Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 4 (1902)
- Issue
- 11 (11.3.1902)
- Date
- 1902-03-11
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 91% known words query
- IRI
…/2432763-2432917-2432928--1390-2435142- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
i oleöacnun: fr Mi/i, ü- Clite&ftlliKt)?R t An «Voi-rntauün von 4 ü<S 0 |j(!jt nachmittag-. L>--av»,si» - AüdlfcheS MottSblatt, Wie«. »-?r^wrrd«u »egrn verspätrter ober ^ar nicht moigter tWcaung -rbitten am mrS drinqenL. mannlvclbtt tew&en «Ich« tnrSckg-stellt. ttostitiarcaiini-knnto K470JJ7 An Bufl tflbOKttcwent kann man täglich eitittrtro jgitlimttmnß ikxr m:m; tili Hüten JHtJih» fKPtxiii WwAyll^N fircf?r.f.nntuiritnn. lidernedmen vte Hinnen A tiunnenorg, M- Duke-, Haaie« i'w & >8ogler, Rudolf L'Uisie, A. Lvpclch Vt Lyzsomit, 0. LSalek in Wien, irrner alle Nnnonce»-Lxvpniiivnen im Sk »-lande ^L«zet.NnMWer i« Wien ZO Heller. «i mtntlüMtum : m. Leopoldsgaste 49 Akn unemetttÄpretS: i?ä» WJten n. Oefterret«v»ttn„ac» •amm» HranionMellun« üalbjäUrig liierteljätiriq ftt. „ 4 - „ 2 — tfiir daS orinnnutr AluSlarrd uimmt iliniicozittleNung. GmizläKris, ... fit. 9.— naluiäljrtfl . „ 4.50 wifrtcljfthrifl » 58155 * MJVW*Y*I «A'UVl«*- -Jt >, fr T >u Sil. 11 Wie«, 14. Märr 1»03 (5. Wcadar II. S66Ä). IV. Jahrgang. In den Märztageu. Von Leo Sofcr. O saget nicht, dass lvir die allgemeine Freiheit. Verriethen, da wir Judas Banner kühn entrollten. Soll denn die gold'ne Freiheit leuchten allen Völkern, llnd nur mein Volk die Nacht der Knechtschaft ewig tragen? Traun, soll ich sein ein feiger, ehrvergess'ner Bube, Der schnöd sein Volk verlässt, mit dem Bedrücker buhlt, Weil es im Elend lange, allzulange schmachtet? Und wenn nicht w i r, w e r soll für die sein Wort erheben, Die alle Güter der Cnltnr sich zäh errangen, Und nur das Höchste, Freiheit ihrer Ahnen, nicht? Und wenn nicht jetzt, wann denn? Es rast die See und giert Nach neuen Opfern. Drum alle Mann an Bord! Es gilt! Noch ist in Juda nicht der Geist Makkabis todt. Noch hoffen wir und werden nie zu hoffen uns entwöhnen. Zu den GemeinderalhZwahlen. Die Jüdische Volkspartei ist gemäß ihrem Programme national-social. Wie in zahlreichen Vcrjctmmlungen und Artikeln ausgeführt lvurde, können lvir uns ein nationales Ausleben nur denken im Rahmen der socialen Wirksamkeit. Von diesem Gesichtspunkte aus ist die Jüdische Volkspartei auch in die Gemeinderathswahlen eingetreten. Jin dritten Wahlkörper des 2. Bezirkes haben wir Hermann Plaschkes nicht allein wegen seiner persönlichen Eigenschaften ansgestellt, sondern iveil er ein Mann mit ausgesprochen demokratischer Vergangenheit, unser jüdischesProgranun zugleich verkörpert. Wir zählen in unseren Reihen sicherlich wissenschaftlich gebildetere Leute wie Hermann Plaschkes; aber er war der richtige Candidat für den 3. Wahlkörper, der dazu berufen, in erster Linie Volksmänner in den Gemeinderath zu entsenden. Wir lvollten zeigen, dass es uns ernst ift mit dem Streben nach socialen Reformen. Um eine reine Zählcandidatur konnte es sich nicht handeln. Wir brauchen unsere Stimmen nicht zu zählen, lvir kennen nn.- sere GesinnnngsgMosfen, und mann kennt auch uns. Aber wir waren der Ansicht, dass für Hermann Plaschkes nicht nur die Jüdischnationalen etntreten können, sondern auch alle social und socialdemokratisch gesinnten Juden. In der That, in einer Versammlung nach der anderen traten die jüdischen Socialdemokraten aus, die für ihre Person, wenn auch nicht int; Namen ihrer Partei, sich siir die Candidatur Plaschkes' erklärten. „Gegen die Liberalen", so hieß es, „können wir Zusammengehen!" Da trat das Unerlvartete ein. Das Organ der socialdemokratischen Partei griff uns im der unerhörtesten Weise an. Wir haben also gesehen, dass ein Theil des jüdischen Proletariats noch nicht reif ist für eine Politik, die zugleich national und social ist. Unter diesen Umständen ist es besser, vorläufig noch nicht in den Wahlkamps einzutreten. Wir lverden es scharr verstehen, die Juden über ihre Ausgaben und Interessen aufzuklären. Der Beifall, der unseren Rednern bei den Wählerversammlungen in so ausgiebigem Maße zutheil lvurde, die zahlreichen! Zuschriften, die uns während der Wahlcampagne zugegangen sind, beweisen es uns zur Genüge, dass unsere bisherige Agitationslveise die richtige war. Wir lverden weiter agitieren, lvir werden in wenigen Jahren stark genug sein, um gegen die Liberalen, die anständige Menschen, aber schlechte Politiker sind, gegen diese Anhänger des ertremen EapitalismuS auch ohne die Bundesgenossenschaft der Socialdemokratie zu siegen. Wir lverden niemand brauchen, weil die Judcnnoth schon von. selbst für uns agitiert. Die Zukunft gehört uns! Es ist der letzte jüdisch-nationale Candidat, der znrmckgezogen lvurde, gestärkt, ermnthigt, voll Siegeszuversicht gehen lvir ans diesem Wahlkampfe hervor; die Liberalen können nicht, die Ausrede haben, lvir haben sie bei ihrem Werke gestört, die Socialdemokraten lverden es aber bitter bereuen, eine bürgerliche Partei nicht unterstützt zu haben, die ihnen programmatisch und taktisch so nabe steht. Die Socialdemokraten sind eben zu verstidet, itni sich den Juden gegenüber zu einer vernünftigen Politik aufztu raffen. Lin Noihschrei. Die Noth unserer rumänischen Brüder schreit zum Himmels Eine gewissenlose Regierung, die durch ihre Misswirtschaft das Land an den Rand des Abg rund es gebracht hat, sucht nach bewährtem Muster dem Volke die wahren Ursachen der rumänischen Krisis zu verschleiern und hetzt es auf Juden; eine Gesetzesvorlage folgt der anderen, mit dem durchsichtigen Zwecke, den Juden den Weg zu allen Bernsen abzuschneiden. Wir haben seinerzeit das Ruralpolizeigesetz in diesen Blättern besprochen; die bloße Publication des Gesetzes genügte, ein solches Aufsehen nicht bloß in Rumänien zu erregen, dass die hochweise Regierung es für nothlvendig fand, mittelst lügenhafter Dementis die Besorgnisse Europas zu zerstrenm. Aber bald legte sie die heuchlerische Maske ab. Das Gesetz ist aus den Berathungen der Sectionen mit einigen Abänderungen hervorgegangen, welche jedoch die Härten nicht mildem, sondern wesentlich verschärfen. So ist Artikel 25, welcher bestimmt hatte, dass diejenigen „Fremden", welche auf Grund des Artikels 4 des Communalgesetzes von: Jahre 1887 in den Dorfgemeinden wohnen, nicht belästigt werden sollten, von der Commission gestrichen worden; es sollen nach dem Inkrafttreten des neuen Gesetzes auch die bereits ansässigen Fremden neuerdings die Erlaubnis zum weiteren Verbleiben auf dem Lande erst nachsuchen müssen. Da diese Erlaubnis nur nach Erfüllung sehr vieler — schon nach dem bestehenden Gesetze — kostspieliger, und vexatorischcr Formalitäten ertheilt wird, so Ist die Tende-^.'stcht zu verkennen. Die Commission hat überdies -Mh'Fveütalitätcn uni eine vermehrt, indem sie die Erthellung der Erlaubnis noch von der Beibringung eines SittenMgnisses seitens der früheren Ortsbehörde abhängig gemacht hat; dabei ist es bezeichnend, dass die Commission selbst in ihrem Motivenberichte erzählt, die „Rumänen" seien von diesem Zeugnisse zu befreien, weil es in vielen Fällen überflüssig und Vera torisch ist! Artikel 40 des Aurelian'scheu. Entwurfes, wonach keine öffentliche Unternehmung welcher Art immer, Wirtshaus, Herberge, Warenhandlung, Kaffeehaus, Bäckerei usw., ohne besondere Bewilligung des Gemeinderathes und Zustimmung des Präfecten eröffnet werden darf, ist in der ursprünglichen Fassung geblieben, was einer völligen Unterdrückung von Handel und Verkehr für viele tausende der sogenannten „Fremden" gleichkonunt. Ein Zusatz zu Artikel 51 verbietet ferner den Verkauf von Bodenerzeugnissen, Lebensmitteln und Kleidern in öffentlichen Etablissements. Doch nicht genug an dem. Das Ministerium brachte ein H a N d w e r k e r g e s c tz ein, das sonderbare Modisicattonen in den Satzungen erfahren hat. Die Commission, zu welcher auch Assan, Präsident der Bukarester Handelskammer, und als Berichterstatter E. I. Bratiann, ein Sohn des ehemaligen Ministerpräsidenten, gehören, erklärt selbst in ihrem Motivenberichte, dass die „die Forderung der rumänischen Handwerker", nämlich der antisemitischen Manifestanten — in vollem Maße erfüllt und ihnen die verlangten Zugeständnisse gemacht habe. Demgemäß bestimmt Artikel 05 ihres Entwurfes: In allen Unternehmungen von öffentlichen Arbeiten bis zum Betrage von 30 000 Francs lverden die rumänischen Unternehmer bevorzugt, auch wenn ihre Angebote um 6 Pereent th eurer als die der anderem Conen rrenten sein sollten. Die anerkannten rumänischem Ha n dlverkergeseilschatten werden bei öffentlichem Licitationen nur die Hälfte der verlangten Cantion zu erlegen haben; „fremde" Unternehmer werdet! zu Licitationen nur dann Zugelassen, wenn sie beweisen, dass „in ihrem Vaterlande" dem Rumänen Reeiprocität gewährt wird, lvas inbezug ans die Juden, die keine andere Heimat als Rumänien kennen und doch konseguent als „Fremde" bezeichnet lverden, nur eine Handhabe zu lvillkürlicher Ausschließung bietet. Nach Artikel 44 können sich Handwerwr-Gesellschasten nur ans Antrag von „Rumänen" bilden. Zn Artikel 5(>, betreffend Geiverbe- und FortbildnngSschulen, kam. ein Alinea hinzu, wonach die Zöglinge dieser Schulen mindestens zu drei. Vierteln „Rumäneu" sein müssen. Artikel 70 in der neuen Fassung schließt die „Fremden" vom Vorstande der (Kelverbe-Eorporationen, Artiel 74 von den Schiedsgerichten ans. Diese Gesetze würden, wenn sie in Kraft treten sollten, neuerdings den Ruin, von tausenden jüdischen Familien zur Folge haben, die alle bürgerlichen Pflichten, einschließlich der Militärpflicht, erfüllen, und von der R'egiernng, trotzdem die rumänische R'ation ans dem Berliner Eongresse feierlich ihr Wort verpfändet hat, wie Fremde behandelt lverden! Wahrlich, selten hat eine Nation ihre junge Freiheit so prostituiert, wie die rumänische; noch lebt die Gieneration, die alle Schmach der türkischen Gewaltherrschaft am eigenen Leibe verspürt hat, und trotzdem schämt sich dieses Volk nicht, viel ärger gegen die Juden zu hausen, als es der Türke gegen den Rlnnänen gethan hat. Eine unabsehbare Katastrophe ist in Sicht! Und in diesem Momente, wo die rumänische Negierung gleich einem Wegelagerer den unglücklichen Juden an die Gurgel fährt, um ihnen die letzte Luft zum Athmen zu rauben, in diesen: rumänische Regierung it 250 Millionen Francs aufnehmen. Wir rufen aber unseren Stammesgenossen in Berlin zu: An den Händen dieses Stourdza klebt das Blut und der Schweiß vieler Menschen, die kein anderes Verbrechen begangen haben, als dass sie als Juden auf die Welt kamen. Wenn Ihr einen Funken Ehrgefühl im Leibe habet, lvenn Ihr nicht ein Gegenstand der Verachtung von ganz Europa sein wollet, so müsstet Ihr mit Abscheu diese Hände zurückweisen. Tausende Eurer unglücklichen Brüder sehen^ in diesem Momente gespannt auf Euch. Werdet Ihr diese Probe bestehen? Habt Ihr auch kein jüdisches Gefühl, sind in Euren Reihen auch Christen, so ist Euch trotzdem der Weg gewiesen. Tausende von MenschKP sind e§, Väter,. Mütter und Kinder, Dieeine bis ins Mark verderbte Horde verfolgt. Und Ihr hättet den Much, diese Horde noch zu — unterstützen?!? Wir haben absichtlich an Euer Ehrgeftihl ap-. pelliert, wir ivollen Euch nicht die geschäftliche Seite vor Augen führen, die es als va banque-Spiel ohnegleichen evscheiuen lässt, einem Staate, der vor dem Bankerotte steht, 250 Millionm aus Nimmerwiedersehen in den Rachen zu iverfen. Wir sind überzeugt, dass wir nicht umsonst gesprochen haben; denn wahrlich, die Erbitterung des jüdischen; Volkes gegen die Rumänen wäre nichts im Pergleiche mit der Erlsttternng gegen Euch, wenn Ihr wirklich so ehr- und pflichtvergessen sein solltet. Und diese Erbitterung wird keine platonische bleibett. Solltet Ihr wider (unser Erwarten dieser rumänischen Räuberbande unter die Arme greifen, so wird kein Monat vergehen und Massen von rumänischen Ausivanderern! lverden vor. Euren Villen im Thiergaftenviertel stehen, und die Flüche dieser Ausgestoßenen lverden Euch fürchterlich in die Ohren gellen. Dr. Straxcher unser Gesinnungsgenosse im Parlamente. Das war endlich einmal ein Tag des Gerichtes und der Abrechnung mit den: Antisemitismus und den Parteien, die die Judenhetze bethätigen und betonen, betonen und nicht bethätigen oder bethätigen und nicht betonen. In Üei' Sitzung des Abgeordnetenhauses vom 6. März hat der Abgeordnete Dr. Straucher, der Präsident des Jüdischen Volksvereines in Ccernolvitz, in einer zlneieinhalbstündigen, großangelegten und formvollendeten Rll'de diese Abrechnung mit unseren Widersachern gepflogen. Selbstverständlich hat der antisemitische Blätterwald von den Auslassungen Strauchers gegen den Atttisemitisnuis keine Notiz genommen. Allein auch die fortschrittlichen Blätter konnten oder lvollten nur einen mageren Auszug dessen geben, lva.s Abg. Dr. Straucher an Anklagen gegen die moderne. Strönumg vorgebracht hat. Zn unserem lebhafteil Bedauern gestattet uns der beschränkte ÜHcuim des „Jüdischen Volksblatt" nicht, die denkwürdige Rede des Abg. Dr. Straucher vollinhaltlich und ihrem Wortlaute nach abzudnicken. Wir müssen nus daher zu unserem größten Leidlvesen daraus beschränken, nur die allerlvichtigsten Stellen aus derselben zu bringen, möchten aber schon jetzt, denl Wlmsche einer großen Zahl von Ostanbeilsgenossen Rst'chnnng tragend, darauf Hinweisen, dass es sich empfehlen lvürde, die Parlantetttsrede Tr. strauchers in Bücherform in Himderttansenden von Eremplaren zu veröffentlichen und in den weitesten Bevölkenulgskreisen, nicht nur den jüdischen sondern auch deir arischen, Verbreitung zu. verschaffen. Wir sind feit überzeugt, dass alles dasjenige, was Dr. Straucher gegen die moderne Seuche, gegen die systematische Jndenbebe an Beschuldiglingen vorbringt, die Wirkung nicht verfehlen! lvird. lleberalt dort, wo man noch nicht mit Blindheit geschlagen ist, lvo die menschliche Seele noey