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Jüdisches Volksblatt · 1901-12-27 · 52 (27.12.1901) · p. Seite 6

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
3 (1901)
Issue
52 (27.12.1901)
Date
1901-12-27
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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Seite 6 Wien, Freitag Jüdisches Volksblatt Nr. 52 27. December 1901 IMiel Factor. Unter diesem Titel veröffentlichte W. Feldmann im „R o c z n i k Z tj b o w s k i" pw 1900 eine Novelle, lvelche würdig ist, den fmheren Werken dieses Prächtigen Schriftstellers sich anzureihen. Feldmann zeigt uns wieder, mit welchem Scharfblicke er daS Leben der Juden in Galizien und ihr Verhältnis zu den „Herren des Landes" beobachtet, und nüt welcher Meisterschaft er dieses zu schildern versteht. Ein polnischer Schlachziz hat seinen traditionellen Hausjuden, welchen er, wie er selber sagt, als Jnventarstück mit seinem übrigen Vermögen von feilten Vorfahren ererbte. Dieser Jude diente ihm nicht nur zur Besorgung seiner Geschäfte, zur Beschaffung deS ihm nöthigen Geldes, sondern auch zu seiner Unterhaltung; so hetzt er seinen großen Himd sehr oft auf ihn, und das Gezeter und die drolligen Sprünge des Juden versetzen ihn in den bestem Humor und rufen bei ihm jedesmal ein Lachen bis zu Thränen hervor. Der Jude nimmt alles mit devoter Ergebenheit, mit hündischer Unterwürfigkeit auf, sogar die Schimpfworte der Wirtschafterin, die derben Nippenstößc der rohen Knechte lässt er sich gefallen, murrt nicht und klagt nicht, und dies alles, um paar Groschen zu verdienen. In dem „erlauchten Herrn", dem das Nachdenken keine angenehme Beschäftigung ist, wird doch manchmal das Interesse wachgerufen, das Wesen des Juden zu erfassen, er kommt aber zum Schlüsse, dass die Behauptung seiner, Stammesgenossen, dass die Inden keine Seele haben, doch richtig sein müsse. Eines Tages brauchte er Geld, somit feinen Factor; das war aber an einem Tage, an dem Jankiel seiner: Dienst nicht versah, sondern zuhause blieb. Es war an einem Samstag und von altersher galt es als selbstverständlich, dass an Samstagen Jarrkiel nicht da war. Der „erlauchte Herr" nrusste sich also bequemen, den Juden in seiner Behausung im nahen Städtchen aufzusuchen; als er ihn auch zuhause nicht antraf, und ihm gesagt wurde, dass Jankiel im Bethause sei, begab er sich — durch schmutzige Gässchen dorthin. Er war wüthend, der „erlauchte Herr"; wie wagt es der Jude, nicht zuhause zu sein, wenn er ihn aufsucht, wie wagt es der Jude, im Bethaus zu sitzen, während er Geld b raucht — noch wendig braucht? Mit dem löblichen Vorsatz, den Juden ob feiner Pflichtvergessenheit tüchtig zu schelten, betrat er das Bethaus. Hier bot sich ihm eine Ueberraschung dar; Im Vorhaus, wo er stehen blieb, herrschte — anstatt des Höllenlärms, den er erwartete — eine feierliche Stille, und durch die geöffnete Thür sah er Jankiel am Tische obenauf sitzend und einer ganzen Lchar ihn umgebender Männer etwas Vorträgen, er traute seine:' .'v' hn nicht und glaubte zu träumen, wie! Jankiel — sein Jankiel — als Vortragender in: Bethaus? Wie er setzt ein ganz anderer wurde, keine Spur von der kriechenden Ergebenheit, fast nicht zum Erkennen! Seine Verwunderung erreichte den Höhepunkt, als ihm ein im Vorhaus stehender Junge — auf sein Verlangen — das verdolmetscht, was Jankiel vorträgt; es war dies ein Satz aus „Pirkei Aros", welcher lautet: „Die Ehre Deines Nächsten sei Dir so theuer, als Deine eigene." Und dieser Jude, dieser verachtete Factor — von welchem er zweifelte, ob er eine Seele habe, wuchs in seinen Augen ins riesenhafte; über ihn und alle, welche im kleinen Stübchen um ihn versammelt waren, verbreitete sich ein Helles Licht, alle diese armen, elenden, mit Noth und Entbehrung Kämpfenden versammeln. sich am Samstag- Nachmittag, um die Lehre zu vernehme::, dass die Ehre des Nächsten so theuer sein soll wie die eigene. Und dieser Jankiel, der zu ihnen gehört, und zu denjenigen, welche für ihre Ueberzeugung auf den Scheiterhaufen sich verbrennen ließen, dieser Jankiel, welcher erst gestern vor ihm klein, ergeben wie ein Hund stand, der lehrt heute: „Die Ehre Deines Nächsten sei Dir so theuer wie Deine eigene." Der „erlauchte Herr "war viel gereist, hat berühmte Professoren und Kanzelredner gehört, und erst heute, aus dem Munde eines obscuren Juden hörte er zum erstenmale „D i e E h r e D e i n e s N ä ch st e n s e i D i r so theuer wie Deine eigene." Vereinsnachrichten. (1*ott der Toiinbce-Hnllc.) Am Samstag den 21. d. M. hat in der Töynbee-Halle, 20. Bez., Karajangasse 20, der zweite Kinderabcnd statlgcfnnden. Es waren nahezu 200 Kinder, Mädchen und Knaben, anwesend, die sich sännnttich in gehobener tetimmimg befanden, in Erwartung der Dinge, die da kommen werden. Die Koste,: des Festes sowohl in geistiger als in materieller Richtung bestritt das Toynbee-Halle-VereinSmitglied Frau Regine Maier,"Gemahlin des Großindnstriellen Albert Maier, in Fa. A. Maier & Co. in Wien. Der Kiiidcrabend begann mit einer Musik- und Gesangsproduction durch Frl. Marthe Höchsten« und Herren Wilhelm Hochstein. Dieser folgte die Declamation eines Gedichtes, gehalten durch cm öjähriges Wunderkind uamenS Johanna Roth. Während der Panse lvurde den kleinen Gästen eine Jause, bestehend aus einer Tasse aromatischer Choeolate und Gugelhnpf von der Gastgberiu Frau Regine Maier und der Assienz der Damen der Moravia serviert. Hierauf las Herr Rudolf Basch das Märchen vom Krystallsucher mit gutein Verständnis für die tleinen Zuhörer vor und erzielte einen derartigen Beifall, dass er sich bemüssigt fand, den „Kmntschneider-Tonerl" hinznznfügen. Sodann spielte die kleine Hilda Sreru, eine Nichte der Gastgeberin Frau Negine Maier, auf dem Claviere^ drei Pieren Mendelssohn, Chopin und Bossi. Nun prodncierte Frau Regine ^-teru eigenhändig Lichtbilder mit der Laterne Magica. Diese Piece erziehlte bei den Kleinen einen ganz Jubel der ganzen Versammlung folgte. Beim Verlassen des Versammlnngslocales lvurden die Kinder alphabetisch aufgerufen und durch die Gastgeberin Frau Negine Maier einzeln mit einer Düte, enthaltend Obst, Nüsse und Confcet risiv. beschenkt. Der Kinderabend tvird bei den Groszen und Kleinen, die an demselben theilgenommcn, lange in lebhafter Erinnerung bleiben. Möge die hochherzige und munifirente Art der Frau Negine Maier als Gastgeberin Schule inachen und Nachahmung finden. Diese selbst aber sei für ihr ecdle That namens der bewirteten Kinder tnasendfaeh bedankt. E. B. Stimmen ans dem Unbirrnm. Unser Correspondent Herr Moriz Haber, Beamter der Firma M. G a r t e n b e r g & Co., Kolvmea, verlobte sich mit Fräulein Rozia W e r d i n g e r, Tochter de- Naphtha- Terrain-Besitzers Herrn Jsak Werdinger m Mrüznica bei Boryslaw. Die Möbelindustrie hat in jüngster Zeit, um dem verfeinerten, geradezu raffinierten Gesmchack des Publieums Rechnung tragen zu können, die größten Anstrengungen machen müssen. Thatsächlich »verbieten sich die Möbetfabritantcn in der Herstellung von modernen und modernsten Möbelgegenständen. Dass hierbei der wirklich feine Geschmack nicht i,inner auf seine Rechnung kommt, ist nicht zu verwundern. Und so sieht inan Kauflustige oft von einem Etablissement znm anderen wandern, ohne sich in dem großen Chaos von marktschreierischer Secession und Geschmacklosigkeit znrechtznfinden. Als einen treuen Wegweiser ans dem Gebiete des feinen Geschmackes in Möbeln aller Art müssen wir daher das reich illustrierte Albiittt des Möbelhauses Jacques Heiß, V. Bez., Porzetlangasse 20, begrüßen. Man findet hier wirklich nioderne, discrer ansgeführte Gegenstände, bei denen das Moderne nicht ans Kosten der Dauerhaftigkeit hervorgekehrt wird. Cin Besuch in diesem Etablissement, auf dessen Inserat wir hier besonders aufmerksam machen, ivird sich stets als lohnend erweisen. Versicherung gegen VerlosungSverlust. Die Central-Depofitencasse u,rd Wechselstube des Wiener Bankvereines Wien, 1. Bez., Herrengasse 8, hat den Prämientarif für die Versicherung bo,i Wertpapieren gegen Verlosungsverlust für das ganze Jahr 1902 veröffentlicht. Auch im abtanfcnden Jahre hat sich die von derselben eingeführte Festsetzung des Tarifes für den Zeitraum eines ganzen Jahres als wichtige Neuerung sehr bewährt. Die Besitzer versicherungsbedürftiger Wertpapiere haben von diesem in umfassender Weise Gebrauch gemacht, weil ihnen durch die Versicherung für ein ganzes Jahr eine bedeutende Ersparnis an Mühe, Zeit, Porto und Stempel ermöglicht wurde. Der für die Ziehungen im Jänner giltige Abschnitt dieses Tarifes ist im Inserate unseres Blattes enthalten. -m Von der „Neuen Zeit" (Stuttgart, Dictz' Verlag) ist soeben das 12. Heft des 20. Jahrganges erschienen. Ans dcnr Inhalt heben ivir hervor: Zur Freihandelsrede von Marx. — Die Entwicklung des Capitalismus in Italien. Von Alessnndro Schiavi. — Grnndzüge der Handelspolitik. Von Kautskh. 2. Die Vereinigung des Jndnstriezolles mit dem Agrarzoll. (Fortsetzung.) — Antisociales ans der Gelverkschaftsbewcgung. Von Julius Grünivald (Wien). — Wirtschaftliche Umschau. Von Heinrich Cunow. — Literarische Rundschau: Die Medaille. Komödie in einein Acte von Ludwig Thoma. Mit dem Ablauf des Samstags legte auch Jankiel sein Wesen ab, und stand an: nächsten Tage vor dein Herrn, wiederum der alte, unterwürfig, gebogen, das Gesicht runzelig, gelb wie eine ausgedorrte Citrone, und stammelte Entschuldigung über Entschuldigung, dass er gestern nicht zu Diensten des „erlauchte:: Herrn" da war. „Sag' mir, Jude, was bist D:r eigentlich? Gestern warst Du ein anderer und heute ein anderer." „Und das fragt der „erlauchte Herr"? Der „erlauchte Herr" möchte daS wissen, nun dem: ..." Die gebrochene Gestalt des Jude:: richtete sich empor, seine Augen glänzten, seine Stimme nahm einen tiefen, feierlichen Klang an. „Wer ich bin? Ich bin Jankiel Factor. Ich bin ein Jude — biu das Iudeut h u m. Ich dienen Ihnen, lass mich mit Hunden hetzen, schinipfen und stoßen, deshalb, weil ich Brot bedarf für meine Familie; wem: ich hierher kommen wollte und von „Pirkei Aros" vortrüge, würde man mich fortjagen und ineine Familie müsste verhungern. Ich bin deshalb so, weil Ihr es so verlangt, und spreche zu Euch, wie Ihres 3 u h ö r e it w ü u s cht . . ." Die Novelle liest sich sehr angenehm, unb wer mit den Verhältnissei: der polnischen Juden vertrant ist, glaubt da lebende Bilder vor seinen: geistigen Auge vorbeiziehen zu sehen. Desider Harlig. Von der Wiener Wochenschrift „Die Zeit" (Herausgeber: Prof. Dr. I. Singer, Dr. Max Burckhard, Dr. Heinrich Kanncr; Nedaction für bildende Kunst: Prof. Dr. Richard Muther) ist soeben das 877. Heft erschienen. Aus dem Inhalt desselben heben wir herbor: Eine nnsstungene Probocation. Von K. — Der Wreschener Fall und die preußische Polenpolitik. Von Karl Jentsch. — Das österreichische Patentwesen. Von Dr. Adolf Gallia. — Mann und Frau. Äon Dr. Otto Hellmnt Hopfen. — Die österreichische Provinzliteratur. Eine Entgegnung von Rud. Christoph Jennh. — Nationale Kunst. Ein Briefwechsel zwischen Richard Bergh und Ellen Key. — Musik. Von Richard Wallaschek. — Die Woche: Politische Notizen; Volkswirtschaftliches; Kunst und Leben. — Bücher. — Revue der Revuen. — Jungfer Hange. Von Peter Egge. Abonnements auf diese Wochenschrift, vierteljährlich 0 Kr. — 5 Mark, nehmen die Post, alle Buchhandlungenund die Administration, Wien, 9. Bez., entgegen. Einzetnummern zu 00 Heller — 50 Pf. — Probennmmer gratis und franco. „Wiener Hausfrnneu-Zcitung." Unter den vielen' Frauen- Zeitnngen, welche in den letzten Jahren erstanden sind imb um die Gunst der Frauen geworben haben, nimmt dieses älteste Familienbtatt, die „Wiener Hansfranen-Zeitnng", lvelche mit Neujahr den a ch t u n d z w a n z i g st c n Jahrgang beginnt, unbestritten den ersten Rang ein. Und sie verdient auch diese«: Ehrenplatz, denn lvns Reichhaltigkeit und Gediegenheit des Inhaltes betrifft, erhält sich dieses jeden Sonntag erscheinende Blatt auf voller Höhe «md ivird darum «licht bloß vou den Frauen und Mädchen, sondern ebenso gerne von de» Herren des Harises gelese«« und gewürdigt. Die „Wiener Hansfranen-Zeitnng" ist die Beratheri«« der Hausfrau in allen Angelegenheiten, sie ist die Lehrerin für die heranivachsende Jugend und bietet außerdem auch reichlich Stoff für geistige Unterhaltung in den zahlreichen Rubriken des Feuilletons, der Novelle, der Räthsel- und Schachzeitniig, der Modenberichte, „Ans der Frnnenwelt" und „Am Arbeitstische". Man verlange von der Adininistration in Wien, 1. Bezirk, Vorlauf «traße 4, ein Probeblail, und man «vird sich von dein bleibenden Werte dieses beliebten Blattes alsbald überzeugen. Briefkasten. Rabb. Dr. Kl.: Wir bitten um ein wenig Geduld. Jänner 1902 Ballsaal Ronacher BALL DER LESE- UND REDEHALLE JÜDISCHER HOCHSCHÜLER Familienkarten 10 K Herrenkarten 4 K Comitelocal: IX. Hahngassc &' Reise Körbe eigener Erzeugung, in bester und solidester Ausführung, kauft man am billigsten nur bei Heinrich T^einrich IX., Althanplatz vis-a-vis dem Franz osephs-Bahnhof« undV/,,Nikolsdorferstrasse 24 — 20. Telephon 6170. — Preislisten gratis, KMMWKOM - ■];'v-~ 4 ) --! (FTZ..-AFkM 0,! - , ' '-.AftSP. t v t.( j k'MmW Ä1 Cafe Pirus V., Mariahilferstrasse 2. EleKtrisch beleuchtet, Sämmtliche in- und ausländische Journale. August Biückner, Caf6tier. S. Storchhei m Qafe .T,E8y „Posl” WIEN III., Löwengasse Nr. 37. Telephon 9S97. bie schönsten und billigsten rabsteine von 15 fl. aufwärts bekommt man dev Steinmetz- und SteingraYeur-Jtfeister ir., Rotbensterngasse 23. « Ul» H UUU^Wij Prämiiert auf Inturnat. Ausstellungen. ----- 1V2 ----- Oampf-Wurst-kAbrilt Hauptnledorlage: II., Komödieng. b. 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