Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 4 (1902)
- Issue
- 12 (21.3.1902)
- Date
- 1902-03-21
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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A Yd^ction: ¥111 Sff«J-tK*l=V4*XJÖLrflJfß ii. «kveechfwsve«» fln lktocöenr»gni um 4 6t« 6 Uhr nachmMag«.; Jübtsckrö «ottSVUeM, Mir«, VIII,L. Srslhw'rdrn »»eecn vkrftüteler oder -ur nicht rrfoknter Zustellung erbitten wir uns dringend. — Wümenserwte werde« nicht znrüSgefteNI« yostsvorLaffeNl-Soltti, «47067. In da« «wonnemenl kann man täglich eintrele». txmzv MirvrtrKrrng btx vum MdiMren Pvlttsvr-rxin erwStzttLN Prersrammifston. Areferai» übernehmen die Firmen: I. Lanneberg, M, Duke«, Hansen« *rtn L Bögler, Rudolf Muffe, fl. Oppelik, M. Pozsonyi, ill. Schale! in Mien. ferner alle Unnoncen-ltxpeditioncn im LuSlande. Adminlllralwn: II. Leopoldsgasse 49 AbornremerrtSpreiS: Mir «Sie« v. Oesterreich-Ungar« sammt Francozustellung. M«zer»N«mWer irr Wie« I« Heller. «anzjährig Halbjährig vierteljährig Kr. 8.- : - Für daS gelammte AnSland lammt Francozustellung. Kr »anzjährig Halbjährig Vierteljährig ».- 4M 5M9S f3HHBWI«WBre»W*t«»s^i¥sr Ur. 13 Wien. 21. Marz 1903 (12. Weadar 8663). IV. Jahrgang. —-«"—n-if-T>II1~*I “TT fl 1 Bom Tage. Der Ausfall der Geineinderathrwahlen Die Renaissance der Liberalen, auf die bis in letzter Stunde manche gläubige Gemüther hofften, ist wieder einmal ausgeblieben. Kein Fort schreiten in der Gunst des Publikums ist zu verzeichnen, keine aufstrebende Tendenz ist ersichtlich, trotz alles Raschelns im Zeitungswalde. Die Antisemiten haben alle ihre Positionen behauptet, man hatte wieder einmal umsonst Fanfare geblasen. In der Leopoldstadt insbesondere haben, die liberalen Wähler Grund genug, wieder einmal an ihre sündhafte Brust zu schlagen. Der 3. Wahlkörper zählt, wenn man absieht von den erst zu reclamierenden, an 1700 jüdische Stimmen. Die Gesammtsumme der abgegebenen Stimmen ftir die liberalen Candidaten betrug 1200, und die Kenner des Bezirkes versichern, dass darunter doch an 300 arische Stimmen mindestens waren. Im ganzen haben also nur 900 Juden, etwas über 60 Percent, für die liberale Liste gestimmt. Was folgt aus dieser nüchternen Rechnung? Für liberale Wähler sehr wenig, für jeden objectiven Beobachter aber sehr viel. 900 jüdische Stimmen, das heißt, die Liberalen haben es nicht vermocht, die Juden aus ihrer Lethargie zu reißen, sie verstanden es nicht, ihnen ihr besonderes Interesse grade an dieser, Wahl plausibel zu machen. 900 Stimmen, das ist ein Protest gegen zwei halb antisemitische Candidaten. Neunhundert Stimmen, das heißt, die Juden der Leopoldstadt wollen nicht, dass ein einziger, und zwar persönlich sehr anständiger, aber kranker und gebrechlicher Jude den dritten so starken jüdischen Wahlkörper im Gemeinderath vertreten. Das alles lehrt uns die nüchterne Rechnung. Wir führten vor der Wahl an leitendem Stelle aus, dass wir unseren jüdisch-nationalen Candidaten, Hermann Plaschkes, aus verschiedenen Gründen zurückzogen, unter anderm auch deshalb, weil wir einfür allemal den Liberalen der Leopoldstadt die bequeme Ausrede nehmen wollten, dass sie ohne unser Dazwischentreten gesiegt hätten. Denn wären wir in die Agitation eingetreten, so hätten uns die Liberalen immer zurufen können: Ihr hindert uns im Kampfe gegen den Antisemitismus. Man sieht j e tz t, was sie gegen den Antisemitismus vermögen! Dass sie die christlichen Wähler nicht in größerer Anzahl heranzuziehen vermögen, nehmen Nur ihnen nicht übel, dass sie aber nicht mehr als 60 Percent der jüdischen Wähler zur Urne bringen konnten, zeigt aufs deutlichste, wie sehr die Liberaleu der Leopoldstadt abgewirtschaftet haben. Wir gestehen es offen ein, wir haben auch die Macht der Socialdemokraten der Leopoldstadt sehr überschätzt. Nach unseren Privaterkundigungen stimmten sie alle wie ein Mann für die liberalen. Candidaten — 900 jüdische und 300 christliche Stimmen. Ein trauriges Resultat fürwahr! Die jüdischen Comitees der Leopoldstadt müssen daraus endlich die Lehre ziehen, erst dann, wenn sie geschlossen b <e w usst als Juden auftreten werden, wird es ihnen gelingen, auch die faulen jüdischen Wähler aufzurütteln.Dann werden die Juden wenigstens wissen, wofür sie kämpfen!! Zugleich aber werden auch viele christliche Wähler, die nicht antisemitisch gesinnt sind, sich sagen, für anständige Juden, die stolz ans ihr Volksthum sind, die sich nicht ihres jüdischen Namens schämen, die offen kämpfen und nicht für antisemitische Candidaten eintreten, denen können lvir eher unsere Stimmen geben. So war denn die Zurückziehung unserer Candidatur eine glückliche Idee. Sie hat dazu geholfen, die Machtlosigkeit der Liberalen ins grellste Licht zu setzen. Sie hat auch den Juden gezeigt, was sie in Zukunft zu thun haben. Jüdische Wähler der' Leopoldstadt, werdet bewusste Juden, s ch ä m t E u ch nicht Eures V o l k s t h u m s , und Ihr werdet siegen, oder im Kampfe gegen Eure Gegner r u h m v o l l u n t e r l i e g e n. A«snahms;ustand. R. B. Dos österreichische Abaeordnetoghaus beschäftigte sich eifrigst mit einer Verfügung des Ministeriums, durch welche der Arlsnahmezustand über Triest und Ilmgeb ung verhängt wurde. Wer diesen Verhandlungen folgte, den Anklägern und Verth eiüi gern dieses Ausnahmszustandes, kann sich einer satirischen Bemerkung nicht verschließen. — Zunächst sehen wir ein eigenartiges Umkehren der gegenwärtigen Verhältnisse in allem und jedem. Der Starke, der Mächtige muss Rede und Antwort stehen dem Ohnmächtigen, der Ministerpräsident dem jüngsten Mitglieder des Abgeordnetenhauses, der machtum gürtete Arier dem schwachen Semiten, recte Juden. Sehen wir uns die Sache an, welche beide Persönlichkeiten bewegt: hat diese nicht auch ihre Launen? Der jüdische Abgeordnete nimmt sich der Sache der römischkatholischen Arbeiter an, als ob nicht hundert Katholiken im Reichsrathe säßen, nimmt sich der Stadt Triest an, als ob nicht Jtaliner und Triester dort in gehöriger Anzahl sich befänden, die es in erster Linie angehen muss. Schließlich gibt es in dieser Frage gar kein specifisch jüdisches Interesse, das verletzt wurde. Man wird uns entgegenhalten: Elbogens Waffengang mit dem Ministerpräsidenten galt ebensowenig der Feuilleton. Der Traum Mordechais. (Eine Legende aus „Jalkut Megillah".) Mordechai sah in seinem Traume: Siehe, ein gewaltiger Sturm, ein donnerndes Beben, ein finsteres Gewitter breitet sich über dem ganzen Erdenrund und Grauen erfasst dessen Bewohner .... Zwei Drachen mit weitgeöffnetem Schlund stehen wetteifernd gegenüber und ihrem, schauderhaften Grinsen und grimmigen Zischen, lauscht die ganze Welt. Ein kleines Völklein steht dazwischen und alle Völker der Erde unterdrücken und peinigen diesen kleinen, schwachen Stamm. Dunkelheit, Finsternis umfängt die Welt, das Volk leidet und duldet und klagt sein an ihm verübtes Unrecht vor Gott. Das Volk betet, fleht zum, Unsichtbaren. Doch die Drachen kämpfen weiter fort. Und siehe da, eine Quelle sprudelt hervor aus verborgenen Felsen, sie nimmt ihren Lauf inmitten beider Drachen . . . Die Quelle wächst und tvird zum Bache — der Bach, der steigt und wird zum Meere —- das Meer öffnet alle seine Schleusen und überflutet den ganzen Erdkreis. — Die Sonne leuchtet . . . Das kleine Volk erhebt sich wieder. und Friede herrscht wieder auf Erden. Schaurig ist das Bild, das Mordechai im Traume geschaut, aber von großer Bedeutung. Der Sturm, der'so mächtig braust, das Gewitter, das wolkig das Firmament umzieht, das ist — die Judenfrage mit allen ihren Ursachen und Folgen. Die ztvei großen Ungeheurer mit den Drachenköpfen sind — die Assimilation und der Antisemitismus. Verschieden sind die Gifte, die diese zwei Drachen airsspeien, aber beide zugleich tödtend .... Das Volk, welches sie zu vernichten drohen, heißt Israel. Die jüdisch-nationale Bewegung ist der Quell, der aus verborgenen Felsen, hervorfprudelte und der rnitten den beiden! wüthenden Ungeheuer seinen Lauf nahm. Und dieser Quell steigt und tvird zum Bache, vom Bache zum Meere und erst dann, wenn düse Strömung die ganze Welt 'umflutet haben tvird, und sännntliche Juden in ihren Strom, der nicht ertränkt, sondern frisches Leben gibt, hineinreißt, ist es zu hoffen, dass das Volk sich wieder erhebt und —- Frieds ist wieder auf Erden. Weadar 6662. Samuel Meisels. Jeremias. R a ch d e m B ilde Don ß e f f e r u r y. Von Georg Hirschfeld. Alls Bergeshöhe, nicht auf deine Höhe Gelangt die Sehnsucht meiner stummen Seele, Allvater, Sternehüter, Herr, mein Gott. Unweit Jerusalems, der Stadt, tvo Menschen wohnen, Erstieg ich diesen Berg, und nicht zu dir, Zu mir kamZch, zu meines Geistes Gipfel. Und also lagr' ich mich. Nachtschatten, Grain Umhüllen Tral verschleiern gleich die Glieder, Und meine Augen bangen in die Höhe, Wo ferm im Blau die bleichen Sterne zittern. christlichen, wie der jüdischen Sache, er galt ja dem Socialismus, zu dessen Vor- und Fürsprecher der Jude Elbogen sich aufwirft. Wohl erscheint uns das Vertreten einer guten Sache, so dasselbe von den uneigennützigsten Motiven geleitet wird, als oas höchste Ideal, der Arbeit der Edelsten würdig, schon gar eines Juden, welcher von der Vorsehung dazu prädistiniert zu sein scheint seit 4000 Jahren. Allein die höchsten moralischen Erfolge der Einzelpersonen können nicht jenes Rischuth wettmachen, das unserem Volke hiedurch eingetragen wird. Ich erinnere an den Antisemitismus in Deutschland; nach der großen, siegreichen Redeschlacht des edelsten jüdischdeutschen Patrioten Lasker forderte Bismarck Revanche für die parlamentarischen Fehden. Um der Gegenwart und speciell unserem Vaterlande näher zu treten, will ich eine Thatsache erwähnen, welche bis nun nirgends ausgezeichnet erscheint, für deren Nichtigkeit ich mich mit meiner Ehre verbürge. Man wird sich vielleicht an das Jahr 1879 erinnern, da die österreichischen Völker ein Kaiserjubiläum feierten. Natürlich hat die Liemberger jüdische Geminde eine Abordnung in der Person des seligen Predigers Löwenstein nach Wim entsendet. Da ich dazumal in Wien meinen Studien oblag, wollte ich über die Verhältnisse Lembergs mit dem Repräsentanten Leinbergs Rücksprache pflegen und kam auch im „Hotel International" mit dem Prediger Löwenstein zusammen. Gerade kam er vom Ministerpräsidenten Taaffe von der Audienz: fast gebrochen warf er sich auf das Sofa. „Was ist Euer Ehrwürden?" „Fragen Sie nicht, lieber Doctor, die Audienz, bei Taaffe kostet mich meine halbe Gesundheit." „Nun, was fiel denn vor?" „Hören Sie, was der Ministerpräsident für eine Meinung von den Unserigen hat. Als ich über das Ueberhandnehmen des Antisemitismus in Galizien klagte, erwiderte derselbe: „Ja, ich weiß es wohl, weiß, dass die Herren Israeliten denselben Hervorrufen, selbst in hohen gesellschaftlichen Kreisen. Und wenn derselbe heute noch nicht losbricht, ist es uns zu danken." Darauf dem Ministerpräsidenten zu erwidern, war ich weder vorbereitet noch gefasst, noch hatte ich Zeit, mich zu sammeln, denn schon war ich entlassen." — Wir, die Mit- und Nachwelt dieses gewaltigen Regierungsmannes wissen, was sich seither aus dem Gifthauche jener Zeit entwickelt hat, die geistige und sociale Fäulnis im allgemeinen mtb die Zersetzung im jüdischen Lager, Antisemitisnuss und Astmitismus, Pseudodemokratismus und Pseudosocialismus. Wir kommen nun nochmals zu Herrn Dr. Elbogen und wollen mit unserer Ansicht nicht hinter den Bergen halten. Herr Dr. Elbogen, bewährt durch parlamentarischen Muth, ausgerüstet mit allen nöthigen Eigenschaften eines Wo bist du, Herr? Wo waltet dein Gebot? In uns nicht, denn, du hast uns ganz verworfen. Und dort auch nicht, wo sich das Firmament Dem Auge schließt, dem blinden Geiste offen, Ins All ihn lockt, das einig ihm versagt. Denn sieh, du bist kein weitgeflügelt Wesen, Das über uns von Stern zu Stern sich schwingt. Dii bist das Ziel, der innigste Gedanke Des Menschen, den du nach dir selbst geformt, Und dieses Räthsel — daran scheitern wir. Das ist der Fels im wilden Meer des Seins, Zu welchem ilnmer wieder unser Schifflein, Dem Steuer unsres Willens trotzend, hintreibt, Und jäh zerschellend lvirft es uns ins Meer. Wo bist du, Herr? In uns näht, und auch droben, Bei einsam hohen Sternenscharen nicht, Und doch in uns, und droben auch, deine wir Erblicken, dich, und du hast uns erblickt. Wo bist dll, Herr?-Du hast mich eingesetzt. Durch tausend Menschelmlter soll ich wandern, Ha Ein ruhlos Gleichnis dieser argen Welt. Und in mein Herz gabst du zu jener Stunde, Als iiber mir der Aether, unter mir Das Meer im Schauer der Erwartirng lag, Die Gabe, dich zu künden.) deinen Willen. Ins harte Herz zu hämmern allem Volk. Du salbtest mich, und ich ward dein, o Herr, Und trelllich that ich meine schloere Reise. Denn wer die Wahrheit trägt in dieser Welt, Der trägt ihr Weh, und schwer, mein Vater, schwer Jst's, so zertrümmert noch dein Bild zu sein. »