Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 4 (1902)
- Issue
- 10 (7.3.1902)
- Date
- 1902-03-07
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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H. io .^O'Sfunintii nvn 4 b!S S Uhr nachmittags. «ottSdlatt, «ölen, VII1I1. •vit t,,.-v .■■. (man;ürt ,1« nicht erfolgter ZliSellling erbitten wir -ik MraLuirrjÄle t»r«de» «tcht zvrÜSaefteM. J V|( *4 i ui >v.it idonnemttil ^ann man täglich eintreten. iMsL der vom lüdiMrsn Dvltts- Verrln Ki'wätzrlrm PivssrommirMn. NNftecite übemehmen bic £fnn<m: Danneberg, M. Duker, Haafen. Jrin «- Logier, üinbotf Muffe. H. Obvelik. M. Pozfonyi, kl. Schale! in Wien, ferner aNe Snnoncen-LxpcdUionen im lluSlande. MWzeL'MNWmsr irr Wie« 18 Heller. ÄdtNinistrslion: 11. Levpoldsgasie 40, AbousemeutSpreiS: Für Tüte» n. Oesterreich.Nugarn fammt Arancozufiellung. ganzjährig Halbjährig . Vierteljährig. Kr. 8 — » 4.- „ Für daS gesammte Ausland sammt Francozustellung. Ganzjährig . Halbjährig . Bierteljährig Sh. v - , „ 4.50 . „ *cBS Ur. 10 Mm, 7. Marx W02 <28. Adar I. 5662). IV. Bu unsere Leser! Wir machen unsere Liser aufmerksam, dass die Administration des »Jüdischen Bolksblatt" vom 1. d. M. nicht mehr VHI., Schlößelgasse 11, sondern II., Leopoldsgasse 49 ist. Wir ersuchen daher, alle Sendungen an die neue Adresse zu schicken. Sollten sich infolge der Ucbersiedluug der Administration Störungen in der Zustellung im Anfang ergeben, so bitten wir unsere Leser, dies unverzüglich der Aduiinistration bekanntzugeben. Die Redaction befindet sich bis auf Weiteres VIII., Schlößelgasse 11. Gleichzeitig machen wir unsere Leser aufmerkiam, Zuschriften, die die Redaetion betreffen, nicht an einzelne Personen, sondern immer an die Redaction zu adressieren. Die Redaction. a Der der jungczechischen Partei ungehörige Abgeordnete Dr. Stransky hat in der Budgetdebatte das Wort ergriffen. Diesmal hat dessen Rede eine Bedeutung besessen und die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich zu lenken vermocht. Wir sympathisieren durchaus nicht mit Herrn Dr. Stransky, denn er verleugnet zu sehr die jüdische Abstammung und wird sehr empfindlich, wenn er an dieselbe erinnert wird. Allein diesmal können wir nicht umhin, Dr. Stransky für seine richtige Auffassung der Sachlage in Punkto Antisemitismus der Linken des Abgeordnetenhauses unsere vollste Anerkennung zu zollen. Abgeordneter Dr. Stransky sagt in seiner Budgetrede unter anderem: „Die Verfassung besteht aus Grundsätzen. Diese sind aber nur auf dem Papiere. Es lnuss ihnen -erst durch das Leben der Bevölkerung, durch das Benehmen der Ab geordneteil int Parlamente der Lebensathem eingeflößt werden. Gleichheit und Freiheit des Neligionsbekenntnisses ist ein Grundsatz der Verfassung. Sie sind eine Verfasstmgsparthei, aber ich glaube, mit Ausnahme des Abgeordneten Auspitz ist kein Mensch auf der linken Seite dieses Hauses, der für die Gleichheit des Neligionsbekenntnisses schwärmen würde. Denn sie sind alle Antisemiten durch und dtlrch. Wie wäre es sonst möglich, dass bei eiirer Partei, welche für die Verfassung schwärmt, der Jndenpnukt eine so große Nolle spielen könnte? Die Antisemiten auf Stilles Lied. Von M a x E i s l e r, Wien. Von schwarzen Mauern klingt ein Lied, Eilt stilles Lied ztt mir .... Und lvie es klingt, bricht jeder Halm In Blütenfreude schier. Es klingt das Lied durch Ast und Alm, Und Früchte geheit auf. Und frohes Kinderglück lallt nach Dein Lied int Lenzeslattf. Da wird ein Sagen und ein Sang IN allen Tiefen lvach. Von schwarzen Mauern Hingt eilt Lied Und Lieder klingelt nach. Als ich in Abeitdstille gieltg Dttrchs scholleiUvarme Feld Und an die schwarze Matter kam, An meine stille Welt: Da klaitg von Musters Grab zu mir Ein stilles, stilles Lied . . . . Und lvie es klaitg, brach jeder Halm Vor Blütenkrast int Nied.- der linken Seite des Hauses bilden drei Gruppeit: Die eilten sagen, tttau muss den Atttisentitismtls betonen mrd bethätigen, das sind die Wiener Antisentiten. Die Deutschltatioltaleit und Dentschradicaleit sageit, ntcm utttss beit Anti semstismus betonelt, bethätigen ntuss man ihn nicht; die Liberalen aber sageit, utan tuuss den Aittisentitisntus bethätigeit, aber betonen tttnss matt ihn nicht. Diese letzten sprechelt nicht gern vom Antisemitismus, sind aber so gute 8lntisemiteu, lvie die anderen. Herren. Weint lvir nicht wüssten, dass bei uns die Verfassung nur ans dem Papiere steht, wären wir die größten Verfassuugsfreunde. Wenn bei uns im Sinne der Verfassung regiert würde, würde es keine größeren Schwärmer und keine größere Enthusiasten für diese Verfassung geben als uns. Sie aber sind die ersteit, die dafür sorgen, dass die Regierungen nichts int Siltne der Verfassuttg regieren. Es gibt einen einzigen Artikel tit unserer Verfassung, den Sie imlner eimnüthtg eingehalteu haben, das ist der Artikel über die Stlspensioin der Verfassung." Wahrlich, man kann jedes Wort dieser Erpectorati'ou uttterschreiben, deitn alles bewahrheitet sich, es ist ans dent Leben gesprochen. Jitlsbesondere sind die Sentenzen des Abgeordneten Stransky aus die Situation, lvie sie sich derzeit in Wiett herausgebildet hat, angepasst. 'Man hätte meinen sollen, die betroffene Fortschrittspartei, zumindest (eilte der fortschrittlichen! Parteien, lverde ex abrupto den Beschuldigtmgen des Abgeordneten Dr. Stransky, insoweit sie sich auf dm Antisemitismus der fortschristlichen Partei bezieh eil, entgegeutreten. Dies ist. jedoch durchaus nicht erfolgt. Kein flammender Protest ist erfolgt, und die allzeit redseligen Wiener fortschrittlichen Abgeordneten haben es für gut befunden, sich in tiefes, diesmal vielsagendes Schlveigen ztt hüllen, ein Verhalten, das sogar höchst unliebsam bemerkt wurde und sogar von antisemitischer Seite Tadel gesunden hat. Qui tacet, confentiarc videtur Nicht mit dieseilt Gruitdsatze zufolge, sortdern auch atls dent bisherigen: Verhalten der Fortschrittspartei int allgemeinen ultd beit auf das fortschrittliche Glaubensbekenntnis getvählticu Wiener Abgeordneten insbesondere nmss man ann eh men, dass der Abgeordnete Stransky mit seiner Kritik den.Nagel ans den Kops getroffen hat. Was nitbt der Mantel, ist er nilcht gerollt; was nützen uns Jude;t mi t nnsei'cit (Stimmen gewählte fortschrittliche Abgeordnete, wenn sie sich unserer nicht annehmen und lvenn sie uns llichi kennen, es wäre denn zur Zeit der Wahlen-, wo sie nnt unsere Stimmten werben. Wir lverdeit es lvahlweislich unterlasset, derzeit auf Einzelheiten einzugehen, lvir behalten uns vieliitehr vor, lvenn. die Causa actuell sein lnird, mit der fortschritilichen Partei, ttaitlentlich nnt den Wiener fortschrittwmrpmiftjmuuna Ein Beitrag zur jüdischen Kunst Volt M. Scherlag. Immer lauter tonen die^Rtlfe nach einer jüdischen Ktmst. Ja, haben wir denn gar keine bis nun? Die Träumer vom Schlage eines B u b e r oder eines L i l i e n ntüssen einmal haarscharf darlegen, was sie unter jüdischer Kunst verstehen. Was ist das Speeifische, Wesentliche, Ausschlaggebende? Etwa der Inhalt, der Stoff, die Fabel bloß? Oder die Form, Auffassung, Stimmung unb Denkart? Am Ende ist's gar die Abstammung des Verfassers, sein Blut? Manche sehen das Charakteristische in deii llntevströmungen eines Seeleulverkes, viele im Miliell. Dementsprechend könnte man unzählige Gruppen und Abstufungen im Reiche der Kuiisterzeugiitsse aller Völker beobachten und bilden. Ich wiederhole: „aller Völker", denn lvir fiitbett, dass Freut de aus dettt wichen Born tut, seres Lebens, unserer Geschichte, unserer Seele öfters schöpfen, als lvir. lim nur gleich die weltgrößtett M a l e r zu erwähnen, atls denen Bildent jüdisches Blut hell erstrahlt ttnb jüdische Glut tief erzittert, in deren Gestalten nufere verflogenen Wonnen mit versteistertan. Elettd iiit herzzerreißendett Farbetttöitett sich paaren, lneiitanderschlingen mtd weben:, bis sie in Nacht versinken, in die.Nacht des Golus. Und am Thore des Thaliatempels, driit lvir uns eilt, Plätzchen beim Hochaltäre erobern wollen, prangen goldene Alanten, voit Dichtern, lvie S h a k e s p e a r e , Hebbel, L e s s i u g und Lud lv i g , die atls freut den Ländern kamen, sich ttts Meer unserer Schicksales versenkten rmd Perleit der dramatischen Dichtkunst tust reichert Händen hervorholteit. Diese Männer lasen die dunkelflattttneuden Zeichen unserer tmslelen Blicke, sahen die schittnneritdeit Dornenkronen um unsere blassen Deukerstirnen, hörten die stürmischen Stimmen unserer Seelen mtd Schttsüchte tmd licheu Abgeordneten abzurechnen, weint es wieder zu Neuwahlen in beit Reichsrath oder Landtag konrmeu lmrd. Allein zur Darstellung der Situatiou erachten lvir es für nothlvendig, die jüdischen Wähler daraus hmzuweiseu, dass unsere Interessen durch die fortschrittlicheu Abgeordneten durchaus nicht gewahrt erscheinen. Wir Juden dürfen in Einkunft all den Versprechungen, die utan uns in stereotypen WähUrversammlultgen tnacht, nicht glauben und müssen auf Cauteleu bedacht sein, dass die Versprechungen auch eiugehalten werden. Am allerwenigsten dürfen wir dm Mandatswerberu unbesehen die Kastanien aus dmr Feuer. holen und uns dadurch die Feindschaft der antisemittschen Partei noch in erhöhtem Maße zuziehen. Wir l'lstd. fest überzeugt, dass die Juden durch eine bloße Wahlabsttnenz eine namhafte tief einschneidende Abschwächuug der annsemitischeu Ketze zu erzielen vermöchten. lieber die emzuhaliende Ordre de bataille bei den nächstkomMenöM Neichsraths- und Landtagswahlen zu sprechen, ist Wohl heute noch verfrüht, allein es wird sich empfehlen, schon früher in Erwägung zu ziehen-, ob es sich empfiehlt, durch ein neutrales Verhalten die Feindschaft und Gegnerschaft der antisemitischen Partei abzuschwächen _ oder durch dick und dünn mit der fortschrittlichen Partei zu gehen, ohne auch nur den geringsten Vortheil davon zu ziehen.^ Man wird es den Juden nicht verübeln dürfen, dass stetu ihrer von allen Seiten verlassenen Lage von zlvei Nebeln das kleinere lvählen. Wollen wir Juden aber ein gelvtchttger Factor sein und das Zünglein an der Wage bilden, jo müssen wir vereint und, compact austreten und hiezu tu uothweudig, dass lvir uns organisieren. uothlveudig, dass lvir uns organisieren. II. 8. Da hatte neulich -ein Tintenkuli des „Deutschen Volksblatt" den Einfall, die Statistik in den Dienst des Antisemitismus zu stellen und benützte dazu das communale statistische Werk, dessen langjährige und vechteustvolle Herausgeber Magistratsrath Sedlaczek und MagtstraOsecretär Dr. Löwy sind. Atit antisemitischer Selbstverlländlichkeit wurde, zu seiner Ehre, der Name des Dr. Löwy wegrctünchiert. .. . ^Der biedere Jongleur bringt es zuwege, auv dielen Zahlen zu beweisen, dass lvir in den Ntittelschulen, Universitäten zu stark vertreten sind, während Hochschule für Bodencultur, Gelverbeschuleu mtd die Akademie der btldeuden Künste so viel wie gar keine jüdische Frequenz ausweisen, tmd zieht daraus die für seine Leser Zurechtgelegt-en Folgerungen. So richtig die Zahlen sind, so voller Lug tmd' Trug sind die daraus gezogenen Schlüsse. Mtl etuz e l-t-e Wiener Mittelschulen eine perceutuell höhere verstanden sie. Neben diesen „Fremden" nehnrtzt sich die „eigenen" Dichter so winzig aus, so ameisenkletn, dass wtlr uns beinahe schämen müssten, wenn wir nicht die Psychologie und Geschichte der Juden in der Diaspore als Erklärung hiesür hätten. Wir sind hier noch so iung und schüchtern. Begannen wir doch kaum auszuathmen. Und 'auch das ward uns nicht allzulange vergönnt. Autnstnd wir sonderbare Wesen. Unser Wollen' ist unermessluh, riesig, wie Wolfshunger. Unser Können ist begrenzt/ zlverghast tmd schwach lvie ein Lamm. G o l d s ad ew und andere Jargondrantatiker verdienen an erster Stello gcnannt zu werden, wegen ihres muthigeu Versuchen, den breiten Schichten unseres armen Volkes eine uattonEe Erhebungs- und Erholungskunst zu geben.. Dceo^ Volk bedurfte des Trostes im Golus, des Liedes tm Leid, desweichen Traumes in der harten Wirklichkeit, der geschichtlichen Herrlichkeit inmitten des grauen Nebels der gegenwärtigen Geschicke. Und das Volk fand das alle-? bei seinen ersten, wahren-.-Ghettosängern. —- In deutscher Sprache dichten Fulda, Schnitzler, Lothar, E b e r m a n n, D ü r m a n n und andere „Söhne Israels". Keiner von den Genannten lässt die Stimme seines ureigensten Wesens wahrnehmen, keiner tritt zu seinem Stamme in tiefiNnige Berührung und keiner gibt sich ganz und lvahr — daher der Mangel an kernigen Gebilden und ewigen Schöpfungen ihrer Begabung. Die Saiten der jüdischen Seele, lässt keiner erzittern und vibrieren mit Ausnahme H i r s ch f e l d s und L a n g nt a n n s. Bei beiden ist es ungewollt, unbewusst, ungeahnt geschehen, dass die ureigensten Saiten in Bewegung kamen, darum die schöne Natürlichkeit bei all ihrer Kmistfertigkeit. Beim Ersten besteht das Jüdische in gut geschautem und fein gezeichneten Milieu,^ m den zarten Unterströmungen einer modernisterten jüdischen Psyche und in den wellenartigem Stimmungen und Schat-