Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 3 (1901)
- Issue
- 49 (6.12.1901)
- Date
- 1901-12-06
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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y. ■ ■ Ked«rion: TH1/1, KchMAeigaM 1JU GprechfwRbe»! Sn Wochentagen von 4 bis 6 Uhr nachmittags. pastadeesi»: Jüdisches ivoNSblatt, «te», VIII,1. Beschwerden wegm verspäteter oder gar nicht erfolgter Zustellung erbitten wir uns dringend. - Mannsertdte werbe» »tcht zurückgestellt. Poflsparcassm-Lonto 847017. In das Abonnement kann man täglich «intreten. O—-—--♦ Erscheint jeden Freiing nnlLr Mittvirtmns der vom jüdiMpen VoUrsverein ertvahtten Pressrommtfston. J»serate übernehmen die Firmen! I. Danneberg. M. DukeS, Hassen, stein Sr Bögler, Rudolf Massen S. Oppelik, M. Pozsonyi, v. Schale! in Wien, ferner alle Snnoncen.Expeditionen im Ausland«. «inzel-Nnmmer i« Wien j« Heller. Me. 49 Wien, 8. Derrmber 1901. »dmtnistrsKon l rill/l. »chlSS-Ig-U- U. AbonuementöpreiS: Für Löte« u. Oesterreich-Ungarn sammt Francozustellung. Ganzjährig . . Kr. 8 — Halbjährig . . . . „ 4.- Vierteljährig. . . . „ Jür bas gefammte AuSlemb sammt Franeozustellung. Ganzjährig ... Kr. Halbjährig.„ 450 Vierteljährig.. J8Ä5 III. Jahrgang. Ws Oelkriiglein. (Zum C h a n u k a - F e ft e.) Von R. A. Brandes. Wie ein wundersames Blümlein inmitten mächtiger, kraftstrotzender Baumstämme steht die Sage vom segenspendenden Oelkrüglein zwischen der Erzählung von den glänzenden Heldentaten, die die Makkabäer auf dem Schlachtfelde vollbracht haben. Auf die Frage, was das Chanuka-Fest bedeutet, erzählt der Talmud: „Als die Makkabäer nach ihren Siegen im Tempel zu Jerusalem erschienen, um ihn zu „reinigen", fand sich nur ein kleines Krüglein reinen Oeles, welches nur für einen Tag ausreichen konnte. Aber ein Wunder geschah: Die Menorah wurde angezündet, und das Krüglein reichte für acht Tage aus. Zum Andenken an dieses Wunder zünden wir acht Tage lang die Lichter an." Blut und Oel, Materie und Geist, natürlicher Sieg und Wunder vereinigen sich um die Feierlichkeit des Chanuka, die uns bis auf den heutigen Tag geblieben ist. Für nüchterne Gemüther, die nur die äußeren Thatsachen der Geschichte kennen, genügt die bloße Erinnerung an die Siege der damaligen Makkabäer, die heldenmütige Befreiung des Landes von fremdem Joch und fremder Cultur, um noch heule das Fest der Verherrlichung jener Helden zu feiern. Jene aber, welche tiefer in die Ursachen und Folgendes geschichtlichen Geschehens zu blicken gewohnt sind, jene, welche die innere Kraft, den Geist jener Thaten suchen, um ihn auch für die Gegenwart verwerten zu können, die sehen in der Chanuka-Feier noch etwas mehr als den äußeren Sieg. 4 Für lange ist ja das Land ohnehin nicht befreit worden. Nach dem Syrer kam der Römer und verwüstete es gänzlich. Die Wiederaufrichtung des jüdischen Reiches durch die ersten Makkabäer führte zu blutigen Kämpfen im Innern, zu einer Art Oligarchie, welche bewirkte, dass die letzten entarteten Sprösslinge der Makkabäer das Land gänzlich in die Hände der Römer auslieferten und den Verfall des jüdischen Staates beschleunigten. Anders aber war es mit dem Siege der Cultur, welcher still, aber desto wirksamer vor sich gieng. Die Assimilation bedeutete zu jener Zeit die Unterwerfung unter griechische Cultur und Lebensführung, während der Sieg der Makkabäer die Rückkehr zum angestammten Glauben und zu eigener Cultur bewirkte. Hat auch der äußere Sieg nicht lange gedauert und konnte der befreite Boden nicht lange unter unseren Füßen bleiben, desto dauernder erwies sich der Sieg der Cultur. Von der eigenen Scholle vertrieben, lebten die Juden zerstreut in allen Ländern, aber überall offenbarten sie ihr eigenes Volksthum, ihren eigenen Geist. Ein schwaches Völkchen, das nur noch für eine kurze Zeit zu leben bestimmt schien, erhielt sich trotz unaufhörlicher Verfolgungen bis auf den heutigen Tag, der große Geist, den ihm seine Vorahnen eingeimpft haben, die Gewalt der moralischen Kraft, die sich von Geschlecht zu Geschlecht vererbte, seine religiöse und nationale Art erwies sich als unausrottbar bis auf den heutigen Tag. Ein winziges Oelkrüglein, welches kaum genügend schien, um über Nacht zu leuchten, brannte acht Tage lang, es brennt und leuchtet bis auf den heutigen Tag. Das ist das Wunder, das mit uns geschah, das ist der tiefere Sirn des Oelkrügleins, dem der Talmud die Ursache der Chanuka-Feier zuschreibt. Denn nicht die Befreiung des Landes, nicht die Wiederaufrichtung des jüdischen Staates und alle anderen Errungenschaften jener Zeit feiern wir heute, sondern wir feiern das Licht, welches in jener Zeit aus einer Nacht, die für immer hereingebrochen schien, plötzlich zu strahlen begann, wir feiern jene Lebenskraft in uns, die bis heute in uns geblieben, wir feiern alle jene Kräfte in uns, welche uns auch ohne Land und eigenen Boden, in nationaler, moralischer und religiöser Selbständigkeit erhalten haben. So dachten die Talmudisten über den tieferen Sinn des Chanuka-Festes. und wie könnte es auch anders sein? Mit ihren eigenen Augen sahen sie das Land durch die Schuld der letzten Makkabäer verwüstet und alle Folgen der glänzenden äußeren Siege,/zunichte, gemacht. Daher wendeten sie sich von der rohW Kraft und suchten den Geist in uns zu erhalten. Die nationale Eigenart des Volkes sollte wenigstens erhalten bleiben — und sie erhalten es! Wenn wir heute die. ersten Makkabäer feiern, wenn wir die Gestalten und Thaten unserer Helden uns wieder ins Erinnerung bringen, wenn wir die wunderbare Thatsache bewundern, dass ein winziges Völklein einen so herrlichen Sieg über die Uebermacht der Syrer davongetragen hat, bezeigen wir auch gleichzeitig durch das Anzünden der Chanuka-Lichtlein die Ehrfurcht vor der unvergänglichen geistigen Kraft, die in uns bis auf den heutigen Tag geblieben ist. ilaM'Soml. Von Dr. Paul Weisengrün. Es gibt recht viele sonst verständige Leute, die da glauben, dass nationales Ausleben und sociale Wirksamkeit sich wie Waffer mit Feuer vertragen. Der krankhaft einseitige, unechte Nationalismus, der mit plumpen Fingern eine ganze Menge wirklicher Culturerrungensch asten angreift, ist sehr intolerant. Er möchte am liebsten die große Kette gemeinsam ererbter Güter durchbrechen und zwischen sich und den anderen Völkern eine ganze Welt von Wertverschiedenheiten künstlich errichten. Ein so aufgefasster Nationalismus verträgt sich in der That schwer mit socialer Wirksamkeit und Bethätigung. Aber es gibt auch einen anderen verfeinerten gereifteren Nationalismus. Dieser sperrt sich gegen den Windhauch des „guten Europäerthums" nicht so ab. Er will das nationale Ausleben gleichsam erweitern und erhöhen durch Aufnahme allgemeiner Culturelemente. National und universell heißt die Parole eines solchen Nationalismus. Die nationalen Jnstincte, Werte, Empfindungen und Begriffe sollen zugleich ins allgemein Menschliche umgegossen und umgebogen werden. Die Bodenständigkeit soll erhalten bleiben, das Aroma des specifisch Völkischen wünscht man zu bewahren. Jedoch überall soll Thür und Thor für das Eindringen des gesammteuropäischen Lebens offen bleiben. Ein solcher Nationalismus wünscht eine Heimatskunst, eine eigene nationale Nuancierung der wirthschaftlichen Disciplin. Aber all dies durchträumt von einem modernen antichauvinistischen Geiste. Ein liebevolles Eingehen auf die historischen Formen nationalen Daseins, aber kein starres Festhalten an der Tradition strebt der verfeinerte Nationalismus an. Durch ihn wird eine Volksbewegung geschaffen, die dazu beiträgt, dass die nationalen Ideale dennoch ins Meer des allgemein Menschlichen hinfließen. Ein so aufgefasster Nationalismus verträgt sich ganz ausgezeichnet mit dem Begriffe der socialen Wirksamkeit. Nur eine Nation, die wirtschaftlich emporsteigt, in der die meisten Volksgenossen Muße für culturelle Bethätigung finden, kann sich wirklich im wahren Sinne des Wortes ausleben. Die Zeit ist für immer dahin, wo sociale Unterdrückung und culturell-nationaler Aufschwung fast identisch waren. Dieser Zustand der Dinge setzt eine andere wirtschaftliche Struetur voraus; nur in der Periode der Sclaverei konnte sich auf die Dauer die nationale Cultur mit dem socialen Elend der untersten Schichten vertragen. Im 20. Jahrhundert, wo eine jede, selbst conservative Bewegung mit einem Tropfen demokratischen Oeles gesalbt sein muss, gibt es keine nationale Cultur ohne sociale Wohlfahrt. Man mag gegen den Lebensstil, gegen die Geschmacksrichtung der modernen Deutschen noch so laut protestieren, dass sie die intensivste Durchschnittseultur besitzen, wird kaum geleugnet werden können. Es Feuilleton. Einem Eodten. An Ludwig Jakobowski.*) (Gestorben am 3. December 1901.) Im Schoß der Erde Liegst Du gebettet, Friedlich .... still. Und Dich umfangen Dämmernde Schatten des Todes. Früh sankst Du hin, Ach allzu früh! Drum stimm' ich höher die Klage. Denn an der Grenze, Wo Frühlingskeimen Reiferem Sommertag weicht, Fuhr aus dem Himmel Vernichtend nieder Der zündende Strahl, Nahm Dich dahin, und was Du gewesen, Was Du noch werdend versprachst . . . Und wir steh'n einsam und trauern, Trauern, Du Treuer, um dich. Wolfgang v. Gersdorff. *) «us dem „B. Werther, der Jude. (Dem Andenken Ludwig Jakobowskis.) Von Alois Munk. „Leben, Tod, was sie Dir boten, Ach, es waren Kirchhossstunden." „Es nahte der Morgen. Die Dämmerung war furchtsam immer weiter zurückgewichen, und es lag ein unheimliches Todesgrauen auf der Erde, als ob sie sterben wollte. Aber hinten wuchs der gelbe Streifen goldig aus und wurde breiter. Nun ergriff seine Färbung die benachbarten Wolken, die langsam sich in das Farbenmeer tauchten und nun hell und freudig am Himmel vorrückten. Es war, als wollte das lebensfrohe und kühne Gelb vorrückcn zum Kampfe gegen das tobte Grau des Himmels, der Nacht. Die Sterne wichen immer ängstlicher und bleicher zurück, das ferne Gelb wurde immer dunkler und dunkler, bis es in funkelndem Golde prangte. Nun mischte sich ein feiner, angenehmer Ton hinein, der anschwoll und eine schwache rosenrothe Färbung annahm. Die Sonne kündigte sich an." Und als sie emporstieg, feuertrunken und glutdampfend, als sie ihre wunderbaren Strahlen kosend hinaussandte in siegreicher Schöne, da war einer verschieden, dem eZ das Herz zerpresst hatte, das Sehnen nach der goldenen Sonne, nach dem lebensfrohen und kühnen Gelb, der gerungen hatte mit der Nacht um ihn und in ihm, der besiegt und als Sieger zusammensank, während das erste freie Flimmern langersehnten Lichtes über ein Volk dahinflog, dessen Leben kaltes Todeszrauen zu decken schien. Ein Jahr ist vergangen, seitdem Ludwig Jaeobowski von uns geschieden, ein deutscher Dichter und „ein Jude, ein Charakter und ein Poet". Es hat seither nicht an Stimmen gefehlt, welche seine Wesenheit zu klären und seiner Bedeutung gerecht zu werden suchten. Man pries in ihm den zielbewussten 1 Vorkämpfer und Förderer einer neuen Kunst, einen Höhenkünstler, der in der Vielseitigkeit seines Könnens und Schaffens die meisten seiner Dichtergenossen überragte, man ehrte in ihm einen der ausgeprägtesten Dichterköpfe der Gegenwart, einen Stimmungs- und Empfindungspoeten, dem es gelungen war, den Dichter mit dem Lebensphilosophen zur künstlerischen und sittlichen Einheit zu verschmelzen. Eines nur wurde vergessen: In Jaeobowski den Juden zu sehen und zu suchen, den jungen Juden, dessen Seele so fein und so wundersam vibrierte, wie nur die Seele eines Trägers des tausendjährigen Schmerzes, dessen Empfinden von seltsamen, fast mystischen und uns Juden doch so klaren Untertönen durchzittert ist, von schmeichelnden, nervösen, fast femininen, dessen Wesenheit mehr Sehnsucht und Träumerei als Gesundheit und Kraft bedeutet. Versonnen steht er abseits von den erdenfrohen Thatenmenschen, wie sie von Bismarck und Nietzsche den Deutschen gezeigt wurden. Werthers junge Leiden hatten für die rückgrätige, hohe blonde Männlichkeit, die sich mächtig und markig mit beiden Füßen gegen den dampfenden Ackerboden der Heimat stemmte, keinen Anwert, und der Deutsche und der Jude, „beide von dem Geschlechte derer, die an der Zukunft bauen" hatten die Rollen getauscht: Der Deutsche war nicht mehr der Werther, der Jude war es, der mit seinem ganzen Herzen die Macht des Gefühles vertrat, er war es, der die Werther-Rolle mit seinem Herzblute zu spielen hatte, während der Deutsche der nüchterne Rationalist und Streber war, der Judenhass empfand aus Jnstinct und aus Berechnung. Und während der deutsche Dichter mit kräftigem, zielsicherem Griffe Männer von Blut und Eisen mitten aus dem tobenden Leben unserer Tage holt, gestaltet Werther der Jude tastend und unsicher, zaghaft und zögernd, voll weichmüthiger, fast ins Krankhafte gesteigerter Sentimentalität. Und der Jude Jaeobowski. „Unrast-Ahasver", wie er sich selber nannte, soll uns die Räthsel lösen helfen, die der Dichter und Führer der Neu-Romantiker gestellt. Schon in seine frühe Kindheit schlang das Judenthum seine dunklen Fäden. Hart an der russischen Grenze war die