Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 4 (1902)
- Issue
- 16 (18.4.1902)
- Date
- 1902-04-18
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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♦ ♦ LrdiMwn: VtIL/1, SchtMsltzkts« JU. Epre^jstNNbe«» An Wochentagen von 4 013 6 Uhr nachmittag». po^xKt: JüdtfcgrS föcimi&tt, Wie«, vill|l. -vrsütwrrdin torgcn vcrsMnrr oder gar nicht erfolgter Zustellung erbitten vim uns dringmd. — S»a»uf«ti»1s lserboi nicht znrürtürsteM. Postsparcaflen-Tonto c>470»7. In das Abonnement kann man tüglich e!nk:et?-.r «t^xe MMrrlrttnnn brr f’sjv.“ iPMütjen TwlKsverttiin dOfläiptsn Korl^o mr.iff N an. agttUvatt stbecnebmea die Finnm: I. Lnnneverg. rL DukeS, Haasen- S'iv 9t Bögler, Sludoll Moste, L. Oppelik. TifL Bozionyl. H. Lcftalek in Wien, ferner olle Unnoncen--.Expevst>oncn tm Auslände. EiKzeL-Nrvmmer in Wien iß Heller. >!nmmtrtrefr»ju: IT. Leopoldsgahe 49. AbvnnemeuLspreiö: 3öt Wien n. Oefterreich-Unstnru sammt >stranc»zustell»ng. «anzjährtg Halbjährig . Blerteljäbrtg. Kr. * 4.- - *•- Für baS aefnmmte AuSlnub sammt Francozustellung. Ganzjährig . Halbjährig . Vierteljährig Kr. ».- „ 4.50 n »«S 'itern^vtAQn/wwiV'-iVMLXAiVtAMJn» 'mr -»wvt.’ I wi.<^W.iili»«iiilWW( Ur. 16 lie«, 18. April 11*03 (11, Ui (an 5663). IV. Jahrgang. Das Fest der Freiheit. Kr. Wir sind eineigenthümliches Volk, eigenartig wie unsere an Leiden so überreiche Geschichte. Wir vergessen das Elend und die Noch, sobald wir uns an ihren Druck gewöhnt haben und zehren ans der anderen Seite jahrtausendelang an den spärlichen Sonnenstrahlen der wahren Freiheit, die uns gar so selten vergönint waren. Auf der einen Seite dumpfe Resignation, ans der anderen leictstfeMger Opkimismns, der uns die Wirklichkeit nicht sehen lässt. Dieses Gemisch von einander widersprechenden Gefühlen gibt sich auch in der ganzen Zusammenstellung der Hagadcch, des Peßachbuches kund. Ncit wahrhaft kindlicher Freude ergötzen wir uns an der Erzählung der wunderbaren, geradezu gegen ihren Willen erfolgten Befreiung rmserer Vorfahren aus der ägyptischen Knechtschaft; auch unsere Kinder werden mit den Einzelheiten der unvergesslichen Erlösung Israels durch den göttlichen Propheten bekannt gemacht! — das einzige jüdische Fest, an welchem dem Kinde eine aetive Nolle znfällt —; wir knuspern behaglich das „Brot der Armut, das unsere Väter essen mussten", und wenn das Fest vorüber, wenn der letzte W u n s ch nach Befreiung ausgesprochen ist, dann kehren wir wieder ins Alltagsleben zurück, verfallen wieder in die alte Lethargie, welche den Bestand des Judenthnms noch wunderbarer, unerklärlicher macht, als die unausgesetzten Verfolgungen seitens seiner unzähligen, mächtigen Gegner. Aber ist das „Fest der Freiheit" für uns Inden wirklich treiter nichts, als ein Symbol, als eine Erinnerung? Essen wir nicht heute auch noch das Brot der bittersten Armuth, müssen wir nicht auch heute unter den größten Entbehrungen für unsere Freiheit den bittersten .Kampf führen gegen unsere Unterdrücker? Und unsere Brüder im Osten, sie müssen! gerade so inte unsere Altvorderen „ihre Lenden mngürke'n" und hinauswandern in die ungastliche Wüste, ohne 31t; wissen, wo sie wieder Ruhe finden werden. Und diejenigen intserer Volksgenossen, welche im Laufe der Zeiten unter den anderen Völkern einen Rnhepunkt gefunden, für die Freiheit dieser Völker ihr Gut und Blut geopfert haben — sie sind zu in größten! Theile so geartet, wie das Volk Israel, welches der geniale Moses in Ptßarh-Erinnrrrmgrn. Adolph Donath zneigen. Von Marek Scherlag. Blind lvüthet durch die Welten ein wüsteiNvildes Wetter, Bleischwere Tropfen klopfen auf graue Fensterbretter; Mir ist so grau zu Sinne und schwer sind meine Lider. Da naht eilt steiles Wesen und setzt sich zu nur nieder; Ein Wesen loeiß und lveise aus heimlich-tiefen Laitdett. Matt neitnt es Trost der Hoffnung und selig, die es fanden. Das Wesen fleht itnb flüstert: „Wer wird nur gleich verzagen? Lacht Heller nicht die Smttte nach bangen Wolkentagen? Dock) wenn du hoffittlitgsntiide, wie viele deinesgleichen, So will ich aus dem Borne der tvtmdersprndelreichett Vergangenheit dir Labsal, Trost und Balsam reichen." Nun hat sie sanft ums Haupt mir ein Band aus Duft geschlungen, Besät mit Sternenblnnten und Trannterittnernngen . . . . Mag bitter dräu'n und dunkeln die Gegenwart der Qualen, Die Zukunft lässt int Herzeit sie honigmild erstrahlen. Und denk' ich, wie als Kiitd ich 'kämpft den KaintPf den schtveren, Dann kamt ich mich vor Freude der Thränen kaum erwehren. Was ivär' ich ohne Kätttpfe? Sind's Leiden, nicht, die läutern? , Und tvi'lten nicht die Witrde, dass Hintntel auf sich hei kirn? So sinnend fühl ich tttählich ein tvonniges Erschauern. Es klären sich die Räume, es weiten sich die Mauern, Und sattst in aller Weite erstrahlt mir ein Gebilde, Aegypten vorgeftutdett hat. Jetzt, tvie damals gilt es itt erster Ne ihr, das Judenthum sich selbst wiederzugeben, sein Bewusstsein wachzurufeu, es vor der Gefahr zu schützen, die ihm durch das Aufgehen in den anderen Völkern droht. Und dainals wie jetzt sind es gerade! die Inden selbst, die denjenigen, der ihnen den Weg der Rückkehr zeigen will, als ihren Uebelthäter betrachten. Lernen wir arts der Geschichte der Befreiung unserer Väter aus Aegypten! Eilt Volk, das sich seines Rechtes nicht bewusst ist, wird nie zu seinem Rechte kommen. Aber ebeitso, tvie die große Masse, das gattze Geschlecht, welches Moses atis Aegypten fühvte, in der Wüste mnkommen musste, weil es, tntvorbereitet, seiner Mission unbewusst, auch für die Durchführung der ihm zugemutheten großen Thaten unfähig tvar und erst durch Moses mtter dett größten Widerwärtigkeiten! eilt neues Geschlecht erzogen worden tnnsste, so dürfen wir uns auch heute der Thatsache nickst verschließen, dass das moderne Jndettthmtt nur dann gerettet tind für eine große genteinsame Action geeignet gedacht tverden kann, tvenn tvir esfür die nationale Freiheit empfänglich, den nationalen Forderungen zugänglich gemacht haben werden. Ein modemer Moses wird erst sein Volk erziehen, er wird ihm vorerst die Gebote des Indens thmns einimpfen und es erst öcnttt mit Aussicht auf Erfolg folg zu einer Aetion heranziehen dürfen. Einem solchen Führer wird auch die - schreckenhafte jahrelange Wüstenwanderung erspart bleiben und er selbst tvird das gelobte Land seinem Volke nicht nur verheißen, sondern es auch in dasselbe führen können! Der tsdte Oosrath. Hofrath Zechner ist plötzlich gestorben. Wir hätteit keinen Anlass, uns mit dem Todllm zu beschäftigen, da wir uits des Oefteren mit dem Lebonden in sehr eingehender Weise auseinandergefetzt haben!. Aber die „Arbeiten Zeitung" hat die Unverfrorenheit, itt ihrem Nekrolog über Hofrath Zechner ein. nettes Document ihrer Gefin^ nnngslumperei zu liefern. Wir ttrüssen ihr allerdings das Compliment tnachen, dass sie sich einer gewissen Consequenz bei ihrer edlen Anschauung befleißigt. Aber unsererseits müsseir wir das tmerhörte Faetum annageln, dass dieses sogenannte Contral-OIrgau der österreichischen Socialdemokratie sich zum Beschützer unb Verthcidiger des Hofrath Zechner aufwirst, der der grimmigste F e i n b der B e r g a r b e i t e r tva r. Den Lesern Umweht vom Duft der Kindheit .... Dann naht vertrant imb milde Ein Knäblein, zart tmd träumend und ntt'td' vont Tagestreiben Und lehnt die heiße Stinte an abendfenchte Scheiben. Die Ni utter seufzt und strickt noch, der Vater tveilt tvo ferne, Uttd i ü tvie Zährett zittern am Himmelsblau die Sterne . . . . . . .Ais höhnten mit' die Buben? . . .„Dein Vater tvird ttickst kommen. Er ist itt Wien, iit Sodottt, da gibt es keine Fronrnteit. Wm frägst dtt Niamschtatte? Dtt Prinzchen ohne Köttig! Und gibt etnh jeittand Ma,zzos? Ihr habt ja gar so tveitig . . . ." So höhnton sie und sprachen von ihren netten Kleidern, Nosiuenwein und Käsel und Ruh tntd Hungerleidern. — „Was stehst du denn beim Fenster? Ist wieder was geschehen?" Die Nttitter spricht so leise, als tvär's eilt Liebesfleheit. — Ich zitterte und harrte — und Mutter kaut gegangen; Sie ttahm tnich itt die Arttte tmd küsste meine Wangen, Sie küsste meine Lippett unb küsste meine Stirne. „Und that man dir was Böses, nicht zürne, Kind, nickst zürne" . . . Ich Presste meine Schläfen itt ihre linden Hände Und hauchte: „Sag, tvird Vater . . .?" Doch sprach iästs nickst zti Ende. Und nun begann sie leise: „Er kommt, er konmtt, der Gute." Ich fiihl' es tief noch heute, tvie süß mir ward zumuthe. Mein Herz vor Wonne glühend tmd blühgoldübergossen, Hat seinen Kelch beitt Schöpfer im Nachtgebet erschlossen. Katliu guckte Junker Morgen ins Kätnmerleitt verstohlen, Da kaut der pltmtpe Belfer, itts Cheder ntich zti holen. — - Hier rnhtett schwüle Dünste um Bankbett, Bett und Lager Unb um den Tisch auf Bänken tvir Kleinen, blass tmd tnager. des „Jüdischen Volksblattes" sind die sorialpolitischen Heldenthaten des Hofrathes Zechner itt Boryslaw zttr Genüge bekannt.*) Am 10. Septentber 1807 erließ Hofrath Zechiter einige bergpolizeiliche Vorschriften für das Boryslawer Revier, die zur Folge hatten, dass gerade die kleinen Erdlvachs-- producenten mit eimctin. Schlage ohne jeden Ersatz zu Bettlern tmd über 000 Arbeiter mit ihren Familien, gegen 8000 Menschen, b u ch st ä b l i ch brotlos wurden. Dieselben Erlässe des Hofrath Zechner brachten es aber auch mit sich, dass die Länderbaitk, die bis dahin allztt sehr unter der Coneurrettz der anderen Erdwachs- Prodncentcn gelitten, diese Concurrenz mit einem Sehlage verlor, n a t ü r l i chj s 0 f 0 r t de n P reis f ü r E r dlv a eh s i n! d i e H öhe s eh it e Hie. Herr Breiter, der Abgeordnete der 6. Curie von Leinberg und Herausgeber des „Monitor", hat das Verdienst, in der dönkwürdigen Sitzung vont 23. Mai 1001 diese mtglaubliche Heldenthat eirtcs österreichischen Beetntten zur Sprache gebracht 31t Haben. Das soll dem Abg. Breiter itnvergessen bleiben. Worüber' sich die jüdischen Schtvächlinge im Polenclub gründlich ausschtviegen, was die socialdemokratische Presse nur in böwillig entstellter Farm ihrer Oeffentlichkeit vortrug, das hat Herr Breiter' von der parlamentetrischeu Tribüne in rücksichtsloser Weise erörtert, rntd die unheilvolle Wirtschaft des Herrn Zechner itt Boryslaw, die zahlreiche Fantilien itt ben Hungertod trieb rntd Huuderteit! von Arbeiterit das ehrlieh ertvorbetre Brot raubte, hatte er in tvnckstiger Weise vor Artgen geführt. Wentr Herr Zechner: Herz und Gefühl gehabt hätte, so wäre er erbebt bei der Erinnenmg an die zahllosen Opfer, die der Huttgerkyphris hntweggerafft hakte, und an die Hunderte von Familien, die mit Kind und Kegel nach Canada auswandern tnrisstett, uttd beiin?lbschiede seinen Nanten verfluchten. Doch dieser trocketteBttrearckrathatte kein Gefühl. Di kleinen Producenten solltetr betteln gehen!, die Arbeiter atr Hungertyphus sterben oder airswandern, das fiel nicht ins Getoickst. Zechtter war ein Reformator'. Seine Reformen schadeten der Länderbank gar nichts, sortdern bloß dem kleittett Producenten itttb Arbeiter, von denen die meisten Juden waren. So konnte Herr Zechner seinem reformatorischen Wahne die Zügel schießen lassen. Kein Blatt, auch nicht die „Arbeiterzeitting" hat sich beim Coitflict ztvischeu den Jickeressen der großen capitalistischon Banken und des Proletariats des letzteren angvnonmton, und so ' „Jüdisches PolkSblatr", Inheaana 1899, Nr. 7, 11—14. Schon schalt im* Der Melamed, sein holdes Weib nicht minder, Als wär' 311 tvenig ihnen ihr eig'nes Dutzend Kinder. Das lärmte durcheinander, die eig'nen und die fremden. Die recht und schlecht gekleidet, die andern bloß in Hemden, Die Großen sollten aufstehen, die Kleinsten! sollen liegen. Wir saßen bei den Büchern und sangen unfern .Nigeu. — Die grauen Bände stillten mit nichten unser Sehnen Nach grünen, freien Flächen, die sich zum Himmel dehnen. Nach sonnigen Getvässern und plauderfrohen Mühlen, Nach Mückentanz mtd Zlvitfchern', nach Duft und Jugendspielen; Nach jenen fernen Auen, wo Milch und Honig fließen, Wo Herntons Höhlen themen tmd Sarons Rosen sprießen. Wo ztvischen Flnrgeländen des Jordans Fluten quellen. Wo Palmen Schatten spenden und Kännels Reben schwellen, Wo hell auf gold'nen Gründen die blanken Sensen klingen. Wo Frauen Garben binden lind Mädchen Lieder singen . . . Doch jäh verstummt der Singsang und aller Glanz verschwindet; Veil'nnken und verklungen, tvas froh sich erst verkündet. Verödet ruht der Acker.' und bar der Aehrenmähnen Unb seufzt, als würd' er wahrlich nach Pfleg' mtd Pflug sich fehlten. Ruinen ragen trostlos, geschlagen von Gewittem, Wo unbetret'ne Pfade dem Schrillt entgegenzittern, Dem Schritt von kühnen Männern, die bald aus Schutt und Trüntmern Mit liebevollen Händen ein ucues Wohnhaus zinnnern . . . Jetzt sind sie grau, die Matiertt, jetzt sind sie tobt, die Stätteit, Wb wilde Gärtett trauern, als lägen sie in Ketten. Und eine alte Mutter durchblickt den wilden Garten, Als würde sie die Heimkehr der Söhne kaum ertvarten. - - Im Traume stockt die Zunge, das Auge starrt verloren,