Mannheim
Compact Memory

Jüdisches Volksblatt · 1901-10-25 · 43 (25.10.1901) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
3 (1901)
Issue
43 (25.10.1901)
Date
1901-10-25
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
92% known words query
IRI
…/2432763-2432864-2432907--1207-2434940
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Rrdsrtton: TiK/1, SchlöHrlüassr 11. ^rrchftrmd«»» Ko Wochentage» »r« 4 btL 8 Uhr nachmittag«. p,ß«-,»ff«r W»tf»eS «oNS»!att, Wie«, vlttjl. »egen verspäteter oder a#r nicht erfolgter ZusteSüng erbitten wir »n« dringe«-. - Werde» »tcht znrÜcksestellt. Pvstspareaffen-Lvnt» »4?o»7. In das «rsimement kann «<m titglich eintret«. Grslheint jede« Freitag ikrntrr «ttttvirlmng der vom jüvivtzrn VoUrsvrrevr erwählten Prrssrmmnisston. 8 ,ser«rte übernehmen die Firmen: I. Danneberg, M. Duke», Haasen» .-et» & «ogler, Rudolf Masse. «. Oppelll. M. Pozsonyi, «. Schale! 1« Wie«, ferner alle vunoncen-ExpedMonm im SuSlande. Mrrzel'Nnwmes irr Wie« IG Heller. Rdunnistrstton: YHI/1, SrhlStzelgalw 11 AbottttementSpreiS r Mir Wie» n. Oefterreich-Nngar« lammt Francozustellung. ganzjährig . . Sr. 8.— Halbffihrig Fiertehährig 4.- Für baS gesammte NuSland saimnt Francozustellung. idunzjährig . Halbjährig . Vierteljährig «r. 0 - * 4.50 : »as Mr. 43 Wien, 85. Oktober 1901. III. Jahrgang. Vsw Tage. Zur Eröffnung der Reichsrathes. Der vielcitierte Ausspruch „wenn der Reichsrath zufammentritt, so zittern die Völker Oesterreichs", hat ausnahmsweise bei Beginn der diesmaligen Saison keine actuelle Bedeutung. . Die Völker Oesterreichs scheu allerdings keine allzu großen Hoffnungen in den gegenwärtigen Parlamentarismus, sie sind nach den bisherigen Thatcn der „Volks" Vertreter sehr pessimistisch geworden, aber sie zittern derzeit auch nicht. Man erwartet eine volkswirtschaftliche Saison, die Regierung will es, der Staat braucht es, und das Volk fordert es! Auch das indische Volk würde eine Aera der socialen Reform, die der stets wachsenden Roth des jüdischen Gewerbestandes und des jüdischen Proletariates wenigstens theilwcise steuern würde, mit Freuden begrüßen. Allerdings für eine sociale Reform, wie sie der 8 50 und60 der Gewerbeordnung bedeutet, eine sogenannte Socialreform, welche Tausende von Juden ins Elend stürzt, für die bedanken lvir uns bestens, und gegen die kann nicht oft genug und feierlichst protestiert werden. Das ist ja das Traurige an der social-refurmatorischen Thätigkeit in Oesterreich, dass im Falle wirklich eiinnal mchtdie übliche nationale und confessionelle Hetze auf der Tagesordnung des Reichsrathes steht, und wirtschaftliche Fragen zur Behandlung gelangen, auch dann die einzelnen politischen Parteien nicht die wirtschaftliche Reform als Selbstzweck, sondern als Mittel zum Zwecke der Förderung der einzelnen Fractions- und Classen-Sonderinteressen behandeln. . Die Zeche dieser gewöhnlich demagogischen Wirtschaftspolitik, die das Volk mehr schädigt, als sie ihm nützt, zahlen gewöhnlich die Juden. So sehr wir also ^wünschen würden, dass das österreichische Parlament an stelle nationaler lind confcssioneller Hetzereien energisch neue wirtschaftliche Wohlfahrtspolitik in Angriff nähme, welche im Interesse der österreichischen Juden ebenso dringend geboten ist, wie. in dein alter übrigen Oesterrcicher, so müssen wir doch bei der antisemitischen Färbung der meisten österreichischen PaAeigruppen befürchten, dass ein Theil der geplanten social-politischen Gesetze dem jüdischen Proletariate mindestens nichts nützen, wenn nicht direct schaden werden. Aber es ist ja keineswegs nothgedrimgen, dass die gegeiilrxirtige Reichsrathssession ruhig verläuft, im Zeichen der Feuilleton. Herbstlied. Hilferufen, Krächzen, Schreien. Vögel schwarz ins Blaue zieh'n, Theils in Schwärmen, theils in Reihen Fliegen müde sie dahin. Wie sie kreischend oben schweben. Dauert mich ihr banger Flug. Schwingen rauschen, Schwingen beben, Zagend, schwarz — ein Leichenzug — Zagen, klagen — aber weiter. Weiter ziehen sie dahin. . . Wolken jagen, näher, breiter —• — Wisst ihr, was die Vögel flieh'n? . .. Weißt Du, was die dunklen Scharen Deiner Brüder, Iudenkind Mit zerzaustem Kleid und Haaren, Krächzend klagen in den Wind? „Jene Vögel oben bangen, Und sie haben doch ein Ziel; Wenn nach Süden sie gelangen, Leben sie in Sang und Spiel- Aber wir, wenn drohend, dröhnend Hinter uns die Wolken zieh'n, Fliehen wir verzatzt und stöhnend — Und wir wissen nicht wohin." M. S ch e r l a g. Socialresorm, ohne politische nationale und eonfessionelle -Kämpfe. Zündstoff ist genllg angehäuft und schon bei der Budgetdebatte, vielleicht aber erst beim ungarischen Ausgleich kann die momentane Ruhe durch eine Explosion gestört lverden. Schon lange hat ein österreichischer Ministerpräsident nicht solche ungetheilte Zustimmung in der Bevölkerung gefunden, wie der Ministerpräsident Koerber anlässlich seiner energischen Stellungnahme bei Eröffnung des Parlamentes gegenüber den lnagyarischen Uebergriffem Diese Rede wurde von der magyarischen Presse aller Schattierungen sehr heftig angegriffen, es ist daher keineswegs unmöglich, dass es anlässlich der Erneuerung des ungarischen Ausgleiches zu scharfen Auseinandersetzungen zwischen beiden Reichshälften kommt. Wie es nun aber üblich ist, nationale und wirtschaftliche Fragen mit dem Antisemitismus zu verquicken, so beliebt man antisemitischer Seite den Kampf, der gegen das magyarische Uebergewicht dies- und jenseits der Leitha gefühK lvird, als einen Kampf gegen die I u d ä o - M a - g Y a r e n hinzustellen. Dagegen aber muss aufs allerentschiedenste von Seiten der österreichischen Juden Protest erhoben lverden. Die Juden haben ebensowenig Lust in ihrer Gesammtheit für die Magyarisiernngspolitik sich verantwortlich machen-zu lassen, ffür eine Politik, die hauptsächlich ein kleiner'Theil ungarischer Juden fördert) als etwa nach dem edlen Beispiele der „Renen Freien Presse" den ungarischen Machthabern Handlangerdienste 51t leisten in dem Bestreben, Westösterreich auszubeuten. Die österreichischen Inden wollen in gleichem Maste den Frieden zwischen den verschiedenen Rationalitäten der Monarchie, lvie den Ausgleich zwischen den beiden Reichshälften, aber auch nur auf Basis der — politischen und wirtschaftlichen Gleichberechtigung. Das Verhältnis zwischen Eis- und Transleithanien muss ans baue r it d e G r u u d l a g e u g.e stell t ln e r d e 17 und die Monarchie endlich aushören, ein „Reich auf Kündigung" zu sein. Die jedes zehnte Jahr sich wiederholenden Ausgleichs- Verhandlungen, lvelche gewöhnlich immer damit enden, dass Westöstcrreich immer neue Lasten aufgebürdet lverden, und Cisleithänien immer mehr zu einer ungarischen Satravie herabsinkt, müssen endlich durch einen dauernden, auf Grundlage der Parität anfgcbanten Ausgleich 'zwischen beiden Hälften der Monarchie ersetzt werden. Ein guter Ausgleich ist volkswirtschaftlich für Eisitnb Transleithanien ebenso lvie für die G r 0 st in a ch t - >1 l iffrlMli «~<l irTJITr riT~nm~lfTT Sein Sehnen. „Herr," sagte er und warf den Kops stolz in den Nacken zurück, „Herr, cs gibt verlorene Existenzen-, solche die sozusagen dem Abgründe zntreiben, unaufhaltsam, jede Welle nimmt sie auf, jede Welle bringt sie eben dem Abgrunde näher. Sie fragen, woher das kommt. Ich sage Ihnen, eine solche verlorene Existenz ist die Folge des Leidens in Schmutz und Unreinheit. Wissen Sie lvas das l,eisten will? Hier ist das Joch . . da . . . durch! . . ..da! .Seele? Was ist das? Darfst Du Dir erlauben, so etwas lvie eine Seele zu haben? Du Bettler, Du schlechter Musikant. . . .! Sehen Sie, es liegt eine Blüte, im Sande. Ich frage, warum liegt diese Blüte hier, .während die andern droben zur Reife, zur Bestimmung gelangen? Sie erzählen mir etwas von Licht und Kraft uild Ramnbedingung. Schön. Ich gestehe, Sie haben sich mal mit diesem Zeug eingehend befasst — und weiters, Sie sind ein klarer Kopf. Ich aber frage: warum. Warum liegt diese Blüte hier?! Kommen Sie mir nicht mit dem . alten Satz von Narren und Kindern, die fragen kommen. Ich verachte das. Ich spucke dem Neunmalweisen ins Gesicht und sage: „Hohlkopf, willst Du ein Weiser sein! Sie sagen, Licht und Kraft und Rmunbedingung, beweisen mir wieso, geben nur die Ursache. Ja, aber der Zlveck, lnein Verehrtester, der Zweck. Haben Sie die Güte mir in allein den Zusammenhang zu erklären, zeigen Sie mir das Muss. Oder gibt es hicfür keine Erklärung? Gibt es keinen Zusammenhang, keinen Zlveck? Jnsectenpulver her und machen Sie dem Würmerhanfen nur ja schnell ein Ende. Aber es gibt einen Zweck — o, ich weist das. Wenn lvir einen Blick für die Tiefen des Seins haben, finden lvir st e l l u n g des R e i ch e s n o t h w e n d i g. ,Die eventuelle Auslösung des Zoll- und Handelsbündnisses zlvischen den beiden Reichshälften würde allerdings die Länder der ungarischen Krone in e h r schädigen als Cisleithanien, und nach nicht allzulanger Zeitdauer wieder einem gemeinsamen Zollgebiete der österreichischen Gesammtmonarchie Platz machen m ü s s e n. ❖ Ein günstiger Ausgleich aber zlvischen beiden ^Reichs- Hälften ist nur dann erzielbar, wenn im österreichischen Parlamente die Nationalitätenfrage und der Antisemitismns in den Hintergrund treten und wenn die ciSleithanifchen Deputierten ebenso solidarisch die österreichischen Interessen vertreten, lvie die ungarischen Deputierten die ungarischen Interessen. Wenn aber die „Deuischnationalen" im Wetteifer mit den „Jungczecheu" und den „Czechifch-Radicalen" die Solidarität des österreichischen Parlamentes durch Aufwerfung neuer Streitfragen durchbrechen und von anderer Seite gegen die „Jesuiten-, Pastoren- und Judeneinwanderungen" lauge Brandreden losgelassen lverden, und zum nationalen Kampfe sich der confessionelle und die antisemitische Hetze gesellt, dann allerdings ivird auch diesmal wieder West- Oesterreich beim ungarischen Ausgleich den Kürzeren ziehen, und aus den so oft versprochenen wirtschaftlichen.Reformen lvird die Bevölkerung nichts anderes haben als das traurige Gefühl, lvieder einmal vergebens gehofft zu haben._ Rach der berühmten Gewohnheit ' der Antisemiten aber, die Juden für alle Nebel in Staat und Gesellschaft verantwortlich zu machen, werden natürlich die Juden lvieder die Prügelknaben für die „Thätigkeit" des Parlamentes werden. Idealismus und Realismus. Wie oft hört rnan gegen die Juden den Vorwurf erhebeil, dass sie gute, zu gute Geschäftsleute sind; und die alldeutsche Presse ist bereit, diesen Vorwurf aus dem Geschäftlichen ins Politische, natürlich mit einem Korn Gift, zu übcrsetzerr. Die letzten Wahlen haben gezeigt, wie erlogen diese Vorwürfe sind. Legen wir einmal das kritische Seciermesser an das Gesammtergebnis, das nun vorliegt. In Galizien hat der Kahal, der errg mit der herrschenden Schlachte verbunden war, eine vollständige Niederlage erlitten. Die Schlachta siegte, lvie sie lvollte, wie der sportlicheAusdruck lautet; Byk, Horowitz und Compagnie fielen jämmerlich durch. _ Die edlen Herren glaubten, ihrer Factoren entrathen zu können und setzten sie mit einem derben Fußtritt vor die Thüre; das den Zlveck; lvenn wir diese Blüte als Ereignis fühlen, dann sangen lvir an zu begreifen, dass biefeg Warum eine Losung haben nruss. Sv viele Tragödien zeitigt unser Leben, die ohne Kräfteanfwand, ohne Kothurn, ohne miterlcbendes Publicum gescheheir, weil . . . Aber die Leute finden sich ab. Ein Ausgleich auf soundsoviel Procente. Sie schonen ihr Hirn, wenn sie eines haben, flicken die Verhältnisse in ihrer Kurzsichtigkeit und beten: „Herr, beschütze uns!" Nehmen im Lehnstuhl Platz und sagen: „Man lvird müde und den Gliedern thnt Ruhe noth. Man nruss sich sammeln zmn Kanrpf ums Dasein." Karnvf ums Dasein — meine Herren, Sie sind Falschnüinzer. Sie schauen sehr ehrlich drein und verlangen, dass wir Ihnen diese Note nmwechseln sollen; diese Note aber in gefälscht. Gewiss, Sie haben Talent. Das Falsificat ist als gelungen zu bezeichnen, wir aber erkenrren es. Wir betrachten es durch das Glas einer geordneten Lebensauffassung. Wir prüfen es ans seinen seelischen Wert, auf den Wert seiner Haltbarkeit in deir versckiiedensteir Lebensbedingnngen. Und meine Herren, es ist ja doch nur ein Falsificat. Sie aber behaupten, es ist keines und bilden einen Kreis mrter sich, und nun rollt der falsche Gulden und hat Klang und Glanz, drängt das wahre Geld zurück, dass es fällt und an Umtauschnngswert verliert. Verloren gegangene Kraft, Material, am Wege der Verwesung anheimgefallen — überall tritt das uns entgegen, überall sagt es: „Guten Tag" oder sonst muh ein schönes zutreffendes Wor°t, wie z. B.: „Das Leben ist so schwer, so schwer!" Und manchmal: „Man müsste es anders leben." Man müsste — ob man müsste! Aber vom Wort zur That liegt zmnindeft ein Menschengeschlecht, ein langer Weg voll Leichen.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.