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Jüdisches Volksblatt · 1902-02-28 · 9 (28.2.1902) · page 1

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
4 (1902)
Issue
9 (28.2.1902)
Date
1902-02-28
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Lvdsrlion: Oli/l, SchLÜKeLgaM 1U EK«rch-m>dt»r u« Woctzeniagen von 4 bis * Uhr - AübUHe» «otkSbkatt, Wie». VIII|1. VrsSjwrrden weg«» »cT|ßfltrter pber zar niiflt erfolget ßnfttOana hAMm wir uns dringend. - »Namiserwle ««erbe» nicht -rrrückgr^teU« tt»Mparc»^en-«i>ntr k«?o!>7 In da« Abonnement kann man täglich einttet«. N». » AHM jede« Freitag KMrrr MrriNirKnng wer vom fttdiMrrn VoMs- VZretn EX’toTnIilism Krelsrourrniffton. Arrsernte übernehmen dis Firmen: I. Lanneberg, M. Du7eS, Haasen» Kein * Bögler, Rudolf Moffe. A. Oppelik, m. Poifonvi. fi Schalet ta Wien, ferner alle klm.onren-iLrbedittonen iw llluSlande. M«zeL°Nm»mer irr Wie» 16 Helles. Wien, 28. $tbtUAV 1902. Administration: TIII/1, Krtstötzelgasts 11. Abonue«e«tSprei» r Für Wie« tu O«ft«*r»tch-Uusav» lammt Franc»inst«0nn-. lvanztührig halbjährig BierteljäKrig «». 8.- Für daS 9h»9Utnb lammt Araneo-nstelltm-. »anijiihri, . Halbjährig . Bierieljährig - L2S . »ss ..HIHI uiinniwpawjLiwiiwBiwpwHnwgw IV. JahrgiMK. Vom Tage. Die „israelitischen" Wühler. Bor den Wahlen taucht in der Provinz und in Wie» ein interessanter Wählertypus auf: der „israelitische" Wähler. War erst jüngst in allen liberalen Blättern ein Communique des Central-Wahl-Comitäs zu lesen, in dem vor Schwindlern gewarnt wird, die fortschrittlichen, ja israelitischen Wählern Legitimationen entlocken. Es gibt also zwei Kategorien von Wählern: die fortschrittlichen und eine höhere, die „Ja israelitischen*. So geschätzt aber diese als Stimmvieh find, so gemieden find sie als Candidaten. Da gilt wieder eine umgekehrte Scala; in erster Linie kommen die Arier in Betracht, in zweiter Linie die getauften Juden und in allerletzter Linie Juden, die als mildernden Umstand einen vollen Geldsack haben. Macht sich doch selbst unter der geduldigen jüdischen Wählerschaft der Handelskammer eine tiefgehende Missstimmung gegen die Art und Weise, wie hier Candidaten gemacht und Candidaten übergangen werden, geltend. Besonders soll Herr M a n t h n e r eifrig thätig sein, jede jüdische Candidatur zu verhindern, wahrscheinlich, um seine eigene jüdische Abstammung vergessen zu machen. Doch genug von dieser Sippe! Viel wichtiger ist es, zu Untersuchen, wie sich die jüdische Wählerschaft gegen die Social« -Demokratie verhalten soll. Wir halten den Marxismus für wissenschaftlich über, wuuden. Doch dies kommt für die Praxis nicht in Betracht, da der Marxismus nur noch in den theoretischen Erörterungen der Führer spukt, in Wirklichkeit aber die Partei Realpolitik treibt, die größtentheils mit dem Geiste des Marxismus sogar ru Widerspruch steht. Sie schimpft auf die Socialreform der Katheder-Socialisten, aber trotzdem nimmt die Soeialreform «inen immer goößeren Raum in dem Wirken der Socialdemokratie ein, und wahrlich nicht zu ihrem Schaden. Diese wirtschaftlichen Bestrebungen sind theilweise dem Judenthum schädlich; durch die Socialdemokratie wurden die Bewegungen gegen den Zwischenhandel und selbstthätigen Mittelstand erst populär. Es ist eine Tragikomödie, die ihresgleichen sucht, dass die Wiener Socialdemokratie die Communalpolitik Luegers aus taktischen Gründen bekämpfen muss, während sie aus programmatischen sie billigen müsste. Trotzdem haben wir so viele Berührungspunkte mit der Socialdemokratie in politischer Beziehung — wir verweisen »ltr auf die Anerkennung der nationalen Autonomie, die freilich bisnu» erst auf dem Papiere steht, auf die Betonung der Gleichberechtigung aller Staatsbürger — dass ein Zusammen- Feuilleton. Der arme Student.*) Bon Julius Bauer. Gr steht in der großen Stadt allein. Ein Armeleutkind voll Jammer und Pein. Er nährt sich kärglich vom Stundengeben Und kann nicht sterben und kann nicht leben. Oft lässt ihn —- wer kann die Seufzer messen? — Sein Wissensdurst den Hunger vergeffen! DaZ Schicksal versagt ihm die kleine Gunst . . . Studieren ist auch eine brotlose Kunst. Die Lampe brennt trübe, die Stube ist kalt, Die Hoffnung allein gibt Kraft ihm und .Halt. Die Hoffnung würzt sein trockenes Brot, Die Hoffnung färbt seine Wangen roth. Und wenn er auch nichts zu essen hat. Gr glaubt an die Zukunft — das macht ihn satt. So lebt er heute, so lebt er morgen. Ein Armeleutkind voll Kummer und Sorgen. Doch wenn er ein Vrieflcin erhalten hat: „Wie geht eS Dir. theurer Sohn, in der Stadt?" Dann schreibt er mit feinem Herzensblnt: „Geliebte Mutter, es geht mir gutl" *) Aus dem Jahresberichte der Lese- und Redehalle jüdischer AHfchiiler, 1901. gehen mit der Sooialdemokratie nicht zu den Unmöglichkeiten gehört. Aber diesem müsste unbedingt eine Anerkennung des jüdischen Viköthums durch die österreichische Socialdemokratie vorangehen. Alle, selbst die kleinsten Natiönchen, haben sich innerhalb der Socialdemokratie selbständig constituiert, nur die jüdische nicht. Dies ist ein ungesunder und unhaltbarer Zustand. Diese Vogel Strauß-Politik kann man eventuell einer altersschwachen Partei, wie der liberalen, verzeihen, die damit erblich belastet ist, aber nimmermehr einer jugendlichen, wie der Socialdemokratie, die die Zukunft vor sich hat, wenn sie sich mancher Häutung unterzieht. Dies ist aber unumgänglich uothwendig, soll sie nicht an denselben Fehlern zugrunde gehen, wie die altliberole Partei. Der Antisemit im Talar. Der Standpunkt, den das „Jüdische Volksblatt* in religiösen Angelegenheiten einnimmt, ist münniglich bekannt. Wir hegen die größte Achtung vor jedem Religionsbekenntnisse, und jedermann erfreut sich unserer Wertschätzung, der in wahrer Religiosität seine Herzensbefriediguvg findet. Wahre und echte Religiosität haben mit Frömmelei keine Gemeinschaft, Mährend der Gottesfürchtige nur als Menschenfreüno gedacht werden kann, so wird man es durch die Regel bestätigt finden, dass sich der Pietist durch Niedertracht der Gesinnung und Gemeinheit der Denkungsweise auszeichnet. Insbesondere besitzen wir für den ehrwürdigen Priesterstand, die höchste Wertschätzung und Verehrung, selbstverständlich nur dann, wenn er seinen Beruf in idealem Sinne erfüllt. Umsomehr müssen wir es daher bedauern, wenn wir uns diesmal ganz ausnahmsweise mit einem katholischen Priester beschäftigen müssen, der eine Befriedigung darin sucht, die Tribüne und die Kanzel zu profanen Zwecken niedrigster Art zu missbrauchen. Mons. Scheicher, ein Dignitär der . katholischen Kirche, Director eines Alumnates, hat vorige Woche im Abgeordnetenhaus des österreichischen Reichsrathes eine antisemitische Rede gehalten, von der wir leider bemüssigt sind, Act zu nehmen, weil wir die Expectorationen dieses geistlichen Parlamentariers für besonders gefährlich erachten.?. Scheiche r posiert augenscheinlich den verstorbenen tirolischen Abgeordneten P. ©reutet, si parva licet componeremagnis. Der verstorbene P.Greuter, dessen Andenken in Parlamentskreisen noch lange fonleben wird, war bekanntlich den Juden niemals gut gesinnt. Allein er hat verschmäht, die gemeine Judenhetze zu cultivieren und sich seine Waffen aus der Jauche und dem Das Iudenkind. Von Arthur Gerb er. An dem Gartenzaume sah ich stehen — Wo die rothen Wunderrosen sind Und viel süßen Duft herüberwehen — Ein schwarzgelocktes Judenkind. Durch sein dunkles Auge zieht ein Sehnen: Nach den Blüten, die der Hand zu weit'? Oder ist'S ein Schein von Trauerthränen, Vergaffen still in tausendjähr'gem Leid? Ich streichelte das Haar, das seidenfeine: „Ob Dir auch einmal Glück und Sonne scheint!?" — Schwarzauge staunt: „Das sagt auch meine Mutter jede Nacht und weint-" Jung-Iudenund Jung-Gesterreich. Dr. Hermann Kadisch. Wir leben in einer Zeitperiode, in welcher der Kampf um große Principien, für weltbewegende Ideen in den Hintergrund tritt gegenüber kleinlichen politischen Tageskämpfen und hinter für die Entwicklung der Menschheit und der einzelnen Völker nichtige, nur zu oft inhaltslose Schlagworte. Vielleicht in keinem Lande der Erde kann dies so genau beobachtet werden, wie in dem vielsprachigen Oesterreich. DaS große Problem, um welches hierzulande gekämpft wird, und dessen Lösung die altösterreichischen, sogenannten staatserhaltenden Parteien bisher nicht gefunden haben, ist scheinbar nur ein österreichisches Problem, es ist genauer betrachtet nahezu die wichtigste Lebensfrage aller Culturmenschen. Mistpfuhle zu holen, ©reut er war eine biedere und offene Natur, der frisch und frei von der Leber weg sprach, es jedoch perborreseierte, zu nicht ehrenwerten Angriffsmitteln die Zuflucht zu nehmen. Wie anders dagegen der Abgeordnete Scheicher! Er vermeidet es wohl, das Kind beim rechten Namen zu nennen, versteckt sich dagegen hinter Hinterthüren, kämpft nicht mit offenem Visier, gebraucht alle Hinterlist und schießt aus seinem Köcher vergiftete Pfeile. Das ist nicht die Manier, die ehrenhafte Parlamentarier, die Männer von Ehre und Charakter ihren Gegnern gegenüber gebrauchen. Die erwähnte Parlamentsrede S ch e i ch e r s, welche die antisemitische Presse selbstverständlich weidlich für ihre Zwecke ausnützte, enthält eine ganze Reihe von gemeinen Verdächtigungen und hinterlistigen Angriffen, von denen der größte Theil derart lächerlicher Natur ist, dass man füglich unterlassen kann, dieselben einer Widerlegung zu würdigen. Wir wollen uns daher nur mit den Gravamina beschäftigen, denen wir eine größere Bedeutung beimeffen. P. Scheicher benützt die Verhängung. des Srandrechtes in Triest dazu, um die Juden zu verdächtigen, dass sie diese Unruhen angestiftet haben, während sie dann in ihrer gewohnten Feigheit sich der Verantwortung entzogen hätten. P. Scheich e r scheint die Geschichte der Juden und des alj^n Testamentes, die er doch als Priester kennen müsste, entweder nicht gelernt oder schon vergessen zu haben, sonst müsste er sich an die Makkabäer zu erinnern vermögen. Allein auch in der neueren Geschichte bis in die Jetztzeit haben die Juden stets Proben ihrer Tapferkeit und ihres persönlichen Muthes geliefert. Seitdem Juden überhaupt dazu herangezogen werden, im stehenden Heere ihre Dienstpflicht zu leisten, haben sie in Frieden und Krieg, spartanische Eigenschaften in hervorragender Weise bemerkbar gemacht. Beweis dessen die vielen Auszeichnungen und Belobungen, die ihnen von allerhöchster Stelle stets zutheil geworden sind. Bekannt ist der Ausspruch des verstorbenen Erzherzogs Albrecht, dass es in Galizien gar nicht möglich wäre, stehende Truppen zu bilden ohne jüdische Unteroffieiere und Soldaten, die das Rückgrat der Regimenter bilden. P. Scheicher wirst den Juden weiters vor, dass sie sich überall einzudrängen versuchen und die Herrschaft über andere Nationen ausüben wollen. Das ist doch eine bewusste Lüge. Die Juden waren stets die Parias und werden auch derzeit trotz des allgemeinen Fortschrittes auf allen intellectuellen Gebieten als solche behandelt, und trotzdem sie sich in Wissenschafk und Kunst in hervorragender Weise betbätigen. Mit nicht misszuverstehender Ironie stellt P. Scheicher weiters die Behauptung auf, Großindustrie und Großhandel, Banken und Paläste Der Kern der österreichischen Frage von allen Einzelheiten losgelöst, lautet nämlich: ' *" Können verschiedene nationale Individualitäten, unbeschadet ihrer freien Entfaltung in einem gemeinsamen StaatsgebUde ans Grund autonomistischer Einrichtungen, sich in cnltureller und wirtschaftlicher Hinsicht in fortschrittlichem Sinne entwickeln? Darauf antworten alle Extremnationalen, alle Vertreter des Herrschaftsprincipes, alle die Vorkämpfer des retrograden Nationalismus, nach deren Anschauung nur Nationalstaaten (das ist Staaten, die nur von einer Nation bewohnt werden), eine Berechtigung haben, mit einem entschiedenen „Nein". Diese Auffassung aber ist eine vollständig unrichtige, eine solche Abgrenzung der europäischen Karte ist für absehbare Zeit hinaus eine Utopie, und alle Versuche, Nationalstaaten künstlich dadurch zu schaffen, dass man die nationalen Minoritäten, oder gar Majoritäten im Interesse einer angeblich nationalen Staatsidee zu entnationalisieren versucht, sind bisher immer gescheitert und werden auch immer scheitern. In dem gegenwärtigen socialen Jahrhundert, wo nicht mehr die nationale oder religiöse Idee ausschließlich die Menschheit beherrscht, sondern im Gegentheile einen heißen Kampf mit der socialen Idee um die Herrschaft über die Geister ausfechten muss, kann immer weniger die Rede sein von ausschließlichen Nationalstaaten, von einer dauernden Absondernng der Nationen nach Staaten, n,ch weniger im selben Staate. Mit Rücksicht darauf bedarf der Nationalismus der Moderne der Läuterung und Klärung. Die Jnngnationalen müssen sich endlich darüber klar werden, dass die Nation nur ein sehr wichtiges Mittelglied bildet zwischen Individuum und Menschheit. So wie es Einzelilitercssen der Individuen gibt, die auf Grundlage des den Menschen beherrschenden Egoismus dem

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