Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 4 (1902)
- Issue
- 6 (7.2.1902)
- Date
- 1902-02-07
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/2432763-2432917-2432923--1345-2435092- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Hetisrtuin: ih Vke»HN»«de« » Ar. KwÄenla.irn svn 4 bis 6 Uhr nachmtttas».; -MtjHeS Wrtimucü, SB»ta, Vlll|l. WivWilvec'ifra wrgeu »-ripLteter obre q«r «MM erfntater Zustellung etbftttn wir IMS brtnnntb. — Msrmserwle Werder» «ich» zrirSSsesteM. Ysstlpnrca^rn-Touto wohl. In LsS klSonncment kam« mim täglich eintreten. suttx Wiftoltlnmg der vmrr jüvNÄpm VolKsmsin zKtomqtttn PrLkorvrnmisston. N«,t«r«»e übernehmm die Firmen: I. Dannebers, Dk. DukeS, Haosen- »ein <L Bögler, Rudolf Moste, K. vypclik. M. Pozsonyt. H. Schalet in Wim, ferner alle 8nnollcru»li-rpcdUionen im MSlande. 'NAMwer i» Wie» IS Heller. AdminMratton: VHI/1. SchlStzvInalfr 11« Ah orruementS preis: Für Wien n, Oesierreich-Ungar» lamm« IraueoiuSellun». Ganzjährig Halbjährig BierteljäKrig Kr. 8.- * 4.- .. ftftt daS gelammte Ausland lammt flrancozustellung. Gunzjäbrig . Halbjäbrig . Vierteljährig Kr. 0.- „ 4.50 „ *Ä6 ■amimamMmaoamammamm rjtwnmi*jm*rvMm**n « Wien, V. Februar 1902. rfwwarii*^- wwggagiwwiiM!,«, HW iiiiminiBii ^Tii'n ninn--ir^-i-!-nf~n ■— ■'■ IV. ‘A: ■ ■ ■;>!■ ■ : Vom Tage. Magyaren und Jude». vielleicht noch nie ist die Corruption im öffentlichen Lebe» Ungarns so offenkundig zutage getreten, wie in den letzten Wochen. Das in freier Wählerliebe gezeugte Parlament und die durch Koloman v. S z e l l erzwungene Vernunftehe zwischen den heterogensten Elementen zu einem liberalen Bündnisse haben sich bei der ersten ernsten Gelegenheit als ein schwaches, loses Gefüge erwiesen, auf das sich weder die Wähler, noch der Führer verlassen können. Es hat sich herausgestellt, dass die Vernunftehe auch iu der Politik keine glückliche ist und sogar der Schein nicht auf die Dauer gewahrt werden kann, wenn die Jntereffen, auf welchen der Bund basiert war, mit dem Gefühle in Conflict geräth. Es war ein Schauspiel für Götter, zu sehen, wie ein großer Theil der liberalen Partei vor einigen Tagen, dem eigenen Triebe gehorchend und nicht der Noth, dem größten und gefährlichsten Gegner des Liberalismus und der Regierung, dem volksparteilichen Abgeordneten Rakovszky, zujubelte, als dieser über den ganz sich selbst überlassenen Abgeordneten Doctor Bäzsonyi herfiel und ihn politisch und moralisch durchbläute. Da hat das «Herz gesprochen. Herr v. S z e l l schämte sich, machte auch aus seiner Entrüstung keinen Hehl, man sprach sogar von einer Scheidung, aber die Vernunft siegte abermals und — R a ko vsky bleibt auch in Zukunft der Hausfreund des liberalen Bundes. Das, öffentliche Leben in Ungarn wird noch immer von der sogenannten Asfaire Bäzsonyi beherrscht. Dieser junge Advocat, der, ausgerüstet mit einem nicht ungewöhnlichen Wissen, getrieben von einem Thatendrange, wie er den Juden im allgemeinen eigen ist, und durch eine Beimischung von magyarischer Exaltation noch gesteigert wurde, plötzlich auf dem Plaue erschienen ist, hat den großen politischen Fehler begangen, seinen Kopf und sein Herz einer Sache zu widmen, in der er sich nicht behaupten kann. Er hätte als Europäer wiffen müssen, dass sein Ideal, die magyarische Gesellschaft auf rein demokratischer Grundlage zu reformieren, nur ein — kurzer Traum sein kann, aus welchem der magyarische Apostel als ganz gewöhnlicher Jude erwachen wird. Es darf ihn. daher nicht wundern, dass die im ungarischen Parlamente so hochgepciesene und angeblich mit Eifersucht geführte Redefreiheit aufhört ein Recht zu sein, sobald eine Jude sich erfrecht, auf die Felonie, die unausrottbare Corruption, mit welcher die magyarische Gesellschaft durchsetzt ist, hiuzuweisen. Verspürt Herr Dr. Bäzsonyi in sich einen Drang zu ernster That — und ist er der Mann dazu — dann muss er sich in erster Linie seiner eigenen Volksgenossen, der nnthätigeu, durch die verschiedensten Gifte narkotisierten Juden Jüdinnenliedei;. Von Marek Scherlag, Wien. Die Leichtsinnige singt: Kinder sind unser Gut, Und Wanderlust im Blut Und Geigenspiel in der Seele: So zieh'n wir durch die Welt, Und wo es uns just gefällt. Da laben wir unsere Kehle . . . Wir trinken Quellenthau, Und keiner sah uns grau — Wir sterben jung wie Rehe, Die Liebe ist süßes Gift, Und wen sie am tiefsten trifft, Der dankt ihr wonnigstes Wehe , . . D i e S ch w e r m ü t h i g e seufzt: Erzwungene Wanderlust ist Leid, Verklungenes Geigenspiel ist Weinen. Sie heißen mich schleichen Im grauen geliehenen Kleid, Wo keine Sonnen scheinen. Die Lippen schmachten und sterben. . . Scharfritzende Scherben Liegen am Boden weit und breit. Meine Füße bluten, ermatten, erkalten, Sie treten auf Leichen . . . Schwester! Wer wird mich halten? annehmen, sie belehren und sich selbst zurückgeben müsien, auf dass nicht in allernächster Zeit das ganze jüdische Volk in Ungarn in eigener Sache der Redefreiheit beraubt werde, wie er es jetzt am eigenen Leibe erfahren musste. Und nicht das ist das Schmerzhafte an dem ganzen politischen Schauspiele, dessen Mittelpunkt Dr. Bäzsonyi gegenwärtig ist, dass gegen den einzelnen wehrlosen Juden die ganze Meute bissiger Kecskemathyaner losgelassen, dass der einem Phantom nachrennende Idealist von den zu einem Nudel sich zusammengefundenen Antisemiten, Ugronisten und — Sibexaten (tres faciunt collegium) überfallen würde; das war voranszusehen. Aber tief in das «Herz eines jeden gutgesinnten Juden muss es schneiden, wenn man sieht, dass ein begabter Jude lieber der verspottete Rufer in der Wüste sein will, als dort anzusetzen, wo es wirklich noththut, wo es bald zu spät werden kann : bei den Juden selbst. Herr Dr. B ä z s o n y i hätte es lieber verhindern sollen, dass im ^Magyarisch- Israelitischen Literarischen Vereine in Budapest", in dem Hanptlager der assimilatorischen Juden Budapests, Frau Doctor Armin Reumann mit einer nur bei Frauen entschttldbaren Leichtfertigkeit gegen die demokratische Gesellschaftsform — wettere und dadurch unbewusst dem Feudalismus das Wort rede. Frau Dr. Armin R e u m a n n, die Gattin des Rechtsgelehrten und Reichstagsabgeordneten Dr. Armin N e u m a n u ist die interessanteste Pflanze in dem bunten magyarischjüdischen Blumenbeete; sie ist die wissenschaftliche Vertreterin der Assimilation unter den ungarischen — Juden. Wir würden mit ihr gewiss nicht rechten, wen» ihr in Budapest nicht so viel Bedeutung beigemessen würde, wenn sie nicht so hübsch zu plaudern verstünde und dadurch nicht direct eine Gefahr für das Judenthum in 'Ungarn bedeuten würde. Frau Dr. Armin Reumann hielt vor einigen Tagen im obgenannten Vereine einen Vortrag über die Arbeitslosigkeit und klagte in weinerlichem Tone über das Umsichgreifen der — demokratischen Bestrebungen. Ist das nicht rührend? Ist das nicht geradezu schmerzlich naiv? Und die Professoren des Rabbinerseminars, die jüdischen Gelehrter! und Literaten, die wenigen jüdischen Capitalisten und die vielen jüdisch-politischen Faiseure jubelten der intcrefsanteu Dame zu und bedachten nicht, dass die ganze Ausführung dieser geehrten Frau sich gegen das Judenthum in Ungarn wende, das sein Scheinleben wenigstens verlängern könnte, wenn wirkliche Demokratie in das gesellschaftliche Leben jenseits der Leitha ihren Einzug halten wollte. Hier, «Herr Doctor Bäzsonyi, ist das Feld für. nothwendige und lohnende Reformarbeit? Diese Gegner des Judenthums sind erst zu bekämpfen und zu besiegen, erst wenn Sie den eigenen Körper von hysterischen, nervösen Zuckungen befreit, wenn die Fäulnis vom eigenen Leibe entfernt oder isoliert ist, können Sie den Kampf gegen den äußeren Gegner mit Aussicht ans Erfolg aufnehmen. D i e Ernste sagt: Uns're «Hütte rüttelt der Wind. Es wimmert das Kind, Und die Saiten der Geigen zittern — Mann, es wird gewittern. Umarme mich enger und küsst! Es geht durch die Welten ein Riss. Die Blitze reiten auf Besen- Wer wird uns erlösen? Uns're Sonnen sind tobt. Es zerrt sie der Feind in den Koth . . . . . . Aber uns wird keine Macht vernichten. Ewig grünen unsrer «Hoffnung Fichten. Und wenn auch die Wunden bluten Von Dornenruthen. Gam se letauwo, auch das ist zum Guten. Die Liebesglut loht- Naht das Morgenrolh? Die jüdische „Moderne". Ein Wntschrei von Otto Werneck. Ja, eiir Wuthschrei war es. Ein Wuthschvei, wie ihn nur Empörung ausstoßeii kann, durch tausende täglich ueu sich bietende Anlässe genährte Empörung. Es ivar die xte Buchhandlung, die ich au. diesem Abend auf der Suche nach Leopold Komperts gesammelten Werken mit dem gleichen negativen Resultate verlassen hatte. „Bedauere, leider nicht vorräthig." „Dann wollen Sie es für mich bestellen." „Auch das dürfte schwer' möglich sein, da der de- Es gehört mit zu dem ganzen widerlichen Gebilde, das nns in den parlamentarischen Zuständen in Ungarn geboten wird, auch das Verhalten der anderen Rationalitäten in den Ländern der Stephanskrone zu beobachten. Vertreter zweier Rationalitäten ergriffen in den letzten Tagen das Wort zu parlamentarischen Enunciatiouen, und beide gleich erbärmlich, jeder in seiner Art. Gustav L i» d n e r, der Vertreter der Sachsen, hatte sich kaum zu dem ehrlichen, fceimüthigen Geständnisse ausgerafft, dass die Sachsen die Suprematie, die Alleinherrschaft der Magyaren über die anderen Nationalitäten im Lande nicht anznerkennett verurögen, als der Sturm der Entrüstung im «Hause losbrach, sich allen Parteien mittheilte und sich erst legte, als dem vorlauten Abgeordneten der Ordnungsruf ertheilt wurde. Weshalb? Hat ein Abgeordneter nicht die Pflicht, in dem Sinne zu sprechen und zu handeln, wie er von seinen Wählern hierzu beauftragt wurde. Ich will gar nicht von dem Rechte einer jeden Minorität, ihr nationales Recht zu wahren, sprechen, aber welchen Wert hat denn die angebliche freie Wahl, wenn der freigewählte Abgeordnete nicht die Gefühle seiner Mandanten frei aussprechen darf. Doch die Mayaren wissen, was sie thun. Anr nächsten Tage widerrief der Rechtslehrer Gustav L i n d n e r, als wäre er vor seinen eigenen Worten und deren Consequenz erschrocken, alles, was an seiner Erklärung wahr und aufrichtig war, und legte ein Geständnis ab, das den Sachsen für alle Zukunft das Recht nimmt, von ihrer Nationalität zu sprechen. Was ist über Nacht geschehen? .Hat sich etwa das Recht geändert und wo bleibt der Ordnungsruf der Wähler, die ja hierzu heute mehr Recht haben, als es gestern die anderen Parteien im Parlamente hatten? Hierüber darf man nicht viel reden, das ist — Politik. Nach diesem schnöden Widerrufe hat die Rede des „Rumänen" Josef Papp nicht mehr überrascht. Wozu auch sich ärgern, seiner Entrüstung freien Lauf lasten, wenn man innerhalb 24 Stunden Abbitte leisten muss und wozu dies überhaupt, wenn man gar nicht die Lust, gar nicht das Recht hat, sich für die Rumänen zu entrüsten, wenn nran gar kein Rumäne ist. Auch der Slovake Beselovsky hat bereits gesprochen, er war in seinen Wünschen sehr bescheiden, ja zu bescheiden. Ob das alles echt ist, fragt man sich in Ungarn, ob man den Slovaken trauen darf, steht doch der slovakische Abgeordnete V a i a s cf unter der Anklage, in einer Wählerversammlung ausgerufen zu haben: „Die Magyaren mögen zurück nach Asien, woher sie gekommen, als wir schon längst hier waren", und hat hierbei die ungarische Sprache mir einem Epitheton versehen, das gar nicht gut wiedergrgeben werden kann! Wer ist nun der eigentliche Führer der Slovaken: V e s e l o v s k y oder Ba laZek? Biel wichtiger als das Treiben dieser Talmi-Rationalisten ist für uns die Interpellation, welche Graf Johann E s z e rtreffende Verlag gelöscht wurde und Kompert hellte überhaupt nicht mehr zu haben ist." „Ja, wie beschafft man sich ihn dennoch?" Ein Achselzucken imd die treuherzige Versicherung, „ich wüsste es selbst nicht, lvo ich ihn bestellen könnte," bildeten m!it ziemlicher Regelmäßigkeit und tvenigen Variationen das Ende solcher Gespräche. Es mag kleinlich scheinen, aus einer Reihe von vergeblichen Versuchen, ein paar Bücher zu erwerben, so viel Erbiterung zu schöpfen. Aber es erscheint nur lkeinlilch. Thatsächlich liegt hier eilt Fall vor, der 311 denken gibt, eiü typischer Fall, der ein merkwürdiges Streiflicht auf gewisse Verhältnisse wirst. Ich werde wohl noch Gelegenheit finden, an dieser Stelle über Leopold Kompert zu sprechen. Dann loerde ich dem Judenthum . nicht dem ehrlichen muthigeu, seines Volksthums sich bewussten, sondern deni gewissen heuchlerischen, feigen' Ausnahms-Jndenthum - — von einem Manne erzählen, dessen unsterblicher Geist vergebens den Sargdeckel zu sprengen sucht, unter welchen ihn verbrecherische Indolenz mit einem falliten Verleger zusamimengethan hat. Dann werde ich öcn Missachtern Kompert'scher Kunst eine Groteske erzählen, wir ein Buchhändler einmal in Concurs geriet!) lind wie ein Volk sich kampflos um einen seiner Größten bestehlen ließ, einfach weil bei der gerichtlichen Uebergabe der zur Coneoursmaffe gehörigen Verlagsartikel und Verlagsrechte eine kleine Schlamperei unterlaufen war. Dann werde ich. . . doch ich will nicht vorgreifen. Constatioren »vir. für heute die Thatsache, dass die Juden eine herrliche nationale Moderne besitzen, die langsam unter unseren Augen abbröckelt und zerfällt. Demi Kompert ist beileibo nicht der einzige. Bernstein, S. Kohn. Kalke theilen mit noch Anigeu das gleiche Schicksal. Com