Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 4 (1902)
- Issue
- 7 (14.2.1902)
- Date
- 1902-02-14
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Iahrgaug. -■>w..wm««MmTOc.ar^rfraFi|n^w^VT,^OTT..ffl.nWOTimrf?»..|T^rt^nBnrina|,,w|ffr|r[-,?7-i..ri;., Bom Tage. Lueger der Lato. Irr der Sitzung vom 8. Februar des Abgeordnetenhauses des österreichischen Reichsrathes haben die Abgeordneten Lueger, Gessmann und Genossen an den Ministerpräsidenten Dr. v. Koerber eine Interpellation gerichtet, die an Verdächtigung, Schamlosigkeit und Tartüfferie alles übertrifft, was seitens der antisemitischen Partei in dieser Richtung bisher geleistet worden ist. Die erwähnte Interpellation bezieht sich auf einen Aufruf, welchen das Centralwahl-Comite der deutschen fortschrittlichen Partei in Wien in vertraulicher Weise ergehen ließ, behufs Bildung eines Agitationsfonds für die bevorstehende Wohl iü den Gemeind erath und in den niederösterreichischeu Landtag. Es muss darauf hingewiesen werden, dass dieser Aufruf des Centmlwahlcomites der deutschfortschrittlichen Partei inWien nichts andres enthielt, als was in derartigen Schriftstücken in der Regel enthalten ist, nämlich den Appell an den Geldsäckel der Gesinnungsgenossen, nach Kräften beizusteuern zur Bestreitung der Kosten, die jede Wahl in öffentlichen. Angelegenheiten verursacht. Es muss aber vorausgeschickt werden, dass bei den Fortschrittsparteien die Opferwilligkevt, für öffentliche Zlvecke in die Tasche zu greifen, spärlich anzutreffm ist, keinesfalls in dem Maße, wie bei den -i gegnerischen Parteien, deren Anhänger vor einem? Terrorismus stehen, denr sie nicht zu widerstehen vermögen, ein Beweis dessen die Niederlagen, die die Fortschrittspartei bisher zu verzeichnen hatte itnö die kaum glairblichen Erfolge, derer: sich die Rückschrittler zu erfreuen haben. Ist es daher an und für sich schon eine Heuchelei, die Fortschrittspartei in Wien als den Wolf hinzustellen, der das Wässerlein trübt, so ist cs andererseits die Motivierung der Interpellation, die zu dem energischesten Widerspruche auffordert. - Mit einer Frivolität, mit einen: Cynismus, wie er nur in der antisemitischen Partei anzutreffm ist, wird in der Begründung der Interpellation an Verdrehung des Sachverhaltes, an Verlernndung, an Schmähung das Unglaublichste geleistet. Unter dem Deckmantel der Jmmunität werden die Unterzeichner des fortschrittlichen Wahlaufrufes aufs gröblichste beschimpft, besudelt und in ihrer Ehre angegriffen. Das „Jüdische Volksblatt" ist kein Organ der Fortschrittspartei, man wird uns daher nicht zu nnputieren vermögen, es sei unsere Absicht, die in ihrer Ehre angegriffenen Mitglieder des Liberalismus zu verth ei di gen. Wir wollen uns auch nicht mit der: Angegriffenen, sondern nur mit den Angreifer:: beschäftigen. In erster Linie müssen wir dagegen entschiede:: Einspruch er-- Meine Temt. Bon Stefan Zweig, Wie::. Mein Schweigen hat köstliche Schätze gereift. Nun weiß ich: Mein Herz ist voll Segen und Saaten, Die nie noch ein Wort ans Leben verrathm Und nie eil:! verlangender Blick gestreift. Den Nein: hat ein dunkler Schnrerz mir geschenkt. Von den: nur die schweigenden Nächte Nüssen Und die schimmernde Saat, die aus Finsternissen Sich garbenflutend zum Lebe:: gedrängt. In den stillen Stunden spür' ich, wie weich Die goldenen Halme sich neigen und schwanken, Durchschreit' ich des Abends in stille:: Gedanke:: Mein seliges, heinlliches Königreich. Und ich fühle den Segen wie speichendes Licht In den: meine Kräfte sich mehren mid schwellen, Und machtvoll sich einen wie Rauschen von Quellen, Das träumende. Ruhe der Wälder durchbricht. Und ich lausche voll Jubel, dem Alltag entwaiwt Der Kräfte und Feste wildselige::: Neige::, Der in mir erklungen. Doch mein fürchtendes Schweigen Behütet meh: Reich als schützende Wand . . . In: Februar 1902. hebe::, dass Dv. Lueger die Stirne hat, sich an die Spitze der Untorzeichner einer von Niedertracht der Gesinnung triefercken Interpellation zu stellen. Dieser Dr. Lueger, der von den schmutzigsten Schlanunwellen des Rassenhasses emporgespült worden ist auf das höchste Piedestal, auf dem bei! geregelten Zustände:: nur derjenige sich befindet und geduldet wird, der zeitlebe:s ein Muster von Bürgertugend, von lauterein Charakter, von integrer Gesinnung mW uivvandelbarer Gesinnungstreue gewesen ist. Ein Individuum, dem kein Mittel zu schlecht war, sich in die höchste Region des politischen Lebens enchorzuschtvingm und der es nur seiner Wohl meisterhaften, nichtsdestoweniger aber verwerflichste:: Agitation zu verdanken hat, dass er Bürgerrneister der Reichshaupt- und Residenzstadt Wien geworden ist, besitzt nicht das Recht, gegen Mitbürger, derer: Vorleben rein ist von alle:: den politischen Untugenden, die sich Lueger hat zuschulden kommen lassen, in einer schinrpflichen, verdächtigenden, und verleumderischen Weife vorzugehen. Wir haben mit m:seren: Urtheil über Lueger den Cato nicht hinter dein Berge gehalten :»w unserer Entrüstung und Empör:mg über seine maßlose Arroganz, über sein cynisches Verhalten und seine frivole Denkungsweise genügend Ausdruck gegeben. Wir richten an Se. Exoellenz den Ministerpräsidenten Koerber die dringende Bitte, ja, die energische Aufforderung, die erwähnte Interpellation so rasch als möglich und in erschöpfender Weise zu. beantworten. Es fällt uns selbstverständlich nicht ein, dem Ministerpräsidenten zu insinuieren, er möge die liberale Partei in Win: in seine:: heiligen Schutz nehinen. Die Wiener liberale Partei hat das .Los und das Schicksal, das ihr zutheil geworden ist, verdient, deiM sie einzig und allein und ausschließlich war es, die den Boden urbar genmcht hat, aus welchem die Sumpfpflanze des Antisemitismus in so üppiger Weise emporsprießen konnte. Dagegen richten wir an de:: Ministerpräsidenten die Aufforderung, sich der unter dem Deckmantel der Immunität verletzten Ehre der Unterzeichner des erwähnten Wahlaufrufes in pflichtschuldiger Weise anzunehmen, unter welchen sich auch zu unserem lebhaften Bedauern einige jüdische Mitbürger befinden. U:rter diese , jüdischen Mitbürger zählt sich a::ch kaiserlicher Rath Heinrich Klinger, der Präsident der' israelitische:: Cultusgen:cinde in Wien. Herr Präsident Klinger hätte sich wohlweislich überlegen sollen, seine Unterschrift unter einen Wahlaufruf zu setzen, da ihm doch bewusst sein nnlsste, dass die Gegenpartei diese:: Wahlaufrrif dazu benützen wird, um in gemeinster und rüdester Weise ihr Müthchen an der gesummten Judenschaft Wiens zu kühlen. Man hätte der Erwartung berechtigt sein sollen, dass sich Herr kaiserlicher Rath Klinger als Präsident der israelitischen. Cultusgenreinde eine gewisse Zurückhaltung aufer- Karlchen Miesnick, dieser unreife, dm: Gymnasium entsprungene Jüngling, hat in einer Richtung bahnbrechend gewirkt; seitdem jene Heftchen erscheine'::, denen Umschläge wöchentlich e r r ö t h e:: über alle Lügen, Verdrehungen und Schamlosigkeiten, die darinnen stehen, ist den Zeitungsn:arkt überschweiinnt worden mit einer ganzen Flut von grünen, schwarzen, getupften und gestreiften Broschüren, die das Princip Karlchei:s trotz aller öffentlich gegen ihn zur Schau getragenen Feindschaft auf anderm Gebieten befolgen, das heißt: Wenns ch o:: kein Geschäft, dann doch w e n i g st e n s R e e l a m e. Mit diesen ist der „Don Quixote" nicht zu verwechseln. Dafür bürgt der Na:::e des Herausgebers. Dr. Ludwig Ba::er erregte seinerzeit bei allen unabhängigen Köpfe:: ein angenehines Aufsehen, als er in der „Zukunft" trotz seiner Stellung in der „,N. F. P." mit einen: bei Wieiwr Journalisten nicht allziihäufigei: Freinnithe über die nwderne Tagespresse den Stab brach. Er zog bald daraus die Consequenzm und verließ die „N. F. P."; bekanntlich dürfen sich höchstens die Leiter des Blattes Don Quiroterie:: erlauben, aber nicht ein siiupler Mitarl>eiter. Dr. Bauer gibt nun eine WockMschrift heraus, die er zun: Trmtz „Don. Quixote" nennt; nach bewährten: Muster Prägt er den Hohn, der Gegner zu seinen: Adelsprädieate :::::. Jnbezug auf österreichische Politik ist nun Dr. Bauer auch nach unserer Meinung ein „Don Quixote"; Iwr heutzutage noch immer dein Schlaglvorte von Centralisation und Gennanisation nachlänft, ist lvirklich nieilen'- weit hintcw dm: Zeitgeiste zmÄckgeblieben; für eine:: molego:: würde, die ihn: seine Stellung als Cultusvorsteher vorschreibt. In Privatangelegenheite:: mag ja Herr kais. Rath Klinger Herr seiner Handlunge:: sein, allein in dm Qeffmtlichkeit schreiben Tact und Empfindungen vor, sich eine gewisse Reserve auszuerlege::, und von diesmr Gesichtspunkte aus kann es nicht tief gmmg beklagt werden, dass der Präsident der Wiener Cultusgeineinde die 150 000 Seelen betragende Judmschaft Wiens in unnöthiger Weise exponiert hat. Die Jnterpellationsbeantwortung wird uns wohl noch Gelegmheit geben, auf diese Angelegenheit deS Ausführlichm zinückzukommm. * Die Mora! von tzohenelbe. In den Posmer Landm vollzieht sich ein sehr lehrreicher Process, de:: wir schon öfters hier gestreift haben. Der. Jude spielt in diesen Marke:: dieselbe Rolle, tme :twa in Böhmen und Mähren, und erntet dort denselben Dank von dm Dmtschen, wie in Böhmm und Mähren. Run hat sich einer der wmige:: realpolitisch dmkendm Deutschm,. Tiedemann, ein Führer der Hakatisten, zu chlgmder Erklärung veranlasst gefühlt: „Bon jeher habe ich dm Standpunkt öffentlich vertreten, dass man einerseits von unserm jüdischm M:tbürgern ein offenes Bekmntnis der deutsche:: Sache vmlangen, ihnen andererseits aber auch ehrlich eine glecchberechtigte Stellung einräumen soll. ^— In der Prov:nz Posen Antisemitismus treiben heißt nichts anderes, als :nit sehenden Auge:: einen Theil des Bürgerthums von ver deutschm Partei absprengm!" Dieses offme Eingestmwnis der Nothwmd:gke:t de» jüdischen Hilfe für die Erhaltung des Deutschthums natürlich Wemmth für unsere Antisemiten. t Unsere altbewährte Lügenmutter, die „Ostdeutsche", lässt sich von. einm: frei erfundenen Reichsdmtschen eine Ep:stel schrnben, in der sie von de:n grimm Tische in der Bandgaffe den Deutschen in: Reiche die Methode mthüllt, nach der die Deutschen in Oesterreich langsan:, aber sicher zrtzgrunde gerichtet iverdm. Allerlei frisch, fromn:, srohlich und frei erfundene Märchen werden hier dem de:llschei: Michel aufgetischt, n:ystische Briider werdm hervorgezaubert, natürlich ohne Orts- und Nammsnmnung, von denen der eine czechischnational, der andere deutschnational gewesen wäre, um mit beider: Parteien, die natürliche diesen, orassen Schwindel nicht bemerkten, Gisschäfte zu machen. Mit Verlaub; es gibt ja solche Geschäftspolitiker; in den letzten Tagm machten z. B. verschiedene Geschichten die Runde, die von einem gewlsim Earl Hein:am: Wolf erzählen, dass er, der jetzige patentierte Rettelr des Allderftschthums, in: Jjahre U89/ jmmittelbar vor der Wahl in Trcrutmau dem Abgeorddernm Politiker gibt es nur einen Ausweg aus der schleichenden österreichische:: KAse und der heißt nationale Autononüe. Doch uns interessiert hier mehr die Anschauung Dr Bauers über die „Judenfretge", die er in dm: Februarheft entwickelt. Er sagt: „Es gibt — von Nebmfragm abgesehen — mehrere Judenfragen: die nationale, die sociale, die finanzielle, künstlerische und die religiöse. Die letzte verliert mit den: Abflauen des religiösen Gefühls naturgemäß an Bedeutung; aber sie ist noch immer sehr wichtig und wird es bleiben, so lange das religiöse Gefühl., ein entscheidender Factor im Gefühlsleben der Mmschm sein wird. Der tiefste Grund des Judenhasses der Christm und des Christenhasses der Jude:: war inuner der nationale Gegensatz, die R a s s e n v e r s ch i e d e n h e i t. Im Mittelalter verstand nmn freilich den Begriff der Akation nur wenig; denn die höchste Macht der Zeit, die Kirche, lvar interimtional, und so schien die Schuld der Jude::: nicht rechtgläubig zu sein — den Zeitgenossen das Entscheidende. Aber das s ch i e n nur; der getaufte Jude und der unausgesetzte Hass, den: er begegnete, beweisen es. An dm: Sacrammte der Taufe konnte eine von: Katholicismus völlig erfi'rllte Welt nicht rütteln; demnach zeigte die Behandlung der jüdische:: Neophyten z. B. in Spanien und der Argwohn gegen sie deutlich, wie das Bewusstsein der Rasselvfren:dheit, N>enn auch noch unklar, doch schm: vorhanden war. Und dennoch gibt es auch heute noch Leute, welckje die Rassentheorie leugnen :::öchten und besonders Jude:: lieben: es, zu januuen:, dass „noch heute, in unserer aufgeklärten Zeit, religiöse Verfolgungen nwglich seien". Das ist entweder beimlsste Entstellung oder — noch häufiger' — unheilbarer Schwachsinn. Dein: nmn braucht nur