Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 4 (1902)
- Issue
- 5 (31.1.1902)
- Date
- 1902-01-31
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 91% known words query
- IRI
…/2432763-2432917-2432922--1336-2435082- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nxdxrriivn: Hil/1, &i%W%slßafte IL GpreiMtrrrbrrn An WocheMagrn von 4 bis 6 Uhr nachmittags p^bMfje: JSbtfHe» Nolrsvlatt, «raten, vill|l. VeMwerds» toegeti beMLtelsr oder gar nicht uns dringend. - MarrrrseriÄte werbe« «id Vostsparcasien-Sonto 847087. In dar Monnemeni kann man täglich eintreten. Kustellnng erbitten wir MgeftrM. EMM jeden Keita- MÄer Mll.wirKnny der.' vmn jüdischen VolKsveretrr srfttfl&itsn Prefsrmmnisston. 5Setetn»c Sdernehmen bi« Firmen: I. Danneberg, M. DukeS, Hassen» »»in ft Bögler, Rudolf Moste. «. Odp-lik, M. Pogsonyi, «L Schalet in Wien, ferner alle slnnoncen-Expcdittonen im «luSlande. »RrrMmer irr Wie« IS Heller. .AdrmnMratton: flll/l, Schlötzrlgasse 11. AbounemeutSpreiS: Sät Wie» n. Oesterreich-Ungarn Für baS gelammte AuSla»d fammt Francozustellung. sammt Irancozustrllung. Panziährig . . Sr. 8.— fcanaiaijrifl ... «t. 9.- Halbjährig . - „ 4.— BiertkljSbrig. . . . „ -»- Halbjährig.. 4äO Bierteljährig.. »•*» BWWIISWiHllliHMMI 5 , Bl. Jänner 1902. IV. Jahrgang. nass wwniuu.im w*u» a WWW Vom Tage. Europäische Lügen. Eine der widerlichsten europäischen Geistesblüten ist jene# Missgewächs, welches sich „wissenschaftlicher Antisemitismus" irennt. Der Ausfluss eines bestialischen Atavismus wird mit allerlei Phrasen behängt, die aus der Rüstkammer der modernen Wissenschaft zlr staminen scheinen. So wird mit vielem Pathos die Theorie von der autochthonen und der fremden Bevölkerung gepredigt, als ob es nicht historisch nochgewiesen wäre, dass die Inden Zugleich mit den Römern an vielen Orten. Deutschlands, Oesterreichs und Rlunänieus vor der jetzige!', arischen Bevölkerung sich angesiedelt hätten; mit ebensolchem Eifer die Theorie von den Wirts- und Gastvölkern, als ob die Europäer nicht auf allen anderen Erdtheilen selbst die Rolle des Gastvolkes spielten. Besonders jenes Volk, das alle diese schönen Theorien ansheckt, ist ein Schulbeispiel für die Unrichtigkeit derselben, nämlich das deutsche. Man gehe nach Frankreich, England, Amerika oder Australien, überall trifft inan Deutsche als Kaufleute, Handwerker und Aerzte; sie würden einen aber sehr verdutzt anschauen, wenn inan ihre Existenzberechtigung auf Grund Dühring'scher Theorien bezweifeln würde. In den protestantisch-gernuanischen Ländern werden sie allerdings leichten Kaufes ihre Nationalität los °, anders aber in romanischen Staaten. In Frankreich jammern die Nationalisten über die friedliche Eroberung des Landes durch deutsche Einwanderung; in Brasilien, schreiben, die portugiesischen Zeitungen über die „deutsche Gefahr". <o perigo nllemao; die Deutschen haben dorten eine. Anzahl von Colonien gegründet, und heute verlangt das „Echo" nationale Autonomie fi'ir die Deutschen Brasiliens. Aber gehen wir weiter. in der Untersuchung, wie denn eigentlich die Europäer Herren der fremden Erdtheile wurden. Allgemein bekannt ist, wie die Indianer. Nordamerikas systematisch durch das Feuerwasser ruiniert wurden, obwohl unverfälschte Christen und Arier das Branntweinmonopol innehatten", weniger bekannt ist es vielleicht, dass die Indianer durch systematischen Betrug ans ihren, Reservationen vertrieben und direct zum Aufstande provoeiert wurden, um sie im Namen der europäischen Cultur niederzumetzeln. So verfuhren unsere lieben Brüder in Christo mit deni autochthonen Wirtsvolke Amerikas. Man sagt uns, es geschehe dies im »Namen, der Cultur. Aber man frage diese spärlichen Reste der noch lebenden Indianer, ob sie die europäische Cultur wünschten, rnan frage auch die amerikanische Arbeiterschaft, was sie von den Srg- Von Max Eisler, Wien Hört! Durch Rosenbüsche konunt die Braut, Blüten fallen auf die Schultern. . . und es ist still! „Ich bin wie das junge Reh, das laust durch die Einsamkeit und nach den Jägern blickt. Hütet mir das junge Reh, denn es kam kaum aus dem Schoß." Hört! Durch Rosenbüscbe konuut die Braut, Blüten fallen auf die Schultern. . . und es ist stlll. „Deine Haare sind wie Gold des Feldes, wenn die Aehren voll fuib und die Hüllen springen. Deine Brüste sind weiß, sie prangen in großer Fülle." Hört! Durch Rosenbüsche ko mint die Braut, Blüten fallen auf die Schultern . . . und es ist still. „Ich komme von hohen Bergen zu Dir, Mirza; dort tveiden meine braunen Schafe zwischen den Reben. Die Reben sind voll, süß ist der Wein und sehr stark." Hört! Durch Rosenbüsche konunt die Braut, Blüten fallen auf die Schultern. . . und es ist still. „Du bist schön, Mirza; Dein Körper blüht rvie die Ceder im Frühling, und Deine Augen sind rothes Feuer. Schwarz ist das Haar, und Du bist schön, Mirza." Hört! Durch Rosenbüsche konunt die Braut, Blüten fallen auf die Schultern . ., und es ist still. luuugen der europäischen Cultur halte. Man überblicke mit unparteiischem Auge die Cultur der Azteken zur Zeit, als die Spanier in Mexiko landeten, und die Cultur des heutigen spanischen Äinerika mit seinen vierfach gestuften Mischlings raffen und fortwährenden blutigen Kämpfen, und erkläre dann ,ob die große Masse der Bien scheu damals oder heute glücklicher, war. Doch wozu in die Ferne schweifen, wenn das Schlechte so nahe liegt. Man richte sein Auge nach Bosnien, das bekanntlich lange durch eine schmachvolle und ungerechte türkische Verwaltung bedrückt wurde. Heute aber blüht in Bosnien ein europäisches Regiment; sogar bis zu Rennen und Taubenschießen hat es die heutige Verwaltung gebracht. Und was sehen wir? Dieser dumme Türke, der dazu nur dem Glauben nach Mohammedaner ist, nicht der Rasse, null mit Absicht die Wohlthateu des christlich-arischen Regimes nicht einsehen; er sehnt sich nach der berüchtigte!!! türkischen Aera zurück; er wandert aus. Das thut der eingeborene Orientale in Rumänien, in Russland und Bulgarien. In allen Blättern wacht jetzt die Nachricht van der Massenersäufung der Chinesen, in Blagowestschensk die Runde; unparteiische Berichte liegen vor, außer dein Berichte in der „Neuen Zeit", die Aussagen von Wereschtschagin. Letzterer hat den Muth, diese Massenmorde durch eine allgemeine Panik zu entschuldigen. Aber war die Panik auch die Ursache, dass am Tage nach diesem scheußlichen Verbrechen alle chinesischen Läden von russischem Pöbel und russischen Beamten geplündert wurden, dass die russischen Kaufleute einfach das Warenlager der. chinesischen Concurrenten confiscierten V Die „Neue Zeit" schwitzt: Der siegreiche Zug des General N e n n e n k a rn p f f nach Zizikar, der mit solchem Jubel von der patriotischen Presse ausgenommen wurde, darf wegen seiner Grausainkeit mit Fug und Recht mit den Zügen von TschingiS-Khan und Tamerlan verglichen werden, denn ein reiches und dichtbevölkertes, uinfangreiches Land wurde in etlichen Monaten streckenweise in eine menschenleere Wüste verwandelt, in der nur hie und da verkohlte Fandseu zu sehen waren und lange Zeit Hunde und Geier Leichen verzehrten. Wenn irgend jemand seine Entrüstung wegen der oben geschilderten Grausamkeit äußerte, so bekam rnan fast immer folgende Rechtfertigung zu hören: Lesen Sie doch Zeitungen, lvetche Grausamkeiten die Deutschen, Franzosen, Engländer in China begehen. Wenn sich civilisierte Völker so betragen, was will man da von uns nneivilisierten Russen? Gegen solche Gründe konnte man schlver etwas einwenden. Tie weiße Rasse, die sich so viel mit ihrer Civilisation vor dein „halb barbarischem China" bnistete, hat „Stark bist Du,, David; Deine Schultern sind schwer. Wie die Eile des durstenden Hirschen ist Dein Gang, der da konunt vom Asainonin, dem. Thal des einsamen Baches." Hört! Durch Rosenbüsche konunt die Braut, Blüten fallen auf die Schultern. . . und es ist still. „Wir wollen^uns küssen heiße Küsse und stille sein. Warn! ist der Hauch von Rosen, die Thiere sind ruhig und schlafen, und Deine Küsse sind süß, Sei ah!" Hört! Durch Rosenbüsche konunt die Braut, Blüten fallen auf die Schultern . . . und es ist still. Das Geheimnis. Eine Skizze von Arthur Gerber. Frau Rahe! Hofftnann hatte sich auf den heutigen Tag schon lange gefreut: Ihr Sohn sollte kommen, nur seinen, fünftägigen Weihnachsurlaub bei ihr zu verbringen. Sie konnte seine Ankunft nicht mehr erwarten. Bon der Thür gieng sie zu>.n Tisch und vorn Tisch zmn Fenster und sah hinaus durch die angelaufenen Scheiben, ob denn kein Wagen den schmucken Enjäbrig-Freiwilligen der harrenden Mutter brächte. Sie setzte sich auf den seidegepolsterten Sessel und stützte das sinnende Haupt mit den schönen schwarzen Augen gegen die Hand. Bor ihreiu. Blick zogen Jahre vorüber. Sie dachte an ihren Sohn. Wie sein Leben eigentlich in die nihigsten, regelmäßigsten Bahnen gerathen sei! Gottlob! in diesem grausamen .Kriege ihren Culturwert vollkonnnen gezeigt. An der Schwelle des zwanzigsteir Jahrhundert erweist sich Europa nicht minder barbarisch als einst die Horden von Tamerlan und Tschingis-Khan." Was lvürde Europa dazu sagen, wenn morgen chinesische Missionäre nach Europa kämen und Proselyten inachten, wenn sie für die Apostaten eigene Gerichtsbarkeiten und besonderen. Schutz verlangen würden? Also, meine geehrten. Herren, mit dein wissenschaftlichen Antisemitismus ist es nichts. Die Arier befolgen in allen fremden Erdtheilen dieselbe Ausbeutungs- und Eroberungspolitik die sie den Semiten in Europa — mit Unrecht — vorwerfen. Die Antisemiten sollen den Muth ihrer Barbarinstinete haben; mit ihrer Wissenschaft entlocken sie uns nur ein Lächeln der Verachtung. » Die Deeadenz dor wiener Universität. Wissen ist Macht! Dieses Dictum rührt bekanntlich von dem Urtypus des österreichischen Liberalismus, dem einstigen Ministerpräsidenten R. v. Schmerling her. Dieses Dictum ist auch die einzige Hinterlassenschaft, die wir diesem kaum berühmten Staatsmanns zu verdanken haben. Ja wohl. Wissen ist Macht, allein weder Schmerling noch seine Epigonen haben das Verständnis besessen, diese Macht in Oesterreich einzubürgern und weidlich auszunützen. Die Wiener Universität befindet sich — es ist dies ein öffentliches Geheimnis — schon seit langer Zeit auf wissenschaftlichem Gebiete in einer Stagnationsphase, und wenn irgendwo, so ist im Bildnngswesen Stillstand Rückschritt. In den Fünfziger- und Sechzigerjahren war die Wiener Universität ein Dorado für alle österreichischen und ausländischen Jünger, die ihre Bildung, ihr Wissen und Können zu bereichern die Absicht hatten. Nicht nur Studenten, die sich an den Brüsten der Alma mater Vindobonensis für ihren künftigen Beruf vorbereiten wollten, auch alte Häuser fanden sich in den Hörsülen ein, um ihre Fachkenntnis zn vervollkonlmnen und sich auf der Höhe der Situation zu erhalten. Diese Zeiten sind schon lange vorüber. Die Wiener Universität ist nicht nur vou der Berliner und Leipziger, sondern auch von vielen kleineren deutschen Hochschulen an Rang überflügelt worden. Fragt mau, was diese geistige Stagnation verschuldet hat, so bekommt man je nach der Parteirichtung und Parteistellung eine verschiedene Antwort. Der kleelor magnificus der Wiener Universität Dr. Schipper hat vor einigen Tagen an die reichsrüthliche Budget-Commission ein Memorandum gerichtet, in welchem er die Stagnation ans die Geldfrage zurückzilfüliren' sucht. Mag sein, allein erledigt ist die Sache damit noch nicht; denn sie hat einen tieferen Hintergrund, und es besitzt niemand den persönlichen Muth. das Kind beim Dos hotte sie früher nicht einmol in ihren kühnsten Träumen erschout. Er war ein Kind der Liebe. .Nur bitteren Herzens konnte sie dessen sich erinnern. Doch umso klorer standen die Ereignisse von damals vor ihrer Seele. --— Es wor am Friedhof. Der Regen schonerte hernieder in grauen Fäden. Der Wind peitschte die hängenden Zweige der Trauerweiden, sie schritt hinter dein Sorge ihrer Mutter. Und neben ihr gieng er, der einzige, den ihreMutter geschah!hatte außer ihr. --- Seitdem er an der Universität studierte — wohl schon fünf Jahre - hotte er bei ihnen gewohnt. Rohel hotte sich damals ans dem Friedhof, luie plötzlich erwachend, nnigeschaut: Der bleiche, blonde Mann stand allein neben ihr vor dem Grobe der Mutter. Allein Die feuchten Erdschollen, waren dumpf auf den Sorg tzinobgefollen. Jetzt wor es stille, ganz still. Ter Priester und die Sargträger waren verschwunden. Sie beide waren allein. Do hätte sie ihn am liebsten umarmt, so wohl thot ihr seine (Gegenwart damals in ihrem düsteren Verlossenfein. Sie wor glücklich, dass sie den Einen hotte, der ihre Mutter gekonnt und geschätzt. Sie fürchtete sich vor den herzlosen Fremden, nur in ihm sah sie Trost. - schöne Tage waren gekommen, der Lenzmonat der Liebe. Doch später, als draußen die Herbst- und Winter stürme brausten, kam dos Leid auch über sie: Sie fühlte sich Mutter. Sie sah in dem herannahenden Ereignis nicht wie die meisten, eine neue Quelle der edelsten Liebe, sie freute sich nicht auf jenen Augenblick, der ihrem. Kinde dos Leben schenken sollte-für sie hotte dieser Moment nur die eine traurige Bedeutung: Offenbarung ihrer