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Jüdisches Volksblatt · 1901-08-30 · 35 (30.8.1901) · page 1

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
3 (1901)
Issue
35 (30.8.1901)
Date
1901-08-30
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Ledartiorr: VHI/1, Kchllötzrlgastr ll. Eprechst«»de>r Nn Wochenlagm von 4 bis 6 Uhr nachmittaar. pastadr.ff.: Jüdische« BoUSblatl, «Sie«. vui|l. Beschwerde« wegm verspäteter oder gar nicht erfolgter Zustellung erbitten wtr uns dringend. — «mmsertdte werbe« nicht znrnckgestellt. Postsparcaffen-Lonto V470S7. An das Monnement kann man täglich eintreten. Erfchmt jede« Freitag matt Mirwirkmng der vom Mischen Volks- Verein erivStztten Prefsrommifston. Jltserate übernehmen die Finnen: I. Danneberg, M. DukeS, Haasenkei« öd Bögler, Rudolf Moste. «. Oppelil. M. Pozsonyi, «. Schale! in Men, ferner all« Nnnoncen-Lxpedttionen im UuSlande. ELttz^l-Nnmmer irr Wie« IS Heller. Admimstrativn: VIlI/l, SchlStzelgalle ll MbounementSpreiS: Für Wien u. Oesterreich-Nngar« sammt Francozustellung. «anzjährig ^ierteyäbrig Kr. 8.- „ 4- *.- Fiir bnS gefammte «lnSland sammt grancozustcllung. Ganzjährig . Halbjährig . Vierteljährig Kr. . 4.5« " *25 Nr. 35 Wien. 30. Angnst 1901. 111. Jahrgang. Der Kberalisms Dugarns. Von Dr. Julius Haas. Das freisinnige Ungarn wird auch bald seine Judenfrage haben. Es muss etwas faul sein im Staate, dass man den beloährten Prügelknaben hervorsucht und zum Ableiter cnstchender Unzufriedenheit macht. Bei der jüngst zu Privigye stattgefundcnen Ergänznngswahl in das Parlament standen Liberale gegen Clericalc oder besser gegen Antisemiten im heißen Wahlkampfe, so feindseliger Art, wie noch nie. Die Art der bezeichneten Wahlschlacht war symptomatisch für die vornrtheilslose ritterliche Nation, die anhebt, zu zeigen, dass sie aus den Steppen Hinterasiens gekommen, und zwar gekommen, wie sich weiland ein Abgeordneter — ich glaube Pongracz — in einer kirchenpolitischen Debatte ausdrückte, „mit den Parderfellen auf dem Rücken, die Juden aber mit den Hasenfellen über den Schultern"! Die Parderfelle werden jetzt nicht mehr getragen, allein die Parderhcrzen, ihr jüdischen Magyaren, sind Euren christlichen Eonnationalen geblieben! Der besagte Wahlact vollzog sich unter dem Zeichen des Kreuzes. Tie Liberalen trugen die nationale TricolorL. die Antisemiten steckten mit ausgesuchtem Raffinement das Kreuz des Dulders aus den Hut. Man drohte den Ortsjuden mit Tod und Verderbnis. Die Ehristlich-Socialen Wiens liefen nicht in der Art Sturm gegen das Judenthum, dass sie unverblümt die Stnmmesidee beiseite geschoben und alles Wahlberechtigte unter jenem Symbol vereiniget hätten. Patentpatrioten Ungarns, jener Nationalität KW tfr/r>v blieb es Vorbehalten, sich am unvergleichlichsten zu entnationalisiercn. Würden sich die Antisemiten Oesterreichs als rein gottesfrömmelnde Partei gerieren, sie müssten gefasst sein, ein gut Theil ihres Anhanges einzubüßen; und unwidersprochen bleibt das Factum, dass, je offener die Lucgcrianer dem Clericalismns fröhnen, desto gelichteter ihre Reihen lverden. Man denke sich im conservativen Oesterreich eine Partei mit dem Kreuzeszeichen am Hute zur Urne schreiten. Solches wäre höchstens in den dunklen Alpcnthälern möglich, wo die Menschen aus wahrhafter Ueberzcugung und im Glauben einer wirklich frommen, christlichen Thal so handelten. Viele dieser Armen im Geiste haben noch nie einen Juden gesehen und nur Kunde von dem Ungeheuer, das den Erlöser gekreuzigt. — Ein Hevr namens Cohn pflegte Tirol geschäftlich zu bereisen. Er gieng eines Tages mit einem dort ansässigen Bauer über Land. Da begegneten beide seltsamerweise einem Polnischen Juden im Kaftan. „Herr Cauhn, Herr Canhn — ci Jand, o Jand!" rief entsetzt der ländliche Begleiter. Ich erinnerte mich bei dieser Erzählung eines Knäbleins, das aufschrie, Feuilleton. Jüdische Rünüler. Allmählich regt der jüdische Genius auch auf dem Gebiete der Kunst seine Schwingen, Ueberatt erstehen jüdische Ki'mstscr, und oft erringen sic im internationalen Wettbewerbe die Palme des Sieges. Leider schöpfen sie noch selten aus dem reichen Schatze der jüdischen Cnltnr, wie L e s s e r Urb und N o s s i n in Berlin, K auf? m fl n n in Wien, sondern sie flehen als Nachfahrer den Spuren der fremden Meister nach; aber schon aus diesen Früchten können wir für die Zukunft das Beste für unser Volk erhoffen. Wir lvollen uns hier nicht mit anerkannten Meistern beschäftigen, der die Mitwelt in üppiger Fülle den Lorbeer flicht, wie mit L i e b c r m a n n und Israels; nein, wir wollen einige beleuchten, die still ihres Weges gicngcn, seitab von der Straße, oder erst im Begriffe sind, den Berg hinanzuklimmcu. Beginnen wir mit Joseph Engel, dem eben verstorbenen Nestor der ungarischen Bildhauer, hem Schöpfer des Szechenyi- Dcnkmals in Budapest. Er erreichte das hohe Alter von sechsundsechzig Jahren, und erst im letzten Jahrzehnt seines Lebens gönnte er sich Ruhe, weil ihn das Alter dazu nöthigrc. Als Künstler gehörte er der elassischen, oder wie die Moderneu von heute sie nennen, der „alten Schule" an; in dem von ihm gepflegten Genre aber hat Engel seinerzeit viel Schönes und Gutes geschaffen. Nach mancherlei künstlerischen Erfolgen, die er im Auslände gefeiert, kehrte Engel in sein Vaterland heim. Er lies; sich in der Hauptstadt bleibend nieder, und hier ist er sanft ins Jenseits hinübergeschlunnnert. Joseph Engel wurde im Jahre 1816 als der Sohn armer jüdischer Eltern geboren. Diese wollten ihn anfangs zum Rabbiner hcranbilden lasten, und als er fünfzehn Jahre alt geworden war, schickten sie ihn nach Preßburg, wo er seine theologischen Studien fortsetzen sollte. Er blieb aber nur ein Jahr in Preßburg und gieng daun nach Wien, wo er DreckMAehrling wurde. Sein Meister sah, dass als es einen großen Vogel sah: Vater, Vater, ein Raubvogel! — ES war ein friedlicher Storch. — Hier ist es die kindische Scheu vor einem Gespcnste ans religiösen Phantasien, dort in Ermangelung des Gottesmotives gieriger Hass aus wirtschaftlichen und politischen Gründen gegen den „jüdischen Mitbürger", mit dem man Jahrhunderte eine gemeinsame Scholle belvohnt. Dieser Umstand lässt tief blicken und unseren Nationsgenosscn keine zu rosige Zukunft prophezeien. Es ist auch ganz natürlich. Wie kann man von einer Rasse, die an a ng e st a m m t c r Eultur im Westen Europas am letzten rangiert, erwarten, sie solle vom aufgeklärten Geiste philosophischer Doctrinen durchdrungen sein? Nur der Weise und der G e i st e S s ch w a ch e betrachten daS jüdische Volk aufrichtig und objeetiv; im Jndenpunkte berühren sich beide Contraste. Ter Weise, welcher durch streng logische Erwägungen zu dem Resultate gelangt ist, die Juden seien ein Product ihrer Umgebung aus Vergangenheit und Gegenwart, der Geistesschwache, welcher infolge seines entarteten Gehirnes überhaupt keine Prämisse und Schlussfolgerung kennt. Die Frcnnds ch a f t aber, von der „jüdische Ungarn" enthusiastisch protzen, entbehrt jedes Substrates; sie lvurzelt ja in den Anschauungen von Parteien, die gleiche Eigenschaften besitzen und letztere auch wohlwollend gegenseitig anerkennen. Wo iu der Welt treffen diese Kriterien echter Sympathien zwischen Inden und Nichtjuden zu?! Unseren liberalen Blättern blieb dieser Defect nicht verborgen, und wenn sie ^vordem die Zeichen am antisemitischen Firmamente der Völker nicht zu deuten verstanden oder nicht deuten wollten, jetzt haben sie es schon gelernt. Historia mater studiornm. Sic beginnen einzusehen, dass die hämischen Glossen, ihr Verachtungsprincip, eine im Herzen der Massen festgewurzelte Abneigung nicht zu dämmen vermögen. Daher schrieb ein Wiener Blatt über die eingangs angeführte Wahldie mit dem Siege des Antisemitismus abschloss: „Man hat ja durchaus keinen Grund, die Sache zu beschönigen und eine nahende Gefahr zu verleugnen." Ja, eine Gefahr droht unseren Connationalcn jenseits des Grenzflusses, die explosiv emporschösse, entfacht durch Abkömmlinge einer mongolischen Rasse, wenn nicht zwei Kräfte die Lunte vom Sprengstoffe hielten. — Die Regierung und die aufkeimende S o c i a l d c m o k r a t i e. Der Regierung kommen die Aenßernngen des offenherzigen Volkswillens sehr ungelegen. Sie bedarf der Ungestörthejj zur Entnationalisierung, bezieh nn gsweije Magyar,isiciimg nichtungaZscher Stämme. Ihre jüdischen llnterthanen sind hierbei mit vollem Eifer bestrebt, den Wünschen der Behörden gerecht zu werden. Sie bilden die Missionäre in den kleinsten sloder Junge Talent zum Holz- und Beinschnitzen habe, und ermöglichte ihm, die Kunstakademie zu besuche». Hier bildete er sich vom einsacheu Steiumetzgehilfcu zum Bildhauer heran. Die von ihm verfertigten Büsten der Königin Victoria und des Prinz-Gemahls Albert lenkten die Aufmerksamkeit des damaligen österreichischen Botschafters Fürsten Esterhazy auf den jungen Mann. Er ließ ihn in die Bildhauerakadcmie einschrciben, wo Engel wieder mehrere Jahre verbrachte und abermals in einigen Concurrenzcn den Sieg davontrug. Sein erstes größeres Wert tvar die Statnengrnppe „Amazoncnkampf", die vom Prinzen Albert um 600 Pfund Sterling angetanst wurde. Die Gruppe steht im königlichem: Schlosse auf der Insel Wight. 1847 gieng Engel nach Rom, wo er dann volle zwanzig Jahre, verbrachte. Es Ivar das die fruchtbarste und erfolgreichste Epoche seiner Thätigkcit. Der Einfluss der vaticanischen Sculptucen wirkte befruchtend ans ihn ein. Gleich in den ersten Jahren seines römischen Aufenthaltes modellierte er den „Gefangenen Amor", die „Unschuld" und eine Menge mythologischer und idealer Figuren, die durch die durch die Anmuth der Formen und die weichen Linien auffielen. Auf den öffentlichen Ausstellungen figurierte Engel stets als ungarischer Bildhauer. 1857 stellte er in Manchester die „Parze" ans, die der Londoner Lordmayor Salanwn bei ihm bestellt hatte. Auf der Wiener Weltausstellung 187.". waren sechs Werke Engels zu sehen. Mit einem derselbe,:, der „zum Leben ertvnchenden Eva", gewann er die große goldene Medaille. In Rom verfertigte er mich die Vollstatne des Feldmarschall-Lientennnts Grafen Franz Nadasdn, die im Wiener Arsenal ausgestellt wurde. Unter den Besuchern seines römischen Ateliers befanden sich: der König und die Königin von Preußen, der Prinz von Wales, König Lndlvig von Bayern und viele andere Persönlichkeiten. Nach 20jährigen: Aufenthalte in: Auslände kehrte Engel Ende 1866 nach Ungarn zurück, da er unter 10 Concnrrcnten mit der Ausführung des Szechenyi-Monninentes betraut worden >var. Ein Theil der Jury hatte sich für das Jzso'sche Modell erklärt und es gab eine heftige Polemik. Durch den um Ueberprüfnng der Modelle ersuchten Berliner Bildhauer Albert Wolfs wurde der Wettstreit zugunsten Engels entschieden. Die Ent« vakischen Dörfern und verstehen am lautesten „Eljen" zu rufen. Ihre Kinder besuchen die ungarischen Schulen und verachten herzhaft „die Schwaben". Wenn die leitenden Persönlichkeiten ihren sehnlichsten Wunsch zur Durchführung gebracht hätten, würden sie lvie bei uns gerne ein Auge Zudrücken. Dann würde man officiell nach dem Muster des Grasen Taasse statt von geplünderten Schenken, von zerstörten Gistladen sprechen, vor llebertreibnngen warnen, die Polizei n a ch verübtem Frevel auf dem Thatorte erscheinen lassen, sich vcrtheidigende Juden wegen Uebcrschreitung der Nothwehr bestrafen, solche mit zu krummen Nasen als Provocatoren einfperrcn. Bolksströmungen find auch durch Negierungen nicht zu zähmen, und so rollt die antisemitische Lawine unaufhaltsam vom Berge ins Thal. Die Socialdemokratie stellt sich ihr schüchtern in den Weg, dass an Stelle eines hinsiechenden liberalen Regimes eine nn Judenpunkte um weniges festere Volksmacht Platz nimmt. Die Juden Ungarns lverden dann vor der Entscheidung stehen zwischen S o c i a l i s m u s und N a t i o n a l i s m ns, doch nicht dem ablehnend ungarischen, sondern dem gastlich jüdischen. Non ersterem dürfen sie Duldung erhoffen und mit herbem Schmerze der Vergangenheit gedenken durch letzteren frei werden von innerem Zwiespalt und erlöst von unwürdigem Scheine. Sie hören noch nicht die Dissonanzen; ihre Ohren sind stumpf geworden in den ruhigen Tagen. Unsere Trommelfelle dagegen schwingen leichter, geschärft durch Geräusche übler Art. Lauschen wir aufmerksam hin, so dringen bisweilen sonderbare Döne an unser Gehör. E» klingt gar melancholisch und klagend. Uns däncht's, als wär's das Lauten eines Zügenglöckleins, das den Liberalismus Transleithaniens zur letzten Stätte geleitet ^.md das ungarische Judenthum emporschreckt ans süßen Träumen jüdischen Ungnrnthums. Deutsch- oder Jüdisch-Politisch? Von Dr. Mayer Ebner, Czernorvitz. „Es gab einmal eine Zeit, wo die Deutschen des Landes ohne^ Rücksicht auf ibre Confessio» Hand in Hand miteinander marschierten. Erst gieng der Zusammenhang in politischer Hinsicht verloren, da:: auch in gesellschaftlicher, und man sah seither die christlichen Deutschen und die Juden sich nur knapp vor den Wahlen wieder zusammen-, finden," Das ist der einleitende Satz.eines in der Nummer 3854 der „Bukowinaer Nachrichten" als Antwo.rt auf meinen Aufhüllung des Denkmals, das 120.000 Gulden kostete, fand im Jahre 1880 statt. Von den in Budapest vcrefertigten Scnlpturen Engels befinden sich die Büsten Maraia Theresias und Peter Pazmanys im Besitze des Nationalmuseums; die gleichfalls aus Engels.Atelier stammenden Büsten Eduard Szigligctis, Joseph Katonqs, der Frau Kantor und Kolomau Szerdahelyis schmücken das Foyer des. Nationaltheaters. Am 8. Juli starb in Wien eines plötzlichen Todes der in weitesten Kreisen bekannte akademische Maler Eduard Kräutler, ein Studiengenosse Matejkos, in seinen: .66. Lebensjahre. Aus Krakau gebürtig, lebte.er in Wien seit vierzig Jahren. Unter den unzähligen Portrnits bekannter Persönlichkeiten, die er malte, befindet sich auch in: historischen Museum das Bild des bekannten- Banquiers Oppenheimer und der Hofburgschauspiclerin Katharina Schratt. D,er Tod traf ihn in voller Arbeit an seiner Staffelet. Durchaus modern in Gedanken it:ü) Ausführung schafft Max Klei n in Berlin. In der großen Berliner Kunstausstellung hat er eine Kolossalstatuc aus Bronze, 2,-t Meter hoch, „Der geblendete und gefesselte Siinson", ausgestellt. Im Buche Richter, Capitel 16, Vers 21, steht geschrieben: „Und die Philister ergriffen ihn m:d stachen ihm die Augen aus. und führten ihn nach Gaza hinab und fesselten ihn mit zwei Ketten ..." ES ist ein Werk von strotzender Kraft, erfüllt von dramatisch wirtender Tragik. Eine wuchtige, massige Gestalt ist an beiden Oberarmen mit doppelten Ketten gefesselt, die auch über den Rücken und die Brust fest angezogen sind. Vorn sinkt die Kette bis zur Erde herab, wo sie zwischen den Füßen in einer auf dem Boden liegenden Kugel der Galeerensträflinge endet. Das Haar dieses Riesen ist kurz geschoren, begiiuit jedoch sich leicht zu wellen. Die Hände sind zu Fäusten geballt und inan lvird hierbei an den Ausdruck „eine Faust in der Tasche machen" erinnert. Man sicht es dieser gigantischen Gestalt, die mit eminenter Kraft und Eindringlichkeit des Natnrstudiums geschaffen ist, an, dass hier einst eine überirdische Kraft gewohnt haben muss. Die Natur wirkt hier mit beherrschender elementarer Wucht, so lvie der Mann, den sic darstellt. Man sieht die »niihsan: gebändigte, kann: noch zurück-

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