Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 4 (1902)
- Issue
- 13 (28.3.1902)
- Date
- 1902-03-28
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Mär; 1902 (19. Mradar 5663). IV. .*** *)«•!.*** •mw/jM.'i Liberale Zünden. Bon der inneren Macht- und Marklosigkcit der liberalen Partei hier des Ausführlichen zu. reden, heißt wahrlich Eulen nach Athen tragen. Aber in der letzten! Zeit ist der Schwächezustaud dieser Orgauisalion so arg geworden, dass selbst die gründlichen Neuner von dein liberalen Ohnmachtszustaud ein wenig überrascht worden sind. Man hätte denken können, dass die alten Schlachtenverlierer denn doch etwas durch die Noth der Zeit gelernt hätten; doch nicht einmal die Noth vermag die Wiener Liberalen zu bessern. Sie stellen unpopuläre Kandidaten auf, sie schieben Halb- und Treiviertel-Autiseunteir in den Vordergrund, anstatt den lvahreu> Ursachen ihrer Niederlagen nachzugehen, treiben sie ärmliche, und erbärmliche, allzukleinliche Wahlstatistik, und bei geschlossener Thüre protestieren sie gegen die reactionären Greuel der Antisemiten. Symptomisch für die Stimmung der Liberalen war eine Versammlung, die einige Tage vor der Wahl in den 2. Wahlkörper, der den „schönen" und „großen" Sieg brachte, im Hotel Central stattfand. t _ Es soll nur nebenbei erwähnt werden-, dass der Begriff der „Nedefreiheit" dieser „antireactionären Masse" unbekannt zu sein scheint, und dass ein va dualer Demokrat, der ein wenig frisches Zeug in die Debatte bringen wollte, einfach niedergebrüllt wurde. Aber wir kommen zur Hauptsache. Die Liberalen beklagen sich über die Wahlmanöver und Wahlschwindel Luegers. Dagegen gibt es aber doch Abhilfe. Wie verhalten sich nur die liberalen Abgeordneten hiezu? Herr Vogler, der Führer der Liberalen i'irt Gemeinderath, bestieg die Tribüne und erklärte, er werde eine Interpellation einbringen, aber eigentlich sei man machtlos. Denn Statthalter und Negierung können der Gemeinde, die auf diesem Gebiete autonom sei, nichts machen. Und er müsse gestehen, dass in den Kreisen seiner eigenen Partei, kein besonderes Interesse für die roimnunalen Angelegenheiten Wiens vorhanden sei. Die Abgeordneten der Fortschrittspartei, so führt er aus, interessieren sich halt mehr für die Frage, ob Brünn eine czechische Technik bekommen soll oder nicht, und dies, fügte er hinzu, könne man ihnen nicht übel nehmen. Der Abgeordnete Vogler vergaß zunächst, dass laut Statut der Statthalter berechtigt, ja sogar verpflichtet sei, bei Missständen, die durch Einrichtung des Wahlkatasters entstehen, einzuschreiteu. Er vergaß ferner, dass enilleton An Judas Weib. Leuchtend in Schönheit Prangst du voll Leben, Judas liebliche Tochter! Rosen Jeschuruus gleich Blühst tut, Zierde des Volks! Stark lvie Deborah, Lieblich wie Esther, Innig lvie Ruth, Bist du des Mannes Gefährtin. Leuchtender Augen Tibfdunkle Gluten Zünden des Mannes 'Liebendes Herz, Schlvellenden Mundes Süßeste Lippen Locken zmn Kuss. Herrlichster Pracht Pranget dein .Körper, .Krone der Schöpfung! Herrlicher aber Als deiner Augen Dunkelste Glut, Leuchtet dein Herz; Süßer als deines schlvellenden Mundes Wonniger .Kuss, Dünkt mich dein Herz, Schönheit des Leibes Schönheit erst gibt, Jüdisches Herz! die Wiener Abgeordneten doch dazn da seien, um innerhalb ihrer Partei .... in erster Linie das „soeiäle sowie politische Interesse" der Stadt Wien zu vertreten. Er vergaß, dass die Fortschrittlichen 25 Mann im österreichischen Parlamente zählen und lvohl in der Lage sind, wenn sie nur lvollen, dem Müiisterinin .Koerber, welches in der liebenswürdigsten Weise auch mit der kleinsten parlamentarischen Gruppe zu unterhandeln pflegt, selbst mit den verschrieenen Alldeutschen, gewichtige Coneessionen abzuringen. Wie gesagt, der. Herr Dr. Vogler vergaß dies alles. Und was sagte die liberale Versammlung dazu? Einige schüchterne Jünglinge schrieen: „Austreten, austreten aus dieser Partei!", sonst regte sich nichts. Man fand lvohl eine solche Stellungnahme ganz in Ordnung, man lvar wohl der Ansicht, so müsse Politik getrieben lverden, man schien entzückt zu sein von so vielen, offen zur Schau getragenen Schlvächen. Weiß der Himmel, die Wiener Liberalen scheinen diese unmännliche Sprache, diese personificierte Unenergie a la Vogler geradezu zu lieben. Eine große Wählerversammlung, in der sich ungestraft eine solche politische Impotenz und ohnmächtige Raunzerei zeigen darf, in der ein! führender Abgeordneter so kleinliche sprechen darf, ohne verhöhnt zu lverden, ist typisch für die Wiener Liberalen. Ihnen! ist nicht mehr zu helfen. Man wird auch von ihnen einst sagen können, lvie Napoleon der Große von den Bourbonen gesagt hat, sie haben nichts vergessen und nichts gelernt. Tirza und die Juden. Mit dem Tode Kolümän T i s z a s hat die Aera des alten Liberalismus in der Politik Ungarns ihren eigentlichen Abschluss gefunden. So lange der alte „General" unter den Lebenden weilte, so lange er täglich im Parlamente erschien und, gebeten oder auch oft ungebeten, seine Meinung aussprach, hatte man dort, wo die ungarische Politik gemacht wird, eine gewisse Scheu, die Tradition zu zerstören, die dieser alte Staatsmann in sich verkörperte. Koloman T i s z a war der Begründer eines Liberalismus in Ungarn, den man füglich den p r o t e st a n t i s ch c n Liberal! s in u s nennen könnte. Ihm haben es seine Glaubensgenossen zu verdanken, dass die Frage des Protestantenliberalismus aus den politischen Kämpfen sozusagen ausgeschaltet wurde und die protestantische Kirche selbst jene dominierende Stellung in Ungarn einnahm, die sie noch bis zum Regierungsantritte S z e l l s innehatte. Dass sein liberaler Standpunkt in der Judenfrage keinem wahren Liberalismus entsprungen, sondern eine geschickte Taktik zur Bemäntelung des eigentlichen Hauptzweckes Krone der Schöpfung, Blühendes Weib! Zierde des Volkes, Jüdisches Weib! Hoffnung des Volkes, Pfand du der Zukunft, Pfand du des neuen Freien Geschlechtes, Wonne des Mannes, Zierde des Volkes, Jüdisches Weib! Emil Schwarz. Wir ivar'n so froh . . . I. R. zugeeignet von Max Eisler. Wir war'n so froh, als er erklang, Der Klingesiugetaumelklang! Nun ist es aus. Zerreißt den Tand Und tretet weinend Stern und Band! Und Harlekin und Musikant Sich still iin alten Stübchen fand, So Märchen fei und Blütenmaid Im düfteheißen Flirrekleid. Ich bin fürwahr kein Königskind, Das saug euch nur der Schnurreloind; Meine Maid ist keine Lilienfrau: Das war nur Spiel. Der Tag ist grau. Ich bin fürtvahr ein Judenknab; Das Lied lvar so schön, und die Welt ist ein Grab- Meine Lilieufrau ist gar nicht schön. Habt ihr schon ihre Thränen gesehn?- Boskowitz, im Weadar 5002. lvar, hat sich^ am deutlichsten zur Zeit des T i> s z a - E s z - l a r e r P r o e e s s e s gezeigt. Seine schlvankende, zweioeutige Haltung in dieser ganzen Affaire hat nicht wenig dazu beigetragen, dass das Verschwinden des. Esther S o l y m o s s y zu einer jüdischen Angelegenheit aufgebauscht lvurde. Unter Tisza lvurde auch die Assimilation der Juden zur patriotischen Pflicht gemacht und es ist bezeichnend, dass die Judeniausen gerade unter seinem Regime die größten Dimensionen angenommen haben. .Nur dort, lvo das Judenthum! dem P!rotestantismus als Deckung dienen konnte, lvurde es in den Vordergrund geschobein und so haben die Juden in llngarn gar manche Begünstigung — für die Protestanten erkämpfen müssen. Kolomau T i s z a ist mit diesem Liberalisnuis alt und dem neuen Regime unbegueni gelvorden. Tie herrschende Partei machte alle Anstrengungen, diesen lästigen Grenzpsahl einer veralteten Politik von der. politischen Herrschaft zu entfernen. Die Rll'ichstagslvahl in G roßw a r d e i n lvar ein Kampf zlvischen T i s z a und S z e l l, aus welchem bekanntlich letzterer als ^Sieger hervorgieng. Der Ausfall dieser Wahl, die Entfernung des „Königs von Bihar", wie er ironisch genannt wurde, gab dem alten, nunmehr lvirklich zum gemeinen Soldaten degradierten Führer den Todesstoß. Nun ist er todt, mit ihm lvurde eine beinahe dreißig.Jahre herrschende liberale Politik zu Grabe getragen; die Tisza-Fraction hat in ihm Stühe und Halt v'erloreu. Der einzige, der in der Schule T i s z a s großgezogen lvurde und noch heute an der Regierung theilnimmt^ ist — der Houvedminister Baron F e j e r v a r y, der ja bekanntlich auch amtsmüde ist. Run kann Szell seine Windspielpolitik ungehindert treiben, feibeni Liebesverhältnis mit den Agrariren und Clericaken steht niemand mehr im Wege. " Für die Juden in Ungarn sind nun ernste Tage gekommen. Wenn sie an der Bahre Kdloman Tiszas ehrlich mit sich selbst abrechnen und sich alle die Unterlassungssünden vor Augen führen, die sie unter der Herrschaft der Tisza-Politik begangen, so müssen sie zur Einsicht gelangen, dass sie stets das bescheidene, gefügige Werkzeug eines der geschicktesten Taktiker gewesen, der, um seine eigenen Sonderzwecke zu erreichen, die Juden entjudete und ihnen Scheinbegünstigungen zukommen ließ, durch welche die Assimilation gefördert nnd der Antiifemitismus lvohl niedergedrückt!, aber nicht ausgemerzt wurde. Nun hat auch der Scheinliberalismus ein Ende; er. gehört wohl noch zum Rüstzeug der ungarischen Politik, aber nur jenen ehrlichem, ungeschickten Antisemiten! intre et extre muros gegenüber, welche die Politik Szells in die Praxis mnl- Isak Erter. (Zu seinem f ü n f z i g st e n Todestage.) Von Dr. I. G ü n z i g, Loschitz. Der Mensch ist ein Kind seiner Zeit nnd seiner Umgebung, von denen er lernt und nnninnnt. Sein Denken und Empfinden, die Bildung seiner Anschauung, die Entwicklung und Festigung seiner Lebensrichtnng und Lebensweise werden von ihnen beeinflusst. Wir tonnen noch so sehr partiklilaristisch und exclusiv sein wollen, die Ältacht der Zeit und der Umgebung ist stärker, sie reiht uns allmählich an sich und bricht die Schranken, lvelche trennen und scheiden. So gestaltete es sich mit der Wiederaufnahme der jüdischen Wissenschaft, der Kunst und Poesie unter den Juden Polens. Der Eifer, mit dem die Völker dieses Landes nach dem heißen 5tampfe für die Freiheit im Jahre 1830 sich der Pflege der Wissenschaften Hingaben, Philosophie und Poesie zu ihren Lieblingsstudien machten, konnte nicht ohne Einfluss auf die unter ihnen lebenden Juden bleiben. Hierzu kam die glücklichere Stellung, deren sie sich mit nur geringen Unterbrechungen seit der Juli-Nevolution, durch welche sie aus ihrem patriarchalischen, idpllischen Stillleben in das bewegte Weltgetriebe hineingerissen wurden, in ihrem Heimatlande erfreuen durften. Das alles ivirkte ungemein belebend auf sie; Philosophie und Poesie fanden bald auch bei ihnen neben anderen Wissensfächern eine Heimstätte. Die Sprache dieser Poesie tvar die h e b r ä i s ch e; sie galt den Inden noch immer als die heilige, in der die Propheten geredet und in welcher die biblischen Bücher abgefasst tvurden; ihre Worte bildeten den Ausdruck ihrer tiefen Empfindung, die bei ihnen das religiöse Leben lveckten. Die hebräische Sprache feierte da ihre Verjüngung und Auferstehung. Wieder sprudelte der Quell der hebräischen Sprache voll Frische und Lebendigkeit, ein neuer Lebensodem durchwehte sie und rnachte sie schwungvoll. Unter denen, die dtirch ihre poetischen Arbeiten eine Belebung des Hebräismns bewirkteil, nirnmt der um die Aufklärung seiner Landslerite hochverdiente I s a k E r t e r den ersten Rang ein. Isak Erter hatte sich unter den allernngünstigsten Ilmständen allgemeine Bildung angeeignet und sich ertüchtigt, durch das Fremde den Wert desllrinnern zu erkennen. DieSchönheit undSnhigkeit der hebräischen Poesie, ihre Hoheit und Einfachheit hat Erter noch tiefer als Herder erfasst, iveil er vertrauter mit ihr war. Er konnte die hebräische Sprache lvie eine Alnttersprache behandeln. In ihr feierte er den Zauber der Schönheit, die Wunder der Dichtkunst, und zeigte in feinfühliger Auswahl die Gesehe, durch welche die hebräische Muse immer und immer auf das Gemüth lvirkt. Es fehlt ihm nur ein!.