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Jüdisches Volksblatt · 1901-10-18 · 42 (18.10.1901) · page 1

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
3 (1901)
Issue
42 (18.10.1901)
Date
1901-10-18
Page
– (sequence 1)
Language
German
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«Efiartton: THI/1, Schlö^elgasse 1L Gprechstmibe«: Ha Wochentagen von 4 bis 6 Uhr nachmittags. p«fU*rtflt: JSbtfcheS »öMdlatt, «Bien, V1II|1. Brsrhtvrrdr« «egen vertziLteter oder gar nicht erfolgter Zustellung erbitten wir uns dringend. — jRmmfevifete «erbe» nicht zrrrüSgeftellt« vostsparcasten^konto »470»?. Ja da« «donnement kann man tLglich eintreten. MM jeden Freitag mürr MMvtrrmng drr vom jüdischen VoUrsvrretn rrivatzUrn Prrfsrormnifston. Agferate übernehmen die Mrmmr A. Danneberg, M. DukeS, -aasen» stein k Bögler, Rudolf Mofie, H. vppelik. M. Pozfonyi, H. Schale! ln Wien, ferner alle Hnnoncen-Expedittonen im HuSlande. Giuzel.Nnwmer in Wie« 16 Heller. RvminMralton: VIII/l, SchLötzelgasse 11 UbonneutetttSpreiS: Für Wie» tt. Oesterreich'Nugar« fommt Francozustellüng. Ganzjährig Halbjährig . Bierteljäbrig. . Kr. 8.- tftüt daS flcfmnmte SlnSlanb sammt Francozustellung. Ganzjährig . Halbjährig . Vierteljährig Kr. „ 4.50 I S8.S8S aane «SÄ Ar. 42 Wien- 18. Octolier 1901. 111. Jahrgang. In zwölfter Stunde! Unterschreibet die Petitionen gegen die §§ 59 und 60. Vom Tage. ver Lieg von Sudweir. Eitel Jubel und Triumph herrscht im deutschen Lager. Budweis, das man schon halb verloren gab, bleibt den Deutschen erhalten. Die „Ostdeutsche Rundschau" constatiert mit Befriedigung, dass „Deutsche aller Parteischattierungen" ihre Pflicht gethan haben. Schau, schau; wenn es gilt, ein gefährdetes Mandat zu retten, da avanciert sogar in den Augen der „Ostdeutschen" der verhasste „Semite" zum Deutschen; dasselbe artige Spiel wiederholt sich, wenn von dem „Deutschthum" Prags die Rede ist. Crasser kann die völlige Verlogenheit und Gesinnungslosigkeit der Alldeutschen nicht documentiert werden. Das ganze Jahr wird in den alldeutschen Blättern gegen die Juden gehetzt; man fordert unverblümt zum wirtschaftlichen Kampfe die Gesinnungsgenossen auf, zum Boycott der jüdischen Kaufleute, Aerzte und Advocaten. In politischer Beziehung wird der Grundsatz aufgestellt: „Durch Reinheit zur Einheit". Die wüstesten Blutmärchengeschichten machen in den alldeutschen Blättern die Runde, um die Kluft zwischen dem Arier und dem Semiten noch zu vertiefen. Dieselben Herrchen, die mit Verachtung auf den Teufelsspuk, auf die Heiligenanbetung und Reliquienverehrung der Katholiken herabsehen, huldigen in Bezug auf die Juden selbst den Anschauungen des finstersten Mittelalters. Diese Schamlosigkeit kann erst dann nach Gebür gewürdigt werden, wenn man bedenkt, dass die meisten selbst an diese Beschuldigungen nicht glauben, sondern bewusst Lügen in die Welt feigen, in der Hoffnung, dass die Dummen nicht alle werden. Das eine muss man den Alldeutschen lassen, trotz der Jugend ihrer Partei sind sie wahre M e i st e r d e r p o litis ch e n B r u n n e n v e r g i f t u n g. Dieselben Biedermeier entblöden sich nicht, wenn es ihnen in den Kram Passt, von Zeit zu Zeit, ihre Grundsätze ganz beiseite zu schieben und mit der unschuldigsten Miene der Welt die asiatischen Fremdlinge als germanische Volksgenossen anzusehen. Selbstverständlich steckt dahinter nur eine rassenreine Perfidic; anstatt offen zuzugeben, dass der Sieg in Budlveis nur durch die opferfreudige, selbstvergessene Parteitreue der Juden ermöglicht wurde, anstatt zuzugcben, dsas das Deutschthum in Prag nur durch Juden gehalten wird, begehen die Nurteutschen lieber eine Charakterlosigkeit, escamotiercn das Judenthum, und schreiben über die Wahlen im Jargon der Casinoten. Da muss doch Baruch Gras von Portiano. Eine Lebensgeschichte von N. A. Körnig, München. (Schluss.) Der Herr Dr. B. N e u m a n n war Gold wert gewesen. Seine Unterschrift war begehrt, sein Name verlieh einem großartigen, gewagten Unternehmen das Vertrauen der Leute, der kleinen Capitalisten, die ja wussten, wo überall Dvctor N e u m a n n Sachwalter war, welche hochfürstliche Cassen von ihm verwaltet wurden. Nun stand aber an seines Namens Stelle ein ganz unbekannter Italiener: Graf. Das galt gar nichts, im Gegentheil, das gab der Sache einen faulen Stich. Liebenswürdige reizende Menschen, die Italiener — aber schlechte Financiers! So verschwand der neue Name von einigen guten Papieren, und sein Träger Dr. Benedikt N e u m a n n war — zu stolz geworden, um in eine Aenderung zu willigen. Seine Einkünfte — man sagte ihm etwa 15 Millionen nach — gestatteten ihm, sich von vielerlei Geschäften zurückzuziehen. Hatte er doch schon seit Jahren, seit jenem Augenblicke, in dem er seinen Stern hell aufglänzen sah, mit großer Entschiedenheit alle Geschäfte fallen lassen, die in den Augen von Eingeweihten als „faul" galten. Er brauchte das nicht und wollte das nicht, wurde ihm doch das Geld ins Haus getragen. Sein Haus, seine Frau, die Gräfin, kostete viel, aber cs durfte viel kosten, denn es war das, was er für diesen „Posten" ausgeworfen hatte, nicht minder ehrlich verdientes Geld, als das, welches andere Großcapitalisten einsteckteu. Und da er doch kein Jude, gut katholisch und weil er Freund und Vertrauensmann von Fürsten und Königen war, so machte man dem Dr. Benedikt Nen tuan n keinerlei Vorwurf aus seinen sehr großen Einkünfte n. einmal offen gesagt werden: Die Juden haben den Schlüssel der deutschen Vorherrschaft in den Sudetenländern in der Hand. Eine bloße Neutralität von ihrer Seite, und die „Deutschen Prags" reducieren sich auf einige hundert Seelen; dass die Raüicalen angesichts einer Hauptstadt, in der das Deutschthum gleich Null ist, die Losung Reindeutsch, alldeutsch und ungetheilt nicht mehr aufrecht erhalten können, ist klar. Eine bloße Neutralität auf Seite der Juden und über kurz oder lang fällt Olmütz, Budweis und Brünn, von den kleineren Orten ganz zu schweigen. Das ist jetzt noch Zukunftsmusik, denn wir müssen gestehen, das die große Mehrheit unserer Stämmesgenossen noch zäh wie eine Klette, jeder politischen Raison zuwider, an den Deutschen hängt. Wir lasen jüngst eine Statistik über die Prager Schulverhältnisse. Dabei ergab sich folgende interessante Thatsache. In den alldeutschen Blättern kann man von Zeit zu Zeit die Nachricht lesen, dass das Prager Deutschthum beständig zurückgeht. Dem folgt dann natürlich ein Hieb auf die bösen Juden, die die Deutschen verrathen. Diese Statistik ergibt aber das unanfechtbare Factum, dass die Zahl der jüdischen .Kinder in den deutschen Schulen c o nst a n t bleibt, die Zahl der Katholischen aber beständig Zurückgeht. Also, verehrte Ostdeutsche, Deine eigenen Stammesgenüssen verrathen das eigene Volk; es ist eine gem e i n e L ü g e, dass die Ursache des Abfalls bei den Juden zu suchen sei. Aber wir versprechen Dir, verehrte Lügenmutter, in einigen Jahren .es^ zustande zu bringen, dass Du recht hast. : Denn endlich müssen doch den Juden die Augen aufgehen; auf der einen Seite die Deutschen, die uns nur zum Stimmvieh missbrauchen, auf der anderen Seite die Czechen, die einen erbitterten, durch nationale Gründe theilwcise berechtigten wirtschaftlichen Kampf gegen uns führen. Sagen wir etwa, die Juden sollen zu den Czechen übergehen? Weit gefehlt, wir sollen sowohl aus der deutschen, als auch aus der czechischen Partei austreten und g e - s u n d e j ü d i s ch e I n t e r e s s e n p o l i t i k betreiben, zum Heile unseres schwergeprüften Volkes und zum Wohle unserer Kinder. Reue Nietzscheana. Abg. Dr. Ritsche erklärte am 1. d. M. vor seinen Krumauer Wählem Folgendes: „Eine dritte Partei (d. h. die Deutsche Volkspartei), welche es vorgezogen hat, an die Spitze ihres Programms die Versichnung zu stellen, dass sie das internationale Judenthum bekämpfe, ist nicht anti- Aber über den neuen italienischen Grafen machten die Leute Bemerkungen. Und viele! Auch seine Bedienten. Er hatte auf seinem Schlosse am Rhein eine Anzahl alter Diener, die er seit jenen Jahren bei sich behalten hatte, in denen er, noch nicht sicher auf den Füßen, das Besitzthum erworben hatte. Diese Leute, welche sich die Hände abgearbeitet hätten für den stets freigebigen, gutmüthigeu Herrn Dvctor, den sie allesammt nur als ,,'n feinen Kääl" bezeichneten, machten jetzt ihre „Witzkes" vor „Brützchen" über den „Grafen". Der „Graf" wusste von diesen Sachen nichts, und dennoch schädigte auch hier wieder der „Graf" sein Ansehen. Auch im Rheinlands verlor er auf Nebenwegen, die ihm verschleiert blieben, große Einkünfte, ohne dass er sich die aus den Büchern offenkundig werdende Thatsache enträthseln konnte. Eines aber sollte den Herrn Grafen schrecklich aufklären über die Lage, der er, der vorsichtige Geschäftsmann, der berühmte Vertheidiger, der glänzende Vertreter des Großscapitals, sich geschaffen hatte: seine Frau, die Mutter seiner Kinder, die geborene Gräfin von A r n h e i m aus dem Hause Hohenstein-Eckebus, erklärte rundheraus, sie wolle den Grafentitel der Republik San Paulino nicht annehmen. Sie begründete ihre Weigerung. Er machte vergeblich seinen Stuidpunkt geltend, sein Titel sei ein Titel, und der innere eigentlich äußere Wert null und nichtig, wenn die Personalität ihn nicht emportrage. Ein adeliger Lump sei einer, er, ein '.Arbeitsmann könnte ebensogut Schulze, wie Graf L heißen, und wenn er das Geld habe, den Titel zu vergolden, so sei alles gut, und die Leute, die Masse, die Menge, und auch viele andere würden vor dem „Grafen* und vor der „Frau Gräfin" ihre Reverenz machen. Dass die Frau, seine Frau, aber dies Argument nicht einsehen wollte, betrübte den Dvctor gar sehr. Das wollte ihn nicht einleuchten, weshalb diese kluge Fran sich zu einer Komödie nicht hergeben wollte, die doch so hübsch, so vortheilsemitisch (sic.), denn dann müsste auch der Redner und' die ganze Fortschrittspartei (!) antisemitisch sein, wenn die Begründung des Antisemitismus darin bestehen soll, dasH das internationale Judenthum bekämpft werden müsse. Zu den Bekämpfen: des internationalen Judenthums, das ist jenes Judenthums, das sich von jeder Nationalität loslöst und auf dem einseitigen Standpunkte des Judenthums steht, zu diesen Antisemiten gehören wir auch (!). Ein großes Unrecht vor dem Gesetze und vor allen rechtlich denkenden Männern wäre es, den politischen Antisemitismus zusammenzuwerfen mit dem socialen Antisemitismus. Das steht jedem Menschen frei, ob er lieber mit einem Deutschen oder mit einem Juden verkehrt." Na also, endlich hören wir das von autoritativer Seite bestätigt, was wir schon seit langem vorhersagten; denn Dr. Nitsche ist seit 25 Jahren deutschliberalec Abgeordneter und sitzt in der Leitung des reichsräthlichen Fortschrittsclub. Die Deutschfortschrittlichen mausern sich; ihrer Einigung mit der Deutschen Volkspartei steht nichts im Wege; die Dentschvolklichen bekehren sich zwar nicht zum Liberalismus, dafür bekehren sich die Liberalen zum Antisemitismus; jenseits von Jud und Böse. Die Bekämpfung des internationalen Judenthums sei nicht Antisemitismus, meint Dr. Ritschc. sondern — selbstverständlich. Untersuchen wir einmal ganz loyal, was Dr. Ritsche unter dem internationalen Judenthum versieht. Er meint darunter das Judenthum, das „sich von jeder Nationalität loslöst und auf dem einseitigen Standpunkte des Judenthums steht." Das heißt ans gut deutsch: „So lange Ihr Juden Euer eigenes Volksthum verrathet und der großen freien deutschen Nation Handlangerdienste leistet, so lange erlauben wir Euch gnädigst, Euch für die Deutschen an der Sprachgrenze aufzuopfern. „In dem Momente aber, wo Ihr Eures eigenen Volksthums bewusst werdet und Euch bemüht, das für Errch zu thun, was wir Deutschen als selbstverständliche Pflicht eines jeden Volksgenossen ansetzen, in dem Momente seid Ihr — unsere Feinde, die tvir Liberalen rücksichtslos bekämpfen werden." Das ist der bornierte, chauvinistische Standpunkt, der den Begriff „Deutscher" allen anderen Nationen so verhasst und verächtlich macht. Nur, die deutsche Nation hat Existenzberechtigung; die anderen müssen ihre Existenzberechtigung erst dadurch beweisen, dass sie Sclaven der Deutschen sind und sich binnen kurz oder lang germanisieren lassen. Diese verkehrte und veraltete Auffassung des nationalen Gedankens, die nichts von den anderen nationalen Autonomiebestrebu'.:gen weiß und nichts von ihnen hast, war und die z. B. in Frankreich, dem lieben, guten, stets verwöhnten Frankreich alle Welt mitmachte. Ihre Hoheit die Fürstin „Witwe von N a st u k u z a n o". Lieber Himmel! Und von was stammte eigentlich der russische Czar ab? Halten die Ruriks und Romanoffs denn nicht genau wie die Tartarenkhane ihre Frauen aus Sclavinnen erwählt? Aber Baruch S ch m u b l aus Podwolozka, nüus Dr. Benedikt Neu mann kam nicht auf gegen die Argumente und das Geschlechtsregister der Bibel verschwand vor dem derer von Arnheim. Darum also trug die geborne Gräfin Arnheim ans dem Hause Hoheustein-Eckehus über seine „modernen" Anschauungen den Sieg davon. Im Herzen des Dr. Benedikt aber wohnte seit dem Tage jener Auseinandersetzung ein Misstrauen gegen daS Weib, das er liebte, gegen jene Frau, die sich vor Jahren dem hübschen, gefeierten, reichen Manne an den Hals geworfen, die der Dr. B. N e u m a n n mit ihrem Namen ausgezeichnet hatte. Und es kam, wenn er mit diesem Weibe, dem er alles auf Erden bereitet hatte, was ein Mann, der sein Weib lieb hat, ihm bereiten kann, still im Zimmer zusammen war, da kam es über ihn wie eine grausame Furcht, als könnte er das verlieren, was er so mühsam — und mit so vielem Gelde! — errungen hatte, die Liebe dieses Weiibes, der Iran Gräfin P o r t i a n a, gebornen Gräfin A r n h e i m aus dem Hause Hohenstein-Eckehus. Die Abende im Hause des „Grafen" waren trotzdem immer die gesuchtesten in der Stadt. Er gab Unsummen aus, um die beste Gesellschaft in seinen Räumen zu sehen. Und man gieng gerne hin, denn warum sollte man denn nicht ein paar Stunden in der angenehmsten, anregendsten Gesellschaft der Hauptstadt verbringen? War nicht alle Welt da! Man traf dort doch in so ungenierter Weise die Generalität — und die Herren Lieutenants, aber auch die schöngewachsenen Herren

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