Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 3 (1901)
- Issue
- 36 (6.9.1901)
- Date
- 1901-09-06
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Lsdartion:?IU/1, li. G-r«^>y«vde»r S« SSjxtir.uagen ron 4 bts 8 Uhr nachmittag». ALdtscheS »olk--latt, W3t*n, vill|l. V»sü»Ntori»on wegen sertzttiteter oder b«r nicht erfolgter tzufteUung erbitiea wir «ns dringend. — Münasrrwt« werbe» reicht zmÄSgeHeltt. Postfparcafsen-Lowo S470S7. An daS Nbonnemerü lärm «an täglich Untrere». »r. 3« MM jeden Mag mtisr Mirkrirkrrmg drr vom MMrtzrn VolK»- vsrrtn erwählten Prsfsrowmifston. Jrrferate übernehme« die Firmm: I. Dannrberg» M. Duke», Haafcnftetn L Bögler, Rudolf Mosfe, Sl. vppelif, M. Pozfonhi, N. Schalet in Wie», ferner alle Nnnoncm-Lrpedittonen tm kluSlande. Mrrzel-Nttwwer i« Wie» IS Heller, lies. 6. KeplemKer 1901. Lümintlkrarion: TUI/1, SchlShelgsstie kl« AbormerrrentSpreiS: Für Wie« n. Oesterreich-Ungarn sammt Francozustellung. »anziShrig tzalbiäyri^ . Kr. 8.- Für baS gefammte LluSlmrd sammt Francozuflellung. LanzjShrig . . . Halbjährig . . . vierteljährig .... Kr. 0- . 48« l »ÄS III. Jahrgang. Vom Tage. ltatholicismirr und Antisemitismus. Im Oriente herrscht die Sitte, dass in vornehmen Häusern neben den Heranwachsenden Stammhaltern eigene Prügelknaben gehalten werden. Begeht der Prinz irgendeinen Frevel, leichtsinnigen Streich oder eine Gewaltthat, oder ist er 31t faul, wird der Prügelknabe gezüchtigt. Dieses System könnte allerdings seine erzieherische Wirkung nur auf solche Sprösslinge nusüben, die von der Philosophie Schopenhauers erfüllt, das Mitleid als weltbewegendes Princip empfinden. Der Seltenheit dieser Gesinnung entspricht auch die Selteliheit eines Erfolges; die Jungen werden ebenso grausam und ungerecht wie die Alten. Der Katholicismus hat nebst manchen anderen Dingen auch die Institution des Prügelknaben aus dein Oriente übernommen. Für alle seine Fehler und Verirrungen lässt er die Juden büßen. Wuchs im Volke die Empörung und der Unwille gegen die Herrschsucht der Priester und der Neid auf die Reichthümer der todten Hand, so arrangierten die Pfaffen im Mittelalter rasch eine kleine Plünderung der Juden und die Jnstincte des süßen Pöbels waren für einige Zeit wieder eingelullt. So weit können die Priester der Nächstenliebe allerdings heute nicht gehen; nicht als ob ihnen die Lust dazu fehlte, nur ihre Macht auf die gläubigen Gemnther ist nicht mehr so groß. Aber die Methode ist geblieben; und ich bin überzeugt, dass die heißesten Wünsche für die Rückkehr der Juden nach Spanien aus dem Munde der bedrängten Patres kommen, die in Ermanglung des bewährten Prügelknaben die Wuth der entfesselten Volksmassen auf ihren eigenen Ni'icken zu fühlen bekommen. In Oesterreich practiciert der Clerus aber lustig die alte Methode. Seine Sünden stanken so zum Himmel, dass sich eine immer größere Abfallsbeweg.nng über Oesterreich ausbreitete, zumal in Böhmen und Tirol. In Böhmen steht der Katholicismus machtlos dieser Bewegung gegenüber; denn von dem zu vielen Hepp-Hepp- Geschrei ist das Ohr der biederen Böhmen für diese Sache ganz stumpf geworden. Aber in den: alten Stammlande der katholischen Herrschaft, in Tirol, versucht man neuerdings diesen Schlager mit Erfolg. Denn hier kennt der Bauer den Inden nur vom Hörensagen. So packen die biederen Jesuwider die ältesten Märchen, die gröbsten Lügen und die fettesten Gemeinheitekl getrost vor dem dummen Wastl aus; dieser reißt gewaltig das Maul auf, wenn ihm erzählt wird, die Juden brauchen Christenblut, und glaubt es. Ungescheut wird der Process gegen die Trienter Juden, dieserSchandfleck in derGeschichte der katholischen K i r ch e, für diese Zwecke ausgebeutet. Wir haben einen solchen Hetzkaplan hier angenagelt; wir haben ihm einige Fragen gestellt, vor denen ihm Hören und i Sehen so vergangen ist, dass er die Antwort vergaß. Aber das Geschick rächt selbst diese Erbärmlichkeiten. Der conse-! qüente logische Antisemitismus muss sich zuletzt gegen die j katholische Kirche, gegen das Christenthum überhaupt wenj den. Denn man mag sich drehen und winden, wie man i will, das Christenthum ist das Werk einiger genialer Juden.! Nun ist Logik und Consequenz das letzte, was man bei ' unseren Antisemiten finden kann. Aber manchmal haben! sie solche Anwandlungen, so insceniert die ganze aniisemi- * tische Meute jetzt eine Hetze gegen den Fürsterzbischof Kohn. ■ Der gute Mann soll einmal ganz naiv erklärt haben, dass : er diese Feindschaft gerade gegen seine Person nicht begreife. Und er hat recht, denn was waren Jesus von Nazareth, die Apostel Paulus und Petrus anders als getaufte Juden.! Im „Vaterland", unter dessen liebevoller Patronanz : der Antisemitismus seinen Einzug in Oesterreich hielt, erj eifert sich nun ein Rath der fürsterzbischöflichen Kanzlei! gegen den „gemeinen Antisemitismu s" Verganis, der nur aus „ConcurrenzundGeschäftsgei st gegen die Alldeutschen" betrieben werde. Wir fragen den Fürsterzbischof Kohn, ob sich der P. ' Schöpfer nicht eines schweren Vergehens gegen die k a t h ol i s ch e Kirche schuldig mache, wenn er behauptet, dass die i Gefahr von Seiten der Juden in der Rasse liege? j Wir fragen ferner den fürsterzbischöflichen Consistoriali rath: „Ist das, was der Pater Schöpfer und die Jesuiten; in Tirol treiben, etwas anderes als „gemeiner Antisemitismus"?" j Wir fragen, welchen Motiven diese Judenhetze in Tirol! entspringt, wenn sie nicht „ans Concurrenz und Geschäfts-; geist gegen die Alldeutschen" betrieben wird? Caveant eonsules, ne quid detrimenti res publica capiat! Rom glaubt, Juda vernichten zu können. Das gelingt ihm nicht. Wohl aber untergräbt es seine eigenen Fundamente. In dem kurzen Zwischenräume van wenigen Tagen hat der Tod Oesterreich zwei seiner besten Männer geraubt, zwei jener wenigen österreichischen Politiker, die hervorragend durch Talent wie durch Charakter ihre Aufgabe Feuilleton. Gin Iudenercess. Von Maxim Gorkij. Deutsch von Julie Goldbaum. (Schluss.) Das markerschütternde Geschrei eines Kindes drang durch die Luft — es war eilt entsetzlicher Ton, mitten in dem dumpfen Gebrülle der Mellte schlug es wie ein Blitz aus den Wolken ein, und das Gejohle schien sich liachher etwas zu beruhigen. „Rührt sie nicht an!" brüllte jemand. ' „Rührt die Kiilder llicht an!" „Prügelt die Erwachsenen!" Nochillats erscholl das Geschrei des Kindes — der dünne, scharfe Ton schnitt ins Herz und betäubte lwch mehr als der übrige "Lärm. „Zlnn Tellfel!" überschrie jeinand wüthend das Getöse. „Hall ihn über den Kopf." „Er hat mich in den Fuß getroffen ..." „Geschickt ist er, der alte Tellfel!" „Antip! Komm' hinauf, wir werden den Inden hermiterwerfenl" Zwei riesige Lastträger stießen die Menge auseinander, giengen ans den Anbau zu uild krochen ans das Dach. Aus einein der Fenster des Hauses blickte wieder der Bursche rnit dem rothen breiten Gesichte. Er iliachte Anstrengungen, um durch das Fenster einen Kasten oder eine Kiste durchzlldrängen und rief herlinter: „He, Kinder, fangt das Geschirr auf." Die Kiste ließ sich aber nicht durchzwängen, da zog sie der Bursche wieder herein, verschwand einen Angellblick, erschien dann wieder Mm Fenster und ließ ein gedehntes Geheul, demjenigen eines Wolfes ähnlich, vernehmen: „Ha—abt A—acht!" Ein Hausen Teller rollte aus dem Fenster, dann blitzte in der Luft ein Samowar. Die Menschen unten stoben auseinander, deckten ihre Köpfe mit den Händen zu mld lachten ans voller Kehle. Ein dicker rothhaariger Bursche packte deil Samowar, hob ihn hoch über seinen Kopf, warf ihn wieder zll Boden itnb begann ihr: mit Füßen zu treten. Vom Dache drang ein nicht lnenschliches Geheul . . . Alle blickteil in die Höhe. Das eiserne Dach klirrte . . . Plötzlich sah inan am Rande des Daches etwas Großes; es blieb einige Sekunden zitternd in der Luft schlveben, dann heulte es und Nummerte, riss sich los und stürzte herunter. Ein weiches, lvidrtges Aufklatschen wurde hörbar . . . Ich stürzte aus dem Hofe, verfolgt von dem wilden triumphierenden Gebrüll: „A—a—a! ..." „Ha, ha, ha—a! ..." „Herunter ist er!" Ans der Straße zertrümmerten Männer Sessel, Tische lllld Koffer und rissen unter lautem Gelächter Kleidungsstücke entzwei. Federn schwebten in der Luft; aus den Fenstern zweier Hällser flogen zu Füßen der Menschen Polster, Körbe, Möbel, Kleider; die in ihrem Vernichtnngsdrange wahnsinnig gewordene Mellte fieng die Sachen auf, zerschlug, zerfetzte sie. Zwei Frauen mit zerzausten Haaren und rothen verschwitztell Gesichtern zogen krampfhaft, jede voll einer anderen Seite, all eiller.Kiste. Die Federn und Dauilen schwirrten uiil ihre Köpfe, sie rissen den Mund weit alif mid riefeil sich etwas zll, doch das Kracheil des Holzes, das Gejohle und Gebrüll der Menge, nnb das ans den Häusern dringende entsetzliche angsterfüllte Geschrei deckten ihre Stimmen, ilicht in der Verhetzung der Nationalitäten und Rassen, sondern in der Förderung der Friedensidee, in dem Dienste für das österreichische Staatsganze erblickten. Die beiden Todten, der Ex-Finanzlninister Dr. Kaizl, ein Czeche, und der ehemalige Präsident des österreichischen Abgeordnetenhauses Graf Coronini, ein gebürtiger Deutscher mit italienischem Einschlag, waren beide Gegner jenes in dem letzten Jahrzehnt Mode gewordenen Nationalismus, der nicht in der geistigen und materiellen Fürsorge für das eigene Volk, sondern in der chauvinistischen Hetze gegen . die anderssprechenden und andersgläubigen österreichischen ReichAgenossen und speciell im Rassenantisemitismüs gipfelt. Sowie Kaizl nicht nur ein Vertreter des Ausgleiches zwischen Deutschen und Czechen war, sondern in offener Sitzung des österreichischen Parlamentes gegen den Antisemitismus Stellllng nahm, so galt dies noch in erhöhtem Maße von dem verstorbenen Grafen Corinini. Persona gratissima am Hofe hätte er längst Ministerpräsident werden können, wenn er es nicht abgelehnt hätte. Er war ein Vertreter jenes Fischof-Walterskirchen'schen Programmes, welches die Freiheit in Oesterreich für unzertrennlich vom Völkerfrieden hält, und welm die „Nene Freie Presse" in ihrem Nachruf ihn als „liberal-conservativ" bezeichnet, so thaten gerade die Weisen aus der Fichtegasse gut, anlässlich des Todes des Grafen Coronini nicht an all die Sünden zu erinnern, die der „Judenliberalismus" gerade gegenüber dem Grafen Coronini am Gewissen hat, und nicht in letzter Linie die „Neue Freie Presse". Graf Coronini soll „liberal-conservativ" gewesen sein. Was sich wohl die Herren der „Neuen Freien Presse" darunter vorstellen mögen. Graf Coronini war von dein 'Pseudo-Liberalismus, welcher die Unterdrückung ganzer Nationen und Elasten will, ebenso weit entfernt, ' als von jenem Pseudo-Conservativismus, der überlebte politische und sociale Einrichtungen erhalten oder gar wieder zu restaurieren beabsichtigt und überdies mit der Rassenhetze kokettieren. Graf Coronini war Oesterreicher vom Scheitel bis zur Sohle und nur dem Sinne nach ein Conservativer, dass er für die Erhaltung und Consolidierung der österreichischen Gesammtmonarchie eintrat, jedoch war er insofern ein Liberaler, ein wirklicher Fortschrittsmann (in einem ganz anderen Sinne als der Anhang der „Neuen Freien Presse", die gegen ihn als Präsidenten des Abgeordnetenhauses intrigierte und ihm schließlich seine Anwesenheit daselbst verekelte), dass er das gleiche Recht für alle österreichischen Staatsbürger, in nationaler wie in confessioneller Hinsicht unbeugsam vertrat. Unvergessen soll dem Todten seine Rede von 1891 bleiben, in welcher er gegen den Abgeordneten Schneider polemisierend, in einer so fulminanten Weise Ein herkulisch gebauter Bauer in zerrissenem Hemde, ohne Mütze, qieng an mir vorbei. Seine Haare waren zerzaust, und dickes fast schwarzes Blut rann ihm vom Ge, sicht herunter. Er schlug mit den Armen um sich und lächelte mit dem stumpfen Lächeln eines satten Raubthieres. Jetzt näherte er sich einer Straßenlaterne, er innfasste die Stange, druckte feine breite Brust auf dieselbe und begann sie zu rütteln. Die Laterne schwankte und flog klirrend zur Erde. . Von irgendwo stürzte sich wie eure Taube tit eine Rauchwolke ein junges Mädchen in zerfetztem Kleide und aufgelösten Haaren imtcu die Menge. Es lief ben Kops nach rückwärts geworfen mit bleicheni Gesichte imd weitnfgerissenen Augen. „Schlagt die Jüdin!" brüllte jemand, und das Madien verschwand in der dichten Menschenmasse, wie cm gickerstäubchen unter einem Hanfeii Fliegen. Um sie herum in wirrer Menschenknäuel; Fäuste hoben und senktenstch :\ der Lust, ein lüsternes Gemurmel, cynische Spässe, sthimpfworte — bildeten einen einzigen zornig-schadenrohen Ton. „Macht Platz! — Selmann kommt gefahren!" Mehrere Menschen, welche etwas auf dem Straßenflaster hinter sich schleiften, riefen diese Worte. War es in lebendiges Wesen oder eine Leiche — dieser halbnackte, lagere, zerschlagene, mit Blut und Koth bedeckte Körper? ne hatten einen Strick um den Fuß von Selmann geschlnnen und zogen ihn ans dem Straßenpflaster, und ein breiter stntstreifen blieb hinter ihnen zurück. Seine lgngen, mageen Hände badeten in biefem Blute, dort aber, um die Arme ei den Schultern anfangen, schlug zwischen ihnen auf die steine ein blutiger, zerschnndener, formloser Klumpen. Ein halbwüchsiger Bursche nahm einen Anlauf und .irang auf den Körper, seine Füße versanken in den Bauch ne in eine Teigmasse, das Bürschlein baumelte rnit den