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Jüdisches Volksblatt · 1901-08-23 · 34 (23.8.1901) · page 1

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
3 (1901)
Issue
34 (23.8.1901)
Date
1901-08-23
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Ledluiion: HM/i* IjU Gyrechstasbesr Mn Wochenta«m ton 4 bis 6 Ukir nachmittag«. past«d>-,ff.; JiiblM-« «-,tt«üratt. Wie», viuji. Velc-iwerven tntgen krrsvLtetkr tt>er jiar nicht »rfulfitcr jjuftcliiing «fclttttt wir »nS dringmb. — mmuitztbte werbe» Sicht zrMikgeftellt. Pastivoncasscn-Viont!> «47VS7, In bat Abonnement kann man täglich etntreten. utw'x Mttvrtrttrrng der vom )Ld!Mxerr NoiKsvrrrvi irrwähtt^n 'Pr«sr>L!MnM stmr- N»scr«te stbcriiebmen die Firmen: I. Danneberg, Dt. DukcS, Haaini- ^riu 4: Bngler, »didolf Mofje, 15. Opvelik, M. Pozsonvt,?i. Lchalek in Wien, ferner alle rln»o»een--i>txpet.Uionen im SuSlande. WAzej-NAMmer i» Wie« IS Heller. AüuiN'.rstr.'llwn: VUl/h SchlötzelgaA' 11. AbounementSyreiö: Für Wie» n. r^esterreich-Nngarn sammt Froncozuttcüung. Sianziührig Halbjährig Bierteljäbrig Kr. 8.— 4-- .. *- Für das gesammte AuSlaud sammt flrancozustellung. Ganzjährig . Halbjährig . Bierteljährig Kr. ».- „ 4.50! 2.25 m uimwiu'j^ww mmu Kr. 34 Ücn, 83. August 1901. 111. Jahrgang. Zwischen zwei Extremen. müssen einerseits den „gebildeten" Assimilanten die Augen geöffnet werden, dafs wir unser Heil nur im nationalen Bern, wusstsein finden können und andererseits muss den starren r*. m . v o t Ci ,. y, ... Orthodoxen in Galizien allgemein menschliches Wissen zu- Ore Gegenwart ist die Prosa, die Zukunft dre Poepe.! geführt werden, beiden Lagern auf diese Weise den Mittel- Wer von dm Wittere nThatsachen der GegeMvart sich allzu z j^eg zeigend und ihnen zuzurufcn: Hier ist der Schlüssel zur sehr bedruckt fühlt und auch keine nahende Erlösung suhlt, z Besserung des materiellen und des geistigen Zustandes undcr beglbt sich ms Land der Traume, wo ferne Phantasie > s^s Volkes. Die unglücklichen armen Brüder, die in Noth ungehindert das Bessere, das Schönere, das Erhabene sich i xtnb Pein leben, brauchen wir nicht auf die Zukunft zu vermisnililt Dil> irrno hör «ndl'n m clntlc'Jnnh ift hitrrfinitfi nno! loir können ihnen offen und ehrlich sagen: Organiausmalt. Die Lage der Juden in Russland ist durchaus eine traurige, auch die Hoffnungen auf die Eolonisation Palästinas sind durch die nüchterne, unerbittliche Darstellung Achad Haams zunichte geworden, und so begibt sich auch er, siert Euch im nationalen Sinne, hört auf, Euch an die Rock fchösze anderer Nationen zu klammern und um Rechte zu * s. , o .. > betteln, hört auf, über Euch selbst niedrig zu denken, bildet der fudische Realist ^tchad 'paam, ms Land der Phanrasie z eine nationale Macht und Eure Lage lvird besser werden! und sehnt in Palastma. „em geistiges Eentrrurr" herbei, i Auch den reichen, wohlhabenden „Bürgern" müssen wir ^ophetenheim, von dem Moral rurd gute Sitte zeigen, wie die allgeineine Lage unseres Volkes beschaffcii für die ganze Meipchhert ausgehen soll, ^ur die Gegenwart; ist, wie es in anderen Ländern mit uns steht, wir müsseii wij. er nunmehr culturelle Arbeit, das jüdische Herz rm? die nationale Verbrüderung aller Inden in allen Ländern . o Er ^.entsteinernG cs suhlen zu machen, bilden, um das-; predigen, und wenn diese Arbeit in beiden Lagern gelingt, selbe für die jüdische, goldene Zukunft^vorzuberelten. jjuc dann wird sehr viel für unser Volk im allgemeinen und für den einzelnen, ökonomisch bedrängten ^uden weg; er. keine unsere Brüder in Oesterreich gethan sein. ' Hilfe, nur im negatlvm Sine weiß er einen Rath, indem er! wischen Ertremen aller Art Nuiswen stumvisinniaer ausriist: „Denjenigen unglücklichen Brüdern, die vom ‘ ^Uremen aller Art, owlschen sttnnpfsinniger Zionisnius Rettung aus Noth inid Armut erhoffen, müf scn wir offen sagen: Strebet d c r V.‘ tu n Vc 3c i» - eVnc“ *&* t °"n.iluö selbst muss dijüdisch- D-lksP-Ä-i gehen, die g-ld-n« Ritt- -in. mitcimm C&X? fan„‘«M' ntcfll hcfm,n»m Dmn W™ IlIlb >° W und Nutzen bringen, als auf dem ersten Congresse in Basel die Schaffung einer „öffentlich-rechtlich gesicherteiiHeimstätte" beschlossen lvurde,' erklärte er: „Und wenn auch, wenn schon der Judcnstaat in Ihrem Sinne da fern wird, soll das der Lohn fein für das zlvertausendjährige Martyrium, das unser Volk erduldet hat^" So seltsam auch dieser Allsspruch erscheinen mag, so bietet er nur einen interessanten Einblick in die Seele dieses großen jüdischen Patrioten und Denkers, indem er gleichsam sagen will: „Jür die Gegenwart habt Ihr doch nichts und j Assimilation und Judenstaat, zwischen Verleugnung aller j rh f rh 1 jüdischen Denkungsart und blindem Fanatismus, zwischen . > 1 3 - '; thatenlosc Resignation und nationalem Jndiffenrentismus für die Zukunft wüsste ich mir viel schöneres!' Wir müssen uns mit Achad Haam eingehends beschäf- Der heftige 5kampf, welcher zwischen der „Deutschen Volkspartci" unter Führung Pradcs und den „Alldeutscher!", der Schönerer-Wolf-Fraction, entbrannt ist, bildet so das richtige Schulbeispiel, an dem die Oesterreicher im! allgeurcinen und besonders die österreichischen Juden sehr! viel lernen können. Die „Deutsche Volkspartci" und die tigen, weil er der bedeutendste jüdische Kopf des russischen Alldeutschen stehen ja principiell beide auf derrtschnationalem Ghettos ist mrd rveil die jüdische VolkspaAei in Oesterreich und antisemitischem Standpunkte, sie sind beide auf Grundvieles mit ihm gemeinsam hat. Die Verhältnisse irr Oester-; läge eines national-radicalen und antisemitischen Proreich sind verschieden von denen Russlands und darum müs-> grammes entstanden und im Kampfe gegen den „Judenscn auch die Wege andere sein. Die Gesetze des Landes ge- ■ Liberalismus" groß geworden. In diesem Kampfe haben statten uns, irr die Gegenwart einzugreifen und bieten uns . beide Gruppen zeitlveise das Bündnis mit. den Christlichdie Mittel, rrrrsere Lage zrr überwacherr rrnd sie besser zu ge-. Socialen nicht verschmäht, welch' letztere auch heute noch mit stalten. Freilich kann dies nur im j ü d i s ch - n a t i o n adre „DcutsäM Volkspartei" theilrveise syurpathisieren und len Simre gescheherr und da geht die c u l t u r e l l e Arbeit aus dern Kampfe zwischerr den Alldeutschen und der Deutvorarr. Auch bei urrs muss das jüdische Herz „eutsteinert" , scheu Volkspartei eure Stärkung der erschütterten chrisilichwerderr, aber nicht für die Zukunft, sorrderrr schon für die i soeialen Positronen erhoffen. Gegenwart. Die Jnderr irr Ocüerrerch rrrüssen zur Btacht er- Dieser Kampf zwischerr den beiden deutsch-rrationaleir zogen rverden, zrrr Macht im politischer! Sinne, und daher Fractiorren dreht sich keineswegs, wie die Tagespresse der verschiedenen Parteien der Bevölkerung eiirzuredcrr sucht, nur um die Frage der Zweitheilung Böhrnens, sorrdern einerseits um die Erringung rreuer Ntandate für den böhmischen Landtag, in welchen! die Alldeutschen als Hauptrepräsentantcn der deutschböhmischcrr Bevölkerung ernzieherr wollen und andererseits um den Kanrpf zwischen nationalchauvinistischer Denragogie und nationaler Rllwlpolitik. Die „DeutscheVolkspartei", die derzeit stärkste deutsch-bürgerliche Fraction Oesterreichs, ist heute durch die langjährigen österreichischen Nationalitätenkämpse so tveit ernüchtert, dass sic die Lächerlichkeit einer Politik eingesehen hat, die zu gleicher Zeit den Kampf gegen die österreichische Staatsidee, gegen die Slavcn, Magyaren und Juden proclamiert. Darunr hat sich allmählich der Nationalismus und Antisemitismus der „Deutschen Volksparter" gemäßigt; die Prade-Fraction hat sich in Böhmen mit dem nationalautoirvmistischen Progranune befreundet und beginnt nach und nach in die Fußstapfen der alten „Judentiberalen" — jedoch ohne Juden — zu treten. Und nun beginnt wreder die alte Coinödre, die sich in Oesterreich seit zwanzig Jahren inrnrer rrnd imnrer wiederholt. Die Alldeutschen kämpfen i nahezu mit denselben Waffen der Lüge und Verleumdung j gegen die „Deutsche Volksparter", mit denen seinerzeit von! dieser gegen die Altliberalen und von den Altliberalen gegen die Gruppe Fischhof-Walterskirchen-Kronawetter-Luegcrsi!) i bereits im Jahre 1882 angekämpft wurde. Um wvs drehte sich bereits im Jahre 1882 der Kanrpf zwischen ^rschhof und den Altliberalen? Um dasselbe, lvas die Altlrbei ralen und die Deutsche Volkspartei heute nach 20 Jahren i wenigstens theilwerse eingesehen haben und was die Alldeutschen inrnrer noch nicht hegreifen wollen, dass die habsbnrgische Monarchie mit ihren 42 Millionen Bewohnern. Olli die Dauer nicht in Cislcithanien aus deutsch-nationaler und in Transleithanien auf nragyarisch-nationaler Basis regiert werden kann, nachdern den 9 000 000 Deutschen und 6 000 000 Magyaren, 27 000 000 Slaven, Rurnänenl usw. gegenübcrstehen. An dieser Thatsache hat der Dualismus nicht nur nichts geändert, sondern er hat die staatsrechtlichen und nationalen Kämpfe in Westösterreich zum großen Theile mit verschuldet und wie die nächste Butunft zeigen wrrd, auch die nationalen und staatsrechtlichen Kämpfe in den Ländern der ungarischen Krone nicht aus der Welt geschasst. Derjenige Th eil der ungarischen Bevölkerung,^ der sehr wenig aus diesen nationalen Kämpfen in der östcrreichifchen Monarchie gelernt hat und es nritverfchuldet, wenn heute die „Alldeutschen" die stärkste deutsch-bürgerliche Fraction zu werden drohen, ist das assimilatorische Judenthrun. ^. , , T Beute sind die pseuda-liberalen Blatter, dre auf ernmal ihr Herz für die halb-antisemitische „Deutsche Volksparter" entdeckt haben, entsetzt darüber, dass uran von alldeutscher Das jsdischk „Thküter" in Wien. . . .Ach! Wenn es nur wirklich ein jüdisches Theater wäre! Dieses jüdische Theater bildet an und für sich ein merkivürdiges Capitel in der Geschichte der Juden in den letzten Decennicn des verflossenen Jahrhunderts. Dessen Sä)icksal ist traurig und voller Seltsamkeiten. Lange Zeit venneintc mair, dass die Juden keinen Sinn für die schönen Künste im allgenreinen und füi's Theater im besonderen besäßen. Und gelehrte Männer führten diesen angeblichen Mangel ans das Verbot zurück, Statuen und Bilder anzufcrtigen und auf die Kämpfe, die in talnrudischer Zeit gegen griechisches Theater- und Circus)vesen geführt ivurden. Solche und ähnliche Hypothesen haben jedoch inzlvischen viele jüdische .Künstler über den Haufen geivorfen. Und einen noch derrtlicheren Beweis für das Gegentheil hätte das jüdische Theater erbracht, wenn es in seiner Erckwicklung nicht auf so mannigfache Hindernisse gestoßen wäre. Nicht bloß einzelne geschulte Künstler und Künstlerinnen haben den Beweis erbringen können, dass der jüdische Geist, lvenn er freie Bahn zrrr Entwicklung hat, Großes auf allen Gebieten der zkunst schaffen kann, sondern auch einfache, naive Kinder ans dein Volke, imb das hätte das iübische Theater bezeugt. Zn Ende der S i e b z i g e r j a h r e versuchte A. Goldsadeir ein jüdisches Theater zu gründen. Damals gab es iveder Thenterstücke noch Schauspieler noch sonstiges Matertal. Er begann mit kleinen Possen und mit ungebildeten, nnlvissenden. halberlmchsimcir Jungen und Mädchen, die er von der Gasse holte. Das waren feine Schauspieler, und kaum sind zwei, drei Jahre verflossen, sehen wir bereits in Odessa drei jüdische Theater^ unter der Leitung von Goldfaden, Le r n e r und S ch e i k o w i tz, ein viertes in Rumänien unter der Dircction H o r o w r tz. Das jüdische Theater entwickelt sich rasch nach zwei Richtungen, einerseits nach außen, indern in dieser kurzen Zeit ein Stab belvährter Künstler und Künstlerinnen herangebildet wurde, von denen einzelne auf einer euwpäischcn Bühne einen Welirrif erlangt hätten, andererseits nach innen, indcnr in kurzer Zeit eine jüdische Theater-Literatur entstand: Goldfaden schrieb Operetten, Lerner übersetzte einzelne Dranren, wie den „Uriel Acosta", „Die Jüdin", „Judith" u. a. und Scheikowitz schrieb Konrödicn aus der „Gasse". Auch andere Schriftsteller, wie Lilienblunr, versuchten Theaterstücke str Jargoi« zu verfassen und das Volk bekommt Verständnis, besucht gerir das Theater und beginnt zu urtheilen. Da crscherrlt plötzlich ein Ukas der russischen Regierung: „D a s j ü d i s ch e T h e a t e r i st i n g a n z R n s s^l a n d verboten!" Rumänien ist viel zu klein, um für die Entwicklung des jüdischen Theaters Raum zu bieten. Da konrmt Horowitz mit seiner Truppe nach Wien, gibt Vorstellungen im Ringtheater, aber auch hier erscheint ein Verbot von Seiten des Rabbinats und die Truppe musste abreisen. Es war die Zeit der liberalen Aera, der Assimilation, und Horowitz brachte einige Possen alten Schlages. Chassidim im langen Kaftan erschienen auf der Bühne, sprachen Jargon und das konnte die dainalige jüdische Obrtgkeit in Wien nickt gut vertragen. Und selbst als Goldfaden zu Beginn der Nemrzrgerjahre in Wien erschien und seine historischen Operetten, wie „Bar-Kochba", „Sulanrith" usw. aufsühren wollte, ergieng es ihnr nicht besser, und auch er war genöthigt, durch die Hindernisse, die ihm der jüdische Vorstand in den Weg legte, seine Vorstellungeir abzusagen Die Schauspieler, deren Zahl rasch hcrarrgewachsen war, lvcurdten sich nach Paris und London und versuchten dort ihre Kunst, bis sie endlich nach Asiw-Zork kamen und das jüdische Theater in Anrerika begründeten. Dort fand sich zwar der geeignete Boden, soweit es auf das „Baisnep" ankanr, aber, die natürliche, künstlerische Entwicklung war durchbrochen und die Kulrst sank^ aus das Niveau des rern Geschäftsnräßigen herab. Hat ja doch das amerikanische Theatertvescn ün allgemeinen keinen nennenslverten Drchter mrd Schauspieler hervorgcbracht und das jüdische Theater am allerwenigsten. Die jüdischen Thcaterschreiber Horowitz mrd Scheikowitz konnten in Anrerika Fuß fassen, aber ein Künstler wie Goldfaden kehrte nach Europa zurück . . Juzwischen fand das jüdische Theater, in Galizien erne neile Heimstätte. Im Jahre 1887 erhielt G r m p e l erne Concession zur Führung eines jüdischen T7)eaters in L e nrberg. Gimpel verstand cs, eine tüchtige Schauspielerschar um sich zu versammeln und so erschien das jüdische Theater tvirklich in den richtigen Händeii. Bald gesellte sich Gowfaden zu ihnr und das Theater lvird zur nationalen Sache gcnracht. Patriotische Stücke, welche das jüdische Gefühl erlvecken, wie „Bar-Kochba", „Rabbi Joselnramr", „Nabln Jehuda Halevi" usw. und Komödien aus denr gegenwärtrgen jüdischen Leben, lvie „Der jüdische König Lear" erlveisen sich von großer Anziehungskraft und das nationale „Ich" macht sich immer stärker fühlbar. Allein Galizien erweist sich als zu arrn, um eine derartige jüdische Institution aus Eigenen! zrr erhalten, und Director Gimpel nmsste sehen, wie seine besten Kräfte, die

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