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Jüdisches Volksblatt · 1901-09-27 · 39 (27.9.1901) · page 1

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
3 (1901)
Issue
39 (27.9.1901)
Date
1901-09-27
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Rrdartion: flll/l, Kchlöhelgaffe 11. Gprechst««be»r fta wortzmtagen von 4 bis 6 Uhr nachmittags. pafUOt'ff«: Jüdisches IvolkSblatt, Wie«, VIIYI. Vesüxtverden wegen verspäteter oder gar nicht erfolgter Zustellung erbitten wir uns drtngmd. — Mannserttvte tuende« nicht znrttckgestellt« PostsparcaffeN'Lonto »47007. In da» «bonnement kann man täglich eintreten. GrHemt jede« Freitag anter Mtrvftrlmng der vom jüdischen Volks- Verein erwählten Prsssrommifston. Inserate übernehmen die Zirmen: I. Danneberg, M. DuleS, Haasm» stein L Vogler, Rudolf Moffe, *L Oppel», S3t Pozsonhi, H. Schalet in Wien, ferner alle Unnoncen-Trpedtttonen im SuSlande. Girrzel-Nummer in Wie« I« Heller. Administralion r YIH/1, SchlStzelgalse 11. AbonnementSpreiS r 8ür Wie« ». Oesterretch.Nngarn sammt Francozustellung. «anzjährig Halbjährig vierteljährig Kr. 8.- Für baS gesammte Ausland sammt Francozustellung. Ganzjährig . Halbjährig . Vierteljährig Kr 9.- 4.SO «.»5 . 89 Mir«- 27. September 1901. LH. Jahrgang. 1 ",.. >»"> wtfkrjtwawyM und Woruda ihren Allgaben aufrecht; beim sie wussten: Uns kann nichts geschehen. Sie vertrauten aus die Macht der antiseinitischen Maffia, und sie täuschten sich auch nicht darin; denn bis heute ist nicht gegen sie die Anklage wegen Meineid erhoben worden. Wir fragen aber den Justizminister, ob er in sich nicht die Pflicht verspürte, den Process vor ein unbefangenes Gericht zu verweisen? Wusste er nicht, wie unterwühlt der Bodell war, auf dein es tagte? Las er nicht, dass die Zeugen, je öfter nran sie befragte und je weiter der Mord hinter ihnen lag, umso lnehr und umso genauere Details ihren Aussagen beifügten? War es ihm unbekannt, dass von Seiten Verganis in Polna ein eigenes Bureau zur Verbreitung und Ausschrotung des Ritualmordmärchens errichtet wurde? Entgieng es ihm, dass unter den Augen der Behörden ganz Ostböhmeil mit czechischen antisemitischen Broschüren überschwemmt wurde? Hörte er nicht, dass in der czechischen Presse es als ein Gebot der nationalen Ehre und Würde erklärt wurde, dass Hülsner verurtheilt werde? Alles dies ließen ullsere Richter unbeachtet, und so kommt es, dass Hülsner zu lebenslällglichem Kerker verurtheilt in Prag gefangen gehalten wird, ein Lebendigtodter. Die italienische Presse hat sich mit seltener Einmüthigkeit gegeir Pallizzolo ausgesprochen. Sie handelt in der Ueberzeugung, dass zwei abscheuliche Verbrechen allzu lange ungesühnt geblieben sind, dass es eine Schmach für die italienische Rechtspflege ist, wenn in Sicilien Polizeibeamte und Richter inrührender: Uebereinstinunung Dinge vertuschten, die sie mit der Fackel der Wahrheit beleuchten sollten. Das Gefühl patriotischen Schmerzes und nationaler Scham vor dem Auslande treibt die italienische Presse an, wenn sie nicht darauf wartet, dass die Geschwornen den Mann verurtheilen, den die öffentliche Meinung längst gerichtet hat. Man hat in Italien das Gefühl, dass der Process in Bologna ein Duell zwischen dem Gesetz und der Maffia sei, dass nicht fünf einzelne Individuen dort vor Gericht stehen, sondern die ganze unheimliche Gesellschaft, die den Schrecken aller ehrlichen Leute Siciliens und einen dunklen Fleck auf dem Namen der schönen Insel bildet. Wie verhielt sich aber die österreichische Presse zum Falle Hülsner? Da gab cs auf einer Seite eine Schandpresse, die geflissentlich mit den wahnwitzigsten Märchen, dem Repertoire des finstersten Mittelalters entnommen, die Gemüther verwirrte und verhetzte; auf der anderen Seite gab die anständige Presse nach einigen Anläufen die Sache auf. Nur das „I. V." betreibt unermüdlich die Sache eines Unschuldigen; wir lassen uns die Ueberzeugung an der Unschuld Hülsners nicht rauben und werden nicht müde werden, unsere Stimme zu seinen Gunsten zu erheben. An die ostereichische Presse aber, so weit sie anständig ist, richten wir den Appell, sich an der Haltung der italienischen im Falle Pallizzolo und der französischen im Falle Dreyfus ein Muster zu nehinen. Dann werden wir auch in Oesterreich den Sieg der Wahrheit erleben. * Der Streit um die Moral. Dieser Tage lief eine Notiz durch alle antisemitischen Blätter, die gegen die antisemitischen Blätter gerichtet war. Die „Neuesten Nachrichten" des Herrn Massieek citierten die „Deutsche Zeitung", welche schrieb, dass es in allen Parteien Lumpen gäbe, welche sich bereicherten und die Partei compromittierten. Die „Neuesten Nachrichten" druckten die Notiz ab, mit der Bemerkung: So schreibt die „Deutsche Zeitung"! Die „Arb.-Ztg-" druckte diese Notiz aus den „N. N." ab, und die „Ostd. R." druckte sie aus der ,Arb.-Ztg." ab. Alle Abdrücke erfolgten mit einer Glosse, die verschämt besagte: Ein L— schreibt über den anderen. Da es in Wien kein Blatt gibt, welches die Notiz unbefangen abdrucken könnte: — jedes muss eben dabei an seine Partei und seine Lumpen denken — so liegt die Gefahr nahe, dass am Ende die Quelle vergessen wird. Die Quelle aber bleibt immer die ,D. Ztg.", die vor kaum zwei Jahren einen Nothschrei erschallen ließ, der die Herzen der antisemitischen Bürger erschüttern sollte, und die heute ein vergoldetes Palais in der Buchfeldgasse stehen und in der Riem erg asse ein Bureau eingerichtet hat, das an Eleganz der Einrichtung alle die Sammelbüchsen in der Schulerstraße tief in den Schatten stellt. Es ist possierlich zu schauen, wie nun Herr Massieek, der mit seinem Blatte selbst nicht in die Höhe kommen konnte, dem Herrn Stadtrath Dr. W ä h n e r neidig ist, der als Tramwayreferent zu hohen — Ehren gekommen ist! Am Ende ist's ja doch egal, woher das Geld fließt. Ob aus clericalem, ob aus jüdischem Säckel! Die Hauptsache ist, dass es die christlichen Vorkämpfer haben, damit ist das antisemitische Programm erfüllt. Der Herr Wähner hat sich geholfen, der Herr Wolf hat sich geholfen, der Firma: „Frisch Vorwärts & Co." geht's auch nicht schlecht. Herr Massieek hat nicht unrecht, wenn er sich darüber beklagt, dass er nicht in die Höhe kommt. Er ist ja auch ein — Zeitungsherausgeber. Vom Tage. Die österreichische Maffia. Am 1. Februar 1893 fand mau bei einer kleinen stcilianischen Eisenbahnstation den Leichnam des Marchese Notarbartolo; er war im Coupee ermordet und der/Leichnam dann zum Fenster hinausgeworfen! worden. ' An einen Raubmord glaubte niemaud. Die Bluttbat war offenbar ein Rachelverk. Wer konnte den Ermordeten so tödlich gehasst haben? In Oesterreich hätte nun der Mörder oder sein Anhang es sehr leicht gehabt, die Spuren des Mordes zu verwischen; er hätte nur eine Ritualmordkomödie zu inscenieren brauchen, der bewährte Bluthund hätte rasch einige unschuldige Juden des Mordes bezichtigt, und alles hätte vor Gericht geklappt. Nun ist Italien bis jetzt von dieser schönen Blüte der europäischen Culüir verschont geblieben, und die öffentliche Meinung schöpfte sofort Verdacht gegen Pallizzolo, der als persönlicher und politischer Feind Notarbartolos bekannt war. Pallizzolo war aber das Haupt der Maffia in Palermo, und es bedurfte eines großen Aufwandes von Energie, um Pallizzolo nach einigen vergeblichem Versuchen endlich vor das Tribunal stellen zu können. Man verlegte den Process nach Bologna; das war eine unbedingte Notwendigkeit. In Palermo hat ein Mann, der zu der Maffia hält, keine Verurteilung zu besorgen. Er mag was immer begangen haben; niehr als die belastendsten Zeugenaussagen, mehr als die schlagendsten Beweise, mehr als die Mahnungen des Gewissens und das Belvusstsein der Pflicht wirkt auf die Geschwornen die Furcht vor der Rache der Maftia, die schnell und sicher trifft. Der genreine Sicilianer hält es auch für ein Gebot der Ehre, vor Gericht falsch auszusagen, ivenn es sich um den Vortheil oder gar die Rettung eines Verwandten, Freundes oder Genossen handelt. So wie die Maffia in Sicilien, wirkt die antisemitische Volksverhetzung und Volksverdummung tu Oesterreich; so wirkte sie speciell inr Falle Hülsner. Wir haben erst jüngst nachgewiesen, dass zur Zeit des Processes Hülsner Meineide in Polna so billig wie Brombeeren waren. Bekannt ist, dass mehrere Zeugen unter Eid angaben, den Angeklagten Fried in Gesellschaft Hülsners am kririschen Tage im VrezincNvald gesehen zu haben, bis Fried so glücklich war, einen amtlichen Alibibeweis zu bringen. Aber selbst diesein a m 1 l i ch e n, von Ariern ausges'ellten Zeugnisse gegenüber hielten die biederen Skareda Feuilleton. Geduld, mein Volk, Geduld! Das ist die zweite Wanderung Durch Deine heiße Wüste. , Dann kühlt Dich süß Oasentrunk Für bitter abgcbüstte Ergraute Ahnenschuld. Geduld, mein Volk, Geduld! Was Du gelitten und gelernt, Erfahrung soll Dir bleiben, Uneinigkeit, die sei entfernt! Lass Frieden Knospen treiben, D'raus blüht Dir Gottes Huld I Geduld, mein Volk, Geduld! Noch grünen um den Libanon Ethogrim, Mhrt und Palmen. Noch siehst Dü Deines Werkes Lohn Gereift aus eig'nen Halmen-- Geduld, mein Volk, Geduld! Wien. Marek Scherlag. Die Rückkehr. Frei nach dem Hebräischen.*) Ein herrlicher Sonnnerabend. Die scheidenden Sonnenstrahlen beleuchten die reich gesegnete podolische Ebene, ein leiser Wind gleitet über die Weizenfelder und die gol- *) Von S. Urnausti („Hador" Nr. 41). digen Strahlen verflechten sich mit den Zweigen des gegenüberliegenden Waldes. Zwischen Flur und Wald führt ein schmaler, ungepflegter Pfad ins Dorf Chostika im Kiewer Gouvernement. Der Weg liegt still und ruhig. Der Verkehr, der auch bei Tag nur spärlich ist, hört gegen Abend gänzlich auf, die Bauern haben sich schon längst ins Dorf zurückbegeben und Fremde erscheinen nur selten in dieser Gegend. _ Und doch . . . Ein Soldat mit seinen wuchtigen Schritten stört jetzt die heilige Stille, ein stattlicher, hochgewachsener Mann mit breiten Schultern, das derbe, gesunde Antlitz von der Sonne gebräunt, die Augen von einer leichten Müdigkeit umschattet, jedoch kühn und unerschrocken. Er trägt ein leichtes Gepäck auf den Schultern und einen starken Stock in der Hand. Rasch schreitet er und! sein Blick gleitet zuweilen bald auf die eine Seite, bald auf die andere Seite, wie um sich an alle jene Plätzchen in Wald und Flur zu erinnern, auf denen er einen Theil seiner Kinderjahre zugebracht hat. Die Zeit, seitdem er von seiner Heimat abwesend tvar, scheint ihm sofern und doch erkennt er alle Einzelheiten der Umgebung. Unwillkürlich treten ihm die Thränen in seine weit geöffneten Augen, noch eine kleine Weile und er befindet sich wieder: in seinem Heimatsdorfe, er sieht wieder Vater, Mutter und Schwester und Rachel, die Tochter des Nachbars Abraham, der er in früheren Jahren so nahe stand ... Schneller schreitet er aus und die Scene seines Abschieds erscheint deutlich vor seinem geistigen Auge: Die Mutter schaut lvie verwirrt um sich, die kleine Schwester zerrt an seinen Nockschößen, als wollte sie ihn zurückhalten, die alte Großmutter überreicht ihm ein kleines Leinwandsäckchen mit den Reise-Effecten, unter denen sich die Tefilin und ein kleines Gebetbuch befinden. „Vergiss nicht," sagte sie unter Thränen, „täglich zu beten und kehre zurück als All das erscheint ihm jetzt gegenwärtig und am deutlichsten erscheint ihm Rachel, wie sie am Thore stand und das weinende Antlitz mit den Händen verhüllte. Sechs Jahre sind seit jener Zeit verflossen, und was hat sich nicht alles in dieser Zeit ereignet! Von Podolien lvurde er nach Asien geschickt, in der Gegend vom Amur lag sein Regiment, bis zu den Grenzen Afghanistans tvar er Vorgedrungen. Einigemal lvurde er verlvundet, einmal sogar gefährlich, seine Vorgesetzten hatten seinen Muth und seine Tapferkeit rühmend hervorgehoben und er erhielt auch eine Medaille, welche die blutenden Wunden seines Leibes verdecken sollte ... § _ .. All diese Erinnerungen machten sein Herz freudiger , pochen und auf seinen Lippen schwebte das Motiv eines Soldatenliedes, welches sie auf den Märschen zu singen pflegten... . Und nun gedenkt er des Abschieds vom Regiment. Einen langen, sehr langen Weg hatte er bis hieher zurückzulegen, aber: er that es mit Freude, in dem Bewusstsein, bald seine Eltern wiederzusehen, seine Großmutter, der: er zeigen wollte, dass er noch immer die Tefilin imd das Gebetbuch mit sich trage und Rachel . . . All diese Hoffnungen ließen ihn die Mühseligkeiten vergessen imd jetzt näherte er sich immer mehr dem Vaterhause, und welche Freuve rvürde sein plötzliches Erscheinen erwecken! Er würde seine Eltern gleich erkennen, ob auch sie ihn? Diese letzten Jahre hatten ja beinahe den Ausdruck seines Gesichtes Verändert ... Die Sonne war inzwischen ganz versunken. Die Nacht begann und der Soldat suchte jetzt im Schein des Mondes seinen Weg. Dort lag das Dorf, dort das Vaterhaus, immer rascher: bewegt er sich, er eilt ... die Bauern schlafen bereits, kein Licht in allen Fensterchen, tiefe Stille herrscht überall, weit und breit keine Regung, und er steht bereits auf der ersehnten Stelle . . .

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