Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 3 (1901)
- Issue
- 47 (22.11.1901)
- Date
- 1901-11-22
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 91% known words query
- IRI
…/2432763-2432864-2432911--1245-2434982- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Äjiü-ictnm: vm.-, aUji1 w. <Vrechstv»drn r Nn »ochenra^«, oon 4 btfl 6 Uhr nadjmtüan«. p8#«btcn*: Jüdische« lUulMbla«, Wien, viil|l. KrlUMervi!« wegen verspäteter »ver »ar ntc£.t essolurer j'.iilttllung erbitten wir um* * dringend. — Mareufertdte hierJ)ch nicht z,trüSgestellt. wortftifltcarteiwii'.umo M7rW7 An oue ■"cuuu'uieri! tonn man täglich eintreten. ErschM jeilku Freitag «ntxx Mitwtrimng vvr vom MViMsrn Volkv Verein erwätzlSrN ^rrsr»:vmmiskion. Jvferate übernehmen die Firmen . I. Dnimebcrg, M. LukeS, -aasen« ffein & Bögler, Rudolf Masse, kl. Oppelik, Al. Bozsonvt, 8. Schalek in Wien, ferner alle Annoncenexpeditionen im AMande. Gimzei-NKMWer i« Wie« IS Heller. mtriiicutt: vim/i, ÄvtilnfJcUialle U. «lh o «nementSpreiS: Ziir Wien «. iOrfrrrretch-Nngnrn lammt Franko,unellung. Aan/ilaürig Halbjährig Bierteljäbrig /kr. 8.— „ 4.- Triir daS gefamrute AuSlaub samnu rvmnco.nistellung. ldanzjährig . Halbjährig . Vierteljährig ttr. S - „ 4.50 .. 2.25 47 lien» 22. Uooemüer 1901. 111. Jahrgangs vyk und Daszynski. Für unä, dir lvir als Inden nur rein jüdische Politik treiben möchten, und uns mm einmal für die Interessen der Allerwelts-Liberalen nicht zu erwärmen gedenken, ist und bleibt Galizien das wichtigste Land der Monarchie. Dort wohnen die Inden itt Massen, dort herrscht die größte wirtschaftliche Noth unter unseren Stammesgenossen; dort könnten die Juden ein wichtiger politischer Factor sein, wenn sie eben vernünftige Politik treiben würden. Wenn daher einmal im Parlamente die „galizische Frage" aufgerollt wird, so ist dies für uns ebenfalls ein willkommener Anlass, die interessante Frage zn behandeln, die sich bei dieser Gelegenheit am besten erörtern lässt. Wie die Leser des „Jüdischen. Volksblatt" wissen, hat der Abgeordnete Daszynski vor einiger Zeit furchtbare Anklagen gegen die politische Corruption des Polenclub erhoben, und er. suchte in recht überzeugender Weise auszuführen, dass hiebei die Juden, den Schlachzizen die wichtigsten Dienste geleistet hätten, dass sie die ärgsten Beförderer dieser Corruption seien. Er griff den hauptsächlichsten Träger der politischen Verbindung der Inden mit den Stancziken, den Dr. Byk, dabei auf das heftigste an. Bezeichnend für die heftige Art sowohl, als für die ganze Auffassung Daszynskis ist es, dass er auf den Zwischenruf des Dr. Byk: „Sollen alle Inden socialistisch .wählen?" antwortete: „Nein! Aber anständige Leute sollen sie sein!" Auf diese Ausführungen antwortete Dr. Byk. Diese Antwort, mit der wir uns beschäftigen wollen, ist ziemlich dürftig ausgefallen. Er beschuldigte zunächst den Abgeordneten Daszynski eines gewissen Antisemitismus; die ganze Art, wie er aufgetreten sei — so meinte Dr. Byk — documentiere wenigstens antisemitische Allüren. Die Juden in Galizien befänden sich nicht in einer einzigen Partei, sie gehörten verschiedenen Gruppen an. Er habe nichts dagegen,« wenn so und so viel Juden mit den wirtschaftlichen Verhältnissen unzufrieden, sich in das Lager der Socialdemokraten begeben, aber es müsse auch denjenigen Inden, die mit der heutigen Wirtschaftsordnung zufrieden seien, erlaubt sein, sich einer Partei anzuschließen, die nicht den Umsturz mit Freuden begrüßt. Die Corruption in Galizien sei nicht groß — Daszynski male alles in zu grellen Farben usw. nsw. Dr. Byk begieng hiebei einen doppelten Jrrthnm. Es ist zunächst nicht richtig, dass Daszynski antisemitisch sei; wenigstens als Parteimann; was er auch vielleicht als Privatperson empfinden möge, hat Herr Daszynski sich nie als Antisemit docnmenliert. Im Gegentheile; lvir erinnern uns mit Freude daran, lvie er in. einer großen Studentenversammlung in der Ressource die relative Berechtigung einer jüdisch-nationalen Bewegung zugab. Es ist noch nicht Antisemitismus, wenn man einer Gruppe, oder besser gesagt — einer Clique von Juden politische Corruption vorwirft. Die Wahlmacher der Stanczyken haben doch nicht ein Privilegium auf ewige Zeiten gegen Angriffe aufrichtiger Politiker. Der andere Jrrthnm des Dr. Byk bestand darin, zn glauben, dass Daszynski ihn und seine Clique nur deshalb angreife, weil sie nicht Socialisten seien. — Das ist geradezu lächerlich! Was Daszynski ausführte, lvar nur, dass die Inden eine große Gefahr heraufbeschwören, wenn sie, um einseitig einer Gruppe voir Leuten zu dienen, die Volksinteressen mit Füßen treten. Das, thun aber die Herren mn Byk herum; sie verletzen sowohl die Interessen des jüdischen, als des polnischen und ruthenischen Volkes. Die Herrschaft des Schlachzizen in Galizien ist nicht allein — wie inan im Westen vielfach glaubt — die Gewaltherrschaft einer Adelsclasse; sie bedeutet vor allem die Suprematie einiger weniger Capitalisten, die aber vorn modernen Capitali.smns noch nichts verstehen. So lvird das Land ansgesogen, die Entwicklung einer Industrie mit aller Kraft verhindert, die Entfaltung einer rationellen Landwirtschaft keineswegs befördert. Das Wort Louis Philipps „Enrichissez vons" es könnte für die Schlachzizen erfunden worden sein. Bereichern, sich wieder bereichern, ohne Galizien zn heben, das ist die einzige Parole der Stanczyken. -— Die englische Adels käste hat sich bereichert, indem sie die ganze Welt miterobern half und eine starke wirtschaftliche Cultur wenigstens nütbegründete. Die pol-, nsche Adelskaste bereichert sich, indem sie Galizien wirtschaftlich ruinierte. Nichts, aber auch gar nichts wird für die Hebung der polnischen Volkswirtschaft gethan. lind dieser politischen Partei, die eigentlich nur die Herrschaft einer wirtschaftlichen Kaste bedeutet, haben sich die Byk und Consorten mit Haut und Haar verschrieben. Daszynski hat mit.feinem Ausrufe nicht unrecht. Persönlich anständig mag ja das sein, aber, als politisch unanständig lvird mail stets das Verhalten dieser Hausjuden des Polenclub bezeichnen müssen. Dieses Verhalten bildet in der That eine drohende Gefahr für die Juden. Da es bis jetzt eine organisierte jüdische Volkspartei in. Galizien nicht gibt, da die armen, gequälten Polen, und' RutlMM ckiur die Hausjnden all, der Arbeit seheil, so ,müssen sie sich mit aller Kraft gerade gegen diese Elemente wenden, die'in Galizien und überall am leichtesten und am ungefährlichsten zu bekämpfen sind. Mall haut die Jllden unb meint die Schlachzizen. Dabei lohnt der Pole ben Juden die Dienste schlecht. Sie werden bei jeder kleinstell Gelegenheit verratheil und verkauft. Tr. Byk hat selbstverständlich die wichtige Thatsache seines Durchfalles bei ben Landtagswnhlen nur nebenbei berührt; trotzdem aber bildet diese Thatsache die beste Jlllu stration für linsere Behauptung. Ter Antisemitismus er- hebt in Galizien so drohend sein Haupt, dass selbst die Politischen Jnstincte eines so unpolitischen Volkes zu. erwacheil beginnen. Das jüdische Klein- und Mittelbiirgerthum beginnt die drohende Gefahr, wie Daszynski meinte, eillzu-! zehen und rebelliert gegerr ihre eigeneil Parteiführer, daher ' fielen die Byk lind Horowitz im Landtage mit Glanz durch.; Das ist — wenn uns nicht alle Anzeichen itnö Symptome i trügen — der Anfang vom Ende. Das jüdische Volk iw ’ Galizien ist der Herre.il überdrüssig geworden. Der Krug geht eben so lange zum Wasser, bis er bricht. Sich ewig; am Gängelbande führen lassen, sich stets einer Clique er-; geben zu zeigen, die dem Volke gar nichts, aber auch gar; nichts bietet, das muss schließlich auch die sanftmüthigsten; Gemüther verbittern. Die Herren um Byk herum werden ' also nicht mehr lange wirtschaften! Wir müssen also Daszyilski bis zll einenl gewissen Punkte recht geben. Er ist nicht Antisenlit und er kann mit vollster Berechtigung die Aufforderung an bie Juden richten, anständige Politik zu treiben; die Politik des Herum Byk . war es nicht. Trotzdenl möchten lvir die Juden in Galizien.! aber davor warnen, aus Erbitterung und Hass gegen Dr. ' Byk sich unbedingt Ul die Arme der Socialdenwkratie zu werfen. Wir sind keine Feinde der Socialdemokratie; im Gegentheile, wir hoffell in einem nächsten Artikel unter dem. Titel „National-Social" den Belveis zu erbringen, dass gerade gemäß unseres Programmes eine Verschmelzung der nationalen, und socialen Aspirationen des jüdischen Volkes möglich, ja nothwendig ist. Aber die Socialdemokratie ist eine politische Partei, die bisher durch ihr ganzes Verhalten bekundet hat, dass sie den Wünschen der Juden, tvelche auf natonale Selbständigkeit gerichtet sind, nicht entgegenkomme. So lange nicht eine radicale Aenderung in dieser N'ichtung sich vollzieht,' so lange der internationale Charakter der social dein okratischeic Belvegung gerade, nur^ den Juden gegenüber, hervorgekehrt lvird, müssen wir Jüdisch- Nationalen in der „galizischen Frage" der Socialdemokratie gegenüber geradezu „Gewehr bei Fuß"Ziehen. Wir thun nur eine Pflicht gegen, unsere Volksgenossen, wenn wir die galizischen Juden' lvarnen, sich aus Antipathie gegeil andere blindlings dem Daszynski. zu ergeben. Feuilleton. Die Jüliiii. Eine Dichtung von Adolph Donath.*) K'anr der Frühling in die Gasse, Und von feinen Hellen Strahlen Schimmerten der Mädchen Haare Wie von glänzenden Opalen. Und es lveitete die Sehnstlcht Die ergrauten. Ghettolliänern, Wo Gestrüpp und Dornensträilcher Um des Volkes Freiheit trauern, Wo der Widerhall nur zittert. Wenn die Inden Todte bergen, Weim die Erde rinnt ans Erde Von den holzgebauten Särgen . . . Kmn der Frühling in die Gasse, Nur die schöne Nahe! klagte, Weil der Vater ihr die letzten Wünsche seines Lebens sagte. Denn ins Halis des alten Jakob, Den die ganze Stadt verehrte, Dessen lveiseir Nach und Nussprllch Auch der Frenrde stets begehrte. *) Aus dem dieser Tage (bei Ernst Hofmm n & Co., Berlin S.W. 46) erscheinenden Buche: „M ensch und Liebe" Neue Gedichte von Adolph Donath. Schlich der Tod. Die schöne Nahet Faltete die jungen Hände, Als der röche. Glauz der Sonne Gliihte durch des Zimmers Wände. llnd des Todten Stirne küsste, Wie zum Dank, dass er geboren, Um zn bessern, dieFen. Glauben An ihr eig'nes Selbst verloren. * Nahet lvar die schönste Jüdin. Ihres Ntnndes Perleilzähn-e Glänzten lvie der Silberschiinmer Einer bergkrystall'nen Thräne. In der schwarzen Glut der Angen Und dem Felierschein der Wangen Schien das zaubergleiche Bildnis CSiner Märchenwelt zn hangen. llnd der Wohllaut, ihrer Stimme Klang wie seelisches Frohlocken, Und die Hände lvaren weißer Als die lveißen Maienglocken. Rahel lvar die reichste Jüdin. Ihres Herzens Kostbarkeiten Linderten die stumme Armut Weltvergess'ner Einsamkeiten. Nahel war die ärmste Jüdin. Trug man doch deir Einzig-Gnten, Ihren Vater, dorthin, lvo die Elvig Friedevollen ruhten. * Seit dem Tod des lveiseii Jakob Waren Jahre schon verflosseii. Dreimal hatte schon der Frühling Seine Blüten, ansgego'ssen.' Und des Ghettos schönste Jüdin Oeffnete des Friedhofs Pforte, Um den Todtensang zn singen An des Vaters gutem Orte. Ihres Vaters Erde schmückten Junge Gräser, Ephenranken, Meine lveiße Glitzersteine, Die des Frühlings Wärme, tranken. Leise zog sie ans der Erde Einen Grashalm, nach dem andern, Legte Steinchen d'ranf und ließ die Thränen zu dem Todten wandern. Und sie weinte lange Stimden, Bis znm Abend, da die Sterne, Wie verträumte Jugendtage, Grüßten ans der blauen Ferne. llnd sie meinte, lvie ein Mädchen, Das der Väter stolzen Sitten Ntcht gefolgt und für die Sünde Ihres Volkes Fluch gelitten. In dem Haus des weise Jakob Schien das Leben ausgestorben. Gleich als hielte ein Geheimnis Sich dannnen scheu verborgen.