Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 4 (1902)
- Issue
- 2 (10.1.1902)
- Date
- 1902-01-10
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Lrdartton: Tm/1, KchlStzelgasse 11. GprechftMl-eur Kn Wochentagen von 4 618 6 Uhr nachmittag», pafiadreff,: AWtscheS «oUSblatt» Wien, VIII|1. »»schw-rd« wegen v un-dringend. — gukellmlg erbitten vir Vostsparraffen-Lonto 847087, In da» Abonnement kann «an tSglich eintreten. äteter oder gar nicht eritttr »erd« nicht «nter Mitwirkung de« vom jüdiMken Volks- Verein erwählten Prrfsrommifston. gnserate übernehmen die Firmen: I Danneberg, Wb Duke», Hassen. Hein * «ogler, Rudolf Mofle. A. Oppeltt, M. Pozsonyi, A. Schal«! in Wien» ferner alle Annoncrn-Srpedittonen im AuSlande. Ginzel'Nrmrmer in Wie« IS Heller. Administration: YUIfl, Srhlöhrlgaste 11. Avo««eme*tSpreiS: Für Wie» n« Oesterreich-Nugarn fammt Francozustellung. «an-jShrig HalbÄhrtg Bierteljührig Kr. 8<— FSr das gefmnmte AvSlanb fammt Frankozustellung. »anzjährig ... Kr. 9 - HalbjLbrig.450 Bivtteljährig.„ »»8 S Wie«» 10. Jänner 1S0S. IV. Jahrgang. tm KnffrgiwWif)S<fni ■» rg «fm *»££355*555 Programm 9er Jüdischen Volkspartei. I. Die jüdische Volkspartei steht auf dem Boden des jüdischen Volksthums. Die Inden sind nicht nur eine Confessionsgemeinschast, sonderir durch ihre Abstammung, ihre tausendjährige Geschichte, ihre Cultüb,' die zur Culturguelle vieler Völker geworden ist, und vor allein durch ihr eigenes Gefühl, eine Nation. Die jüdische Volkspartei bekämpft die, unter dem Schlagworte'. des Fortschrittes gepredigte Assinülation, in. dem Bestreben, das geistige Erbe unserer Vorfahren, das sie unter unsäglichen Leiden uns überliefert haben, unverkümmert auf die Nachfahren konimen Zu lassen, zmnal schon jetzt der Misserfolg und die völlige Aussichtslosigkeit der Ass hm latio ushes trebungen constatiert werden kann. Die jüdische Volkspartei erstrebt die Hebung der e u l t u r e l l e n, p o l i t i s ch e n il n d wirtschaftlichen Lage der Juden. II. Die jüdische Volkspartei erstrebt insbesondere die Verwirklichung, sowohl eines wirtschaftlichen als nuch eines politischen Gegenwarts-Programmes in Oesterreich; sie lässt sich hierbei von dem Gesichtspunkte leiten, dass ohne politische Bethätigung eine Minoritätsnation. innerhalb eines gemischtsprachigen Staates von selbst zu einem nebensächlich er: Factor wird. . Der bisherige Kampf wurde um die Gleichberechtigung der Juden als Staatsbürger geführt, nicht aber um die Gleichberechtigung des j ü d i s ch nt Volkes. . Wir folgen dein Beispiele anderer Völker in Oesterreich, die nicht nur von der Gleichberechtigung, sondern auch von der Gleichwertigkeit ihrer Nation sprechen. Zur Erledigung ihren gemeinsamen, über die Cultusinteressen hinausgehenden Angelegenheiten und zu ihrem Schutze bedürfen die Inden -einer gesetzlich anerkannten Organisation; diese wird von uns in der Durchfühnmg der Forderung der n a t i o n a t e tt A utonomie erblickt, wie sie die inodernen nationalen Parteien in Oiesterreich bereits anstreben. Ditzsen Forderungett tnuss sich auch das jüdische Volk auschließetr imd es wird den Organisationen der einzelnen Länder Oesterreichs überlassen werden müssen, Feuilleton. An mich. Von L u d w i g J a k o b o!v s k i.*) Ob du frei bist, ob in Frohn, Deine Aettgste werden bleiben! Winde kattn nur Siurut vertreiben Und der Sturmwind lauert schon. Niemand tritt dir ins Geheg. Süßer Franeti süßes Schinachten, Freunde, die dir.'freundlich lachten, Alle treibst du sie dom Weg. Denn du bist dein schlimmster Feind. Jeder Streich aus .deineu Händen Wird im eignen Bnseit enden. Bis der. letzte Schmerz verweint. * Aus dem Buche „Allstlang". Neue Gedichte -aus dem NuLy- .luss. Minden 1901. I. C. C. BrnnL.; ' welche Art und Form sie für die Erreichung ihres Zweckes geltend machen wollen. III. Die jüdische Volkspartei ist ihrem Wesen nach national-social. Sie tritt nicht ein für chauvinistische Volkserregungen, sondern für einen geläuterten, verfeinerten und gereifteren Nationalisnuts, der alle positiven Cultur-Errungenschasten der europäischen Nationen dem eigenen Volke zugute kommen lassen will. Insbesondere in der socialen Wirksamkeit für die Hebung der leidenden unteren Volksschichten sieht die jüdische Volkspartei einett wesentlichen Bestandtheil ihres nationalen Programmes. IV. Von diesen Grundsätzen ausgehend stellt die jüdische Volkspartei folgende Forderungen auf: 1. Pflege der culturell-nationalen Bestrebungen, Ausbau der Cultusgemeinden auf demokratischer Basis. 2. Moderne nationale Erziehung der Jugend, Begründung und Propagierung nationaler, jüdischer Schulvereine, Gründung von Volksbibliotheken, Lesehallen (Pflege der hebräischen Sprache, der jüdischetr Geschichte und Literatur) und Förderung aller auf Cultivierung eines „lebendigen" Judenthums gerichteten Bestrebungen; Gründung von jüdischen Gesangs-, Turn- und Sport-Vereinen. 3. Verwirklichung der Gleichberechtigung mit den anderen Völkern innerhalb Oesterreichs. 4. Allgemeines directes Wahlrecht mit Minoritätsvertretung. 8. Unterstützung der genossenschaftlichen Bethätigung sowohl des jüdischen Mittelstandes als auch des jüdischen Proletariates, Förderung der ländlichen Siedelungsgenossenschnften, Errichtung eines Arbeitsamtes mit der Aufgabe a) durch statistische Erhebungen diejenigen Erwerbszweige, in denen Ueberfüllung herrscht, als auch diejenigen, in denen Mangel an Arbeitern besteht, in Evidenz zu halten und den jüdischen Arbeitsmarkt in dieser Richtung zu beeinflussen; b) die Arbeitsvermittlung, die Versiche- Dir Drinripien der jüdischen Ethik.*) Von Pros. Dr. Thomas Achelcs, Bremen. Es bedarf bei einem so weitausschauenden Thema, wie dem vorliegenden, wohl keiner besonderen Begründung, wenn wir uns auf die Charakteristik besonders eigenartiger Züge und Elemente der jüdischen Moral beschränken tlnd uns auf keine irgendwie detaillierte Erörterung von Einzelheiten einlassen dürfen; jede Polemik u. Controverse ist sellhtredend vollends ausgeschlossen. Sodann setzt unsere Betrachtung jenen Umstand von Vorneherein voraus, dessen Bedeutung man sich gleich zu Anfang klar machen muss, nämlich die Thatsache, dass wir trotz allem Wandel der Zeitem u. Unterschiede itt der persönlichen Auffassung doch eine.gewisse unerschütterliche gemeinsame Basis der jüdischen Sittenlehre constatieren können. Die Verschiedenheit der Zeiten, die Besonderheit der Umstände, die Trennung der individuellen Personen, erklärt der feinsinnige Denket: Mor. Lazarus, dem lvir uns im Vorstehenden anschließen, tritt weit zttrück hinter der siegreichen, gestaltungskräftigen, einheitlichen Fortbildung des Gesammtgeistes, welche auf der ureigenen inneren Fortbewegung der Grundgedanken selbst beruht; aus der innersten Quelle der Ideen selbst 'schöpft sie ihre Kraft. Zwar wird alle Arbeit und auch diese von. den Individuen geleistet; wir besitzen nur Aussprüche von bestimmten Persotten; die geistigen Gebilde werdett ztl gewissen Zettelt und unter gegebenen Umständen geschaffen. Aber alles Zeitliche und Zufällige und Jndi- *) Mit besottverer Rücksicht auf Mor. Lazarus „Die E t h i!k,:d e s I u d-e n t h u I. Band. (Frankfurt a. M. 1898.) rung der jüdischett Arbeiter gegetr Alter, Rankheit, Invalidität, sowie gegen Arbeitslosigkeit zu centralisieven. Speciell für die jüdischen Gewerbetreibendett streben wir. cm: 1. Ausbildung und Vervollkommnung des Lehrlings- Wesens. 2. Größere kanfmätntische Ausbildung der jüdischen Gewerbetreibenden. 3. Unterstützung der. jüdischett Handwerker durch alle Elasten der jüdischen Bevölkerttng. 4. Gründung und Ausbildung von Gettossenschaftsbanken und Creditinstituten nach dent Muster des in Wien gegri'tndeten Creditinstitutes für jüdische Gewerbetreibende und Beamte. Speciell für Galizien mtd Bukowina stellen wir folgendes Programm auf: Sitte bleibende Verbesserung der mateviellen Lage der Juden in Galizien und Bukowina kann nur durch eine gleichzeitige Hebung der wirtschaftlichen Lage des gesamm-- ten Landes erfolgen. Die früher erwähnten Bestrebungen genügen nicht, ttm das unter denJnden bestehende ungeheuere Elettd zu bannen. Durch das fortwährende Nachrückett von Armenhaus diesen Ländern werden auch alle Wohlsahrtsbestrebungett im Westett vereitelt. Die jüdische Volkspartet wird daher eine Reichsaction zur Jndustrialisierting Galiziens und der Bukowina, die ja auch im Interesse des gesammten Oesterreich liegt, allett Kreisen klar zu machen suchett. V. Die jüdische Volkspartei fasst zunächst die wirtschaftlichen und politischen Interessen der Stammesgenossen Oesterreichs ins Auge, indein sie an der Erhalttmg und Consolidierung dieser Monarchie das größte Interesse hat. Zugleich aber enthält ihr national-culturelles Programm Bestimmungen, die das gesammte Judenthum berühren. Von diesem culturell-nationalen Standpunkte ans, wird auch die folgende Stellungnahme der Partei zur zionistischen Frage dictieri. viduelle hat im ganzett Bereiche jüdischer Weisheit und Gedankenschöpfung nur geringen Theil an der Macht und Würde jener schöpferischen Fortbildung, welche dem innersten Triebe des Volksgemüthes und seiner ültesteit ursprünglichen Offenbarung folgt. Auch was der Einzelne vorträgt, ist Erfolg des Gesammtgeistes, der nur im Individuum persönliche Gestalt gewinnt, und mir, was in der Gesammtheit lebt, prägt sich in Worten oder Werken aus, welche Einzelne geschaffen habett. Denn wie verschieden attch bei all den Denkern und Lehrern ihr Charakter und ihre Lebensweise, die Luft, die sie athmen, ist dieselbe, das Blut, das itt ihren Adern rinnt, ist das gleiche. Eist Herzschlag pulsiert im Leben aller. Nirgends werdett die letzten Grundgedanken, die Gesinnungen, die Principien, die lvir nach der strengsten Prüfung in Bibel und Taltttud entdecken, von ihnen verleugnet oder bestritten oder auch nur wesentlich verändert . . . Dieser Continuität in der ethischen Schöpfungsthätigkeit des jüdischett Geistes ist es zu verdanken, dass es möglich ist, eist vollständiges und in sich geschlossenes System der Sittenlehre des Judenthums zu entlverfen, obgleich der Inhalt derselben itt ihren Quellen — also in Bibel und Taltttud — niemals itt systematischer Fornf, sondern immer nur itt vereinzelten Aussprüchen zur Erscheinung gekommen ist. (S. 1.) Es ist mm sehr beachtenstvert, dass dieser Aufbau einer einheitlichen, sittlichen Weltanschauung itt jener Zeit geschah, die zugleich das socialpolitische Leben und die Freiheit des jüdischen Volkes rettungslos vornichtete und unter den Trümutertr des itt Rauch und Flammen ausgehenden Tempels begrub. Drei Forderungetr wttrdeu vott dett jette Bewegung leitettdeu Männern für diese ethische Wiedergeburt in dett Vordergrund gestellt, tvie unser Gewährsmann weiter ausführt: das erste ist Hebung des Geisteslebens überhaupt: Studium, Forschung, Wissen, Weisheit wird aufs höchste