass Jtzig Schnnchl eil: Juwelier ist. Viele waren der Ansicht, dass dieser Stand zli den: Rainen Jtzig Schnnihl nicht recht Passe, und auch er selbst zweifelte oft daran. Und doch war dem so: Jtzig Schmuhl lvar Julvelier in den: Städtchen, in lveilchen: er geboren. und erzogen lvar, in welchen: er bisher seille ganze Lebenslanfbahn durchgemacht hatte und auch beit Rest seiner Tage verleben wird. Auch jetzt noch zeugt eil: schlvarzes Schild mit großen, gelben Buchstaben und de:: Aufschrift: „Josef Moselstein., Jnweller, vormals Jtzig Schnnihl" davon, dass Jtzig Schmuhl wirklich ein Julvelier war. Dass Jtzig Schmuhl ein Julvelier geworden war, daran lvar einzig und allein sein Schicksal schuld, denn weder in den Verhältnissen, in, welchen er geboren, noch in der: Traditionen seines Geschlechtes lag etwas, was zu einer derartiger: Laufbahn berechtigte. Der Urgroßvater Können tvir doch unter unsere»! Augen das Treiben dieser entartete::, c o r r u P t e n Bande verfolgen. In unmittelbarer Nachbarschaft unserer Monarchie, in Ru- :nänien, leidet ein ganzes Volk; die Presse der gesammten gebildete!: Welt, nicht nur die Judenpresse, bringt haarsträubende Berichte über das Schicksal der unglücklichen Inder: in Rumänien; der Berliner „Vorwärts" brachte an: Vorabend der Maifeier einer: Leitartikel, der über seine ganze Titelseite sich erstreckte, angesüllt mit Anklagen gegen die rumänische Regierung und die rumänische Nation, nur die Wiener „Arbeiter-Zeitung", derer: jüdische Nedacteure das Elend der rumänischen Auswanderer mit eigener: Augen ansehen könne,:, wenn diese Wier: passieren, schweigt; ihre Redacteure streichen lieber in den Wiener Cloakcn herum, das sagt ihnen mehr zu. Was, sie schweigt? Nein, dieses Blatt ist gesinnungslos genug, die bezahlten Beschwichtigungsdemmti der rumänischen Negierung zu veröffentlichen, und in dem Kampfe zwischen dem jüdischen Proletariat ur:d der Ausbeuterregierung sich so auf die Seite der Ausbeuter zu stellen. Und das lasser: sich die jüdischen Genossen bieten!' Wahrlich, ein Gefühl der Trauer muss jeder: Juden ergreifen. Auf der einen Seite eine scrupellose Regierung, die eine Million Francs ausgeworsen hat, um die ausländische Presse zu bestechen, und auf der anderen Seite Volksgenosse!:, die ihr eigenes Volk verrathen. Deshalb rufen wir der: Wiener Socialdemokratcn zu: So lange Ihr in Eurer Mitte Subjecte duldet, die sich durch Volksverrath ihren Bauch mästen, sind alle Eure Phrasen von Gleichheit, Freiheit und Brüderlichkeit picht ernst zu nehmen; befreit Euch zuerst von diesen Parasiten, und wip woller: dam: von Volk zu Volk uns verständige.:. Au den Herrn Iustixmirrister! (Den Kindern Schutz, den Inder: Trutz.) Der Justizminister hat an die Gerichtsbehörde:: einen der: Kindenschntz betreffender: Erlass gerichtet, aus dem wir in .Nachstehenden: den wichtigsten Inhalt wiedergeben. Derselbe lautet: „Das Justizministeririn: hat ar: die Gerichte einen Erlass gerichtet, der, anknüpfend ar: die früheren Emmciationerr des Ministers, welche die thatkräftige Unterstützung der für den Schutz misshandelter oder verwahrloster Kinder eintretenden Gesellschafter: irr: Auge Haber:, der: Gerichtsbehörde!: weitere Weisungen ertheilt." „Eine Rücksprache mit den Functionären jener Privatlvohlthätigkeitsvereinc, die sich die Gewährung der erster: Hilfe bei Misshandlungen und den Schutz der Kinder gegen Verwahrlosung zum Ziele gesetzt haben, ergab, dass durch das Zusanrrnenwirken. der Polizei- und Gerichtsseines Urgroßvaters lvar „Kupferschruied" gewesen, d. h. ein Mensch, welcher nicht imstande war, auch nur der: kleiusten Gegenstand aus Kupfer zu verfertigen. Dafür aber verstand er sehr kunstvoll den abgebrochener: Griff eines Samovars wieder anzrrlöthen oder den dnrchgebrannien Boden einer Pfanne auszubessern. Da er aber meistens mit Kupferstichen zu thun hatte, so schrieb er auf sein Schild „Kupferschruied". Seine Nachfolger aus dem Geschlechte der Schmuhle hatten diese edle Kunst vervollkommnet!.. Jedes vor: ihnen trug das Seinige dazu bei, und als das Geschäft in die Hände vor: Josef Schmuhl, Jtzigs Vater, übergieng, da prangte über der Thüre eine Tafel mit der Inschrift: „Werkstätte für Kupfer- und Blecharbeitei:, auch Unvb Zink gemacht". Außer den vom Begründer der Firma überlieferte:: Lothringer: wurden hier auch wirkliche Arbeiter: gemacht. Da standen Blechkaimen vor: sonderbaren: Schwünge, künstlerisch ausgeführte Formen für Torten nnb Geleen, und noch viele andere Gegenstände, die Josef Schmuhl eigenhändig verfertigt hatte. Bezüglich des „Zinks" jedoch befand sich Josef Schnnihl in: Jrrthurne; er hatte eine einzige Badewanne von sehr sonderbaren Formen, die eher einen: großen Schlitten glich, ans Zlnkblätterr: hergestellt und glaubte mir:, dass er „Zink" mache. Wie ans Vorhergesagteri: zr: entnehmen ist, war keiner aus den: Geschlechte der Schmuhle Julvelier gewesen, und die Frage drängt sich deshalb aus: Warum und wie lvar Jtzig Schmuhl Juwelier geworden? Das geschah aber so. Jossel und seine Frau Sarah besaßen eine so zahlreiche Nachkommerrselpft, dass man zu der Annahme berechtigt war, dass die Elten: die Zahl derselben nicht genau wussten. In der Werkstätte, wo nach Jossels Meinung „Zuck behörden und der Privatwohlthätigkeitsvereine in. allen Fälle::, in denen die Hilfe der letzterer: in Anspruch gerwinmen wurde, den nüsshandelter: und in ihrer körperlicher: und sittlicher: Entwicklung bedrohter: Kindern Hilfe gebracht werden konnte." Der erwähnte Justizministorerlass wird zweifellos in den weitester: Streifen der Bevölkerung die sympathischeste Aufnahme finben. Ist es doch die zarte Kinderseele, für welche der Schutz der Gesetze angerufer: wird. Die wehrloser: Kinder sollen vor liebloser Behar:dl:u:g behütet, sie sollen mit einem Schutze umgeben Werder:, dass ihnen gegenüber das elterliche Aufsichtsrecht rncht missbraucht werde, dass die körperliche Züchtigung nicht ::: Misshandlung ausarte. Das ist gewiss ein löblicher, idealer Standpunkt, der ein ehrendes Zeugnis gibt für denjenigen, der es ir: unseren modernen Zeitläuften unternimmt, sich mit so idealer Fürsorge für die kleinen Weltbürger, zu befassen. Wir Juden wären, herzlich froh, wem: wir uns seitens des Justizministers der gleichen Sorgfalt erfreuen würden, wem: uns Freiherr vor: Spens-Bodcn ebenfalls seine fürsorgliche Obhut angedeihen lassen würde. Auch wir Jrrden sind Kinder, Kinder eines Gottes mit aller: Gläubigen, die sich zu einer monotheistischen Religior: bekennen, wir Inden sind Kinder eines urwüchsiger: Volksstammes, einer altehrwürdigen Nation mit einer ruhmvollen Vergangenheit, mit einer vieltausendjährigen Geschichte, die auf jeder Seite Lob und Preis unserer Vergangenheit verkündet. Namentlich die österreichischen Juden können sich darauf berufen, dass sie zur angestammter: Dynastie stets treu gehalten Haber: und mit. allm andercin Volksstänunen wetteiferten, ihren Patriotismus durch Thaten zu bekunden.. Und trotzdem, sind wir überall und besonders^ in Oesterreich die^Parias der Gesellschaft. Wir werden mit Schimpf und schände beladen, mar: unterdrückt uns nach jeder Richtung hin, man entzieht uns jede Erwerbsgelegenheit, so dass wir dem materiellen Ruine zugeführt werden; man entzieht uns der: Schutz der Gesetze, die uns volle Gleichheit der bürgerlichen politischen Rechte garantiere,:; mar: bulöci1, dass diese einer: Schutz und Wall für uns bildender: Gesetze verletzt und durchbrochen Werder:; mm: lässt es ruhig geschehen, dass alle diejenigen, welche, einen heiligen Eid' geleistet haben, die Staatsgrundgesetze treu und unverbrüchlich zu halten!, gegenüber den Inder: einer: Eidbruchbegehen und sich eines schweren Verbrechens schuldig machen, inden: sie den Juden der Wohlthaten dieser Staatsgrundgesetze nicht theilhaftig werden lasser:. . Dies, Herr InstiMinister, geschieht! tagtäglich und stündlich vor Ihre:: Anger:, ohne dass Sie dageger: Jhrm gewichtigen und maßgebenden Einspruch erheben. Sind, Herr Justizminister, zwei Seele:: ir: Ihrer Brunst, eine Seele, die den Kinden: Schutz gewährt, eine zweite Seele, die es ruhig zugenmcht" wurde, :md in den zwei nebenar: liegeirden Zimmerr: Ivirmnelte es von schmutzigen Weser:, die alle einander glichen und sich nur durch ihre Größe unterschieden. Alle waren ir: lange, schmutzige Hemden: gekleidet; sie befauder: sich ir: steter Bewegung und tobten oder lärmten beständig dercret, dass es schien, als würde die W'erkstätte nntsarnmt allen Vorrätheni vor: ganzer: und zerbrochenen Casserollen, Theekannen und Samowars mit ihnen zugleich in Bewegung gerather:. Jossel saß auf seinem gelöcherten Sessel :md'schasste fleißig, ohne seiner Umgebung die mindeste Aufmerksamkeit zu schenken; Salrah kochte, flickte die Wäsche und stopfte die Mäuler der fortwährend hungrigen Kinder. Nur ar: Freitagabende!: komste die Nachkommenschaft Jossels und Sarahs genau abgezählt werden; an diesem Tage Ivnjnde die Werkstätte vor Sou neu Untergang gesperrt und ir: Ordnung gebracht, den Kindern wurden reine Hemden angezogeri, und als es dunkelte, wurden mehrere Keczer: angezündet; Jossel sprach dann die Gebete, und alle anderen hörten ruhig sitzend zu. Den Gebeten folgte ein gutes Abeudcsser: — ein. fachierster Hecht, etwa mit viel Pfeffer und Zlviebelr: und ein süßer Anisknchen. Sobald eines der.Nachkommer: das sechste Jahr evreicht hatte, begann er ans eigenem Antriebe, an dem Werke des Vaters theilznnehmer: und zwar dadurch, dass er zuerst „altes verdarb", allrnählich aber der Gehilfe des Vaters und ein ebenso geschickter „Kupferv- und Blechschmied und Ziukarbeiter" wurde, wie Jossel es lvar. Jtzig war das dritte, doch als die Reihe an ihn kan:, nahm, er zum großer: Erstauueu seines Vaters neben ihn: nicht Platz und kümnrerte sich gar rncht um das Handwerk. Dieser auffällige Umstand Ivurde vor: der: Eltern, welche den Krraben geistig wenig entlvickelt fanden, nicht sonder-