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Jüdisches Volksblatt · 1901-12-20 · 51 (20.12.1901) · page 1

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
3 (1901)
Issue
51 (20.12.1901)
Date
1901-12-20
Page
– (sequence 1)
Language
German
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»II« ÄEtmction: &diJUJfcKi0ftjI? 11. Gprechf»u>de« r Sn «BncftcHtaflfn «on 4 b,s 6 Uf/r nachmittuaS.; -HkidNcheS Dottvvlait, Wir«. v>I»U Tbc! kjwrrdrn weizen verwüteier t>ücc «ur ntchi erjolgrn yuUenunn erbitten wir uns dringend. — Mimulertdt« tvrrben nicht zurÄrkgeftrül. postsparcafsen-Lonto U470S7 .In duS Abonnement kann man täglich eintreteu. Mlkvni'Uo.nu h\n: uw tu {tt£?tfdi£n Vr»lt:s^ neiTBtti 'jrrUiä!|!!t«n ypvvf&xn mmtntött. $<?!tvntt ubLincbmen oir »sinnen, I. Danneberg, Ät. DukeS, Hnuien» ^-»n ch rtvqler, ttuvvl! Wofic, tt, Oppelik, Vi. Uozlvnm, 0. Lide.iek in Wien, ferner alle Nnnoncen-isxpedtnonen im SuSlande. M»zel-JtRMM«r tu Wie« 1« Heller. ch- Admnttt Nation: V CiJL/1, ü^itjlößElgaflfc U AbonnemeutSpreiS: Für Wien n. O«strrretch«N»garn lammt Irancozuftellung. Ganzjährig Halbjährig . MerteljSbrig. . ftr. H.- „ 1 - „ 2.~ Für daS gelammte Ausland lammt Francozustellung. Gunzjährig . Halbjährig . Vierteljährig Kr. , ff 4.50 " »J8S cutS'r.Mnw’waa ssrntmutmimmm miw%mr*tyvyvr\ArQ «rwfc\rAng»w mmt * > Mr. 51 itrn, 30. Drrrmbrr 1001. lll. Jahrgang. Unsere Freunde und Leser bitten wir dringendst, uns Adressen von solchen Volksgenossen zukommcn zu lassen, welche für unser Blatt gewonnen werden könnten. Die Zahl der Indolenten ist noch sehr groß; wenn jeder Freund unseres Blattes nur einen Abnehmer gewinnt, ist für die gute Sache viel gethan. Wir bitten, uns in unserer Werbearbeit zn untere stützen und sagen im vorhinein besten Dank. Hochachtungsvoll Die Administration des „Jüdischen Volksblatt". Die 88 59 und b«. Das Abgeordnetenhaus hat die Abänderung der Paragraphen 69 und 60 in der von: Heirenhause vorgeschlagenen Fassung angenommen, und damit ist das Schicksal vieler jüdischer Proletarier besiegelt. Sind wir auch darob von Schmerz erfüllt, wir können das eine mit Beruhigung sagen:WirhabenunserePflichtgethan, wir waren unermüdlich in dem Sannneln von Petitionen und Unterschriften; hätte jeder: der berufenen Factoren uns nachgestrebt, so wäre die Annahnre des Gesetzes vereitelt worden. Ueberblicken wir noch einmal rückschauend die wechselvollen Geschicke jenes Entwurfes, fo haben die Verhandlungen des Abgeordnetenhauses über jene Paragraphen klar gezeigt, dass keine der im Parlamente vertretenen Parteien ein Herz für jüdische Arme hat; weder die Liberalen noch die Socialdemokraten, weder der berühmte Wrabctz noch der unberühmte Dr. Vogler, Nieder der berühmte Dr. Ofner noch der unberühmte Dr. Ellenbogen. Elastisch bewies dies die erste -Abstimmung über die Dringlichkeit des Vorschlages, deiner der Abgeordneten erhob sich von seinem Sitze; e i n e i n z i g e r hätte genügt, rnn die Berathung der Paragraphen auf unbestimmte Zeit hinauszuschieben. Nachdem die ehrenwerten Herren, deren Namen tvir nannten, ihr Möglichstes gethan hatten, um (irre rasche Erledigung der Reform zu bewirken, hielten sie allerdings für die Gallerie und für die tausende von jüdischen Wählern, denen sie ihr Mandat verdanken, einige schöne Reden, in dem ruhigen Bewusstsein, dass der Vorlage jetzt nicht s m e h r g e s ch e h e n k n n n. Ztvei Fliegen nüt einem Schlag. Dasselbe Spiel wiederholte sich, als das Gesetz infolge der bekannten Abänderung des Herrenhauses den: Abgeordnetenhause zur neuerlichen Berathung zugewiesen wurde. Bei der ersten Abstimmung verbreiteten die Socialdeinokraten die Ausrede, dass sie gezwungen getvesen wären, gegen die Dringlichkeit der Gewerbeveforin keine Einsprache zu erheben, tveil zwischen ihnen und den Christlich-Socialen der Pact bestand, dass die Christlich-Socialen dafür nicht gegen die Dringlichkeit des Bergarbeitergesches stimmen lvürden — eilte Ausrede, die erstens beweist, dass Hausierer und Agenten in den Augen der Anhänger der Gleichheit Menschen ziveiter Güte sind, die zweitens für Herrn Dr. Vogler, Dr. Ofner, Wrabch e tutti quanti sicher nicht bestand — so entfiel für die zweite Berathung dieses Märchen vollkommen. Kein Bergarbeitergesetz oder eine ähnliche Socialreform stand in Aussicht, und trotzdem bemühte sich P e r n e r st o r f e r im Vereine mit Prinz Lichtenst e i n in der Obmännerconferenz, um die Erledigung der P a r a g r a p h c n 69 u n d 60 Horb e n W eihnacht e n d u r ch z u d r ü ck e n. L i e ß s i ch P e r n e r st o r f e r dabei nur v o n seinen antisemitischen I n st i n c t e n leiten oder b e st a n d wieder z w i s ch e n den r o t h e n u n d d e n w e i ß e n S o c i s e i n s ch m u tz i g e r H a nd e l, dessen K o st e n natürlich wieder die I u d e n z a h l e n m u s s t e n? Nachdem den vereinten Bemühungen des neuesten Cartells Prinz Lichtenstein und Pernerstorfer es gelungen war, unter, verständnisvoller Hilfe des Präsidiums zu erzwingen, dass diese unseligen Paragraphen vor Weihnachten auf die Tagesordnung gesetzt wurden, schickten die Socialdemokraten, um ihren fanatischen Anhängern unter den Juden eine Komödie varzugaukeln, allerdings den berühmten Dr. Ellenbogen in die Debatte; aber sind ihre jüdischen Wähler wirklich so borniert, dass sie das durchsichtige Spiel nicht durchschauen? (Die Liberalen fanden es freilich nicht einmal der Mühe wert, ihren Wählern eine Komödie vorzumachen; sie wählten das Bequemere und schwiegen sich gründlich aus.') Damals, als die Dringlichkeit der Paragraphen zur Abstimmung kaut, hatten diese patentierten Judenschützer Gelegenheit, den Entwurf zu begraben und zu beweisen, dass es ihnen mit der Vertretung des jüdischen Proletariates Ernst ist; sie thaten es nicht. In der Obrnännerconferenz bot sich zum zweiteumal die Gelegenheit, die Erledigung des Gesetzes auf die lange Bank zu schieben; die Socialdemokraten thaten aber das gerade Gegentheil: sie negierten jenen unheilvollen Entwurf. Das muss angenagelt werden, und jedesmal, wenn ein Socialdemokrat sich das Maul vollninnnt, dass seine Partei alle Proletraner .. (und das Maul vollnehmen verstehen die Socialdemokraten) , so wird man ihnen immer Vorhalten können, dass sie diefesmal die jüdischen Proletarier Verratheu haben; sie haben bewiesen, dass es ihnen nur um Stintrnenfang zu thun ist. Wenn jetzt die tausende Proletarier, die durch dieses Gesetz ihr Brot verlieren, zu den socialdemokratischen Führen: kommen werden, die sie mit ihren eigenen Schultern aus der Niedrigkeit erhoben haben, und von ihnen — nicht Rechenschaft, dazu sind sie zu verblendet, nein — nur Hilfe fordern werden, so werden sie die feinen Herren großmüthig an die jüdische Cultusgemeinde weisen. Wir haben uns absichtlich mehr mit der Socialdemokratie als mit den Liberalen und Socialpolitikern beschäftigt; denn dass die letzteren, eine bitrd) und durch corrupte, innerlich faule Gesellschaft, wohl für den Terminhandel an der Getreidebörse mannhaft kämpfte, aber nicht für ein paar lumpige Hausierer, ist fo selbstverständlich, dass es schade ist, darüber noch ein Wort zu verlieren. Selbstverständlich ist es auch, dass eine österreichische Regierung durch ihre Vorschubleistung bei Vorlage solcher verderblicher Gesetze sich mitschuldig macht, toenn in den durch polizeiliche Verfolgungen und magistratische Willkürlichkeiten demoralisierten Massen Verbrechen und Anarchie einen fruchtbaren und furchtbaren Nährboden findet. Wird nicht noch in zwölfter Stunde ein Machtwort des Kaisers dieser Gefahr Vorbeugen? Zuwi Aufgaben ertvachsen uns aus dieser Lage. Sollte Seine Majestät, von übelberathenen Ministern umgeben, doch dieses Gesetz sanctionieren, so erwächst uns die Pflicht, rechtzeitig die jüdische Öffentlichkeit von der neuen Anforderung an ihre Mildthätigkeit zu verständigen; wenn auch die jüdischen Proletarier bei dm Wahlen nicht mit uns sind, in der Zeit der Noth werden wir mit ihnen sein. Zweitens werden wir nicht in dem Eifer erlahmen, in diesem Schulbeispiele, der Geschichte der Paragraphen 69 und 60, den Juden trotz ihrer Halsstarrigkeit zu Gemüthe zu führen, wie sie das Vertrauen auf fremde Hilfe stets genarrt hat; endlich muss sich doch selbst in den verbohrtesten Köpfer: die richtige Einsicht Bahn brechen. *. Die „Go!u§"-Polen. Der Pracess in Wreschen ist schier zu einer internationalen Angelegenheit geworden. Die Verurtheilten wurden als Märtyrer der polnisch-nationalen Idee gefeiert, und die dreifach getheilte polnische Nation erhob sich wie ein Mann, um Preußen quasi den .Krieg zu erklären. Die Studentenschaft denwnstrierte, die Kaufmannschaft boycottierte die deutsche Industrie und den deutschen Handel, von Feuilleton. Der Uabbi und der Jünger. Adolf Stand gewidmet von Marek S ch e r l a g. ..a w o h l, n e b c » iv i r de r M e n s ch - Veit Samen und Körner." sprach der Rabbi. Und der Junger lauschte nnd schwiep. Ein Lichtchen lief rnn die Lippen des Lehrers. Lippen, denen Worte lvie Honig entströinten. „Nun gehst du. nn'in Sohn, in die Welt, nnd die Wellen des Lichtes, und in dir ist heilige Fülle nnd Feier des Schiveigens . . . Wie in einem dnfteheisten Frühlingstag, wenn Himmel, Welt nnd Sonne vertränint sind, Neue Welten bilden sich irgendrvo in den Sphären, irgend hoch in der Ferne-Das sind Herrlichgrosze Momente. Joseph, du bist glücklich, denn du trägst in dir Traume weiter Wplten nnd weißer Blumen . . . Aber steige vorn Throne deiner jugendlichen Tränrne ans die alte Erde herab I Siehst dir die sernen Felder durchs Fenster in Strahlen der versinkeirden Sonne, in Gold und Leben getaucht? Erinnerst du dich deiner Worte int Frühling? Du seufztest sie beim Anblick jenes Bauern im breiterr Hut, der langsamen Schrittes den Rain dnrchrnasz, Sauren seinern Schurzfell bedächtig errtnahnr rirrd errrst und fromm verstreute, Ach, könnte ich säen, lvie er, seufztest dir. Du kannst es. Der Speicher ist überreich rmd voll. Nur mit der Hand hirreingreifen I Die Arbeit der Jahrhunderte und der Välker härrfte Schätze an, herrlickie Schätze, geheimnisbolle Schätze. Ilirter diesen verlieren sich unsere nicht. Wir Jrrden sarnnrelten vielleicht am emsigsten, doch «nr fleißigsten trugen lvir sie in die Rtenschheit hirians. Unsere Mühe verdoppelte sich, deshalb lvuehsen nicht himmelhoch unsere Schätze. Andere legten mehr hinein — doch wer trug am meisten bei zrrr Verbreitung der Cultnr, wer, rvenn nicht lvir? Hierin liegt * unsere, Größe, unsere Wahrheit, unsere Begabrrng. Bleiben rvir auch fernerhin Vermittler urrd Händler auf geistigem Gebiete, Joscs. Wende dich nicht gar so nnivillig ab nnd verziehe nicht deine zarte Stirne. Ich bin runzlig und erfahren. Als tvir den ersten großen, den größten Schatz in den Speicher der Welt hineinlegten, legten tvir uns goldene Fesseln um den Hals . . . Wir tvollteu dieses Kleinod yüteu, wie ein Hund das Haus seines Herrn hütet, tvacheu ivollten wir in Treue nnd ewiger Weihe. Da kamen andere, nahmen uns den Schatz, verengten die Fesseln, dass sic uns würgten . . . Und jetzt . . . Hüten tvir den Schatz oder den Schatten? Wir lvisseu es selbst nicht. Doch genug. Genug der Oualen.-- Josef, du bist jung nnd hast Kraft der Jugend und ihre Biegsamkeit. Doch lvehe, wenn du auch ihren Ehrgeiz besitzest, lieber Libanons Höhen schwebt nicht mehr, lvie vormalen, der Aar, stolz und frei . . . Wolle nicht im Nn die Menschheit durch reich blühende Felder nnd weich glühende Welten in Vertvnndcrnng setzen! Bescheidenheit geziemt dem Juden. Und lveißt du, wann die Biene am stillsten? Wenn sie ihren Honig gefrinden. Sei also, lvie der Laudmann am Acker. Nimm das Schurzfell, mein Sohn, und Samen nnd säe und säe . . . Die Körnchen keimen leise langsam. Und in deinem Herzen blühte sachte friedenssüße Seligkeit. Pflichterfüllung ist eine Sonne, die nicht sengt, nur wärmt I Unsere Schlvingen sind schlvach zum höchsten, gut und stark genug zum lveikesteu Flug. Vor allem was nützlich, das Schöne zuletzt! Vor allem das Große, das Kleine zuletzt. Vor allem die Güte, dieLiebe zuletzt I I —- Was du gutes im Speicher findest, hol' es hervor nnd gib es der Welt, lvie du eS gefunden. Fierden, lveißt du, dulde ich nicht, lvie sie auch andere nicht dulden, die der Menschheit Wohl und Ruhe begehren. Vernichte das Kunstwerk, das dir nicht gut dünkt, zugleich!" -Die Strahlen um den Mund des Lehrers crstarbcn. Der Schüler hörte nichts mehr. In fernen Angen stand ein Widerschein von hellen Wundern nnd dunklem Zauber. Der Rabbi harrte einer Antlvort . . . Die Sonne versank. Und dennoch lvard es nicht dunkel im Wohnranm. Aus den Augen des Schülers schimmerten Strahlen märchenneuer Welten, mädchenweißer Blumen, flammenheißer Stünne nnd stürmischer Liebe. --„Schön bist du, lvie der Tag," seufzte der Rabbi und zog sich zurück, nrnlvöltt, gebückt. — Im Stübchen leuchtete ein Glanz. Werther der Jude. (Dem Andenken Ludwig Jakobowskis.) Von A l o i s M u u k. (Schluss.) Tyränen und Wundemuale bezeichnen den. Weg, den seine Jugend nahm. Seine Mutter starb, der Bruder starb, die Braut starb. „Meine Augen taugen nicht Für des Lebens Freuden, Denn sie schallen nickst das Licht, Nur die dunklen Leideic." Dach trotz allein Schatten, der über seinen frühen Jahreil schlvebte, ließ er oft Bilder ans denselben vor seinen: Jnnenange voniberziehen. Er erinnerte sich oft der schlveren Tage seiner Kindheit, wo er „noch ein gläubiges Lind war, wo er immer das Gebetbuch küsste, inbriinstig ans beiden Seiten, wenn cs zil seinen: Schreck zu Boden gefallen war, wo an jedem Freitag-Abend zwei Lichte auf weißer Decke standeu lind der Bat cm ein kurzes Gebet sprach liud ihn: ei:: Stück Barches zu esstn: gab. Daun gab es abends Fische, ein seltenes Gericht, wozu seine Mutter schon acht Tage lang sparte ni:d sich oft deshalb die nothlvendige Medicin nnd Pillen versagte. Durfte doch „Fisch" nicht an: heiligen Freitag-Abei:d fehlen. Nachher kamen dam: ::och andere Judell ans der Bekanntschaft, und die Männer erzählten,!vas sie für Geschäfte gemacht lrnd die Fraueil, wie sie die Fische zubereitet hätreil, lvas sie Sonnabends kochten nsw. Wenn er daran dachte, stieg ihm der: Gedailke auf, lver glücklicher war, er, dm jetzt 28 Jahre alt rmd ein „gelehrtes Haus" lverden wollte, oder der kleine, blöde, dumme Junge. Er kmlsste )vohl die Antwort.^ Aber er Verschlvieg sie sich absichtlich. Doch zulveilen nicht. Dann regte sich eine Stimme in ihm . . .

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