Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 3 (1901)
- Issue
- 40 (4.10.1901)
- Date
- 1901-10-04
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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nstru- >e Ex- ■orale, rtikel, e und ver. . In. sn. ift-Ap. tyondet io und kosiysleni einer riunien parat^ :h?nmid prüft ■ zlich zwar Gei und finet, n iften, Ge-;nnee Reich c.Ren a 1 b er i : /ien, llt er. iller ien, Mörser iusc. aan von Rick- Iran« ngros! kr, en! Icuii» g lstcn! lt 27. I hon 00 u > Rrdsrkwn: VW/1. Lchlötzelgaffe 11. Gprechstusbe«: Ctt SBodJenfagtn von 4 bis S Uhr nachmittag». pofiad»»fl»r Jüdisches «oUSblatt» «Sie», Vittst. »-schwerdr» wegm verspäteter oder gar nicht erfolgter Atstellung erbitten wir uns dringmd. — «rannseritite werbe» »tcht zükSSg «stellt. Postsparcassen-Lonto «47037. In da» Abonnement kann «an täglich eintreten. Erscheint jeden Freitag unter Mitwirkung drr vom jüdischen Vviksverrin erwählten Prrfsrommifston. Inserate übernehmen die Firmen: I. Danneberg, M. Duker, Haascn« pet« L Bögler, Rudolf Moffe, «l. Oppeltt, M. Pozsonyi, fl. Schalek in Dien, ferner alle Unnonren-Expedittonen im UuSlande. Mnzel'Nnmmer i« Wie« IS Heller. Administration; vm/1, SchlSstrlgaste 11. AbonnemeutSpreiS: Für Wien n. Oesterreich-Ungar» sammt Francozustellung. . . Kr. 8.— ...» 4.- .! »!- halbjährig vierteljährig Für daS gefammte Ausland sammt Francozustellung. Ganzjährig . . . Halbjährig . . . Bierteljährig .... Kr. « 450 , »ÄS Mr. 40 Mir«. 4. Oktober 1901. III. K«hrg««g. iSUBi Vom Tage. Zum Parteitage der österreichischen Sociatdemokratie. Die österreichische Socialdemokratie hält diesen Monat ihren Parteitag in Wien ab. Die Socialdemokratie ist ein wichtiger Machtfnctor innerhalb eines Decenniums in Oesterreich, geworden; wir müssten deshalb zu ihr Stellung nehmen, wenn uns nicht schon die übergroße Zahl von Stammesgenossen, die in den Reihen der Socialdemokratie kämpfen, zu einer Aussprache zwänge. Unter den auf die Tagesordnung des bevorstehenden Tages gesetzten Punkten ist der die Abänderung des Parteiprogrammes betreffende, der wichtigste. Unzweifelhaft bedeutet das neue Progranun eine Verbesserung des bisherigen. Dieses setzte sich zusammen aus dem Hainfelder Programm, sowie aus zwei Nachtragsbeschlüssen: dem auf dem BAinner Parteitag gefassten Nationalitätenprogramm und dem Grazer Agrarprogramni. Dieses complicierte Programm wird nun auf die Weise vereinfacht, dass die drei Bestandtheile des Hainfelder Programms in ein wirklich einheitliches Zusammengezogen, die Brünner und Grazer Resolutionen aber unveränder gelassen werden. Wir bedauern, dass nicht auch die Bri'mner Resolution einer Revision unterzogen wurde. Sie leidet an manchen Unklarheiten, obzwar sie damals, als sie gefasst wurde, ein wirklicher Fortschritt war. Der Anstoß zum Nationalismus innerhalb der Socialdemokratie gieng von den Czechen aus, die im Jahre 1863 auf dem Budweiser Congresse die Losung ausgaben: Nationale Selbständigkeit, internationale Einigung. Seit dieser Zeit existieren in Oesterreich sechs nationale selbständige Organisationen, die deutsche, czechische, polnische, südslavische, italienische und die allerjüngste, die ruthenische, von denen jede ihre Angelegenheiten durch ihre nationalen Execntivausschüsse erledigt. Und die Erfahrung hat gezeigt, dass man dadurch nur der gestimmten Arbeiterbewegung Oesterreichs gedient hat, und dass ihre Schlagfertigkeit nur erhöht wurde. Diese Entwicklung hat die österreichische Socialdemokratie gegen den Willen ihres Gottsöbcrsten Victor Adler genommen durch die Macht der Verhältnisse gezwungen. Die mannigfachen Unklarheiten des Brünner Programmes zeigen, wie widerwillig es acceptiert wurde. Man vermied es ausdrücklich, wie Hertz in den „Socialistischen Monatsheften" richtig bemerkt, die Frage: Terntorialodcr Personalautonomie ausdriicklich zu entscheiden. So lange aber die österreichische Socialdemokratie sich mit all- Simchas Wora im Beth Hamidrasch zu Chorostkow. Will auch ich die Thora tragen Liebevoll ans Herz gepresst, Mich am Duft der heil'gen Sagen Süß berauschen, wie Ihr Treuen, Und der Heimkehr stolz mich freuen Heut am Thora-Freudenfest! Lange fern und fremd von Euch, Schlägt mein Herz jetzt voll und reich, Selig, unter Euch zu sein... Schlingt den Neih'n, ja, schlingt den Neih'n. Kinder, hoch die blauen Fähnlein Und die weißen Aepflein drauf! Springt, wenn sanft vom Silberkrönlein Uns'rer Thora Glöcklein klingen — Klang und Glück und Gnade bringen — Springt und singt, im Hellen Häuf'!! Ist man stets gedrück und trüb. Wird man sich ja selbst nicht lieb. Lasst uns d'rum wie Kinder sein — Schlingt den Neih'n, ja, schlingt den Reih'n Frauen, vom Balkon herunter! Heut' ist Raum hier auch für Euch, Kommt! Das frohe Bild wird bunter, Und es jauchzen loh' beisammen Uns'rer Freude hohe Flammen — Vor der Thora sind wir gleich. gemeinen Sätzen als Nationalitätenprogramm begnügt ' und nicht scharf und deutlich das Personalitätsprincip proclamiert, so lange sie ihre nationalen Principien für sich behält, anstatt sie unaufhörlich und energisch gegen die bürgerlichen Chauvinisten zu vertreten, und sie in allen Ländern allen Völkern zu predigen, so lange tvird auch das schönste Friedensöl die Wogen der nationalen Brandung nicht glätten. Die ganze. Unaufrichtigkeit, die die leitenden socialdemokratischen Kreise in der nationalen Frage erfüllt, zeigt sich in ihrem Verhalten gegen die auftauchenden Versuche, die Juden innerhalb der Socialdemokratie national zu organisieren. In England, Amerika und Russland hat sich dieser Process bereits vollzogen; in Oesterreich ist er bis jetzt nur au dem verbohrten Dogmatismus Adlers und seiner auchjüdischen Helfer in Galizien gescheitert. Wie stechen davon die Beschlüsse des vierten Bundescongresses der Jüdischen Arbeiterpartei in Warschau ab. Bezüglich der nationalen Frage wurde folgende Resolution gefasst. „Im Sinne des socialdemokratischen Programmes ist daran festzuhalten, dass nicht allein die Unterdrückung einer Classe, sondern auch die Knechtung einer Nation durch die andere zu bekämpfen ist. Jedem Volksstamm soll innerhalb seines Wohnsitzes die nationale Unabhängigkeit gewahrt bleiben. Der Bund fordert daher für alle Völker Russlands völlige Autonomie. Der Begriff „Nation" ist auch auf das jüdische Volk anzuwenden und ist gegen dessen Unterdrückung zu protestieren, aber man muss davon absehen, ein eigenes, nationaljüdisches Programm aufzustellen, da hiedurch das Klassenbewusstsein der Massen unterdrückt und Chauvinismus geweckt würde." Freilich wird zum Schlüsse gegen ein eigenes nationaljüdisches Programm protestiert. Doch wird sich sicher mit eiserner Nothwendigkeit eine Wandlung vollziehen. Die nationale Frage insoweit sie die geistige Befreiung und Hebung der Nation bedeutet, ist keine ausschließliche Angelegenheit der vermögenden Classen. Auch die Arbeiterschaft hat die Pflicht, dafür zu sorgen, dass die Nation nicht zugrunde gehe. Es ist auch kein Zweifel, dass die Socialdemokratie durch Anerkennung einer eigenen jüdischen Organisation nicht nur ein Gebot der Gerechtigkeit erfüllen würde, sondern auch ein Gebot der. Nützlichkeit. Vestigia terrent. Das Schicksal der Socialdemokratie in Rumänien, das ein Bucarester Correspoudent uns berichtet, gewisse Vorgänge am Lübecker Parteitag sollten doch auf den Verstand der jüdischen Führer der Socialdemokratie wirken, wenn sie auch jedes Gefühl fiir jüdisches Elend verloren haben. Noch leisten wir auch innerhalb der Socialdemokratie anonyme Sclavendienste; aber mit der Befreiung aller Völker wird auch unsere Freiheitsstunde schlagen. * Heisa! Und warum nicht gar? Isis doch einmal nur im Jahr. Einmal muss man lustig sein — Schlingt den Reih'n. ja, schlingt den Reih'n. Greise tanzen und sie singen: „Ewig wirst Du, Thora, blüh'n, .Ewig huldvoll uns verjüngen, „Wenn, trotz aller Sturmgewalten, „Wir wie Meeresfelsen halten „Treu an Dir, o Königin. „Sinn verschönst Du und Gemüth, „Spendest Liebe, Licht und Lied, „Hoffnung, Heil und Heitersein — „Schlingt den Reih'n, ja, schlingt den Reih'n. Wien. Marek Scherlag. Der Antheil der Mischen Schule an der nationalen Organisation. Von Nabb. Dr. M. Rosenfelb. Die trürtschaftliche und politische Laste der Juden hat unZtvcifel-; hast das erwachende jüdische Volksbewusstsein gefördert und unter-! stützt. Der Ilmstand, dass uns heute die Deutschen mit den gleichen : Liebenswürdigkeiten anfwarteten, die uns gestern die Czechen boten und die sie für morgen gemeinsam uns entgegenzubringen planen, hat immer breiteren Massen unseres Volkes die Neberzeugung nahe gebracht, dass >vir nach der Lage der Dinge schtvcrlich in Deutschen» > Czechen usw unsere gleichartigen Volksgenossen zu suchen haben. ver Sund der Freisinnigen in Niederösterreich und — die Juden. Der Niedergang des politischen „Freisinns" in Oestevreich, welcher von antisemitischer Seite mit seiner sogenannten Verjudung begründet wird, ist vielmehr in erster Lima darauf zurückzuführen, dass die.„liberalen", „fortschrittlichen", „freisinnigen" Gruppen bei allen Nationalitäten der Monarchie sich eine eigene Art von „Freisinn" zurechtgelegt haben: In der Theorie das elvige Wiederkäuen von Phrasen, wie „Freiheit", „Fortschritt", „Gleichberechtigung", in der Praxis Vergewaltigung der Anderssprechenden, Unduldsamkeit gegen die Andersgläubigen und Ignorierung der ökonomischen Interessen der wirtschaftlich Schwachen. Die „deutschen Freisinnigen", deren neueste Repräsentanten lvir im weiteren noch beleuchten werden, betrachten Slaven und Juden als — mindeUvertig. Die ezechischen „Freisinnigen" verbünden sich mit nationalchauvinistischen Antisemiten, mit Clerical-Feudalen zum Zwecke der Erlangung, nicht etlva nur des böhmischen Staatsrechtes, sondern sogar — zur Ergattenmg einiger lumpiger Mandate. Die polnischen „Freisinnigen" reclamieren die Freiheit für sich — die Ruthenen und Juden sind Lust für sie, die magyarischen Liberalen sind die eifrigsten Apostel der Freiheit —, die ihnen das Recht einräumt der Entnationalisierung, der politischen Entrechtung und wirthschaftlichen Ausbeutung der nichtmagyarischen Majorität in den Ländem jenseits der Leitha. Zn diesen Betrachtungen wird man gedrängt, wenn man die neueste „deutsch-freisinnige" Coalition in Niederösterreich betrachtet. Dieser Freisinn ist der echte Typus nicht nur des deutschen, sondern auch des slavischen und magyarischen Liberalismus. Der oben erwähnte Bund der Freisinnigen in Niederösterreich lvnrde in einer Bersanunlung des deutschen Volksvereines in Mbs proclamiert, einerseits von dem alldeutschen-antisemitischen Abgeordneten Dötz und andererseits von dem Abgeordneten Völkl, dem einzigen sympathischen Mitgliede der ebenfalls antisemitischen und national-chauvinistischen „Deutschen Volkspartei". Als Devise des neuen Bundes der „Freisinnigen" in Niederösterreich proclannerte ta. Dötz: „Wählen Sie bei den Wahlen in Niederosterwich wie Sie wollen, radieal, deutschnational oder liberal, nur niemals christlich-social." Diese Coalition wird mit einem Triumphgeheule von der „juden-liberalen" Presse begrüßt, die wieder einmal der Allgemeinheit und .den Inden im besonderen einreden möchte, dass durch diese seltsame Coalition der Alldeutschen, der Volksparterler, der Liberalen und eventuell Socialdemokraten, die selbst in ihrer überwiegenden Mehrheit antisemitisch ist, ein bedeutsamer Schritt zur Ausrottung der Christlich-Socialen Genau derselbe Weg führte in überaus empfindlicher Weise einen großen Theil unseres Volkes ans wirtschaftlichem Gebiete zum gleichen Resultat. So wichtig und richtig auch an sich diese Erkenntnisse sind und so zwingend auch die Schlussfolgerung „A l s o s i n d w i r I u d e n" erscheint, so ist damit doch nur die als Voraussetzung genügende negative Seite de§ jüdisch-nationalen Gedankens gegeben. Ein wirkliches Volksleben verlangt jedoch zweifellos mehr. Es kann des Inhaltes nicht entrathen, der nicht bloß negativ in der ^Verschiedenheit vvn anderen, sondern p o s i t i v in der bewussten pflege nationaler Sonderheit seine Eigenart erhält. Und wo gäbe es ein Volk, das auf eine reichlichere und rühmlichere nationale C u l t u r Hinweisen könnte, als das jüdische! Wenn wir die nationale Cultur verschiedener Völker der alten und neuen Zeit mit heiligen Geräthen im großen Universum-Heiligthnm des Herrn über alle. Zeit und allen Raum vergleichen, so scheint uns die „j ü d i s ch e E u l t u r" in ihrer vieltausendjährigen Entwicklung das Heiligste des Allerheiligsten zu sein. Und so sehr auch die Cherubim unseren Vätern durch den langen wechselvollen Weg, den unser Volk durch die Geschichte genommen, in der Nähe des Allerheiligsten, in der Pflege unserer jüdischen Culturwerte Trost und Hoffnung, Muth im Leiden, nationalen Stolz im Erfolge zulächelten, der assimilationssüchtige Sinn der letzten Jahrzehnte ergieng sich in überschivänglicher Begeisterung und Verehrung der minder heiligen Geräthe im Vorhofe. So kmn es, dass bei denjenigen Einzelnen, welche weder durch den politischen noch durch den wirtschaftlichen Druck als Juden leid«;, das jüdische Volksbewusstsein unmöglich wird mit der Begründung: Ja. auch ich bin in geistiger Beziehung ein Product deutscher usw. Cultur! Und in der That! Es sind die Schlechtesten nicht, die meist mit Recht also sprechen. Wie wollte man auch von Menschen, welche von der Elementarschule an mit frerndnntionalem