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Jüdisches Volksblatt · 1901-12-27 · 52 (27.12.1901) · page 1

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
3 (1901)
Issue
52 (27.12.1901)
Date
1901-12-27
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Redartion: FIU/I, Schlövelgasse 11. Gh»rechfttmde»r Sn Wochentagen von 4 bis 6 Uhr nachmittags. ALdtfAe» «oNSblatt, Wie», VIU|1. Vesthwet-dru toegm verspäteter oder gar nicht erfolgter Zustellung erbitten wir uns dringend. — Ma«»ferwte tu erden nicht zurttttgestellt. Yostsparcasien-Tonto »47087 An das Sdonnement kann man täglich etntreten. Erslhmt jede« Freitag ntdsv Mtttvtrlmng der vom jüdischen Volks- Verein ertvAtzlien Pressrommifston. Nmferate übernehmen die Firmen: g. Dannebrrg, M. DukeS, Haasen, stein ck Bögler, Rudolf Moste, S. Oppelik, M. Pozsonyi, S. Schale! in Wien, ferner alle Unnoncen-Expeditionen tm UuSlande. WnZeL-Nummer in Wien I« Heller. Administratwn: VIII/1, Schlötzelgajse U. AbottuemeutspreiS r Für Wie« tu Oesterreich-Ungarn sammt Francozustellung. Ganzjährig Halbjährig Vierteljährig Kr. 8.- Für daS gefammte Ausland sammt Francozustellung. Ganzjährig ... Kr. 0 — Halbjährig.. 4.50 Vierteljährig.„ «.85 8lr. 83 Wien, 87. Drcember 1801. III. Jahrgang. Unsere Freunde und Leser bitten wir dringendst, uns Adressen von solchen Volksgenossen znkommen zu lassen, welche für unser Blatt gewonnen werden könnten. Die Zahl dev Indolenten ist noch sehr groß; wenn jeder Freund unseres Blattes nur einen Abnehmer gewinnt, ist für die gute Sache viel gethan. Wir bitten, uns in unserer Werbearbeit zu unterstützen und sagen im vorhinein besten Dank. Hochachtungsvoll Die Administration des „Jüdischen Bolksblatt". An unsere P. T. Leser! Mit dem kommenden Jahre tritt das „Jüdische Volksblatt" in das vierte Jahr seines Bestandes. Schwer war die Mühe, dem jüdischen Volke ein jüdisches Blatt zu schaffen, das, wie sich, auch alles andere beinr rechten Namen nennt, ungeschent für des jüdischen Volkes Rechte eintritt, es ebenso rückhaltslos an seine Pflichten mahnt. Ein schweres Stück Arbeit liegt hinter uns, ein schwereres ist noch zu bewältigen. Noch zu groß sind Indolenz und G l e i ch g il t g k e i t in den Reihen der Juden. Es muss stetig geweckt werden, stetig gemahnt und angespornt. Unverdrossen gehen wir an die Arbeit, möchten uns doch unsere Freunde darin unterstützen! Werbearbeit für das Blatt fördert unsere nationale Arbeit, je mehr Freiwillige, desto rascher der Fortschritt Wir wenden uns an unsere Leser und Freunde uni Unterstützung für die Zukunft; mögen sie mit uns für das jüdische Volk arbeiten. Vom Tage. vor- oder rückwärts? (G e d a n k e neue s I11 den an d cr I a h r e s w e n d e.) Wir sind bereits ganz im zivanzigsten Jahrhundert,, wir schreiben demnächst 1902, und nach den Ziffern zu entscheiden, schreiten wir vorwärts. Auch vieles,was um Feuilleton. Glaube, Liebe. Glaube?) Von Richard D e h m e l. Reicher war in Spanien keiner Als der Reichste von Sevilla, als der reiche Tob Mauasse, aller Juden Stolz und Trost. Denn schon lief ein sehr bedrohlich Murren durch die Christenscharen, allzu zähe sei das Schandbolk, das den Heiland mordete. Doch das Gold des Tob Mauasse schützte alle. Seinen Reichthum grüßte selbst die Fürstengilde. lind die Priester schwiegen noch. Schöner tvar in Spanien keine als die Schönste von Sevilla, als des großen Inden Tochter, einzige Tochter, Sulamith. Und die Söhne ihres Stammes kamen weither sie umtverben, emsig wie die Bienen schwirren um den Mandelblntenbaum. Aber sie erhörte keinen; denn es liebte sie ein Ritter, Don Alvaro de Niebla, denn den Ritter liebte sie. Heimlich. Nur die Sterne sah'n es. Ach, der fromnPchrolze Ritter hasste ihres Vaters Glauben und verachtete ihr Volk. *) Aus „Erlösungen", Gedichte und Svrüche. Berlin 1808. Schuster u. Loeffler. uns vorgeht, deutet darauf hin, dass wir uns inr Zeichen des Fortschrittes befinden. Die Wissenschaft, die Technik bringen neue Erfindungen, und es ist kein Zweifel, dass wir uns bereits voll im zwanzigsten Jahrhundert befinden. Aber ob wir auch in unserem inneren Leben vorwärtsgehen? Ob sich auch unser Blick erweitert, unser Selbstbewusstsein größer und unsere Auffassung von beit Dingen eine höhere wird? Ob unser Herz weiter, unsere Gefühle tiefer imb inniger geworden sind? Wir Juden dürfen vor solchen Fragen niemals unser Ohr verschließen. Ein Denker im Anfänge des vorigen Jahrhunderts meinte, dass die Juden den sichersten Maßstab für die Civilisation der Völker, unter denen sie leben, abgeben. Sie seien gleichsam das Barometer, an dem man den Hoch- oder Tiefstand der Cultnr ablesen tonne, je nachdem sie behandelt werden und wie weit ihre Rechte in den verschiedenen Ländern fortgeschritten sind. Zu jener Zeit hielt man noch die den Juden eingeräumten Rechte als direete Folge der allgemeinen Menschenrechte, als nothwendige Consequenz der Freiheit und der Civilisation. Nun aber, im Anfänge des -zivanzigsten Jahrhunderts zeigt es sich, dass im Namen der Civilisation und der Freiheit Judenverfolgungen insceniert werden, dass die constitutionelten Freiheiten unseren Feinden die Mittel abgeben, um gegen uns mit Wort und That aufzutreten, dass Männer, die sich freisinnig nennen, die Recht und Gerechtigkeit für alle bringen, es zuwege bringen, gegen uns Verfolgungen zu propagieren, ja die Schrecken der Inquisition für uns herbeizuwünschen. ... Die christliche Welt stehtim zwanzigsten, wir Inden aber — fast im siebzehnten Jahrhundert! Nach rückwärts ist der Kalender für uns verschoben . . . In dem autokratischen Russland und in dem constitutiouellen Runränien ergeht es unseren Brüdern noch schlimmer wie' im siebzehnten Jahrhundert, auch in dem republikanischen Frankreich und in dem alt-parlamentarischen England zeigen sich Spuren von Beschränkungen gegen unser Volk, hier aber in Oesterreich sind wir das Spielobject der Parteien. Einst waren wir die Schutzjuden der Fürsten und Herrscher, nunmehr sind wir die Schntzjnden einzelner Parteien geworden! . . . Das erste Jahr des neuen Jahrhunderts hat uns wenig Hoffnung auf Besserung der Lage gebracht. Wir wollen' hier nicht ein Register aller Vorfälle zusawmenstellen, steht ja noch vieles unseren Lesern deutlich vor Augen. Dines nur muss scharf betont werden, dass wir mit jedem Jahre, das vorübergeht, immer mehr die Ueberzeugung gewinnen, dass wir von außen nichts Und Weil sic so sehr ihn liebte, und weil er so sehr drum quälte, nahm sie heimlich seine« Glauben Und nun hieß sie Margarita. Viel geweihtes Wasser floss schon damals über Judenstiruen; denn die Furcht des Heiligen Geistes hielt den Geist von Meuscheuftircht. Und die Christen drohten lauter. Nur die Fürstengilde schwieg noch vor dem Gold des Tob Mauasse. Doch die Priester murrten s^hon. Er, der greise Jude selber, ob auch treu dein Gott der Väter, blickte oft voll schwerer Sorge auf sein liebes einziges Kind. „Sulamith, mein schutzlos Täubchen, willst du dir nicht einen wählen aus den Söhnen deines Stammes, der dir baut ein sichres Nest?" Ich — ach, Vater — frag nicht, Vater. Wjeißt du doch, ich kann nicht lieben, iven ich sah von nnserm Stamme. Du, mein Vater, bist mein Schutz. „Sulamith, inein einzig Kleinod, sieh: er ist sehr alt, dein Vater. Wirst du auch, allein, verlassen, treu dem Gott der Väter sein?" Ich — ich — o mein Gott, mein Vater, frag nicht so! Ich: ja, ich schlvör es: ja, ich bleibe treu dem Glauben, d c n i ch h a b e — o mein Gott. „O du Leuchte meines Alters, o du Morgen meiner Tage, Sulamith, Thau meiner Nächte, Sulamith, ich segne dich!" Weinend lag dann manche Nach: lang, Weit sie ihren Vater liebte, Weil sie ihren Liebsten liebte, Margarita Sulamith. zu erwarten haben, dass die Aussicht auf frenrde Hilfe sich immer wieder als eiu Irrlicht erweist, das uns in den Sumpf lockt, dass dagegen die jüdisch-nationale Idee immer mehr an Boden gewinnt, dass auch im abgelaufenen Jahre die Zahl der Anhänger der „Selbsthilfe" sich vergrößert hat und dass das jüdische Volksgefühl immer tiefer Wurzel schlägt. Wenn ivir aber in unseren! Innern Fortschritte machen, dann können uns die drohenden äußeren Erscheinungen nicht schrecken. Wenn wir uns als Volk organisieren und das nationale Band zwischen uns immer stärker und stärker knüpfen, dann müssen auch die Verfolger von außen an unserer Kraft zuschanden werden. Möge im kommenden Jahre unsere Volkssache vorwärtsschreiten, dann können wir ruhig allen Ereignissen ins Antlitz schauen . . . * Vreschen in Galizien. Der kundige Leser wird diese Neberschrift mit einem malitiösen Lächeln lesen; obwohl Wreschen bis vor einigen Wochen ein „spanisches" Dorf für ganz Europa war, steht es seit graumer Zeit im Mittelpunkte einer allgemeinen Discusfion, so dass jeder Zeitungsmensch, vor allem ein Journalist wissen muss, dass dieser interessante Ort. in Posen lieht. , Trotzdem wählten wir absichtlich diesen Titel. Wir fassen Wreschen nicht ajß geographischen, sondern als allgemeinenBegriffauf, wiediePolen das WortHakatismus. Und in diesem Sinne gibt es für uns Juden sehr viele Wreschen und insbesonders in Galizien. Das „I. V." ist leider sehr oft in der Lage, über die Misshandlung jüdischer Kinder durch christliche Lehrer zu berichten. Erst in der vorletzten und letzten Nummer berichteten mir über den Fall Friedmann in Podwoloczyska unter der Spitzmarke: . _ „R oheiten einer antisemitischen Lehrerin. In der hiesigen Bürgerschule hat sich folgender Vorfall ereignet: Die antisemitische .Lehrexin Gazecka schlug das sechsjährige Judenmädchen Leika Friedniaun, Tochter des Bäckermeisters Jacob Friedmann, mit einem Stocke ohne Erbarmen derartig, dass dasselbe sofort in Ohnmacht fiel; nach Wiederbelebung gieng das arme Mädchen mit schwerer Mühe, mit geschwollenen Händen, ächzend nachhause. Es wurde sofort der hiesige Arzt Bürgermeister Dr. S. David berufen, er untersuchte das Mädchen und meldete das dem Gerichte. Am nächsten Tage kam der Untersuchungsrichter Herr Szu- Und an .jedem Abend wollte Sie den Ritter bitten, mit ihr Hinzutreten vor den Vater. Doch sie schwieg: er ivar so stolz. Und au jedem Morgen wollte Sie dem Vater alles sagen. Doch sie tonnt ihn nicht betrüben, Und sie schwieg: er war so gut. Ja, sie liebte ihren Vater. Liebte mehr, je mehr er gut war. Liebte seinen blinden Glauben, Mehr, je mehr sre um ihn log. Ja. sie liebte ihren Ritter, Liebte mehr, je mehr er stolz war, Liebte seinen wilden Eifer. Mehr, je mehr sic um ihn litt. Liebte alles, was sie quälte, Liebte Ihn. den Mann am Grenze, Liebte sein unsäglich Leiden, Mehr, je mehr sie selber litt. Und des Morgens, und des Abends Lächelte vor ihrem Vater, Lächelte vor ihrem Liebsten Margarita Sulamith. „Margarita, ineine Sehnsucht, Siehst du wohl den Mondschein beben. Wenn stch ihm die Welle öffnet, Dort im Guadalquivir? Margarita, meine Sehnsucht, Siehst du dort den Avendfnlter Durch die Fliederblnte taumeln? Margarita, siehst du nicht? I" Ach, Alvaro: ach, ich sch' ihn In ein großes Feuer flattern. Ach. und sieh: der Mond verbirgt sich Hinterm Thurm des Domes dort. „Margarita, dort im Dome Glüht das Licht des Traualtares! Lass mich nun nicht länger bitten, Margarita; sage ja!"

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