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Jüdisches Volksblatt · 1902-04-04 · 14 (4.4.1902) · page 1

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
4 (1902)
Issue
14 (4.4.1902)
Date
1902-04-04
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Äc&aritim: flll/i, SchLtttzLlsasse 11. Gh»rechst»»de»: Kn Wochentagen von 4 bis 6 Nhr nachmittags. psfiadrifj». Jüdisches AolkSblatt, Wie«» VIIIJl. »rlihwerdrn wegen verspäteter oder gar nicht erfolgter Zustellung erbitten wir uns dringend. — SNai»usertt>t« »erde» »ich« zmÄSgefteM. Postsparcaflen-Lonto ei?v87 In da- Abonnement kann man täglich elntreten Erscheint jeden Freitag KMer Mttwtrkmm der vom ftwischsn Volk» vrrrtrr erwählten Prrfseomrnisston. J»sernte Übernehmen die Kinnen: I. Danneberg, M. Dukes, Haaien. stein » Bögler, Rudolf Moste, 8. Oppelik, M. Pozsonyi, v. Schale! in Wien» ferner alle Vnnoncen-Lrpedittonen tat SuSlande. Gi«zel-Nnmmer in Wie« 16 Heller. Ldminilkration: lll Leopoldsgaffe 49. AbonnementSpreiS: Für Wien u. Oesterreich-Ungar» lammt Francozustellung. Ganzjährig . . Kr. 8.- tzalbjährtg . Vierteljährig. . 4.- Für baS gefammte Ausland sammt Francozustellung. Ganzjährig . Halbjährig . vierteljährig Kr. S - „ 4SN l «Ä5 —HWIIWB Ur 14 Wir«, 4. April 1908 (26. Weadar 5668). «uecagsi^—- --- IV. Jahrgang. BomTage. UichtsalisfaLlionsfiLhig l Eine Gerichtsverhandlung hat wieder die Erinneru-nig an jenen famosen Beschluss der dentschnationalen Studenten, in dem sic den Inden die Satisfactionsfähigkeit absprechen, hervorgenifen. Die Ereignisse liegen jetzt einige Jahve zurück, und es ist Zeit, die Geschichte jener „Entschließung" etwas näher 31t erörtern. Dev Urheber war jener berühmte Dr. U l b r e ch t, der eben von Transvaal heimkehrte und nach Gcbür von den liberalen Zeitungen angestrudelt wurde; lvar es doch keine geringe Heldenthat, mit Hilfe einer eingeleiten Sammlung nach Afrika auszufliegen, muthig hinter der Schlachtlini'e der Buren auszuharren, so lange sie die Oberhand hatten, und im Momente, wo die Sache der Buren schief gieng, sich ebenso muthig von den Engländern fangen zu lassen? Mit Todesverachtung fiel er in Die Gefangenschaft, würde es in dem bekannten Schlachtstile der englischen Jingopvefse heißen. Dieser junge Held hatte aber schon vor Südafrika Siegeslorbeeren gepflückt. Er staub nämlich als Student auf dem Mensurbodeir einein Juden, namens Pollak, gegenüber, den er auf der Straße wegen Gebrauchs der böhmischen Sprache angestänkert hatte, uird wurde von diesem schmählich abgeführt. Er erlitt dabei einen Hieb auf das „Meißl", wobei der Nervus ulnaris durchschnitten wurde. Er hatte also zum Spott den Schaden, denn die Gebrauchsfäbigkeit seiner rechten Hand war auf längere Zeit, vielleicht auf immer, cckrgeschrän'E v*$c konnte also Uns dir fern Gebiete keine Lorbeern pflücken. Aber dieser riuksichtlofe Streber wollte um jeden Preis von sich reden machen. Seine, von schrankenlosem Ehrgeiz erfüllte Brust heckte also jene berüchtigte Verrufserklärung aus. Bald erstanden ihm zwei gleichgesinnte und gleichwertige Bundesgenossen, die „Ostdeutsche Rundschau", der letzte Pressköter von Wien, um ein geflügeltes Wort zu citieren, und eine bis dahin und von da an unbekannte niederösterreichische Verbindung „Campia". Die „Ostd. Rundsch."ist immer dabei, wo es gilt, ans sicherein Hinterhalt jemand anzukläffen, Ehren- Wolf immer dabei, wo es gilt, Verpflichtungen zu brechen. Die „Campia" wieder fürchtete, dass in dem Momente, wo sie Kappen rmd Bänder anlegt, sie sich mit den jüdischnationalen Verbindungen messen müsse, und nach dem berühmten Grundsätze: „Lieber feig als dum m", suchte sie dieser Gefahr vorzubeugen. Dies sind Väter jenes bübischen Beschlusses, der als Denkmal eines wahnwitzigen Chauvinismus immer einen Schandfleck aus dem Schilde des deutschen Volkes bilden wird. Charakteristisch war es, dass der führende Verein im Waidhofener Verbände, die „Philadelphia", der solche gemeine Motive, wie wir sie skizzierten, ferne lagen, sich lange^gegen die Erklärung sträubte; aber die Scharfmacher und Schaumschläger in der wölfischen Rundschau peitschten die Wogen jugendlichen Uebcrschwanges, die Compagnie Albrecht, Wolf & Co. scharte die niedrigsten Gesellen als Leibgarde um: sich, so dass der Widerstand der anständigen Elemente erlahmte; die deutsche Nation war in Gefahr, wenn man nicht diese Gemeinheit begieng; also begieng man sie. Ich will nicht schildern, was damals in der Seele der jüdischen Studenten vor sich gieng; aber jeder von uns, der damals stumm und trotzig an den: der Erklärung folgenden Samstage in der Aula den Grimassen jenes Rudels von feigen Wölfen Trotz bot. schwur sich innerlich, diese neudeutsche Heldenthat nicht zu vergessen. Der Beschluss besteht formell heute noch, aber das, was wir voraussagten, ist eingetrofsen. Alles N i e d - r i g e, G e m e i n e, F e i g e u n d E n t a r t e t e s a m - m eit s i ch un t e r das Dach jener Verrufse r k l ä r u n g; es ist ein schmutziges, aber wirksames Schild der Feigen untere den deutschen Studenten geworden; alle Deutschen aber, die noch einen Funken von Ehrgefühl im Leibe haben, und es sind gottlob nicht wenige, erkennen diesen Beschluss nur formell, nie aber thatsächlich an; haben sie mit Juden einen Ehrenhandel anhängig, so trer-lr sie iüis der VcrblnWivg-'§ur Austragung der Affairc aus und brechen so den BBchlnfs. Eine Gerichtsverhandlung der letzten Woche hat wieder die Schatten der Verchmgenheit heraufbeschworM. Die Verhandlung war nach mehrfacher Richtung interessant. Bor dem Einzelrichbr der Josefstadt, Secretär Dr. Schachner, standen am 29. Mürz der Mediciner Oskar L ö w e n st a m in, Mitglied der „Kadimah" und der Philologe Gustav W e st, Deutschnationaler, jeder als Kläger und zugleich als Angeklagter. Am 15. Februar, gegen 2 Uhr uwrgens, entstaird zwischen West und den Begleitern Löwenstamms in der Universitätsstraße ein Wortivechsel. West forderte schließlich die Visitkarte Löwenstamms, gab sie ihm aber zurück, als er ersah, dass Löwenstamm ein Mitglied der „Kadimah" sei; zugleich erklärte er, nach den Grundsätzen, des deutschakadeinischen Turnvereins bedauere er, sich mit Löwenstamm nicht schlagen zu können; daraufhin versetzte ihm der Mediciner eine Ohrfeige. West klagte Löwenstamin wegen dieser Ohrfeige, letzterer den West wegen des indirecten Vorwurfs der Satisfactionsunfähigkeit als Jude. Löwenstamm wurde von unserem Gesinnungsgenossen Dr. Jako b K 0 h n vertheidigt. Hieraus wurde gegen West verhandelt. Derselbe sagte, es liege keine Beleidigung vor, da es ja bekannt sei, dass der deutschakademische Turnverein an den Satzungen des Waidhofener Verbandes festhalte, nach welchem man sich mit Juden nicht schlagen dürfe, er habe die Karte daher zurückstellen müssen, doch habe er LöwenstainM nicht persönlich gemeint. L ö w e n st a m m : Wenn alle Juden für nichtsatisfactionsfähig verdammt werden, dann sind alle beleidigt und darunter auch ich! Der Zeuge Mar Romanowski, gleichfalls Mitglied der „Kadimah", sowie die Studenten Isidor Schwarzmann und Leo Kauf, schilderten den Vorfall und sind gleichfalls der Ansicht, Löwenstamm sei zugleich persönlich beleidigt worden, da sich die Person von der allgemeinen Satisfactionsunfähigkeit einer ganzen Genossenschaft nicht trennen lasse. West bestreitet dies, worauf der Vertreter Löwenstamms ihn fragt: „Würden S i e es als persönliche Beleidigung betrachten, wenn Ihnen jemand Ihre Karte mit Bedauern zurückstellen würde, da er sich mit Ihnen nicht schlage? — West (zögernd): „Ich kann mich in diese Lage nicht recht hineindenken!" — Verthei di ger Dr. K 0 h n : „Sie sind eben in der glücklichen Lage, sich nicht in diese Lage hineindenken zu können." Wie weiters festgestellt wird, schickte West nachträglich z w e i O f f i c i ere zu Löwenstamm, der aber unter: Hinweis auf die obgeschilderte Straßenscene es nunmehr a b s ch l u g, sich mit West zu schlagen, da ihm dieser die Satisfactionsfähigkeit abgesprochen! habe. Der Richter verurtheilte West zu einer Geldstrafe von zehn K r 0 n e n,. da er durch sein ganzes Vorgehen Löwenstamin offen b a r h e r a b ge s e tz t h a b e. — Bei Löwenstamm lvurde keine Geldstrafe ausgesprochen, weil er über Befragen des Richters erklärt hatte, er besitze absolut kein Vermögen. Beide Veruitheilte ineldeten die Berufung an. , , Das llrtheil ist deshalb bemerkenswert, weil em Präjudiz fiir alle Zukunft damit geschaffen ist. Der Richter hat erkannt, dass das Verstecken hinter einem Beschlüsse die Schuld nicht aufhebe; einfür allemal ist erkannt worden, dass der Vorwurf der Satisfactionsunfähig- Feuilleton. Am Nilufer. Von Her m a n n L i n fl g.*) Wehklagend ruft an brandender Flut Und empor zur brennenden Wolke Um seines verfolgten Stammes Blut Ein Greis aus Judas Volke: ■V \ „Zerbrich, Jehovah, die Götzen von Thon Auf eherneu Fußgeftellen — Erlöse dein Volk von Schmach und Frohn Und den Pharao wirf in die Wellen!" Er ruft es, dann — ein Fluch, ein Schrei, Dann dumpfes Wuthgestöne, Es treibt an dein Alten der Strom vorbei Die Leichen seiner Söhne. Er wirft sich zu Boden und raust den Bart Die gefurchten Fäuste ballend — Und weiter folgt in lustiger Fahrt Ein Boot, von Cymbeln erschallend. Darin geschmückt und jugendfroh Ruht seine Tochter und fächelt Den König, sein Haupt legt Pharao In ihren Schoß und lächelt. ___ . 7f *) Aus dem Buche „Lyrisches". — Wien und Tescheu. - K. k. Hosbnchhandlnng Karl Prochaska. Uebrr den Einfluss der Inzucht und Vermischung auf den politischen Charakter einer Henölkernng. Dr. Albert Reib m a y r.") Soweit wir die Geschichte der ALenschheit überblicken können, hat es v-u jeher in allen socialen Corporationen, welche wir Staaten zu nennen das Recht haben, zwei Parteien gegeben, die sich stets mehr oder weniger feindlich gegenüberstanden. Die Namen dieser Parteien ivaren in jedem Staate und in allen Jahrhunderten verschieben, je nach den staatlichen Einrichtnirgen, lvofür sie gerade kämpften; dieselben änderten sich rvohl auch mit den Ansichten und politischen Zuständen der Parteien. Im tiefsten Grunde aber handelte es sich stets rmd überall ans der einen Seite um die Vertheidignng und Erhaltung des Alten, Hergebrachten, Bestehenden, und auf der anderen Seite um eine Reform desselben oder Neuschaffung, also um den Kampf zweier Parteien, deren Vertreter sich heute „Conservative" und „Liberale" nennen und unsere politischen Lehrmeister — die Engländer — von jeher als „Whigs" und „Tories" bezeichnet haben. Nur muss man diese Worte in ihrem allgemeinen, natürlichen Sinne auffasseu und sie von dem einseitig^ politischreligiösen Beigeschniack, Ivelchcr diesen Namen heute häufig anhaftet, entkleiden. Der conservative politisch Charakter hängt iir allem und federn mehr an dem Herkömmlichen, an den ererbten Sitten und Tebrätlchen, ist daher politisch schwerfällig und kann sich nur, durch die Roth gezwungen, und auch dann nur langsam, peränderten Verhältnissen anpassen. In seinem extremen Zustand, dem der Erstarnmg, scheint der conservative politische Charakter vollkommen unveränderlich zu sein. Doch ist dies nur eine Täuschung, da es in der Natur überhaupt keinerr wirklichen Stillstand gibt. Erscheint nur nnberänderlich, weil er sich so langsain verändert, dass die Beobachtung eines Lebens nicht genügt, um eine wesentliche Veränderung lvahrzunehmen. Da die Religion für jedes Volk den lvichtigsten Factor im Leben darstellt, so kommt guch der conservative politische Charakter natürlich in dieser Beziehung am meisten zur Geltung, und darum hat der conservative politische Charakter nicht erst in neuerer Zeit, *) Politisch-anthropologische Revue, Thüringische Verlagsanstalt, Eisenach. Kern schon bei den alten Völkern stets sich besonders in religiixr Frageir hervorragend bethätigt. ,,a . Diesen eonservativen Charakter lverjen, wie ich bererts rn :iner Arbeit über die Inzucht und Vermischung nachgewresen be?) alle Kasten und Völker auf, die das Jnzuchtprmcrp nicht >r im allgemeinerr hochhalteir, sondern sich diesbezüglich geradezu clusiv verhalten, und es steht der Grad der cvnsevvatwen Geuuntfl ftctS im gleichen Äerchüllnis mit bcm ©rctbc ber cgcluiibcu dicht, welche in der Kaste, im Volke eingehalten wird. Der liberale politische Charakter hingegen \\t rn allem und )em der Gegensatz von denr eonservativen Charakter und zeichrret [) besonders durch eine grosze Beiveglichkeit und Anpassungshiakeit der Geister an veränderte Verhältnisse ans. Er hangt nrcht r Alten, im Gegentheil, das Neue rmd Neueste ergreift der liberale?ist mit besonderer Vorliebe. Im extremsten Grade artet der icrale politische Geist geradezrl in Charakterlosigkeit aus und!>vnnkt inbezrig auf seine politischeii Ansichten und Haiidlungen e ein Rohr im Winde hiir und her. . Diesen liberaleii politischeii Charakter lversen alle jene täiide und Völker auf, »velche einer forttvährenden starkereir Perischnng mit einem Bliite von verschiedenen Charakteren auvgejeyt id und bei lvelchen eS daher nie zu einer über mehrere Generamen dauernden Jnzrrchtperiode kommelr kann. Ä»ii feilen alfo, bcifS bic Uüiiuicflcub coufcvbiiriüc ober itocritle litische Gesinnung eines Eiiizeliirdividnurns, einer Kaste oder res VolkSstanrmes nicht Zufall, noch durch, aupere klrmatrsche Verltnisse bedingt ist, aber auch nicht niissch liefst ich Wirkrmg der Er- .hnirg rmd des Milieus seiir kann, »nie häufig angenommen wrrd. iidern in letzter Linie eine Wirkung des,ererbten Blutes rst, und lar ist die voriviegeird coiiservative Gesiniilmg dre ,stolge eurer rch nrehrere Generationen stnttgehabten Jnzricht zwischen Jndiduen von gleichen oder sehr ähnlichen Charakteren eurer und der chen Kaste oder eines Volkes, lvähreird die liberale Gesinnung > Folge einer Blntmischrnig voir Individuen verjchiedener Kaste»r ,d Völkerstämme ist. ..... Diese Thatsnche stimmt mit den Bevbachtnligeir der st.lnerzuchüberein, lvvnach durch künstliche Znchttvahl em bestnmnter iarakter nur durch eine Inzucht von mindestenö 0—7 Generatro- ,r fixiert, also „eonservativ" in imserem Sinne gemacht werden »n, während durch öftere'Vermischnng besonders mit einem Blute >it abstehender Charaktere >vohl eine grössere Variation m den iarakteren, aber auch fortlvährende Rückschläge riird darum radezn charakterlose Individuen yervvrgebracht werden. Dass politische Gesinnung in der Regel eine angeborene, ererbte ijt, weist anr besten die Kraft, mit der sich dieselbe bethätigt und> über .> verschiedensteil Hindernisse und Hemmnisse den Sieg davon igt. Sie ist eben wie jede ererbte, angeborene Chmaktereigen-

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