Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 4 (1902)
- Issue
- 1 (3.1.1902)
- Date
- 1902-01-03
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Mtie 6 Wien, Freitag Jüdisches Votkablatt 3. Jänner 1902 Nr. 1 fr & .(■ in ihren wohtthätigen Bestrebungen und räumen Sie ein Feld, auf dem sich andere hermntmnmeln sollen. Diese drei Herren haben mm für diesen Sonntag eine auf eine „beschenkte" und sorgsam ausgewählte Personenanzahl berechnete Versammlung deutschgesiimter Juden zu „befragen", ob sie nicht dem deutschpolitischen Vereine beitveten möchten. Zur Ermuthigung zaghafter Gomüther wird erzählt werden, dass in Suczawa, Serech und Radautz je 20 oder ein paar mehr der ivillfährigften Juden ihren Beitritt zum deutsch-politischen Verein bereits erklärt haben, das soll die Leimritthc sein, an der man jüdische Gimpel fangen will. Döe Veranstalter dieser Versammlung haben natürlich die Gegner nicht eingeladen, da eine schlechte Sache der Heimlichkeit nicht entrathen und eine lallende Beredtsamkeis dem temperamentvollen Ungestüm wahrer Ucbeiszeugung nicht widerstehen kann. Wird es dem Triumvirat gelingen, die Juden in den deutschen Schafftall zu treiben? Tribine. (Liese Rubrik ist Zuschriften aus dem Leserkreise geöffnet.) Ein Studentenduell im Lichte des Iudrnchums. Eine zeitgemäße Betrachtung. Die bekannte Judenfreundin, die alte Klatschbase „Narodni Politika" leistet sich in zweien ihrer Nummern das beneidenswerte Vergnügen, ihren Lesern die urkomische Geschichte eines Duells zwischen zwei deutschen Studenten jüdischer Confesfion aufzutischen. In behaglicher Breite erzählt sie, cs habe jenseits der Karlsbrücke in Prag cm dem betreffenden Tage ausgesehen, wie aus der Börse, Secundanten und Paukanten seien heftig gesticulierend umhergerannt; und als die zwei Helden gewappnet und gerüstet einander gegenüberstanden, da sei im geeignetsten Momente der Polizeicommiffär Dr. Samuel dazwischengetreten, habe die Waffen saisiert und die bereitwilligst abgetretenen Legitimationen notiert, wobei die Betheiligten crleichter taufgeathmet hätten. Die Duellanten hätten sich dann von dem Beamten einen kurzen, gerne bewilligten Urlaub erbeten zu dem Behufe — die Unterkleidung zu wechseln. Natürlich war die Behörde schon früher verständigt gewesen, was aus dem Umstande geschloffen wird, dass als Lrt des Zweikampfes eine „Bude" in der nächsten Nahe eines Polizeicommissariates gewählt worden sei. - Dtzit frommem Augenverdrehen knüpst dann die „N. P." die Betrachtung daran, dass nur ein Mittel zur Verhinderung des Duellwesens existtere: indem jeder Zweikampf aus diese Weise lächerlich gemacht werde. Das würdige Blatt scheint vor der Gefmnungsgemeinheit, die aus jeder Zeile ihrer pointterten Darstellung der erwähnten Affaire geradezu hervorquillt, selbst ein unbehagliches Gefühl empfunden zu haben, da sie sich durch ihre Schlussfolgerungen, der gerade modernen Action gegen den Duellunfug anschlietzt. „Der Zweck heiligt die Mittel." Ganz im Sinne dieses gesinnungsverwandten Grundsatzes war das Blatt über die Wahl seines Mittels, der jüdischen Duellaffaire. nicht zweifelhaft; konnte es doch zwei Fliegen mit einem Schlag tödten: die Juden und das Duell zugleich lächerlich machen und persiflieren. Warum es gerade Juden sein mussten? Warum nicht die Helden Lüeger und Neumayer zum Ziele der Spottpfette der „N. P." gewählt wurden? Die Antwort ist nicht schwer. Das genannte Matt, das so gerne in hoher Politik machen möchte, ist trotz seiner Verbreitung nur von untergeordneter Bedeutung und wird hauptsächlich von der niedrigsten Voltsclasse gelesen, deren böse Jnstincte eS aufzurühren versteht. Von dem intelligenten Arbeiter wird es gleicherweise verachtet, wie von dem politisch geschulten Mittelstände ignoriert und dient nur dem Feudaladel und dem Jesuitisums zeitweilig zum Sprachrohre. Und womit könnte man den süßen Pöbel bester unterhalten als mit einer Geschichte, in der Juden lächerlich gemacht werden? Aber genug von der „Narodni Politika". Die Lächerlichkeit an der ganzen Sache ist bei weitem nicht darin zu finden, was das erwähnte Blatt meint, sondern in ganz anbcren Umständen. Die jüdischen Studenten, richtiger gesagt, die Studenten jüdischer Abstammung. haben es mehr als einmal bewiesen, dass sie sich ihrer Haut erfolgreich zu wehren wissen. Ist doch die Erklärung ihrer Satisfactionsunfähigkeit seitens ihrer arischen Conuniliwnen im letzten Grunde in nichts anderem zu suchen, als in dem heillosen Respect vor ihrer trefflichen Führung des Schlägers. Aber ein anderer Umstand ist es, der ihnen den Fluch der Lächerlichkeit zuzieht: die blinde, übertriebene Nachahmung der Sittn und Gewohnheiten ihrer deutschen Commilitoncn. Es ist unglaublich und dennoch wahr, dass eine sehr große Anzahl unserer stammesgcnossischen Studenten sich in jene Kreise drängt, in denen sie nur geduldet werden, weil sie die Zahl vergrößern helfen. Im Corisumieren möglichst großer Quantitäten alkoholischer Flüssigkeiten. im Bummeln, im ttn-or tewtonicu», in der Bertheidigung ihrer angeblich „angegriffenen" Ehre, suchen sie es ihren Vorbildern nicht mir nachzuthun. sondern sie sogar zu üebrtteffen. Und es ist wahrlich nicht ein bloßes mehr oder minder geistreiches Paradoxon, wenn man von jüdischen Antisemiten unter der Studentenschaft spricht. Der Borwurf übertriebener Nachahmungssucht ist wahrlich nicht unberechtigt. Ist der arische Student liberal, so ist sein Commilitone jüdischer Abkunft hyperliberal; ist jener deutschvölklich. so ist dieser extrem deuffchnattonal, tragt Bismarckanhängsel, Bismarckbterzipfel Und schwört bei diesem Halbgott. Wenn man bedenkt, dass aus diesen jungen Männern, die Advocaten und Aerzte werden sollen, einst die Cultusgemeindevorsteher. die Repräsentanten der jüdischen Religionsgefellschaft heranwachfen, die das Wahl und Wehe von jüdischen Fnstctionären in der Hand halten Werden. dann ist es unmöglich, ein Gefühl der Trauer und Bitterkeit zu unterdrücken. Ein Fluch liegt auf diesen Verhältnissen, der nicht nur die studentisch« Jugend trifft, sondern sich über die ganze jüdische Nation auSbreitei. Die rabulistische Definition des Ehrbegriffes, lvie sie aus der Vergangenheit der.arischen Völker hervorgewachsen ist und nun als Gespenst herumschleicht, das die. Vernünftigen endlich zur Einsicht bringt, ist unjüdisch; uird weil, unjüdisch, so auch unlogisch. Das Judenthum bestraft die wirkliche Ehrverletzung härter und unnachsichttger als irgend ein modernes Gesetz; aber es gestattet nicht dem einzelnen, sich mit gewaltsamer Hand Genugthuung zu verschaffen, zumal das Duell. mit seinem zweifelhaften Ausgange dem höchsten Ideale, der Gerechttgkeit, sehr häufig geradezu Hohn spricht. Jüdische Helden haben für die Ehre ihres Bolksthums. für nationale und allgemein menschliche Ideale gestritten und geblutet, haben den wahren und echten Muth bewiesen, der die eigene Person und die eigenen Interessen der Allgemeinheit hintansctzt — die arischn Helden des Homer, des Nibelungenliedes, der Edda sind, im Lichte der nüchternen Vernunft betrachtet gewöhnliche Raufbolde und Maulhelden, die um einen Besitz, um ein schönes Mädchen nicht nur ihr eigenes Leben, sondern auch das vieler Hunderte und Tausende aufs Spiel gesetzt haben. Unlogisch ist das Duell, weil die Verletzung eines abstrakten Begriffes, der Ehre, doch nicht durch den sehr concreten Todtschlag des Angreifers oder des Angegriffenen gutgemacht werden kann. Nun gibt es freilich einen Zwang, dem nur ein Lueger und Neumayer mit Berufung auf Principien ausweichen dürfen, und der darin besteht, dass die Convenienz. die sociale Stelle anständigen Leuten den Degen zur Bertheidigung der Ehre in die Hand drückt, selbst solchen, die eine derartige Lösung principiell nicht billigen. So lange der Angreifer fremder Ehre fast völlig straflos ist — denn die Ehrenbeleidigung ist nach dem Gesetz kein ehrloses Verbrechen und hat leine depravierenden Consequenzen — so lange nicht das Strafgesetz den in seiner Ehre Angegriffenen so nachdrücklich schützt wie einen Bestohlenen, und den Ehrabschneider bestraft wie einen gemeinen Dieb; so lange wird das Duell bestehen und muss bestehen. trotz aller humanen, vernünftigen und logischen Gegenargumente, weil es trotz seines zweifelhaften Ausganges und trotz seines inneren logischen Widerspruches die einzige Möglichkeit bietet, den Angreifer gründlich zu züchtigen. Für uns Jude,: ergibt sich leider gar oft die Veranlaffung. auf diese Weife für unsere eigene Ehre und für unser Volksthum einzustehcn, und insbesondere für die studierende Jugend. In einem Alter, da die Jugcndkrast nbcrschäumt und das Gemüth von äußeren Eindrücken leichter» rascher und lebendiger beeinflusst wird, wird auch ein Widerspruch, ein höhnisches Wort, eine verachtende Geste bitterer empfunden, fordert zu kräftiger Abwehr heraus. Die Phantasie des Jünglings ist zu lang mit den blutigen Bildern aus Homer und Virgil genährt worden, als dass er der Versuchung widerstehen könnte, seinen Heldenmuth, deffen Echtheit gewiss nicht bezweifelt werden darf, durch einen ernsten Zweikampf zu beweisen. Weit entfernt, eine solche Austtagung als die einzig nwgliche anzuschen, müssen wir doch zugestehen, dass die Convenienz. also die überwiegende Anschauung viel zu mächtig ist, als dass ein einzelner oder eine Gruppe sich auf Grund eigener Anschauung' ausschlietzen könnte. Das Christenthum bildet sich nicht wenig auf die Lehre ein. dass man dem Beleidiger verzeihen solle; dazu gehört weit mehr Heldenkraft, seinen Zorn, seinen Hass zu unterdrücken, als mit dem Säbel dreinzuschlagen; und dennoch, was würde man zu jenem jüdischen Studenten sagen, der es wagen wollte, seinem Beleidiger zu verzeihen? Wird er nicht ein Feigling, seine Nation eine Gesammtheit von Feiglingen genannt werden? De» Gipfel der Lächerlichkeit jedoch bedeutet es, wenn Studenten jüdischer Abstammung sich zum Zweikampfe einander gegenüberstellcn, weil diese renommistisck)e Art der Austragung einer Differenz den jüdischen Grundsätzen widerspricht. Möge es eine Specialität arischer Denkungsart bleiben, dass eine Meinungsverschiedenheit eine Ehrenbelcidigung sei, und dass das schlagendste Argument für die Behauptung, dass das eine Ding roih sei und nicht blau, wie der Gegner behauptet, die Tödtung eines von beiden sei. Echt jüdisch ist es — möge die Welt es auch feig nennen — den Gegner eines Befferen zu belehren, ihn zu überzeugen oder zu prüfen, ob der gemachte Vorwurf berechtigt sei oder nicht, rulü dann den Fehler zu verbessern oder im zweiten Falle den Staat zum Schutze anzurufen, gegen den Dieb desjenigen Gutes, das dem Menschen das theuerste sein muss. Für Studenten jüdischer Abstammung darf es nur einen Zweikampf geben: Das Ringen auf dem Kampfplatze des Geistes, des Fortschrittes, den Wettbewerb um die höchsten Güter der Menschheit, die gleichbedeutend sind mit den höchsten Gütern des Judenthums. Auhcw Emes. in Bulgarien. Bon Th. Lanin. — Die Verstadtlichung der Wiener' Straßenbahnen. Von Walther Federn. — Mann und Frau. Bon Dr. Otto Helmut Hopfen. — Der Krach in der Comedie francaise. Von Karl Eugen Schmidt. — Andre Hpfer. Von Müx Burckhard. — An Kaiser Wilhelm. Von Richard Muther. — Die Woche: Politische Nottzen; Volkswirtschaftliches; Kunst und Leben. — Bücher. — Revue der Revuen. — Fondants. Von S. FaMcmd. In unserem Verlage erschien: Gesänge y. Börries Freib. y. Münchhausen mit Zeichnungen von E. M. Lilien. Preis in Original-Einband IW. ö.—. Preis der numerierter» Ausgabe auf echt Chinapapier M. 25.—. Zu beziehen durch jede Buchhandlung. F. A. Lattmann Verlag, Goslar. Jänner 1902 Ballsaal Ronacher DER LESE' UND REDENALLE JÜDISCHER HOCNSCHÜLER Familienkarten 10 K Herrenkarten 4 K Comiteiocal: IX. Hahngasse 8 Reise Körbe eigener Erzeugung, in bester und solidester AusfOhnuif, kauft man am billigstes nur bei neinrich Tjeiiirich IX , Althanplatz » Mm Frau «Mptii.Mijilieft und V7,,NikolsdorferstrasR«» 24—26. T«l«pftsn 5170. — Pr*i||lltM frtlis, s. Bücher-Etnlauf. Ludwig Jakobowski: AuSklaug. Neue Gedichte aus dem Nachlasse. Mit einem Bilde des Verfassers. Herausgegeben von Dr. Rudolf Steiner; Minden i. W. 1901. C. A. Brunns' Verlag. Ludwig Jakobowski: StummeWelt. Symbole. Skizzen: aus dem Nachlasse. Herausgegeben von Dr. Rudolf Steiner. Minden i. W. 1901. Brunns' Verlag. Mensch und Liebe, neue Gedichte von Adolf Donath, Berlin, 1902. Ernst Hofmann u.Co. Exil» Drama aus dem jüdischen Leben von Heinrich Grünau. Dresden und Leipzig 1902. E. Pierson. Bon der „Reuen Zeit" (Stuttgart. Tietz' Verlag) ist soeben dar 13. Heft des 20. Jahrganges erschienen. Aus dem Inhalt heben wir hervor: Reo-Marxismus. — Der Mystizismus in der mobcmeit Literatur. Von Henriette Roland-Holst. Deutsch von Franziska de Graaff. — Grundzüge der Handelspolitik. Bon K. Kautsky. 3. Die Agrarzölle. (Schluss.) — Das Glück der Unfall-Berufsgenoffenschaften. Von E. Gräf. — Socialpolitische Umschau Von Emanuel Wurm. — Literarische Rundschau: Adalbert v. Haustein, Das jüngste Deutschland. Hugo Heinemann. Dr., Rechtsanwalt, Führer durch die Strafproccssordnung. Von Viktor Fraenkl-Berlin. Dr. A. Blaschko, Hygiene der Prostttution und venerischen Krankheiten. Bon der Wiener Wochenschrift „Die Zeit" Herausgeber: Prof. Dr. I. Singer. Dr. Max Burckhard. Dr. Heinrich Kanner; Redaetion für bildende Kunst: Prof. Dr. Richard Muther) ist soeben das 373. Heft erscheinen. Aus dem Inhalt desselben heben wir hervor: Ein Meister Anton. Bon K. — Das Polenthum nach zwei Ftonten. — Der politische und finanzwirtschaftliche Hexcnsabbath Storcliheim Ci f 6 re ' „Post” WIEN Itl., Löwengasse Nr. 37. Telephon 9807. bte schönsten und billigsten ine (nt») von 15 fl. aufwärts bekommt man bei J. Finesus Steinmetz- und SteingraYeur-Jtfeister II., Rothenötemgasse 23.