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Jüdisches Volksblatt · 1902-05-02 · 18 (2.5.1902) · page 1

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
4 (1902)
Issue
18 (2.5.1902)
Date
1902-05-02
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Erscheint jede« Freitag Lrdartton: Vlll/'., frauafteigattfe UL w 4 nixSev Attrwtrkimg der vom jÄdiMrvn Volks- ►—.— - ' -- . Lbminlllrslion: 11. Leopoldsgalle 49. AbounemeutSpretS: Ghrechstnnde», 8» «jochenrasen von 4 bis 6 Uhr nachmittags. verein ervratzlien Prrfsromrnifston. Jüdische» IvoUSblalt, Wie«, VIII,1. Snferate übernehmen die Firmen: I. Danneberg, SDL Duker, Hassen» Für Wien tu Oesterreich-Ungar« Für daS gelammte Ausland Veschwrrdru wegen verspäteter oder §ar nicht erfolgter Zustellung erbitten wir uns dringend. - Manufertdle »»erde», nicht zmÄKgesteltt. stein Sk Vogler, Rudolf Moste» kl. Oppclik, M. Pozsonyi, 8. Schale! in sammi Francozustellung. lammt Francozustellung. Wien» ferner alle 8nnoncen«Lrpedttionen im 8uSla«de. Sanzjährtg . . Kr. 8.— »anzjährig . . . Kr.?-„ ßjostsparcalscN'Lunto S470U7. In das Abonnement kann man täglich eintret««. --—---4 , Gi«zel-Sr«rrrrrrer irr Wie» IS Heller. , 8?»,:. ::;i- --- Halbjährig.. 4.50 vierteljährig.. AÄ8 Nr 18 Wien. 2. Mai 1903 (35. Uisan 5662). IV. Jahrgang. ......^^^-UMliiAi^miSi^mtflm^rmiiiSini^SSümSSmaSmSiSSS&Bmi^rsSgaaStSKilUa ^-I --"VTTii.YfmBiMMiiBTrBraTiMa^ "-II 'i i 1 i' II " -■ _ --" I III Wandlungen. Seit mehr als 20 Jahren erblickt ein großer Theil der deutsch-bürgerlichen Politiker feine „nationale" Aufgabe darin, über Slaoisierung und Verjudung zu jammern; im Gemeinderaihe, den Landstuben, im Reichsrathe und in der Presse. wetteifern die verschiedenen deutschen Fraetionen, alle Nichtdeutschen, sowie den österreichischen Gesammtstaat anzugreifen und für die „Bedrängnis des Deutschthums" verantwortlich zu machen. Doch darauf beschränkte sich diese „nationale Politik" nicht, sondern ,sie hat auch zur Spaltung der ehemaligen „Vereinigten Linken" in Alldeutsche, Ostdeillsche, Volksparteiler, Fortschrittsparteiler, Christlich-Sociale usw. geführt, die sich gegenseitig „Verrath am D-eutschthum", „Verrath an Oesterreich" an den Köpf schleudern, als Juden —Pfaffen und Regierungsknechte usw. beschimpfen, aber oft auch einander, wie im Streitfälle Schönerer-Wolf, sehr berechtigte Wahrheiten sagen. In der ersten Linie der Wahrheiten steht die, dass keine einzige der untereinander hadernden Fraetionen über ein Programm verfügt, das die Deutschen einigen und deren nationale Interessen in Eim klang zu bringen imstande ist mit den ebenso berechtigten nationalen Forderungen der nichtdeutschen Bevölkerungs- Mehrheit Oesterreichs und den Lebensbedingungen des österreichischen Gesammtreiches. Auf den nationalen Chauvinismus und Antisemitismus der Mehrheit der deutschen Parteiführer, ihre Unverträglichkeit untereinander, ihr Unvernlögen, österreichische Realpolitik zu treiben, ist es zurückzuführen, warum im österreichischen Parlamente die Deutschen kein Machtfactor mehr sind. Die deutsch-„freiheitlichen" Politiker scheinen dies trotz aller Lehren der letzten 26 Jahre nicht einzusehen und setzen jene unglückliche Politik fort, die sie im Jahre 1882 durch die Sprengung der constituierenden Versammlung der geplanten „Österreichischen Volkspartei" begannen. Damals wollten Fischhof, Walterskirchen, Kronawctter und Lueger durch eine Verständigung mit den Slaven der freiheitlichen Sache Bundesgenossen zuführen. Diese Politik vereitelten die „Liberalen" zur Freude Schönerers und der Clericalen, und so rissen der deutsch-nationale und christlich-sociale Antisemitismus Schönerers und Luegers unter den Deutsch-Oesterreichern die Führung cm sich .... . Die Landtagswahlen stehen vor der Thüre und die Juden Oesterreichs, welche Schleppträger des mit dem deutschnationalen Chauvinismus verkuppelten Scheinliberalismus vielfach noch immer sind, mögen sich einmal,' gewitzigt durch die Vergangenheit, ihre „freiheitlichen" Freunde und ihre Gegner gleich genau ansehen! Die letzten Stadtrathswahlen im Wiener Geineinde^- rathe geben dazu einen sehr berechtigten Anlass. Die Deutsche Fortschrittspartei, welche seinerzeit die von der christlich-socialen Gemeinderathsmajorität angebotenein sieben Stadtrathsmaudate ablehnte, weil dieselben an die Forderung geknüpft waren, keinen Juden als Candidaten dafür namhaft zu machen, hat sich diesmal so weit erniedrigt, um — zwei Mandate zu betteln und, um diese zu ergattern, keine — Juden aufgestellt. Doch die Preisgabe des „fortschrittlichen Principes hat diesen Freisinnigen nichts genützt; sie haben die zwei Mandate für den Stadtdath nicht erlangt. Jedoch nicht nur die Schieinliberalen sind bei den Stadtrathswahlen leer ausgegangen, sondern auch die vom „Deutschen Volksblatt" propagierten radical-antisemitischen CandidatenGregorig, Purscht und Schwer. In den Staütrath wurden vorwiegend — dem gemäßigt wirtschaftlichen Flügel angehörende Elemente der christlich-socialen Partei gewählt! Während also die Scheinliberalen und Deutschnationalen die Juden, als ihre Zirkel störend, überall abschütteln, scheint sich der gemäßigte Flügel der Christlich-Socialen des Radau-Antisemitismus zu schämen, wie der Durchfall G r e g o r i g s, P u r s ch t s und S ch w e r s und die in einer „Deutschen V o l k s b l a t t " - N o t i z darüber zum Ausdruck gelangte Wuth der Extremen beweist. Andererseits brachte namens der alldeutschen Schöuerer-Fraction, unter deren Einfluss die ganze deutsche Linke steht, Abgeordneter S t e i n eine Interpellation im Abgeordnetenhause tvegen eines angeblichen Ritualm o r d v o r f a l l e s in Jägerndoif ein. Es ist dies wieder ein kleiner Beitrag zur Charakteristik der „freiheitlichen Gesinnung" der Alldeutschen, deren wahre Beschaffenheit jeder nicht mit Blindheit Geschlagene aus den gegenseitigen Angriffen der Schön er ianer und der Anhänger Wolfs kennen lernen kann. Wie auch immer der Kamps zwischen den beiden feindlichen, aber einander würdigen alldeutschen Gruppen enden mag, die g e s a m m t e Partei ist in den Augen aller ehrlichen Oesterreicher ohne Unterschied der Nation gerichtet! Und nicht viel besser sind die gemäßigten Deutschnationalen der Deutschen Volkspartei, die zum Theil Ableger des Altliberalisnms, zum Theil diplomatische Alldeutsche sind. Aus diesem Mischmasch angeblich „Deutsch-Frciheitlicher" recrutiert sich die Armee, welche Dr. Lueger den Garaus machen und die christlich-sociale Landtagsmajorität niederringen soll. Wahrlich, die Christlich-Socialem haben Glück, so zusammengewürfelt sie auch sind, so hetorogene Elemente i» ihren Reihen sich befinden, so viel sie auch verbrochen haben,, die Wurstkessclpartei ihrer buntscheckigen Gegner, stehe in keiner Hinsicht ihnen nach. Wohl ist es wahr, dass in den christlich-socialen Reihen Clericale, Rassenantisemiten und Demokraten nur künstlich durch Dr. Lueger zusammengehalten werden, dass der eine Theil am liebsten ganz den Antisemitismus fallen lassen möchte, um eine w i r t s ch a f t l i ch e ö st e r r e i ch i s ch e, demokratisch gefärbte Politik zu machen, der zweite Theil eine schärfe r e Tonart inr Punkte des Antisemitismus wünscht und der Rest eine mehr katholische Polllik Hand in Hand mit dem Centrum gerne sehen würde. — Ja, ist es denn andres in den Reihen der sogenannten „freiheitlichen" Parteien, die nur durch den Gegensatz zur Lueger- Partei zusammengehalten werden. - Schwarzgelbe und Komblumenritter, Juden und Rassenantisemiten, Extrem- Nationale und Internationalisten, capitalistische Bourgeois und Socialisten, das alles soll in eine einzige Armee gegen die Christlich-Socialen zusammengeschmolzen werden und — von dieser Seite soll das Heil den Juden kommen! Mögen das andere glauben, wir nicht! Wir können die Juden nicht oft und nicht ernstlich genug warnen, sich in dieser Hinsicht irgend einer Täuschung hinzugeben und sich zu e n g a g i e r e n. Es bereitet sich eine Wandlung, eine Umgestaltung des Parteiwesens. vor. Es ist nicht ausgeschlossen, dass, so wie aus den Liberalen Antiliberale wurden, das Umgekehrte Antritt und noch einmal wie im Jahre 1882 der Ruf nach einer „O esterr. V o l k s p a r t e i" sich erhebt, innerhalb deren die Juden ihre nationalen Rechte vertreten könnten. Für diesen und für alle anderen Fälle müssen sich die I u d e n Oe st e rr e i ch s s e l b st ä n d i g organisieren, damit sie nichts — überrasche. Der Wturümord des Abgeordneten Stein. In der vorwöchentlichen Nummer haben wir die Beantwortung einer Interpellation seitens des JustizministerA Spens-Boden erwähnt, die der Abgeordnete Dr. Eisenkolb und Gesellen wegen eines in Aussig angeblich stattgesum denen Ritualmordes gestellt hat. Wir bemerkten hiezu Nachstehendes: „Es wäre Pflicht und Schuldigkeit des Justizministers gewesen, zu dem Gespenst des Ritualmordes endlich einmal in offener aufrichtiger Weise Stellung zu nehmen, die Interpellanten auf das Gefährliche ihres Treibens aufmerksam Des Schntters Lied. Zum 1. Mai 1902. Aas: M. Scherlag, „Einsamkeit". (Gedichte.) E. Piersons Verlag) Leipzig. Ich habe zerrissene Schuhe, Und bin doch Schuster allein. Ich sitze und lläh' von der Frühe Bis Nacht in dem Kämmerlein. Ich habe langathmige Schuhe Und eine klirzathmige Brust. Ich näh' ohne Rast und Ruhe. Ich nähe und pfeife und hust'. Ich hliste und pfeife nur Lieder, Die ich als Kind noch gehört . . . O wär' ich ein Kilid doch >nieder Und ritt' aus dem Steckenpferd! Wie wohl war es dorten zu reiten Im dunstigen Hofe bei Tag, Indessen im Keller auf Häuten Der Vater, der kranke, lag. Ich ritt uitd sang vor der Kammer In kindischer Heiterkeit- Wnsst' ich, was Mitleid lind Jammer? Musst' ich, was Krankheit und Leid? Und Word' ich selber mal liegen Im Keller krank auf der Erd', Mein Söhncheu wird singend sich wiegen Und reiten am Steckenpferd.- Aschenbrödel. Von Leo Soser. Das Aschenbrödel ist Jeschirrun. Sie müht sich in verschlissenen Gewändern, Diie schwarzen Haare hängen wirr,ins blasse Angesicht, Dteweil die blonden. Schwestern prangen in erborgtem Glanz. Nur wenn die Mitternacht sich naht im Kreise Und alle Lichter längst erloschen, Dann holt sie aus der Truhe mit den vielverschlungenen Zieraten, Im Mund geheimnisvolle Segenssprüche, rasch die alten Festgewänder. Bass wird es hell im Saale. Am Haupte liegt die weiße Pnesterbinde Und dreifach thront auf ihr die Krone, Alis welcher gold'ne Knospen sprossen. Es rauscht das Linnen, auf dem Blumen blühen Aus Purpur, Scharlach, Hyacinth und Bissus; An feinem Saume wechseln gold'ne Glöckchen, Granatäpfel, Und nur die Hüfte schlingt sie einen reichgestickten Gürtel voll räthselhaften Chiffern, Als Schließe reichen sich der Löwen zwei die Pranken. Darüber Wurst sie einen Mantel, zwei Sardonyx dienen als Agraffe; Alls düsen Steinen leuchten mtf die .Namen der zlvölf Jakobssöhne, An jeder Schulter sechs. Vorn auf den Brüsten sprühen Fenergarben zlvölf Juwelen, Sardonyx, Topas und Smaragde sind die ersten, Hierauf Granat, Jaspis, Saphire, Zirkon, Achat und Amethystcn Und schließlich Chrysolith, Beryll, Onyx. Jetzt singt sie einen leisen Singsang und tanzt langsam, Ernst im Antlitz. Die Glöckchen an dein Kleidersaume klingen, die Juwelen VnrvrffViT STQTtfaf* Jeschurun ist Prinzessin. Da plötzlich bricht dec^Morgen an, die Sonne schleudert strahlen, eifernd mit Demanten. Da legt Jeschurun rasch die alten Festgewänder in die Truhe, Und geht in ausgeblassten Alltagskleidern an die Arbeit. Cogiiamiis ergo sumus. VonSamnel Meisels (Przemysl). Descurtes, der Vorläufer Spinozas, faß einst in seinem Studierzimmer und dachte über sein eigenes Sein nach. Seinen jahrelang über sein Ich gehegten Gedanken wie auch über das Nicht-Jch gehegten Zweifels, ob sie lvirklich existierende oder nur täuschende Vorstellungen seien, wollte er sich einmal entheben und zum richtigen Verständnisse der. Dinge gelangen. Er abstrahierte zuerst jedes Sein und stellte das Nicht-Sein an dessen Stelle; er hielt sich selbst als ein noch Geringeres als Etwas, ein Nichts, das sich selbst betrügt oder von einem äußeren Nichts betrogen wird, um sich als Ich unb jenes als Nicht-Jch zu stempeln. Erbittert ob der ungenügenden Kenntnis seines Daseins frag er sich im tiefsten Innern seiner forschenden Seele: Ist an mir auch wirklich etwas Vorhandenes, Existierendes, das den Nmnen „Sein" verdient? Woher weiß ich, dass ich in der That lebe, empfinde, fühle, sehe, auch bewege, dass ich überhaupt — bin? Vielleicht sind alles nur nichtsbedeutende, kein Reales am sich habende Vorstellungen, Fictiouen, unbewmsste Träume? —- Gequält

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