Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 3 (1901)
- Issue
- 44 (1.11.1901)
- Date
- 1901-11-01
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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*- 8i°barkrnrr.- FFfT/!, fortiiri'iitlfitttfr; U. Lv»e<tzfM»vr«r Sin Wochentagen von 4 bis 6 Utzr nochmlttaftS. Jüdische? WoIISblfltt, Wien. VIFI|1. Vrseywerdrn wegen verspäteter ober gar nicht erfolgter Zustellung erdttren wir uns bringend. — Mnmlsertvte toevbeK «tckr zE»Se«steM. Voftiparcasten-Lonlo V170S7. Zn das kldonnemeni kann man täglich ein treten. Erfchemt jeden fteüög tmttr WHiittittauig der vom jüdtMxrm Vottrsdvretn ^'wählLon IArekriromMilfton. Jaferate übernevmen die Zirmen: Z. Lannebcrg, M. DukeL, Haalen» «ein & Kogler, Rudolf Moffr, «. Ovpclik. M. Bozjvnvi, «. Schalet in Wim, ferner alle Slmioncen-ittxpediiioncn im Ausland?. GLrrz«eL.N«MMer L« Wie« 16 Heller. Flbmrrckftrakion: TOI/I, SchlotzrlgaM 11, KbownementSyreiS: Für Wie« o. Oesterreich-Ungarn lammt Arancozufiellung. Gun-jährig tzalbjährig Blerteljäbrig. . Kr. 8.- :t= Für baS gesummte Ausland fammt Francozustellung. Ganzjährig . . . SH. S - ' ‘ ft _ _ _ ierteljährig.. ÄÄ5 «maOTWimnuiuuja u 44 > '/•-,jaa^in>iVT»>?i^i^t’.Tiii iiüni - 1. November 1901. III. Jahrgang. Vom Tage. Die Chätigkeit unserer Volksvertreter. Wenige Sitzungen hat der Reichsrath noch in diesem neuen Saisonatzschnitte abgehalten, aber diese wenigen genügen bereits zu zeigen, was Oesterreich, seine Völker und speciell die Inden Non ihm zu erlvarten haben. Der österreichische Staat bedarf zu seiner Konsolidierung des Friedens zwischen seinen Bewohnern, die Bevölkerung erwartet sehnsüchtigst die so oft angekündigten und nie dnrchgeführten wirtschaftlichen Reformen, die Abgeordneten aber beginnen nach den langen parlamentarischen Ferien ihre „Thätigkeit" dort fortznsetzen, wo sie sie, mit kurzen ungenügenden volkstnirtschaftlichen Zwischenpausen, in dem früheren Sessionsabschnitte abgebrochen haben, mit der Nationalitätenhetze. Mit der Aationalitätenhetze wird begonnen und irn Antisemitismus findet sie ihre würdige Fortsetzung. Zur Begründung eines Dringlichkeitsantrages über stattgehabte Schlägereien zwischen Deutschen und Czechen in Zittau erhebt sich Abg. Dr. Stransky. — Sofort ertönen von alldeutscher Seite Rufe: „Der Antrag des Inden StranSky," „der Jude Stransky vertritt die czechischen Interessen, hoch Hilsner!" „Also Jnd', fang' zu mauscheln an" usw. Dieses Benehmen der Alldeutschen vor Beginn der Rede Dr. Stranskys belveist deutlich, dass nicht der Inhalt seiner Rede ihre „Entrüstung" hervorrief, und dass es sich ihnen beinahe weniger nur eine DeinonstratiöN gegen den jnngczechischen Führer Stransky als gegen den vermeintlicher! Inden Stransky handelte. Ein weiterer Beweis, von welchen Gefühlen die Deutschradicalen, nicht etwa nur gegen die Slaven, sondern beinahe in noch höherem Maße gegen die Jndeir erfüllt sind, ist die Aenßernng des Abgeordneten Wolf anlässlich der Debatte über den Dringlichkeitsantrag wegen Verstaatlichung der Nordwestbahn und Staatseisenbahn, welche der Rede des Herrn Dr. Stransky unmittelbar vorangieng: «Die Juden sind uns ekelhaft, die Czechen national-gefährlich." Diese Aeußernng des Abgeordneten Wolf erhielt am folgenden Tage eine - genügend deutliche Ergänzung in der Rede seines Coklegen Albert Hannich, der anlässlich der Debatte über Arbeitslosigkeit die Inden mit den Zigeunern verglich: „Die Arbeit besteht bei dein einen niehr, bei dem'anderen weniger nur in einer offenbaren Ilebervoi'thcitnng des Nebenmenschen." (Heiterkeit.) „Die Zigeuner sind die Nrganner,welche direct stehlen, »nährend die Juden den Leuten auf indireete Weise das Geld aus der Tasche ziehen." „Die Jndeir sollte man per Schub nach Sendung. Alois Munk zu eigen. Wenn der Sonne Strahl verglommen. Im Komin das Feuer prasselt, Sitz' oft einsam ich und sinne, Starre träumend in die Gluten. Meiner Phantasie Dämone Wersen dann die bunten Netze, Zaubern Wahrheit um in Märchen, Wecken Todte auf zum Leben. Sieh — wie hoch die Flammen züngeln; Weiß- Schemen ihr entsteigen, Meiner Ahnen Erzgestalten, Groß und Ernst, voll Würde, Strenge; Bittern Vorwurf in der Miene Zeigen sie auf ihre Enkel, Das entartet Zwerggeschlccht. „Geh', Sohn Judas," singt die Flamme, „.Künde Deines Volkes Schande, Künde Deines Volkes Ruhm. Richte es, wie wir es richten. Achte nicht des Hohns und Spottes, Denn nur meinen besten Söhnen Gönne ich die Dornenkrone." Leo S o f e r. Palästina in ihre Heimat schicken." (Lebhafter Beifall bei den Alldeutschen). Alle diese Insulten gegen die. Jndenschaft nimmt das Hans ruhig hin und lassen besonders die,philosemitischen Liberalen, die internationalen Soeialdcmokraten nsw. unerwidert, alle mit jüdischen, und vielfach nur mit jüdischen Stimmen gewählten Deputierten schweigen dazu. Das scandalöse Benehmen der Herren Volksvertreter trat besonders, »vie oben erwähnt, anlässlich der Insulten hervor, mit denen Abg. Dr. Stransky während seiner Rede über die Littauer Vorgänge von Seiten der Alldeutschen ausgesetzt war. Wir sind gewiss principielle Gegner der Politik des Dr. Stransky, sowie jeder assimilatorischen, deutschen oder slavischen Chauvinismus fördernden Politik. Gerade die A Zaire Stransky zeigt aber wieder deutlich, dass die österreichischen Juden, mögen sie getauft oder ungetanst eine solche chauvinistische Politik unterstützen, als Dank dafür nur eine Tracht physischer oder moralischer Prügel ernten. Wenn wir gerade bei den Vorkommnissen, die sich an die Rede Stranskys knüpfen, etwas länger verweilen, so geschieht dies nicht ans Parteinahme für seine Person und die von ihm vertretene Politik, sondern einerseits zur Illustration seiner Gegner und andererseits deshalb, weil die sogenannte Tagespresse vielfach entstellte Berichte über diese Vorgänge brachte. In der Gesellschaft der chauvinistischen Antisemiten befand sich auch ein Wortführer der — internationalen Socialdemokratie, Herr Pernerstorfer, dessen Pflicht es gewesen wäre, in dem Kampfe zwischen „bürgerlich-nationalen Chauvinisten" sich neutral zu verhalten und zu schweigen, oder, wenn er schon durchaus das Bedürfnis zu sprechen hatte, gegen Stransky und gegen die Alldeutschen Stellung zu nehmen, nicht aber gerade in einem solchen Momente, wo antisemitische Insulten das hehre Kampfesmittel der Alldeutschen bilden, denselben zu secnndieren. Die letzte Rede des Abgeordneten Pernerstorfer, in der er sich als nationalfühlender Deutscher bezeichnet und als solcher auch gegen die Alldeutschen polemisiert, ist keineswegs imstande, feine oben erwähnte Haltung zu rechtfertigen, sie erhärtet vielmehr neuerdings die Thalsache, dass zahlreiche Führer der internationalen Socialdemokratie in Oesterreich dein Treiben der nationalen und antisemitischen Demagogie gegenüber eine Stellung einnehmen, die nicht nur keine Rücksicht auf das Nationalgefühl der Inden ninunt und anderer kleinerer Nationalitäten, sondern auch unvereinbar ist mit einer w i r k l i ch international-socialistischen Politik, die eine ganz andere Stellungnahme sowohl gegenüber den österreichischen Nationalitätenkämpfen als auch in der Iiidenfrage bedingt. Ganz so unbefriedigend, wie die Haltung des Abgeordneten Pernerstorfer ist auch die Haltung der „fortschritt¬ Bon Emil Schwarz. Lob war rin armer Hausierer, seine Gestalt in der Gegend allbekannt. Er war kaum gröster als ein fünfjähriges Kind, höckerig, ganz verwachse». So humpelte er, mit zwei schiveren Patete» beladen, von Hans zu Hans, grasten und kleinen Gassenbuben znni Spotte, selbst den Gerechtesten ein Gegenstand schaudernden Mitleides. --- Er halte in der Stadt eine Wohnung, ein kleines Zimmer in einem alten, finsteren Hanse. Wenn er nicht irgendivo ans dem Lande drangen, wohin ihn sein Berns ständig führte, von irgend! einem tleinen Brantiveinschänter iiber SchabbeS eingeladen ivnrde, lam er Freitag abends zeitlich nachhause, legte seinen Pack nieder, - gieng in den Tempel, dann in die t'lnStocherei, lvo er gewöhnlich ast, j und nachhause schlafen. So ivellie er auch heute thnn. ES >var? ein trüber Deeeinbertag, neblig, nass und talr. Tie Pakete lvaeea I heute schwerer als sonst, oftmals halte ihn ein stechender Schmerz in der Brust gezwungen, stehen zu bleiben, l'lber die Gassenbuben, deren roher Spott ihn, wie schon lange nicht so arg, heute wieder verfolgte, zwangen ihn bald, weiterzngehen, indem sie anS dein nassen Schnee Ballen machten und ihn unter lustigem Gelächter dainit belvarsen. So erreichte Löb mühsam seine Wohnung, daS kleine, kahle, nur uiit dem Nothdürsrigsten versehene Zimmer. Er! warf seine Patete hin, dann setzte er sich müde in den Sessel. Ihm I war so elend, er fühlte sich trank', so beschloss er, heute nicht in den! Tempel zu gehen, iuu nächsten Tag, SchabbeS, wo er sich ja leicht! möglich besser sühleit tonnte, nicht vom Tempel fernbleiben zu müssen, j Aechzend machte er iin tleinen Ofen Feuer, dann ivusch er sich und verrichtete inbrünstig daS Minchatntd Maarivgebet. Er ivar dainit fertig und ivollte sich zu Bett begeben. Stets dankte er vor dem Schlafengehen dem Ewigen, der den Menschen als Köstlichstes den Schlaf gegeben, dass sie ans Stunden ihr Elend vergasten. Eine selt sante Mattigkeit fühlte er in seinen Gliedern; eS wäre so schwer gefallen, ansznstehcn, so blieb er sitzen . . . lichen" Herren der deutschen Liirken gegenüber beit antisemitischen Excessen, obwohl dieselben sich endlich klar lverden sollten, dass eine Reihe ihrer Mandate in Böhmen und ganz besonders in Mähren, ja ihre ganze politische Herrschaft an den: Tage zusammenbricht, an welchem die Jndeir so vernünftig lverden, ihnen nicht rnehr die Kastanien ans dem Feuer zu holen. Als Belveis für die Richtigkeit dieser Thatsache führen wir die Rede des jungczechischen Abgeordneten W e n z e l H r u b y an, der in einer Polemik gegen die Alldeutschen Folgendes sagte: „Noch nie ist in einer Debatte das Wort „Jude" so oft gefallen, lvie gestern, noch niemals sind die isractitischell Mitbürger so verhöhnt worden, wie gestern von Deutschnationalen und Alldeutschen. Waren es aber nicht gerade die Mitbürger israelitischer Confession, welche am jahlreichsten nach Litton g e p i l g c r t sind!" (Lebhafte Hört! Hört-Ruse bei den Czechen.) „Sind es nicht gerade Mitbürger der israelitischen Confession, welche in Mähren das Potelllkin'sche Deutschthum fördern und erhalten? Dieses Potemkin'sche Deutschthum würde aber in sein Nichts versinken, wenn es nicht die Mitbürger israelitischer Confession wären, welche es erhalten. Deshalb muss es einen geradezu wundernehmen, was man gestern als Hohn für bie israelischen Mitbürger gehört hot, lvelche Fußtritte denselben von Seiten der Deutschnationalen gegeben wurden, und wenn man sieht, diess die Juden die Schleppträger die Deutschnationalen, jo sogar der Alldeutschen sind." Alle diese Aeußerungen und Vorgänge im österreichischen Parlamente sind eine ernste Mahnung an die Juden Oesterreichs, sich von den bestehenden Parteien deutscher und slavischer Nationalität loszusagen und ihre ganze Kraft aus den Ausbau einer jüdischen Volksorganisotion auf national-socialer Basis zu concentrieren. v Dr. Ladiskam Rieger und die Juden. Dass der Antiselnitismus nicht nur bei den Deutschen, sondern auch bei den Czechen einen fruchtbaren Nährboden gefunden hot, beweist unter anderem auch ein Interview des Baron. Ladislaus Rieger mit dem Redacteur der jungclericalen Zeitung „Rozkve". Baron Ricaler, der Führer der altzcechischen Partei, den inan keineswegs als einen Antisemiten schlechtweg bezeichnen kann, bekennt sich zu einer Art antisemitischer: Anschauung. Er nennt die Inden ein zersetzendes Element, deshalb habe er nie gewünscht, dass sich dos jüdische Element mit seinem Volke verschmelze. „Wir hoben uns in unseren ärgsten Zeiten ohne sic geholfen, wir lverden uns weiter ohne sie Helsen." Baron Rieger rnocht für den Feldzug gegen den Clericalismns und Feudalisnuis im czechischen Volke, insbe- . . . War er die Verfolgungen der Srratzenjngend nickst gewöhnt? War erst seit gestern verkrüppelt und elend? . . . Wa§ wollte er? Was zog jetzt sein Leben so deutlich an seinem Auge vorüber und mackste seine Traurigkeit noch gröstcr? War ihr» denn sein Elend etivas Neues, und hatte er vielleicht Hoffnungen verloren, j er, der längst keine mehr besäst, für dieses Leben? — Da kamen | sie gar wieder, die ihm schon lange Ruhe gegeben, die Schatten der Tobten, die Schatten von Weib und Kind . . . Ja, er hatte ein j Weib, das ihn geliebt und gehegt, sein genannt. Zwei Kinder , gebar sie ihm, beiin zweiten verlor sie ihr Leben, daS Kind folgte j ihr bald nach, imb keine zwei Jahre >vnr das ältere, ein Knabe,! da nahm es der Herr auch zu sich. Die kurze Zeit, die er sein - Weib besessen, ivar sein Inneres e i n Gefühl des Dankes, est n : Dankgebet den: Allmächtigen, der auch dem elendesten, der» Letzten von seiner Gnade mittheilt. Nein . . . er haderte damals nicht . . - er wollte auch fetzt nicht hadern . . . Der Herr hat es gegeben, der «Herr har eS genomnren. Scheut boruch hn.?Iber Nacht lvard es : in ihm damals, tiefe?>acht, der kein Morgen folgt. Diese Welt ' hatte ihm nielNS mehr zu bieten. — Was wollten die Schatten von . ihm? . . . War vielleicht irgendivo in einem letzten Winkelcheil seiner ' Seele noch Licht, dass eS die Schatten vollends verlöschen sollteil? . . . stKonilte er denn noch trauriger uild elender sein? . . . Lailgsanl löste sich die Spallilnng in ihm, heiste Thronen rollteil über sein gram- > durchfurchtes Gesicht, den missgestaltete» Körper schüttelte eoilvnlsivisches Schluchzen. Jetzt hörte auch das mlf, fein Schmerz wurde milder, nur hie und da kam ilvch ein zitrerilder Seufzer über feine! Lippen, der seineil Körper leise erbeben liest. Jil seinem Innern ' aber flehte er: O Herr, einmal noch lass meine Seele das Licht tvahrilehnicil, dailil erlöse mich voll diesem Leben der Onal llild des .Elends! — Ihm ivar so sonderbar, so mail, ihn schlviridelte. ES * war warm im Zimmer, er tonnte ja auch so, ans dem Sessel schlafen. ES fast sich so glit . . . nur nicht anffte'tjen . . . da er daS dachte, fail! ihm auch schon daS Kinil ans die Brust hinab, und er entschlief. Wäre das aber nicht geschehen, und wäre auch nicht die Decke deS