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Jüdisches Volksblatt · 1902-01-03 · 1 (3.1.1902) · page 1

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
4 (1902)
Issue
1 (3.1.1902)
Date
1902-01-03
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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* -• iktrdaciion: Hll/i, KchWHelgaffr 11. Gpr«chftr»de»r Än SVochentagen von 4 Bis 6 Uhr nachmittags. p.»«d«q. Jöbtiche» «oNSBlatt, ««e», vniir. -mttr Mtttotrkrmg der vorn jüdischen Volk«- verein erwählten Prersemnmtsston. Rvunmüratinn: V111/1, Kchlotzrlgttlsr U AbonnemeutSpreiS: »«Mtweror« wegen veMüttter oder gar nicht erfolgter ^Al^ellung erbitten wir »ns dringend. - Ma»«ierU»1e Werde» nicht tmenagefteM. 8oSiparcaiirn»Eomv *n oas NBounement kan» man täglich etntrerm. Fnterale üBernehmen die Firmen: I. DanneBerg, M. Dukes, Haasm« »rin &> Vogler, Rudolf Moffe. 8. Opp-lik, M. Pozsonyi, «. Schalek in Wien, ferner alle «nnoncen-ikxpedttionen im SuSlande. Für Wie» a» Oefterretch-Nugarn lammt Franco.,ufiellung. Gi«zeL-R«Mmer i« Wie« IS Heller. Ganzjährig Halbjährig vierteljährig Kr. 8.- " I- „ 3- Fiir daS gefmnmte 4luSlnnd lammt Francozilstellllilg. Ganzjährig . Halbjährig . vierteljährig Kr. ».- „ 4.5« l »«5 «mwjimi'MaMiM—s BSlWjBWÜggg »r 1 Wie«. 3. Jänner 1»0S. IV. Jahrgang. Vom Tage. Lin Lapitel über die Geschworenengerichte. Recht wird Unrecht, Wohlthat Plage. Unwillkürlich fallen einem die Verse Goethes ein, wenn man die Wandlungen bedenkt, die die Institution der Geschworenengerichte in dem öffentlichen Urtheil durchmacht. Mit welcher Freude wurde seinerzeit ihre Einführung von allen freiheitlichen Elementen begrüßt, und welches Misstrauen herrscht heute in allen Kreisen der Bevölkerung gegen sie, mit Ausnahme derer, welche gröhlend um den christlich-socialen Wurstkessel herumtanzen und sich in angemessenen Kunstpausen einen fetten Bissen heransfischeu. Die Urtheile österreichischer Geschworenen über politische und Ehrenbeleidigungsdelicte sind oft unglaublich, ihre Voreingenomineuheit tritt nackt zutage und die rohen Jnstincte des Pöbels feiern im Saale der Gerechtigkeit wahre Orgien. Man denke an den Polnaer Proeess, wo sich in der Fragebeantwortung die ehrenwerten Herren ganz deutlich ausdrückten, dass die Geschworenen von der Annahme eines Ritualmordes ausgegangen waren. Hier scheint uns ein bedeutender Grund der Verrohung unseres öffentlichen Lebens zu liegen. Nicht darin liegt das Unglück, dass ab und zu jemand vernrtheilt wird, der es nicht verdient, und umgekehrt, sondern darin, dass kein Jude in politischen Dingen oder Sachen seiner Ehre vor Geschworene treten kann, die nicht bewusst oder unbewusst, ausgesprochen oder unausgespwchen, offen oder geheim den. Juden gegenüber alles für erlaubt halten. Die ungeheuerlichsten Beschuldigungen mit directer Namensnennung genießen Straffreiheit, wenn sie von Angehörigen der mächtigen judenfeindlichen Parteien, erhoben werden. Und kann man schließlich sich darüber Wundern, wenn Hinz und Kunz dein Juden unbedingt Unrecht geben, da in der.Residenz rmd am flachen Lande eine große, gut organisierte Reptilienpresse 1 ungestraft täglich die Juden alsAuswnrf derMenschheit hinj stellt? Müssen sie in ihrem beschränkten UnteAhanen-! verstand es nicht direct als ihre Pflicht anschauen, das verrathene Christenthunr, Czechenthum oder Deutschthum durch * ihren „Wahrspruch" zu rächen? Was nützt das Ablchnungsrecht der Parteien, wenn auch die übrig bleibenden Geschworenen von demselben Fanatismus beseelt sind. Dabei ist noch zu beachten, dass unser Gesetz vom 23. Mai, 1873 den wesentlichsten Einfluss bei der Anlage der Goschworenmliste und der Auswahl der Befähigten in die > Hände der Gemeindevorsteher legt und erwiesenermaßen z. B. in W i e n so vorgegangen wurde, dass nur Christlich- Sociale zugelasseu wurden. Bei der Einführung der Ge!- schworenengerichie suchte inan, Nie Hertz richtig bemerkt,-die Unabhängigkeit der Gerichte nach oben. zu. sichern. Das gemäßigtere, enthusiastische Parteileben der damaligen Zeit schien keine Gefahren für die Unparteilichkeit der Geschworenen zu enthalten. In unserer Zeit des Rassenkampfes tritt der Rasscncharakter der Geschworenen immer mehr und immer unverhüllter hervor. Am ärgsten müssen sich die Zustände in Oesterreich gestalten, wo zu dem borniertesten Rassenhass noch die geringe politische Bildung der herrschenden christlich-socialen Partei dazu kommt. W ehrlos i st d e r I u d e u n d der A r b e i t e r d e m faiNrtis i e r t e n „dumm e ri K e r l von W t e n" ausgeliefert. Die Schimpf- und Verleumdungsfreiheit hat ihn! taub gemacht gegen die Stimme der Gerechtigkeit, und so j schützt er mit seiner Stimme wieder die Freiheit der Ver-; lenmdung. | Noch andere AnnehmlichUüten verdanken wir diesem! politischen Faustrechte. Der ^taat kann gegen die Presse ' einschreiten im „subjectiven Verfahren", indem er den Verfasser des beanstandeten Artikels vor die Geschworenen stellt, oder im objectiven Verfahren, indem er bloß con-fisciert und die Berufung durch die hiefnr competentert Berufsrichter ab weisen lässt. Jahrelang führte die radicale Presse eilten erbitterten. Kampf dafür, dass auch im objertiven Versahrett Geschworene berufen werden, mit dem Erfolge, dass sie, je näher sie dem heißersehnten Ziele kam, umsomehr in dem Kampfe erlahmte, denn es begann ihr vor dein Ziele — Z_u.ll.ra uont Die RädMUen..saUm„Än,. dass eher Gerechtigkeit zu holen sei bei. einem k. u. k. Berussrichter, als bei Gevattw Schneider und Handschuhmacher. Das objective Verfahren, ehemals das Schreckgespenst^ der freiheitlichen Presse, wurde ihr Rettungsanker gegenüber der Willkür der übermüthigen Gregorig-Vergani- Schönerer-Clique. ' ' Andrerseits sieht wieder die antisemitische Schandpresse in dem sübjectiveit Verfahren ein wahres Eldorado der^ Verleutndungsfreiheit. Es haben sich speciell beim „Deutschen Volksblatt" in. der letzten Zeit Fälle ereignet, die so crass sind, dass ein Ausländer sie nicht glauben würde. Redacteure des Blattes haben, sich als Verfasser von Artikeln bezeichnet, deren Unrichtigkeit sie. im Wege des Berichtignngsverfahrens zugeben mussten. Sie kamen ihrem Wunsche gemäß vor die Geschworenen; dort versuchten sie nicht einmal einen Wahrheitsbeweis für die von ihtretr erhobenen Anschuldigungen —- a b e r s i e w u r d e n f r c i- Feuilleton. Das Todtengericht. 88. Psalm. Und meine Seele Ist wund von Wehe und Wirre, Sie wandelt irre In hallender Höhle, In eisiger Gruft, Wo jene modern. Die bei dem Klang, Da die Welten lodern, Der Herr nicht ruft. Bleich und bang Liegen die Leicheit Und bleicheit Und bleiben und bltiten.- Die Fluten Deines Grimmes sausen, Erschäumen und brausen Wild und hohl. Und int Eleud Bin ich erwacht. Schwarze Nacht, Und Feinde und Hasser Umwogen den. faulenden Leib Wie wogende Wasser Stürmen sie ein- Herr, großer — du allein Kannst mich retten- Errette, hilf, bleib! Werden deine Wunder je erkantit. Wo die Finsternis entfacht die schweren Schwingen. Werden dir die Küochen Psalmen singen An des Todes weltvergess'nem Strand?- Beda. Ueber die jüdische Familie.*) Werden sie, die in die Gräber sanken, Ewig in der dunkeln Oede ruhen? Werden die Erstorbenen auferstehen und danken, Wirst Dtt unter Tobten Wunder thun? Elend, sehr elend, O Herr, hast Du mich gemacht! Arm, sehr arin! In Harm Schlief ich ein Eine Culturstudie von Leo Sofer. Neben den großen Veränderungen im Schicksale ganzer Völker, die selbst dem Auge des Kurzsichtigen erkenntlich sind, laufen parallel, schwer erkennbar und doch nicht minder wichtig, die Verschiebungen in der inneren Structur des Volkes, i n der Familie. In der Geschichte des jüdischen Volkes ist dies noch viel schärfer nachzuweisen als bei anderen Nationen, weil hier die Familie eine ungleich wichtigere Rolle spielte. Henry George sagt: Der jüdische Staat war ein Gemeinwesen, wo jedes Mitglied umschlungen war von Familienbanden, die besser als Stahl und Eisen die einzelnen Thule zu einem lebenden Ganzen vereimgten. Die jüdische Familie trägt heute ein ganz anderes Gesicht als früher. Der Unterschied wird am besten an einem gesproche n. In dem Processe Ose nhei m-Dentsches Volksblatt wiederholt sich dieses liebliche Spiel. Alle Elemente, die Oesterreich aus dem Sumpfe, in dein es steckt, herausführen wollen, sind einig in dem Wunsche, Ehrenbeleidigungsprocesse und politische Delicte den G e s ch wo r e n en zu e nt z i e h e n und den^ Berufsrichtern zu übergeben; denn selbst die artfgeklärten Arier sehen ein, dass diese fortwährende Vergewaltigung des Rechtes, die schamlos am Hellen Tage int Saale der Gerechtigkeit verübt wird, nicht ohne verderblichen Einfluss auf die Fmtdamente des Staates sein kann. An §e. Excellenz den Unterrichi§minifter Dr. v. harte!! Oesterreich ist tncht nur das Reich der Ultwahrscheinlichkeitm, es ist auch das Land der Unmöglichkeiten. Es dürfte in der ganzen civilisierten Welt kaum eine Lehranstalt geben, die berufen ist, zukünftige Richter, Beamte, Gelehrte, Aerzte und Forscher zu bilden, an welcher ein Lehrer wäre, wie ntan ihn jüngst im Gerichtssaale kennen zm lernen Gelegenheit hatte. Beim Bezirksgericht Hernals ist, wie bekannt, in den letzten Tagen ein Jnjuriettprocess verhandelt worden, der nicht verfehlt hat, in den allerweitesten Kreisen das allergrößte Aufsehen wachzurusen. Etwas ganz Seltenes, vielleicht noch nie Dagewesenes hat sich ereignet. Der Vater hat den Ordinarius seines Sohnes wegeir einer Verbalinjurie strafgerichtlich belangt, weil der saubere Herr Ordinarius nicht ttur feinen Sohn selbst, sondern auch dessen ganze Fantilie in unflätigster Weise beschimpft hat. Der erhobeMi; Anklage zufolge hat der bezogene Ordinarius, Dr. Johann Spieka ist dessen Name, den. 12jährigen Felix Koppstein, einen Schüler seiner Classe, mit folgenden Ausdrücken regaliert: „Sie jüdischer Notzbub, Sie Socialisteubub, talentvolles Jtingel, Sie werdeit noch ein Ehrenbürger von Stein. Ich will Sie nicht an den Löffeln reißen, sonst tvisseit es morgeir alle Zeiiungeit von der „Presse" bis zur „Arbeiter- Zeitung". Nehmen Sie Ihren Kopf, spucken Sie ihn an und werfen Sie ihn auf den Misthaufen! Frechheit ist eine Tugend, die in I h r e r F a m i l i e gepflegt wird. Zu meines Vaters Zeiten habt Ihr noch gar tncht ins Gymnasium hineindürfen, und jetzt ist dies der Dank dafür, dass man Euch hineinlässt. Ihnen, Koppstein, sage ich^ kein gutes Ende voraus. Sie tverden noch als Ehrenbürger" von Stein ein sorgenloses Alter haben. Sie werden nod) im Laudesgercht enden, Sie sittd für die grauen Mauern geboren! Ich kann mir Sie gar tticht anders denken als ') Bortrag, gehalten im Saale des „Jüdischen Bolksvereines". Bilde aus dem jüdischen Mltti'lsti nde vor Augen treten, das drei Generationen lebend in sich vereinigt; den achtzigjährigen Greis, den vierzigjährigen Mann und den Jüngling von dreizehn Jahren. Der Großvater blühte zu einer Zeit, in der dem Juden ^>as ganze öffentliche Leben verschlossen war. Seinen ganzen Geist und seine ganze Opferfähigkeit stellte der Jude in den Dienst der Religion und der Familie. Die Religion selbst war ihm ein geheiligtes, unverletzliches Gebäude, dessen kleinster Theil ebensolche ehrfurchtsvolle Scheu erregte wie das Ganze. Auf diesem Gebiete kannte er für sich keine Compromisse und Rücksichten; mochte ihm das reale Leben noch so viel Schwierigkeiten und Hindernisse in den Weg legen, er überwand sie und beobachtete genau alle Glaubensartikel, Gebote und Verbote. Mit welcher starren Conseguenz die Alten dies durchfuhrten. ersehen wir z. B. aus einer Stelle in Heinrich Heines Schrift über Börne. Er lässt Börne sagen: „Es existierte der Gebrauch, dass die jüdischen Thierhändler die männliche Erstgeburt ihrer Kühe nach biblischer Vorschrift dem lieben Gett widmeten und in dieser Absicht aus allen Gegenden Deutschlands hierher nach Frankfurt brachten, wo ntan jenen Ochsrtt den jüdischen Kirchhof zum Grasen anwies." Für diese Generation war also das Judenthum eine Essenz, die ihr ganzes Sein durchdrang, ein unveräußerlich Theil ihres Selbst. Sie führte Zion mit sich. An der Seite des Hausvaters waltete die Hausfrau, die er in jungen Jahren geehelicht hatte, bevor noch ihre Träume durch die Sehnsucht nach dem Manne vergiftet waren und bevor er selbst die Kraft und Reinheit seiner Gefühle verschwendet hatte. Aus solchem Bunde entspross ein ges und es Geschlecht, fähig, den schweren Kampf ums Dasein als Juden zu führen. Die Frau blickte zu ihrem Manne gehorsam und dankbar auf; sie erkannte in ihm den Herrn; er blickte zu ihr wu der ganzen Liebe des dankschuldigen Herzens hinab. Er sah in ihr die schwache Taube, die Schutz suchte in seinen Armen; ec -n i 2

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