Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 3 (1901)
- Issue
- 47 (22.11.1901)
- Date
- 1901-11-22
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2432763-2432864-2432911--1248-2434985- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 4 Wien, Freitag Jüdisches Volksblatt Nr. 47 22. November 1901 ment des Festes liegt in den Händen der Herren Peter Geiger und Chefredacteur Munk, welchen ein großes Damen- und Herren-Comito zur Seite steht. Die Einladungen gelangen demnächst zur Versendung. Auskünfte und Karten bei den Comite-Mitgliedern sowie in folgenden Comite-Localen: „Jüdischer Volksverein", II., Leopoldsgasse 49, „Indisches Volksblatt". VIII., Schlößelgasse 11, Cafe City, IX., Porzellcmgasie, Cafe S ch r e d l, IX., Porzellangasse, Cafe B a ch r a ch, IX., Rothe Löwengasse, Cafe „Arkaden*, I., Umversitätsstraße. Bei den Socialwissenschaftlichen: Einen Vortrag von D r. Renner soll man nicht versäumen; er gehört zu den welligen Köpfen in Oesterreich, deren Blick nicht durch die Parteibrille getrübt ist, zumal, wenn er über sein Specialfach: die Nationalitätenfrage, spricht. Der kleine Saal ist dicht gefüllt. Schon äußerlich ist trotz des neutralen Bodens eine gewisse reinliche Scheidung bemerkbar; links ein Lager, das sich bei bayerischem Bier erquickt, die Dentschnationalen, rechts Jünglinge, die ihr Pilsener mit Begeisterung schlürfen, die Slabcn, und in der Mitte ein zimperliches Volk, das sich aus Sodawasser Enthusiasmus holr, die Nativns- und Geschlechtslosen. Der Vortragende trägt ein energisches männliches Gesicht; man sieht ihm au, er hat Mnth; und Muth braucht es, um vor dem Anblicke des Nationalitätenzwistes nicht zu erschrecken, sondern herzhaft den Kampf mit dieser Hydra aufznnehmen. Eigentliche Parteihänptlinge glänzen durch ihre Abwesenheit; denn Nenner tritt allen Parteien empfindlich auf die Hühneraugen. Sein Referat gipfelte in folgenden Ausführungen: Der Kampf der Nationalitäten ist ein reiner Kampf um die Macht, daher nicht wissenschaftlich. Man könnte daher eine wissenschaftliche Behandlung dieses Streites für überflüssig halten. Dies ist aber unrichtig; die einzige Klärung dieser Frage ist nur denkbar durch die Wissenschaft. Nicht als ob die Wissenschaft den Kampf in neue Bahnen lenken könnte, als das Interesse der Parteien borschreibt. Aber sic vermag die instinktmäßigen Kämpfe in bewusste Vorgänge umzuwandcln und so den streit zu c i v i l i s i e r e n , ja dort zu ersparen, wo das Kampfergebnis schon gegeben ist und daher der .Kampf vortveggcnommen werden kann; sie trägt daher zur Venneidung von Irrwegen bei. Man kann die Nation ethnologisch betrachten und folgt dabei den naturwissenschaftlichen Untersuchungen. Man untersucht die Individuen auf Schädelbau, Haar- und Hautfarbe. Das Ergebnis solcher Untersuchungen verwertet man besser aber bei der Nassenals bei der Nationalitätenfrage. Ter Sociologc betrachtet die Menschen nicht bloß als Product der Natur, sondern auch als denkende und fühlende Wesen; er berücksichtigt Naturthatsachcn nur insoweit, als sic auch BelvusstseiuSthatfachcn geworden sind. Das englische Volk ist ethnologisch betrachtet, eine Mischrasse, sociologisch eine einheitliche Nation. Hier kommen ganz geistige Factorcn in Betracht, z. B. Sprache, Sitten und Gebräuche: selbst solche äußerliche Factorcn, wie das cyrillische und lateinische Alphabet können nationalbestimmend sein. Schließlich kann die Nation vorn politischen und juristischen Standpunkte, als Bewegung und Wille einer Masse von Staatsbürgern betrachtet werden, analog also dem Problem, wie sich das Verhältnis des Individuums zum Staate gestalten solle. In O e st e r r e i ch haben die Nationalitäten als solche kein politisches Anrecht; der Staat verwirft den Gedanken, den Nationen ein Anrecht auf die Leitung ihrer Angelegenheiten zu geben; er betrachtet siechlos als ein Sprachenrccht der einzelnen Individuen. Das ist die atom i st i s ch - i n d i v i d u a l i st i s ch e Auffassung. Der österreichische Staat sucht einfach die Selbstverwaltung der Thatsache anzupasscn, dass im Staute Personen verschiedener Sprache sind; ihm. ist die Nationalitätenfrage eine reine Sprachen-, Aemter- und Verwaltnngsfragc. Im Gegensätze dazu steht die Auffassung, dass die Nationen ein collcctives Ganzes sind und in ihrer Vereinigung den Staat bilden. Sie gibt den Nationen die Eigenschaft und das Neckst., staatenbildcnd zu sein. Das ist die collectivistisch-födcralisrischc Auffassung; sie sieht die Nationen als historische und organische Verbände an. Die erstcre Auffassung will jedes Individuum mit einer solchen Fülle von Recht ausstattcn, dass es überall sein nationales Recht findet, tvährend die letztere die Nation als Einheit betrachtet und sic zum Träger von organischen Rechten und Pflichrcn macht. Die collectivistisch-föderalistische Auffassung scheider sich wieder in das territoriale und personelle System. Das territoriale System ninunr die jetzigen Königreiche und Länder als Basis ihrer Bestrebungen, tvährend das personelle System ganz von diesen zwar historischen aber willkürlichen und zufälligen geographischen Grenzen absieht, und die Nationen ganz abgesehen von ihrem Wohnsitze ans Grund ihrer c t h n i s ch e n Grenzen scheidet, und ihnen auf dieser Grundlage die nationale Autonomie verleiht. Die letztere Einthcilnng birgt den ganzen Jammer der österreichischen Zustände. Soweit sich bis jetzt nationale Autonomiebestrcbungen geltend machen, spielt sich immer dieselbe Komödie .ab; dieselben Nationen sind in den Ländern, in. denen sie die Majorität haben, Anhänger des Tcrritvrialsystems, und in den Ländern, wo sic in der Minorität sind, Anhänger des ethnisch-personellen Systems. Tic Deutschen sind z. B. in Böhmen für „Landeszcrreißung", während sie in der Steiermark für das Historisch-territoriale System, all die Slovenen in der Steiermark für nationale Grenzen und in Krain für historische Grenzen schwärmen. Die ethnische Auffassung ist die moderne nnd logische. Nach ihr ist daS Wesen des Nationalismus die N c ch t s s ch u tz o r g a n i s a - t i o ii des nach ihr ist der W o h n s i tz nicht als tv e - einen Deutschen, Engländer und Franzosen hält, während seine eigenen nichtjüdischen Mitbürger ihm seine Connationalität aberkennen, seiner wahren Nationalität zuführen. Doch darum können wir nichtsdestoweniger in Oesterreich. Deutschland usw. verbleiben. Wir sind Juden von Nation, darum darf uns doch nichts hindern, in unserem Vaterlande Recht und Schutz zu genießen und zu fordern für die Pflichten, welche wir gegen das Vaterland übernommen haben. Aber das sein zu tvollcn, ivas!vir lvirtlich ebensowenig sind, als wofür wir gehalten werden ivollen, eingeborene Glieder der Völker, in deren Mitte wir wohnen, wäre, tvenn nicht ehrlos, doch unser völlig unwürdig. Eine Besserung unserer Lage ist nur zu erhoffen, tvenn wirIs verstehen werden, unsere nationale Autorität zur Geltung zu bringen; wenn tvir uns endlich auf uns selbst besinnen, wenn wir von der unseligen Manier jener Kundschafter ablasscn, in jeder neuen Noth vor alleni uns scwer Heuschrecken zu dünken in den Augen unserer Gegner, die tvir gleich zu Niesen machen. Die Judcnheit als geschlossene Nation, geeint und frei, nicht zerklüftet und allem Fremden gegenüber liebedienerisch, wird sich die nöthige nationale Autorität wohl erringen können. Und das Mittel hierzu ist die Bildung und Förderung einer jüdischen Organisation auf der Basis der eigenen Nationalität und unserer eigenen Religion. Schöpfen tvir ans dem jüdisch-nationalen Gedanken so viel Selbstbcwussseitt, um unsere Sache selbst in die Hand zu nehmen. Vertrauen tvir nächst Gott nur auf uns seist. Eine so eittstandene und organisierte jüdische Gesammtheit wird, Ivenn sie die Wahrung aller nationalen Güter, also auch der jüdischen Religion und Wissenschaft sich zur Aufgabe macht, das erreichen, was wir erstreben. Sie wird nicht bloß gegen die uns gehässig unterschobene Inferiorität den anderen gegenüber ankämpfen können; sie tvird, wenn nicht der Snperiorität, doch der Lebensfähigkeit seiner uralten Moral für alle Zeiten die Autorität zu verleihen wissen, welche die in den letzten Jahren vorgekommenen Ausschreittingen gegen uns urimöglich machet! wird. Ob wir so Großes auch nicht auf eininal erreichen können, sicher können tvir es herbeiführen. Halten tvir uns die Worte Hillels vor Augen: „Wenn ich nicht für mich bin. tver ist für mich? Und wenn jetzt nicht, wann denn?!" s e n t l i ch z u b e t r a ch t e n; wesentlich für eine Nation ist es, dass sie ein Verband Gleichdenkender und Gleichfühlender ist; der Mensch i st dem Menschen näher a ls der Scholle. Diesem „Fetisch der Landesgrcnzen" werden die besten Intelligenzen Oesterreichs zum Opfer gebracht, vbtvohl die einzige Fortschrittsmöglichkeit für das Reich m der A u f t h e ilnng in national m ö g l i ch st n n gemischte K reise von der Grüße der französischen Departements mit dein Rechte der Selbswerivaltung liegt. Das wurde schoit 1818 am K'rcmsiecer Reichstag auf Andrängen von Ricger und Palacky beschlossen, nnd jeden wahrhaften Patrioten muss ein Gefühl der Bitterkeit ergreifen, dass 50 Jahr tu einem unfruchtbaren, retrograden Kampfe vergeudet wurden, tveil durch die centralisrische Rcaetion die Beschlüsse des Kremsierer Reichstages umgestoßen wurden; nnd doch bleibt heute wieder nichts anderes übrig, als zu diesen znrückzugreifen. Heute hat der Kampf eine ganz verkehrte Richtung; man streitet nämlich bis aufs Messer, ob der Nachtivächter von Leitomischl böhmisch können muss oder nicht; das natürliche und in ganz Europa anerkannte Princip, dass die Beamten s e l b st p e r st ä n d l i ch alle Landessprachen können müssen, ist bei uns auf den Kopf gestellt. Eher soll die ganze Bevölkerung Böhinens zur Zweisprachigkeit gezwungen tvorden, als dass der Staat das Recht hätte von seinen Beamten Sprachkenntnisse zu fordern; eher soll Oesterreich zugrunde gehen, als dass der Angeklagte das Recht hätte, in seiner Muttersprache von dem Richter vernommen zu werden. Dies ist die Folge davon, dass iin Parlamente eigentlich nur eine herrschende Partei ist; die Bnreaukratie. Die Feudalen vertreten die erste bis dritte Rangsclasse; die Minister die dritte bis fünfte; die Liberalen die fünfte bis siebente; die deutsche Volkspartci die siebente bis zehnte u.dieChristlich-Socinlen die k. u. k. Amtsdiener. Die Alldeutschen aber vertreten die Interessen des österreichischen Osficierstandes. Die Landtage wieder sind die Brutstätten des Irredentisinns geivorden; denn ohne jede Garantie für die Minorität seien die Nationalitäten Ivie Bestien in einen Käfig in der Landstube eingesperrt tvorden; j e d e Nationalität sei dort, tv o sie die Mehrheit bildet, pa t r i o t i s ch , mittelalterlich nnd brutal, und dort, tv v sie die Minderheit bildet, i r r e d e n t i - st i s ch , m oder n « n d hnma n. Man vergleiche nur die Deutschen in Böhmen nnd in Tirol. Damit schloss dieser geistreiche Redner seine von einer ztvingendcn Logik getragenen Ausführungen. Aber nach dem Draina kam die Farce. Die aus dem Präsidialtischc thronenden Inden versahen sich rasch mit einer tciltonischen Maske nnd predigten dcntschc.Hegemonie, gestützt ans — slavischeBajonnette. Drob zürnten ihnen dass einige Inden im Saale; rasch stand ein galizischer Jude ans und protestierte als Slave, als Pole (I) gegen die Hcrrschaftsgcluste der Deutschen. Ein „Genosse" ärgerte sich nun über den nationalen Streit nnd bewies ihnen im.marxistischen Jargon, dass Nationalität ein Schwindel sei. Ein Arier verwahrte sich dagegen, dass der „Deutsche" den unverfälschten deutschen Standpunkt vertreten habe. Diesem tollen Mstmmenschnnz machte ein Jüdischnationalcr ein rasches Ende; die mosaischen Vertreter der österreichischen Nationalitäten fühlten sich entlarvt; die Masken fielen zur Erde; ans der Mosaik der verschiedenen Stämme erhob die eine jüdische Nation ihr Haupt. Doch genug von diesem Purimscherz. Ich will nur betonen, dass Nur Iüdisch-Natioualcu voll und ganz das Princip der nationalen Autonomie auf ethnischer Grundlage aeceptiercn. Wir sind uns der Pflichten wohl bewusst; aber wir behaupten kühn, dass bei keiner Nation die Autonomie in ihrem vollen Umfange so leicht ausführbar sei, ivie bei der jüdischen; besitzen wir doch in den Ciiltusgemeinden Institutionen, die den größten Theil jener Functionen ansüben, die der Referent seinen nationalen Aeintcrn znweist; ja, sie können sogar in Bezug ans die schwierigsten Punkte, als da sind: Wahlrecht, Besteuerung, vorbildlich für die nationalen Cnricn wirken. Die nationale Autonomie hätte selbstbcrständlick) auch nationale Schulen zur Folge; und wir behaupten nickst zu viel, wenn wir es für eine Leichtigkeit erklären, eine jüdische Schulorganisation dnrchziiführen, die den Vergleich mir keiner anderen zu scheuen hätte. Denn die Judenfrage muss in Oesterreich zugleich mit der Nationalitätenfrage gelöst werden. Denn eine Lösung der Nationalitätenfrage ohne Lösung der Judenfrage ist k c i n e L ö f n n g der Nationalitätenfrage. Dass nächsten Tag keines der „tonangebenden" Blätter einen Bericht über den Vortrag Dr. Renners brachte — selbst die gesinmmgsberwandte socinldemokratische Presse schwieg sich auS — ist selbstverständlich. Denn selbst ein Genosse wird todtgeschwiegen, wenn er die Frechheit hat, ein gescheiter, objcctiver, unabhängiger Kopf zu sein. Doch Dr. Renner mag sich trösten — wenn auch nicht er — seineIdecn werden siegen. Scriptor. „Jüdischer Volksverein" für den VIII., IX., XVIII. nnd XIX. Bezirk. Am 14. d. M. fand der erste gesellige Abend statt. Die große Beliebtheit, welche der Verein in diesen Bezirken genießt, kam in einem guten Besuche und in der animierten Stimmung, welche den ganzen Abend hindurch herrschte, zum Ausdrucke. Chefredacteur Alois Munk hielt, nachdem der Präsident Herr Dr. K ö l l n e r die Erschienenen begrüßt hatte, eine Conference über Boerris Freiherrn von Münchhausen und las im Anschlüsse an diese einige Gedichte ans „Juda" und den „Balladen". Die Diskussion, die sich an den Vortrag knüpfte und die von Dr. Jakob K o h n in überaus gewandter Weise eingeleitet wurde, warf interessante Streiflichter auf die Wünsche und Ziele der jüdischen Moderne. — Am 23. d. M. findet im Restaurant Wendlinger, IX., Seegasse 7, der zweite Familienabend statt, bei welchem Dr. Leo Sofer über „Juden einst und jetzt" sprechen wird. Heine-Denkmal. Die feierliche Einweihung des Heine- Grabdenkmals auf dem Friedhöfe Mvntmatre findet am 24. d. M. l 1 Uhr vormittags statt. Die Festreden halten Max N o r d a u und Constantin N o s k e. Gm jüdischer Künstler. Wenn wir die Räumeder diesmaligen Weilinachtsausstellung im Künstlerhause durchschreiten, finden wirmcht zu viel Bemerkenswertes. Verständige Besucher erkennt auch diesmal ohne besondere Schwierigkeiten die Arbeiten gewisser Künstler an ihren charakteristischen Merkmalen. Alte Bekannte begegnen ihm, die nicht viel Neues zu bieten vermögen, ausgereifte Individualitäten. die ihre Ausdrucksmeise schon gesunden und selbe bis zur Schablone breittreten, und junger Nachwuchs, der mit wenigen Ausnahmen überhaupt eine selbständige Ausdrucksweise nicht sucht. Zu diesen wenigen Ausnahmen zählt Jehuda Epstein, dessen Studien und Bildern ein specieller Raum gewidmet ist. Die Genossenschaft ist, besonders jüngeren Künstlern gegenüber, ln puncto Separatausstellung nie sehr splendid gewesen, sie mag aber, nach den wiederholten Loslösungen ganzer Gruppen, jetzt schon sich ihrer Pflicht gegen einzelne jüngere, aufstrebende Talente bewusst seien. Jehuda Epstein ist es schließlich einerlei, wie sich der Verband nennt, dem er angehört. ebenso wie er für die Art seiner Kunst keinen Namen hat. Darum ist er auch nicht einseitig und malt mit gleicher Liebe Figur, Interieur und Landschaft, überall mit bewunderungswürdiger Energie nach Farbe und Ausdruck ringend. Namentlich in den Studien der letzten Zeit ist dieses Ringen, der Natur mit allen technischen Mitteln so nahe als möglich zu kommen, besonders ausgeprägt. Ihm ist alles Studie, alles Experiment. E p st e i n studierte an der Wiener Akademie anfangs unter Professor Berger, der seine Schüler zu vollendeten Zeichnern und feinsinnigen Stillebenmalern zu erziehen weiß. Berger versteht es einen fruchtbaren Grund zu legen und seine Jünger in der allgmeinen, Malerschule mitunter so weit zu bringeu, dass sie in die Specialschule als feste Charaktere kommen. Es war kein unbedeutender Jahrgang, in welchem E p st e i n studierte; unter seinen Studiengenossen befanden sich Ferdinand A n d r i, Gottlieb von Kemps und Max L i e b e n w e i n, die heute hervorragende Mitglieder der Secession sind. Besondere Collegialität konnte man ihnem E p st e i n gegenüber nicht nachrühmen. Wie konnte es auch anders sein, Jehuda Ep st e i n verleugnete sein Judenthum nicht, I und jene waren stramme Recken der mit dem schwarz- I roth - goldenen Bande geschmückten Burschenschaft I „Athenaia", die gerade damals mit besonderer Schärfe ihre antisemitische Tendenz vertrat und an ihren deutschnationalen Charakter keinen Flecken duldete. Es soll sich bis heute daran noch nicht viel geändert haben, bezeichnend genug für österreichische Verhältnisse, dass selbst auf rein ideal-künstlerischem Boden die Rassenhetze bis zur Ueppigkeit gedeihen kann. E p st e i n war aber auch, ein armer Teufel, den größten Entbehrungen ausgesetzt, und nur seine unverwüstliche Ausdauer konnte ihn davor zurückhalten, das Studium auszugeben. Dafür war er umso fleißiger an der Stasfelei, und wenn wir ihn heute noch immer als Lernenden wiederfinden, so ist dies ein neuerlicher Beweis seiner geradezu übermenschlichen Willenskraft. In der Specialschule des Prof. Eisenmenger wurde ihm für sein Genrebild „Schachspielende polnische Juden" der Specialschulpreis zuerkannt. In den letzten Jahren wurde er durch zweimalige Zuwendung der Michael Beer-Stiftung in die Lage versetzt, Studienreisen zu unternehmen, die er, wie aus der jetzigen Collectiv-Ausstellung ersichtlich, auf das fruchtbringendste ausgenützt hat. Aus den fein durchgezeichneten Bleistiftzeichnungen aus Lovrana erkennen wir sofort die Schule Berger's, hier ist die zeichnerilche Fertigkeit bis zur Virtuosität gesteigert. Allein Virtuosität ist vielleicht die Potenz technischer Vollkommenheit, doch niemals der Gipfel der Kunst, die vor dem Geiste des strebenden Künstlers eine Ulizahl von Problemen aufrollt. Wohin Epstein gelangen will, können wir aus einer in ihrer Einfachheit geradezu klassischen, in ihrer Tiefe erschütternden Composition, „Ecco Oerini“, ersehen. Sie zeigt ihn keineswegs aus dem Höhepunkte seines Schaffens, vielmehr auf der ersten Siuse desselben, doch liegt darin bereits etwas von einem Meister und wir vermögen aus ft diesem einzelnen Werke gleichsam ein Programm für sein weiteres Schaffen herauszulesen. Möge Ep st ei n die Unterstützung finden, welche er vollauf verdient. Renztam. Verein für unentgeltlichen Arbeitsnachweis. Samstag den 23. November findet im Lesesaate des »Wiener Kaufmännischen Vereines", I., Johannesgasse 4, die ordentliche General-Versammlung dieses so segensreich wirkenden Vereines statt. Jüdischer Turnverein. Aus Bielitz wird uns geschrieben: Am 11. d. M. fanden die Neuwahlen statt, aus denen unser bewährter Gesinnungsgeuosse Herr Dr. Julius Haas als Obmann hervvrgieng. Dank seiner Energie wird der Verein sich sicher auf der Höhe der Zeit erhallen. Dem abtretenden Obmanne Herrn Goldberger wurde der Dank und die Anerkennung votiert. Das Judenviertel. In einein „Prager Brief", den der „Vorwärts" brachte, lesen wir folgende interessante Schilderung: Schon lichtet sich das alte Jndenviertel. In das dumpfe, erstickende Gemäuer wehen befreiend Zugleich nnd zerstörend die Forderungen der Hygiene und der Begierden der Grilndstücksspecirlanten. Auch das Prager Ghetto ist dein Abbruch perfallen, wie das in Frankfurt a. M. bereits verschwunden ist. Indessen ein krauses Nest engberschlunge- 8 ner Judengassen existiert heute noch. Und wie bor Jahrhunderten f sitzen und stehen bor den schwarzen, übel riechenden Grüften der Trödelläden die armseligen Söhne nnd Töchter Israels — erinnernd an die Zeit grenzenlosen Elends. Ihre Gesichter haben nichts bon dem Reiz der Schönheit und der Jugend. Der Geist der traurigen Waren, mit denen sie handeln, hat sich in ihren Mienen eingegraben. Es sind alte modrige Kleider in dunklen Kerkern, „getragene Sachen", die zufällig Mensch werden. Dennoch knie ich erschauernd bor Eurer Hässlichkeit — Märtyrer der Jahrhunderte! Und diese Welt dumpfer, öder, verkümnierter Tage und niedrig quälender Sorge endigt in einem Garten voll seltsamer Weihe, voll erhabenem Ernst nnd fast lieblicher Schönheit: der alte Friedhof, in dem die Prager Inden bis ins 18. Jahrhundert hinein des ächtenden gelben Zeichens ledig wurden. Zn tausenden ragen hier die verwitterten grauen Grabsteine hervor, schief, gesunken, dicht neben einander, eine Anzahl immer ivie ans einer gemeinsamen Wurzel auseinanderstrebeiid aufwuchernd. Es ivnrden immer fünf Todte über einander gegraben; darum drängten sich die Male. Ans den Steinen sind Thicrbilder eingemeißelt, Namen kündend: Wölfe und Hirsche, ein Karpfen zeigt an, dass ein KarpeleS in der Erde ruht. Zwischen den Hügeln und Steinen des Todes aber wachsen üppig die noch grünen Hollnndcrbüsche. Ein alter Mann sitzt zwischen zwei Steine», in seinen! Schoß ein Drahtgeflecht, aus dem er die schwarzrvthen Hollilndertranben liest. Warum soll man auch nicht nährendes Mliö kochen aus den Früchten, die der Menschendünger vieler Jahrhunderte reifen ließ. Mau darf nichts umkommeu lassen — außer die Menschen. Mein Fremdenführer hat in seinein Vortrag eine fatale Tendenz. All die zahllosen armen Juden übergeht er schweigend. Aber auf „die Großen von unser» Leuten" weist er stolz hin, die es auch in der Ghettozeit schon zu Ehren und Würden gebracht. Da ist ein kaiserlicher Rath, der zu dem Hof irgendeines Habsburgers gehörte, da ein Kriegsinan», der Prag gegen die Schivcden bertheidigte, selbst eine geadelte Jüdin ist vorhanden: denn der Frau Hendele Schmieles Gemahl ward von Ferdinand ll. Anno 1022 zu einem von Treuenberg erhoben. Vermnthlich gehören die heutigen Nachkonnnen der braven Hendele Schinieles zum hochkatholischen antisemitischen Feudaladel. Vor allem aber ist da der Grabstein eines gelehrten Rabbi, um den seine 33 Lieblingöschüler *