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Jüdisches Volksblatt · 1901-09-20 · 38 (20.9.1901) · page 1

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
3 (1901)
Issue
38 (20.9.1901)
Date
1901-09-20
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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ßs’esslian: .11. Cj?r«f5ftßMl<e«i »in 'ttvtinitaQvi von 4 bis 6 Uhr »achm-ltakS. WoWblatt, Wie«, VMIL. Vrsr^krrrvrn vegen serlpäteter oder oar ni^t crioigter guftelhtafj «Ditim mir IMS dringend. — Mannsertl-Se Sverrl-en nicht zmckL-resteitt. Postsjmrcnsien-Sonto «47»S7. In das Lbop.nrmrnt kann man täglich cintreten. Ar. 38 rrrttL« Mitwijdmrrg drr vmn jKZrtMrrn iSolKs- Usrgt« rrw-AHKsn Pr.'rfsrmmntfstoN. g.sjesfite übernehmen die Firmen: I. Banneberg, M. DukeS, Haasen- ,Mn St Bögler, Rudolf Avise, L. Oppelik, Di. Pozsnnyi, 8. Schales in Wien, ferner aüe klnnoncen-Lxpeditionen im kiuSlande. MRzel-NrrWMer irr Wie» IG Heller. ihn, 20. September 1901. Mminiskralion: YIU/l, Schlötzrlgasse 11. MonnementSpreiS r Für Wien «. ivesterretch-Ungaru iamnit Francozustellung. Kan,»jührig . . Kr. 8.- ^albjührig . . . „ 4.— Bierteljäbrig. ».- Für daS gesammte Ausland sammt Francozustellung. Ganzjährig . Halbjährig . Vierteljährig Kr. ».- „ 4.50 .. S.S5 ■ AOTagg4gr»^K*tt”|-wrMritt«or»«^^smayj»Jiiu«ia>Jii ■ III. Jahrgang. Vom Tage. Versöhnung. Wir stehen an der Schwelle des Versöhnungstages. Das ist ein Tag der Erhebung und der Läuterung. Nicht das Fasten, das Beten und die Buße bilden die Kennzeichen dieses Tages, auch nicht das Weinen, das Sinnen und Grübeln bilden die charakteristischen Züge des jüdischen Volkes am 10. Tischri, sondern es ist ein Tag, in welchem sich die menschliche Seele der Gottheit nahe fühlt, der den Geist mit einem Schimmer der Erhabenheit umgibt und das menschliche Herz tiefer und fühlender gestaltet. Es ist der Tag, au dem das Individuelle in den großen Zug der Allgemeinheit verschmilzt, jeder einzelne sich nur als ein schwaches Glied einer höhern Einheit, der Volksindividualität fühlt und die Kleinlichkeiten des Irdischen vor dem Glanz des Göttlichen erblaßen. Es ist der Tag der Versöhnung im reinsten und edelsten Sinne des Wortes, er soll uns mit Gott versöhnen, den Menschen mit seinem Mitmenschen, Himmel und Erde soll er verschmelzen und verschmelzen auch alle Seelen und Herzen, die da auf der weiten Erde fühlen und sinnen. So überkommt jeden ein Zug des Erhabenen, der Großmuth, und nicht Schreck und Angst fiößt dieser Tag dem wahrhaft Frommen ein, sondern versetzt ihn in jene mild versöhnende Stimmung, die höher ist als irdisches Glück . . . Einst war eS Sitte und Brauch bei unseren Vätern in der „Gasse", am Vorabend des Jom Kippur den Nachbar „Mechila" zu bitten, und selbst die bittersten Feinde mussten sich an diesem Tage zur Versöhnung die Hand reichen, der Jüngere gieng zum Aelteren, um von ihm Verzeihung zu erbitten, und aller Trotz und alle Erbitterung schmolz wie Schnee im Frühling. Und wenn es sich dennoch traf, dass einer, dem ein tiefes Unrecht oder ein besonderer Schmerz geschah, die dargebotene Hand der Versöhnung nicht annehmen wollte, so pflegten sich die Rabbiner, die Vorsteher der Gemeinde, die Verwandten und Freunde so lange durch Zureden um ihn zu bemühen, bis sein Herz zum Erweichen kam. Im Volksmunde hat sich manche Sage von Dickschädeln erhalten, die an jenem Tage trotz gütlichen Zuredens von ihrem Groll nicht lassen wollten, und fast alle schließen mit dem Tode und mit der wundersamen Bestrafung des unbeugsamen Menschen. Versöhnung, Vereinigung aller im Frieden, das ist die Losung dieses Tages. Und ist es nicht naheliegend, an diesem Tage die Frage der Versöhnung und Vereinigung aller im jüdisch-nationalen Sinne zu berühren? Das wäre wahrhaft der richtige Moment, um allen Parteien des Judenthums, die das Wohl unseres Volkes anstrebeu, zuzurufen: Vereinigt Euch brüderlich! Wir wollen jetzt gerne an die gute Absicht eines jeden und an die Liebe zu seinem Volke glauben. Aufrichtig wollen wir die Betheuerung entgegennehmen, dass alle es wahrhaftig und vom tiefsten Herzen mit der Lösung der sogenannten An der Magenmuer. Tief tönt aus Stein ein Stöhnen, Wo Juden klagend kauern, Heiß sickern bitt're Thränen Aus altersgrauen Mauern . . . Trotz Glut und Himmelsflimmer Die Beter tief erschauern, Wo ihres Tempel Trümmer Um alte Zeiten trauern. Wenn Steine weinen können, Wie ist es erst mit Herzen, In denen blutend brennen Der Wunden ew'ge Kerzen? Es würden sie die rothen Schmerzflammen wild verzehren, Wenn einmal sie nicht lohten Hinauf in weite Sphären . . . Ruinen, ach, Ruinen, Wie schmerzlich weh' ihr Los; Die Winde hausen drinnen, Kein Epheu rankt im Moos . . . Es ragen des Feindes Zinnen Stolz höhnend im Sonnenschein — Werden lang die Thränen rinnen Und wir — Ruinen sein? ' „Judenfrage" meinen. Nicht kritisieren wollen wir und das Trennende mit hämischen Glosieu versehen, sondern wir wollen uns bemühen, alle Berührungspunkte zu sammeln, um eine Basis für die Vereinigung aller zu gewinnen. Schon allein das Wort „jüdisch-national" muß uns mit Versöhnung erfüllen und mehr noch das einzige Wort „Jude", das wie ein Brennpunkt leuchtet, in dem alle jüdischen Patrioten, mögen sie wer immer sein und welcher Partei immer angehören, sich sammeln können. Wenn es selbst in der großen Welt der politischen Kämpfe und der nationalen Zerklüftung manchmal gelingt, einen Punkt ausfindig zu machen, der die Streitenden näher bringt, um wie viel leichter muss dies uns gelingen, da wir doch darin einig sind, dieselbe Volkssache zu stützen und demselben Volke Hilfe zu bringen. Daher wollen wir hier nicht ein ganzes Programm aufrollen und uns in eine Kritik der Parteibestrebungen anderer einlassen, es soll nur eine Anregung im allgemeinen gegeben werden, und wenn diese fühlende Herzen finden wird, so ist auch schon jener Berührungspunkt gefunden, der alle zu gemeinsamer Thätigkeit aufrütteln wird. Denn es ist nicht nöthig, unsere eigenen Brüder an das Wort unseres alten Propheten zu erinnern: „Wir sind ja Kinder eines Volkes, Kinder einer Mutter, warum sollen wir getrennt gehen Die Versöhnung und Vereinigung aller jüdischen Parteien und Verbindungen sei das leuchtende Ziel, das uns an diesem hehren Tage vorschreiten soll. » 1 De mortüis nil nisi — malum. Das Hervorstechendste bei den jüngsten polnischen Landtagswahlen ist nicht der Sieg der Schlachta— sondern der völlige Zusammenbruch der jüdischpolnischen Assimilationspartei. Juden und Polen haben sich bemüht, das Tischtuch, das nicht sehr reinlich war, zwischen sich entwei zu schneiden. Man bedenke: in Krakau drang die gesammte conservative Liste durch bis auf den Juden Horowitz; die biederen christlichen Conservativen gestatteten großmüthig, dass bei tausend conservative Juden für sie stimmten, sie selbst aber — nie honorowo ale zdrawo — brachen den Paet und ließen den Candidaten Horowitz in Stich. Dasselbe Schauspiel wiederholte sich in Lemberg; dorten drang die demokratische Compromsisliste durch bis auf Dr. Byk, der dem Bauer Bojko weichen musste. Byk und Horowitz sitzen in dem polnischen Centralwahlcomite, das selbstherrlicher als irgeud ein Potentat über Würden in Galizien verfügt; sie sind die ergebensten Sclaven der Assimilationspolitik, die hunderttausende von Juden vor den Siegeswagen der Schlachta spannt, damit einige Günstlinge sich von den Brosamen mästen können die von dem Herrentische herabfallen. Eng an die Quadern sie lehnen Die Stirnen heiß und fromm — Die Mauern schweben und dehnen Sich hoch zum Himmelsdom, Und jeder der Beter erbebet In seelenverzückler Vision- Und wie er so betet und schwebet: Steht er vor Gottesthron. Kelcse. Marek Scherlag. Das Lied Asfaphs. 83. Psalm. Allgroßer Gott! Verlass' mich nicht In meiner Roth, Allgroßer Gott, Verstumme nicht! Dein Sclave bebt. Beschämt, beraubt; Dein Feind erhebt Sein trotzig Haupt, Er schmiedet Listen Wider Dich Und mich. Dein Volk! Sie rüsten Und werben, Mich zu verderben, Dies schützte sie nicht vor dem Durchfalle; denn der Geist des sattsam bekannten Stojalowski ist bereits so mächtig, dass im Geheimen vom _ Centralwahleomit« gegen seine eigenen Candidatenintriguiert wurde. Uns fällt es sicher nicht ein, für Horowitz und Byk eine Lanze zu brechen; aber diese beispiellose, echt polnische Felonie musste gebrandmarkt werden. Uns kann es recht sein, denn ziehen wir einmal eine Bilanz des jetzigen Systems. Das ganze Land wurde mit einem Netze von Kolka rolnicze überzogen; der Landesausschuss schoss aus den öffentlichen Geldern, 20,000.000 Kronen dafür vor. Diese Consumvereine arbeiten systematisch dahin, den jüdischen kleinen Kaufmann und Gewerbetreibenden brotlos zu machen. Die herrschende Sprache in allen galizischen Mittel¬ und Hochschulen ist die polnische; der jüdische Student erkauft die Kenntnis dieser Sprache mit dem Löwenantheile seiner Studienzeit, damit er nach Absolvierung seiner Studien hermetisch von allen Landesämtern ausgeschlossen ist. Dabei sind die Polen so gnädig, zehntausende jüdischer Kinder von christlichen Lehrern unterrichten zu lassen, wogegen die Aufnahme jüdischer Lehrer an Landesschulen nach polnischer Weltanschauung ganz unzulässig ist; überdies werden der Aufnahme jüdischer Kinder an den allgemeinen Volksschulen und Präparandien allerlei Hindernisse in den Weg gelegt. Den Salzhandel hat der galizische Landesausschuss schon längst den Juden entrissen, die Naphthaproduction durch das famose Zechner'sche Gesetz ebenfalls. Bei allen diesen antisemitischen Gesetzen waren die jüdischen Abgeordneten stumme Kronzeugen. Ach, wie ungerecht! höre ich im Geiste unsere Polen christlicher und mosaischer Confession ausrufen; hat doch der hohe Landtag 2000 fl. für die Errichtung einer jüdischtheologischen Lehranstalt bewilligt! Man muss wissen, was im Hintergründe dieser Gabe von lumpigen 2000 fl. schlummerte; die jüdische Religion im polnischen Gewände soll erst recht zur Polonisierung der jüdischen Kinder führen. Das wäre der empfindlichste Schaden, den die galizischen Juden noch erleiden könnten; die jüdische Religion soll nur in einer Sprache gelehrt werden — in der hlebräischen. Resümieren wir also: Das Bündnis von Kahal und Schlachta hat nur Unheil über Juda gebracht; Noth und Elend sind der Dank, dass die jüdische Nation ein Jahrzehnt unverdrossen ad maiorem glpriam nationis polonicae gearbeitet hat. Dass die Polen in hinterlistiger Weise ihre eigenen Helfershelfer, a 1a Byk und Horow i tz, entgegen einer bindenden Verabredung, vor die Thüre gesetzt haben, das mögen die betreffenden Herren selbst mit ihren Freundchen ausmachen. Und ohne Erben Soll ich sterben, Weil ich Dich verehre — O Herr, erhöre. Und lehre und mehre Und wehre Dein Volk! Du wirst sie zermalmen Wie dürre Halmen, Im Wirbel gedreht, Vom Winde verweht! Wie Glut und Flammen, Die dürren Fichten — Du kannst sie verdammen, Wie Glut und Flammen Vernichten. Und Schmach und Klagen Sende umher. Dass sie zittern und zagen, Und flüstern und fragen: „Wer. Wer ist der Herr?" Und sie werden entfliehen Und vergeh'«, Und sterbend seh'n Erwachen und blühen, Sich selbst befreien, Befreit gedeihen Deine Treuen, Dein Volk! Beda.

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