Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 4 (1902)
- Issue
- 4 (24.1.1902)
- Date
- 1902-01-24
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Kedarlkm: Vllll\ So,lö8elsaffe 11. Gprrchftmide»» «u Wochmtaa«« von 4 bis 6 Uhr nachmittag». P*Ubnffi! NSLtfche» SoDilloitt «Sie», villjl. Nrkchwrcdr« wegen verspäteter oder gar nicht erfolgter Zustellung erbMen wir uns dringend. - «mWferwt« »»erde« nicht zurückgeftellt. P«st1parcaffea»Ton1o S47VS?. In daS rlbonnnneni kann man täglich eintreten. Erscheint ledeu Freitag «rttrr Mtttvirttnna drr vorn jüdiMpen Volksvrretn rrwätztten Prefsrommifston. N»fer«te übernehmen dte tzirmm: I. Danneberg, M. Dukes, Haasen» Mit 4t Hogler, Rudolf Moste, 8. Oppclik, M. Pvzsonyi, 8. Schaler in (Bien, ferner alle Unnoncen-Lxvedittonen im UuSlande. Gi«zeL-Nummer i« Wie» I« Heller. LduriniMülion: VIII/1, SchlStzelgasse 11 AbonuementSprelS r Sitar Wien tu Oesterreich»U«garu fainmt Francozustellung. «anziährig Halbjährig . vierteljährig. . Kr. 8.— " Für daS gelammte RvSlemb sammt Francozustellung. Sährig . ihrig . ljährig Kr. " LLS , »»5 i*. 4 Wie«. 24. Jänner 1902. IV. Jahrgang. Vom Tage. Zwei Jahre Regime Rörber. Nach dem jähen. Sturze Badems hat nach kurzem Jirtevvegmmr Herr v. Körber die Negierung in Oesterreich an getreten. Das Abgeordnetenhaus des österreichischen Reichsrathes war aus den Fugen gerathen, der Gesetzgebungsapparat unterbrochen und Oesterreich an den Rand des Abgrundes gebracht. Körber war dazu ausersehen, wieder Ordnung in das zerfahrene Geleise zu bringen. Bei seinem Regierungsantritte entwickelte Körber in einer Denkschrift^ sein Programm, in welchem er es als die oberste Aufgabe seines Regimes hinstellte, aus die Beruhigung der bis zur Siedehitze erregten Gemüther: hinzuwirken, allen Parteien nach Thunlichkeit Gerechtigkeit widerfahren zu lassen und allen Nationalitäten und Konfessionen ein gleich wohlwollendes unparteiisches Entgegenkommen zu widmen, und denselben gegenüber gleiches Recht walten zu lassen. Nun ist Ministerpräsident b. Körber zwei Jahre an der Arbeit gewesen. In der Weltgeschichte sind zwei Jahre, allerdings eine sehr kurze Spanne Zeit, nach dem in der letzten Zeit continuierlich stattgefundenen Wechsel in den Regierungen und Systemen aber eine verhältnismäßig ziemlich lange Epoche. Ministerpräsident v. .Körber kann sich nicht darauf berufen, dass ihm irgendwelche Erfolge, die ihm vorgeschwebt, zur Seite stehen. Es war ihm bisher nichts anderes gelungen, als sich von der Hand zum Munde sortzusristen. Der Gesetzgebungsapparat ist nur durch allerhand Concessionen an diese oder jene Partei und Fraction vor dein Zusamnieubruche belvahrt worden, und man musste die Wahrnehmung machen, dass der Premierminister nur zu bald dazu gelangt ist, sein Programm im Stiche zu lassen. Die in Aussicht _ genommene Beruhigung der Gemüther ist nur eine scheinbare, und das Parlament steht bei jedem nur halbwegs principiellen Gesetzacte in Gefahr, aus den Fugen zu gehen. Das drohende Gespenst der Obstruction will nicht weichen, und alle Versuche, dieses Gespenst zu bannen, haben sich. als erfolglos erwiesen. Die Ursachen dieser Sterilität liegen tiefer, und keine der herrschenden Parteien die auf eine ernstlich^ Beachtung Anspruch macht, besitzt die Ausrichtigkeit, die kritische Sonde anzulegen intb das Kind beim rechten Namen zu nennen. Ministerpräsident v. Körber hat den Vorsatz gefasst, aus die Beruhigung der Parteien und Gemüther hinzuwirken. Unseres Wissens hat er keinen Schritt unrernonnnen, diesem Programmpunkte gerecht zu werden. Ministerpräsident v. Körber hat mit einer gMüssen Emphase Feuilleton. L’art juive. Eine Culturstudie von Leo Sofer. Spricht man in Künstler^- oder Laienkreisen über .ftimft, so entspinnt sich sicher eine hitzige Debatte über die alte und die neue Richtung. Hie Secession, hm Elassicität! hallt es. Ich halte den Streit in dieser Form für müßig. Denn nicht die Richtung verbürgt die Meisterschaft, sondern das Können. Nicht darum handelt es sich, ob die Alten oder die Modernen die besseren Künstler sind, sondern darum, welcher Geist der wahre ist. Die Vertreter der alten Schule halten an den „ewgen Regeln,, fest, die Gesetze der „Schönheit" nnabändrlich fixieren lind in den Werken der Griechen und der Künstler der Renaissance verkörpert sind. Die Jungen leugnen das Ewigkeitsrecht dieser Normen und verwerfen sie. Und darin liegt ihre Bedeutung und Zukunft; sie liegt in dem kühnen Wage- und Wahrheitsnulthe, mit dem sie starre Formeln zerbrechen, die einst in grauer Vorzeit lelx'nskräftig waren, aber heute ihre Lebensmöglichkeit und Lebensberechtigung verloren haben, sie liegt in der Entschlossenheit, mit der sie aus nun entfesselten Meeren neuen, nnbekannxen Eilanden zusteuern. In dem Glauben an die Möglichkeit und Nothwendigkeit einer n e u e n Kunst liegt das Schwergewicht der Modernen; nicht in ihren Werken.. Denn dieser Glauben baut eine Brücke über die Kluft, die zwischen Kunst und Leben infolge der alten Kunstgesetze entstanden ist. Die Kunst entsprang einst aus dem überströmenden Leben und unter der goldenen Sonne von Hellas und Italien entstanden jene göttlichen Werke, die in glücklicher Harmonie der richtige Ausdruck der d a - enunciert, dass er alle Völker und Confessionen mit gleicher Gerechtigkeit behandeln werde. Diesem seinem Programmpunkte ist aber der Regierugnschef gewiss nicht gerecht geworden, insbesondere, was die Inden betrifft, und das ist unseres Erachtens der springendePnukt, die wunde Stelle, an der seit dein Entstehen des Antisemitismus inOesterreich alle Regierungen kranken, dahinsiechen und sterben. Premierminister v. Körber ist ein integrer Charakter, von dm. besten Absichten beseelt. Es muss daher befremden, dass er bei seinem Regierrmgssystem die Judenfrage ganz unrichtig auffasst, ja vielmehr ganz auszuschalten bemüht ist. Das ill aber die sogenannte Vogel-Strauß-Politik. Wir haben von der .Regierungs tun st des Herrn v. Körber nicht die geringe Meinung, dass wir ihm zumuthen könnten, er besitze nicht das richtige Verständnis, welche Gefahr die Judenfrage für den Bestand und die Zukunft des österreichischm Staates bildet. Wenn er trotzdem der Judenhetze und dem Antisemitismus nicht nur freim Lauf lässt, sondern auch mit passiver Toleranz begünstigt, so ist dies feiner Hilf- und Rathlosigkeit gegenüber dem relativ winzigein antisemi!- tischen Fähnlein im österreichischen Abgeordnetenhause zuzuschreiben, der Angst vor den antisemitischen Krawallmachern und der bangenden Furcht, der rüden Judenhetze gegenüber einmal Farbe bekennen zu müssen. Wir wollen ja gerne dem wenig beneidenswerten Ministerpräsidenten zugestehen, dass er nur schweren Herzens die verabscheuungswürdige Judenhetze gewähren lässt. Er sieht sich hiezu zweifellos deshalb bemüssigt, weil er. die antisemitischen Fractionen. des Abgeordnetenhauses als Zünglein an der Wage benöthigt. Ministerpräsident v. .Körber dürfte auch, wie viele seiner Vorgänger, die unrichtiges Taktik beobachten, die Gunst und das Wohlwollen der antisemitisch-parlamentarischen Fractionen entweder durch Jndulgenz oder durch active Betätigung auf Kosten der Juden zu erreichen. Die Erfahrung hat aber Herrn v. Körber gelehrt, dass alle seine Vorgänger an der gleichen Taktik Schiffbruch gelitten haben. Herr v. Körber ist aber in der letzten Zeit noch einen Schritt weiter gegangen. Von Taasfe angefangen, unter dessckn Regiovungszest der Antisemitismus geboren worden ist, bis auf seinen unmittelbaren Vorgänger Wittek haben alle Regierungschefs die Judenhetze als einen Ballast übernommen, dessen sie sich gerne entledigt hätten. Herrn von Körber kann jedoch der Vorwurf nicht erspart bleiben, dass er sich des Antisemitismus direct und indirect bedient, um. hie und da Vortheile für die Regierung zu erzielen oder sich aus einer momentanen Verlegenheit zu retten. ..Hat man gemeint, dass unter Körber der Judenhetze ein Ende bereitet iverden, oder dass die Negierung bemüht sein m a l i g e n L e b e n s gef ü h l e waren. Aber je mehr wir uns von der »Naivität der Alten entfernten, je mehr sich die Vielgestaltigkeit der neuen Zeit von der Einfachheit und Einfältigkeit der Vergangenheit abhob, umso mehr entwickelte sich zwischen der Kunst, die zähe und eigensinnig an den alten Formeln festhielt, und dem in fortwährender Veränderung begriffenen Leben eine Dissonanz, die die Anhänger der antiken Richtung nie und nimmer versöhnen konnten. Doch die Devise der Modernen vermag es, die da lautet: Der Zeit ihre Kunst — dem Künstler seine Freiheit. Das ist das Motto der Secession. Die .Must war alt, vergrämt und melancholisch geworden; nun ist eine neue, frische, tolle,, schaffenskräftige Jugend der Kunst angebrochen, in der des Lebens Pulsschlag hörbar schlägt und nicht mehr müde schleicht. Die moderne Kunst erkennt eine Herrin, eine elvige Herrin an. Die ist aber das Leben und nicht eine todte Regel. Das ewig wechselnde Leben, das jeden Augenblick neue Formen gebiert und jeden Augenblick alte Formen zertritt, das Leben, das ein ewiger Verfuchsherd ist, um aus der bkllionsten Gestalt die aberbillionste zu schaffen, ist die einzige Lehrmeisterin der Modernen, keineswegs aber Museen, in denen kalt und einsam die Reste einer untergegangenen Cultur. trauern. Die moderne Kunst hat damit den Weg der Entwicklung, den einzig richtigen Weg, betreten; denn E u t w i ck l u n g heißt das Zauberwort, das nicht nur die Kraft hat, die Räthsel der Natur zu deuten, todte Völker und todte Sprache zum Leben zu Wecken, sondern auch die Macht besitzt, eine Kunst, die mühsam in Treibhäusern vegetierte, zur üppigen Entfaltung zu bringen. Die Kunst soll der: Abglanz des Lebens sein, und da wolltet ihr sie in ein paar Regeln fassen, die ihr elvige nennt. Tos protheusaAige, in Farben und Formen Überschwang schlvelgende Leben spottet dieser wird, die größten Härten des confessionellen Haders zu mildern, so hat man sich einer sehr argen Täuschung hingegeben. Es ist leider eine Thatsache, dass gerade unter dem Regime Körber der Antisemitismus die größten Orgien zu begehen imstande war. Unter die Regierung Körbers fällt der für einen Rechtsstaat tief einschneidende Fall Araten, welchem gegenüber die österreichische Regierung eine Hilflosigkeit bekundete, die ihr nicht zur Ehre gereichen kann. Während der Regierung des Ministerpräsidenten v. Körber hat sich die gegnerische Publicistik neuerlich des Märchens von dem Blutrituale bemächtigt, und zwar mit dem Erfolge, dass sich der Mob, aufgehetzt und aufgewiegelt, bis zur Plünderung und Brandschatzung jüdischen Eigenthums hinreißen ließ. Während der Regierung des Ministerpräsidenten Körber ist gegen Juden ein förmlicher Boycott insceniert worden, der ihnen die Möglichkeit gänzlich benimmt, in öffentliche Stellungen zu gelangen. Die Interpellation betreffs des ungesetzlichen Vorganges des Wiener Ober-Gerichtspräsidenten v. Krall, der jüdische Bewerber um eine richterliche Stellung förmlich zur Apostasie nöthigt, ist noch in lebhafter Erinnerung, ebenso unvergessen ist es aber auch, dass weder Herr v. Körber, noch sein College, der Jnstizmimster, es bisher gewagt haben, die Interpellation zu beantworten, augenscheinlich deshalb, um bei den Antisemiten nicht anzustoßeu; denn diese sind von der Regierung nur Liebesdienste zu erhalten gewöhnt. Die Antisemiten geberden sich nicht nur als eine Nebenregierung, sie dominieren den ganzen Regierungsapparat, und ohne das Placet von Schneider, Gessmann 6 tMti quanti. kann und darf hierzulande nichts geschehen. Man ist aber noch tveiter gegangen. Dem antisemitischen Mob in Blouse und Frack zuwillen ist der Gesetzgebungsapparat gegen dieJuden inScene gesetzt worden. Denn als nichts anderes manifestiert nch die neue Gewerbegesetznovelle, deren Santioniernng man jeden Tag erwarten muss. Noch mehrere andere Gesetz entwürfe haben die antisemitischen Bluthunde in ihrem! Köcher. Durch diese gesetzgeberischen Acte wird man den sicheren Erfolg erzielen, dass die jüdischen Gewerbe- und Handeltreibenden, namentlich die jüdischen Hausierer ausgehungert werden. Viel fehlt ja hiezu ohnehiü nicht mehr. Die jüngste Asfaire, der Fall des Gymnasialprofessors Dr. Spicka nämlich, der ja noch in lebhafter Ennnernng ist, wartet auch rroch der Remedur. Die gewaltsamen Taufen entführter Judenmädchen, die namenloses Leid den betreffenden schwergeprüften Familien zusügen, finden keine gesetzliche Ahndung. Und noch ist das Sündenregister lange nicht voll, mit welchem das gegenwärtige Regime in der Judenfrage belastet zu werden vermag. Im Reichsrathe, im nieder- Regeln. Wollt ihr das Leben bilden, so müsst ihr ebenso verwandlnngsfühig und verwandlunaslustig sein wie die verschwenderische Natur selbst. 9cnr wer sich Verlvandelt, bleibt mir verwandt, sagt Vas Leben zu euch. Die A'atuc strebt nicht nach Einförmigkeit, sondern nach Verschiedenartigkeit, sie unificiert nicht, sondern sie vifferenciert; immer neue Formen, neue Düste, neue Arten tauchen vor unserem erstaunten Auge auf. Die Kunst muss also nicht nur Nxmdlnngsfähig, sondern auch Verschiedenartig sein. Verschieden nach Individualität, verschieden nach Stamm und Blut. Die Rasse kommt in der Kämst zur Anerkennung. Endlich erkennt man an, dass eine rassenlose Kämst, die ihre Herkunft vom Blute verleugnet, auch blutarm und blutlos, ein blasser iLchemeir, vielleicht eine effectvolle Draperie ist, aber: sicher nicht das .Kunstwerk, das den Suchenden erlöst und den Beladenen befreit. So musste die moderne Kunst auch eine jüdische Kunst schaffen, so musste die jüdische Kunst modern sein. Sie schöpft aus der: unerschöpflichen Fundgrube der semitischen Rasse und ist sich ihres Ursprunges belvrisst. AAe die rmerfüllten Sehnsüchte, die unterdrückten Schmerzenslarcke, die begrabeuen Hoffnungen, die versagteir Wünsche mrd der verhaltene Jubel sind die Quellen der jüdischerr Knnst^ Die jüdische Kunst hat keine Vergangenheit und keirre Traüitioneir. Mit gieriger: Hast musste sie sich natürlich auf die Losung stützen, die den ganzem Forurelkram der Vergangenheit über: Bord ivarf. Das ist das Jüdische an der neuen Kunst; das ist das Secessionistische in der jüdischen. Kunst. Wohl ihr, deim der Moderneu folgen, heißt eine ewige Jugend und ein etviges Werden zmrr Leitstern haben. Alles das, was in der Seele unseres Volkes nach Fornren, Farben mrd Liuieir schreit und so lange sich scheu vor dem Lichte der: Sonne