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Jüdisches Volksblatt · 1902-04-25 · 17 (25.4.1902) · page 1

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
4 (1902)
Issue
17 (25.4.1902)
Date
1902-04-25
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Das Gespenst der Jndcnschule will nicht zur Ruhe gelangen. Die clericale Partei verlangt eine Aenderung der gegenwärtigen Schulgeschgcbung im christlichen Sinne, dass die arischen von den nichtarischen, das heißt von den israelitischen Kindern getrennt werden sollen, begnügten sich aber damit nicht allein, sondern stellten auch das Verlangen nach einer streng confessionellen Schulgesetzgebung. Die antisemitische Partei dagegen stellt das Postulat nach der Eveierung einer jüdischen Volksschule. Leides ist wohl nicht dasselbe. Die Form ist nämlich verschieden, allein in der Sache treffen sich die schönen Seelen zusammen. Im Abgeordnetenhause hat der clericale Abgeordnete Schrott dem Wunsche nach Errichtung von confessionellen Volksschulen Ausdruck gegeben, bezeichnenderweise ohne seitens der Unterrichts-Vor'- waltung eine Zurechtweisung erfahren zu haben. Selbstverständlich hat auch die Fortschrittspartei im Abgeordnctenhause sich wohlweislich gehütet, in dieser sehr delicaten Angelegenheit sich zu exponieren und gegenüber der antisemitischen Partei offen Farbe zu bekennen. Neuerlich hat sich auch die Bezirksvcrtretung des Wiener Mariahilfer Bezirkes mit der Frage der confessionellen Schule beschäftigt. „In der letzten Sitzung der Bezirksvertretung Mariahilf thcilt Bezirksrath Urban mit, dass er an den Katholischen Schulverein ein* Gesuch gerichtet habe, im Pfarrsprengel Laimgrube eine confessionelle Schule zu errichten. Er richtete an die^Bezirksräthe die Bitte, das Gesuch an den Katholischen ^chulverein zu unterschreiben, und stellte den Antrag, die Bezirksvertrctung möge an den Katholischen Schulverein wegen Errichtung einer confessionellen Schule herantreten. Bezirksvorsteher Schadet erklärte, dass im Bezirke keine Noth an Schulen sei und in manchen Schulen Classen leer stehen. Bezirksrath Reimer sagte, die Bezirksvertretnng dürfe nicht gegen das Gesetz sein; obwohl er selbst fiir confessionelle Schulen sei, so müsse man doch mit den interconfessionellen Schulgesetzen rechnen. Bezirksrath Schäfer führte aus: Die Sache hat gar keine gesetzliche Basis; es gibt keine öffentlichen evangelischen, katholischen oder jüdischen Schulen, es gibt nur solche Privatschulen; die Gemeinde Wien kann und darf keine confessionellen Schulen bauen. BezirksvorstehenStcllvertreter Endres bemerkte: Wenn die Bevölkerung einmal durchaus confessionelle Schulen haben will, so muss der Staat nachgeben und solche errichten. Bezirksrath.Nowak bemerkte: Wir können und dürfen ein derartiges Ersuchen an den Katholischen Schulverein nicht stellen, das wäre ein Rückschritt. Bezirksrath Glöckl protestierte als Katholik Feuilleton. Der letzte Passah. Von Max Eisler. Das war im Nissan: Vom Osten brach ein glntenwilder Wind, Der fegte Blütenwolkcn vor sich her, llnd braune Aeste rangen sehnsuchtsschwer Dem neuen Segen ihren Leib entgegen- Das war ein überseliges Erklingen : Die Erde barst in heißer Werdelust, Und aus den jungen Muttergründen sprang Gehegte Keimkraft auf zum rothen Licht- Und durch das All lief da ein lautes Beben; Tenn Nissan rief — und Nissan ruft das Leben! Des Abends stille Feierschatten sanken Wie Aaresfittig', ehernschwer, zum Thal, Sie schlichen sich ins Haus und weckten hier Und dort und da ein gold'nes Passahlicht.-— — Doch auf dem Berge war kein einzig Strählchen, Nur schwarze Flut intb weherfülltes Stöhnen, Wie Sklavenrnf, wenn scharfe .Stetten schneiden Und harter Bleiknopf nackte Rippen drischt: Das war der Höhensang — und ans dem Thale Stieg schweigend auf ein Schwall, so roth, so roth, Und leluhtete wie junges Bluth, so roth, Wenn cs aus weher Wunde mächtig bricht. gegen diese Aeußerung. Antragsteller Bezirksrath Urban wiederholte seinen. Antrag. Bezirksrath Nowak sagte, er sei nicht gegen die Errichtung einer confessionellen Schule seitens des Katholischen Schulvereines, aber die Bezirks- Vertretung dürfe nicht die Initiative ergreifen. Bezirksrath Reimer beantragte, über den Antrag Urban zur Tagesordnung überzugehen, und dieser Antrag wurde schließlich angenommen." Wir besitzen den Muth, die Wahrheit offen zu gestehen) dass tvir uns mit der Statuierung der jüdischen Volksschulen leicht zu befreunden vermöchten. Wir erachten es sogar für die jüdische Jugend vom Standpunkte der Didaktik und Pädagogik aus für einen großen Vortheil, wenn ausschließlich jüdische Lehrer ausschließlich jüdische Kinder erziehen und unterrichten würden, da namentlich in der Aera des Antisemitismus der von gehässigen arischen Lehrern ertheilte Unterricht für die jüdischen Kinder nicht zum Nutzen und Frommen sein kann und auch thatsächlich nicht ist. Wir verweisen diesmal auf den Fall Spicka-Koppstein, welcher derart crasse Enthüllungen zutage förderte, dass der Wunsch begreiflich ist, die jüdischen Schüler mögen wieder von jüdischen Lehrern unterrichtet und erzogen werden. Allein die Staatsgrundgesetze perhorrescieren die confessionclle Schule, und es ist Sache der Taktik, dass tvir eine Durchbrechung des Princips nicht dulden dürfen, damit nicht ein Präcedenz und ein Präjudiz geschaffen werde, das eine Handhabe bieten könnte nach weiterem Verlangen der antisemitischen Partei, die,.wenn sie den Finger hat, nicht nur nach der Hand, sondern auch nach dem ganzen Körper greift. Dör jetzige Zustand in Wien, nachdem in einer und derselben Classe die Schulen nach Confessionen ge^- trennt sind, ist jedenfalls der" unleidlichste; er führt das Ghetto in die Schule ein. Jeden Tag wird da dem arischen Kinde die Sonderstellung der Juden demonstriert; die Reibungsflächen sind nicht vermindert, sondern maximal vergrößert. Alle diese Beschwerden würden bei der zukünftigen jüdischen Nationalschule von selbst wegfallen. Uns s e l b st zum Heile, d e m A r i e r zu m Fra m in e n. Freilich dürfen wir nicht erwarten, dass uns das Heil kommen wird von den Factoren, die zur Wahrung der Interessen des Judenthums auserwählt und berufen sind. Man wird uns wohl verstehen, wen wir darunter meinen. Dort werden nur Worte gesprochen, allein zu. Thaten kommt es nicht. In der Volksschule der Werderthorgasse besteht schon seit langem eine Jndenclasse, eingeführt durch die Eigenmächtigkeit des Schulleiters. Wiederholt ist darüber in der Oeffcnilichkeit Beschwerde geführt worden, die Wiener Cultnsgemeinde als oberste Aufsichtsbehörde in culturellen Angelegenheiten hat diese Be- Die feuchten Schollen bebten, kam hervor ein Lied: „Schaut unsre Augen: Sind sic noch nicht blind? Schaut unser Leid — und kündet uns geschwind: Kam endlich uns'rer Sklavennacht der Lohn, Steh'n droben freie, güld'ne. Blüten schon?- Rief droben Nissan, uns'rer Nissan schon?!" Da klang es froh in tausendfachen Tönen: „Bleibt still! Der Herr bringt Rettung seinen Söhnen! — Noch währt die Nacht — doch währt sie nicht mehr lange, Schon liegen hier die Felder voll von Blüten, Schon glühen da und dort viel Wcrdeuskeiine Und künden Euch der Freiheit Frühling an. Dann lösen sich die Ketten, die Euch schneiden, Und werden Kränze dunkelrother Rosen, Dass Ihr, inte träumend, aus den Kelchen schlürft. Der letzte Passah kaut. — Hört Ihr die Lieder? Der Herr, der Herr steigt zu den Söhnen nieder." Und aus den Höhen glitt die Fenerfänle Und war so roth in ruhevoller Nacht, Und aus den Hütten liefen viele Sterne, Als sei ein Paradieseslied erwacht. An allen Zweigen hingen Fenerblüten Und dufteten so süß, so wundersam —.- Ein altes Märchen sang von neuein Segen, Der seinen Kindern ans der Heimat kam. Und ans den Häusern eilten helle Scharen, Nach Frühling dürstend und des Frühlings voll, Und drängten bebend sich mns Gotteszeichen, schwerde zlvar vidiert, bisher aber auch nicht einmal den Versuch zu einer Remedur gemacht. Wir consiaiieren dies zum ewigen Gedächtnis, damit es in weitesten Kreisen unseres Volkes bekannt wird, wie ernst die Wiener Cultusgemeinüe ihre Aufgabe nimmt. Iustizirrimster Spens-Koden über den Pitualniord. Wie den Lesern des „Jüdischen Volksblattes" erinnerlich sein wird, haben der alldeutsche Abgeordnete Dr. Eisenkolb und Consorten an den Justizminister Freiherrn von Spens-Boden eine Interpellation betreffend die Ritualmord-Affaire in Aussig gerichtet. Die Interpellation hat der Justizminister mit einer einer besseren Sache würdigen Promptheit in der Sitzung vom 17. April beantwortet. Justizminister Spens-Boden sagte: „Die Erhebungen des Gcndarmerie-Posten-Commandos haben ergeben, dass sich das Mädchen Maria Krejzar im vorgeschrittenen Zustande der Schwangerschaft befand und zu ihrer in Aussig bediensteten Schwester geäußert habe, dass sie einen S e l b st m o r d b e g e h e n werd e, lveil ihr Geliebter sie verlassen und ein anderes Mädchen gheiratet habe. Am 25. Februar d. I. sei unterhalb der Elbeschloss-Bmuerei in Leitmeritz ein weiblicher Leichnam aus der Elbe gezogen worden, welcher mit aller Bestimmtheit als der der verschwundenen Krejza von i h r e r M u i t e r u n d i h r e m S ch w a g e r a g n o sciert wurde. Irgendein Merkmal erlittener Gewalt wurde nicht au den: Leichnam, Wohl aberp der Zustand der Schwangerschaft conftatiert. Daraus sei zu entnehmen, dass sich die Behörden mit dem Falle befasst haben, ohne dass es eines Einschreitens seitens des Ministers bedurft hätte. Was die aus diesem Anlasse entstandenen Gerüchte von einem Ritualmorde betrifft, ist coustatiert, dass infolge des Verschwindens des Mädchens in Arifsig und> Umgebung Gerüchte verbreitet wurden, dass die Leiche im Keller des Confectiouärs Oskar Pick, in einer Kiste oder Fass verpackt, ohne Kopf, und der abgefchnitteue Kopf in einem Koffer aufgefuuden und Oskar Pick verhaftet worden sei. Durch diese beunruhigenden Gerüchte veranlasst, erstattete Oskar Pick beim Bezirksgerichte in Aussig, sowie bei der Staatsanwaltschaft in Leitmeritz die Anzeige, über welche^ pflichtgeruäß Vorerhebungen cingcleitet wurden. Die Erhebungen haben aber ergeben, dass die Thaibestandsinomente des Paragraphen 305 St.-G. (Verbreitung falscher, beunruhigender Gerüchtei nicht vorhanden waren, sodass die Staatsanwaltschaft die Erklärung abgeben konnte, keinen Grund zur weite^rcn Verfolgung zu finden. Der Minister coustatiert znm Schlüsse, dass die aufge- Das roth und mächtig in die Höhe schwoll. Da wankten Greise an dein .Sknorrenftabe, Und ihre Lippcn lallten im Gebet, Es war ein Lied, wie's oft in grauen Tagen, Noch sommertrnnken, in den Wäldern geht. —- Dann schritten Jnda's starke Edelscharen, Vom Dulden wohl gebeugt, gebrochennicht. Ein reckenhaft Geschlecht, an deren Gliedern Ein ehern Schlvert und ehern Schloss sich bricht.- Und nackte Knäblein, nackte Mägdlein kamen Mit jungen Frageii, die die Unschuld stellt, Und sangen lcnzesfrohe Kinderweiscn Alls ihrer kleinen lenzesfrohen Welt. Und als die letzten nahten sich dem Zuge, Vom Feuerschein unUvoben, Maid und Knabe, llnb trugen in den Händen rothc Kränze, Ans stillen Blüten, ihre leichte Habe. Für neue Feste in dein alten Laiide —-- Feiwgnld'ne Perlen klärten ihren Blick, Und Äcärchen rannten süße ^Lieder zrr Bon einem neuen, übergroßen Glück-- — Da reichten kraft ge füllte Bruderhäiide Vergess'ne Brüder sich zu iieneiii Bund Uiid schritteii still, in froheiii Feierstolze Zuni alten Land nnb Licht gen Ost! —. Im Nissan 5602.

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