Mannheim
Compact Memory

Jüdisches Volksblatt · 1901-08-16 · 33 (16.8.1901) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
3 (1901)
Issue
33 (16.8.1901)
Date
1901-08-16
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2432763-2432864-2432897--1115-2434838
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

7 entity mentions

ll t 1 M. ..-...... ÄKbffrftim: f AIl/.l > u. Gl,rcchstMlbe«r Nn iSoOrntngen r>vn 4 btö 8 Uhr nachmittags. u»Mc USbtscheS V-ttSblatt, Wien, vlll>L. Vrschtovrd'ir« wegen serspLteter über gar nicht ersolgter Zustellung erbitten wir uns dringend. — Meumkertvl?; »»erbe« utcht znrÜSgefteklt. Postsharcafieri»Äonto U47037. In das kibonrr>7me«it kann man tügNch eimrrtm. ^-4, im ... tmnv MrtKitrkrunzt am tum* {ffttttfäteu Volk.Ntoircitt ertnähLll'LN Pr'vMcoMrntNton. übernehmen dir Airinrn;i. Dannebrrg, M. DukcS, Haascn» M«rhi * Bögler, r'iudoli Moste, K, Opvclik, M. Bozsonyi, N. Schalet in Kien, ferner alle igunoncen-Arpedirionen im AuSIande. Writzel-NttkLMkN irr LÄierr 16 Heller. Mmmrtstratton: VllI/1» Schlötzolgalse il. AbomremetttSpreiS: Für Wie« «. Oesterrelch-Nvgarn! Für daS gesminnte Ausland sammt Francozustellung. sammt Francozustellung. ÄanzMrig <,aib;Shrig Bierteljübrig 1?r. „ A.~ „ »•- ^llUMiirig . Halbjährig . Vierteljährig irr. 0.- „ 4.50 , «ÄS ■5535® Ur. 33 Wien. 16. August 1901. 111. Jahrgang. Zwischen zwei Extremen. ii. Genau dieselben Sonnenstrahlen, dieselben Regentropfen bringen in Gegenden von verschiedenem Klima verschiedene Pflanzen und Blüten zur Reife. Dieselbe jüdischnationale Idee hat in verschiedenen Köpfen, je nach Denkungsart und Weltanschauung, verschiedene Richtungen hervorgerufen. Achad Haam verbindet mit seiner nationalen Idee die schärfste Bekämpfung der Assimilation und sieht in der Gleichberechtigung unserer westeuropäischen Brüder die tiefste Knechtschaft. Mer auf die Frage, ob der Zionismus eine Lösung der ökonomischen Verhältnisse des Judenthums bedeutet, erwidert er mit einem entschiedenen „Nein". Der ökonomische Druck, den viele Juden in verschiedenen Ländern erleiden, muss als das Elend des Einzelne n angesehen werden, nicht als nationales Elend, als „Judennoth". Zu jener Zeit, als die Frage: „Wohin mit den europäischen Juden?" alle denkenden Köpfe beschäftigte, und Amerika und Palästina gleichwertig in die Wagschale fielen, erklärte Achad Haam aus die Frage, ob „hin oder her", „h i n u n d her". Die ökonomische Seite der Judenfrage muss ihre Lösung in A m e r i k a anstreben, während die ideale Seite, das Bedürfnis nach einem geistigen Centrum, für unser Volk in P a l ä st i n a ihre Lösung findet. Für die I u d e n bedeutet der Zionismus keinen Rettungsanker, wohl aber für das I u d e n t h u m. Unser geistiges Elend ist groß, das Judenthum stirbt allmälig ab; das, 'was uns zum Volke macht und uns von anderen Völkern unterscheidet, verschwindet allmälig, darum benothigen wir ein „eigenes, sicheres Heim" für den jüdischen Geist oder, wie Achad Haam es nennt, „ein geistiges Centrum". Dieses kann jedoch nur in Palästina entstehen. Dort müssen unsere besten und gesündesten Kräfte, unsere treuesten und warmsühlendsten Herzen, die für das Ideal der Wiederausrichtung des jüdischen Volkes Opfer bringen wollen, ihren Wirkungskreis aufschlagen. Nur Menschen mit solchen Idealen dürfen sich in Palästina niederlassen. Diese müssen das Land durch Erdarbeit wieder fruchtbar machen, sie müssen Schulen ins Leben rufen, die hebräische Sprache wieder aufleben machen und ein neues physisch und moralisch gesundes Geschlecht erziehen, das treu an dein Boden unserer Väter hängt und die Sprache unserer Väter im Munde führt. Jener andere Thcil aber der idealen Männer, die sich in Palästina nicht niederlassen können, müssen hier in unserer Mitte Zurückbleiben und den nationalen Geist unseres Volkes lvieder ausrütteln. Die todten Buchstaben, die uns bis jetzt beherrscht haben, haben unser jüdisches j Herz beinahe „versteinert", jene tiefen nationalen Gefühle.! die in der Brust der anderen Völker leben, sind bei uns ab-! gestorben und die Aufgabe jener, welche hier, in unserer Mitte, für das jüdische Volk etwas thun wollen, besteht da-1 rin, das jüdische Herz aufzurütteln, zu erwärmen und ihm gesunde Gefühle einzuinrpfen, und das alles nennt Achad Haam „Zionismus in geistiger Beziehung". Der Zweck des culturellen Zionismus besteht also darin, das jüdische Volk wieder aufleben zu lassen, wenn es wieder, wie alle anderen Völker, zu fühlen beginnm wird; dann wird es selbst Mittel und Wege finden, um seine Freiheit und Gleichberechtigung zu erlangen. Die Culturzionisten müssen mit allen ihren Kräften darnach streben, das jüdische Volk zum Selbstbewusstsein zu bringen, ihm allgeniein menschliche Bildung und jüdisches Wissen einzuimpsen und die hebräische Sprache und Literatur zum Eigenthum des ganzen Volkes zu machen. So versteht Achad Haam seinen Zionismus. Selbstverständlich konnten ihn von seinem Standpunkte aus, die ersten Colonisationsversuche der russischen Juden nicht befriedigen, noch weniger der Zustand dieser Colonien, als sie in die Hände Rothschilds Übergiengen. Vor ungefähr 20 Jahren, als die jüdischen Blätter mit Nachrichten von dem „glücklichen Stand" der Colonien überfüllt waren, als die Wogen der Palästina-Begeisterung immer höher giengen und überall Vereine ins Leben traten, um Boden in Palästiua anzukaufen, zu jener Zeit begab sich Achad Haam selbst nach Palästina, um'.mit eigenen Augen die dortigen Zustände kennen zu lernen und..als er zurückkehrte, veröffentlichte er seine AAikelferie „Die Wahrheit aus dem Lande Israels", die eine recht bittere Wahrheit war, denn anstatt eines geistigen Centrums, von dem er bisher geträumt hatte, fand er dieselben Schacherkniffe und noch andere unangenehme Dinge, die auf dem „heiligen, thcueren altjüdischen Boden" ihr Wesen trieben. Auch mit der Uebernahme der Colonien in die Verwaltung Rothschilds konnte, er sich selbstverständlich nicht befreunden und als im letzten Jahre die „Arbeiterfrage" in Palästina austauchte und das Odessaer Comitee eine „Gesandtschaft" zum Baron Rothschild nach Paris abordnete (an der er gleichfalls theilnahm) und sie mit leeren Händen zurückkehrte, schrieb Achad Haam in der von ihm redigierten Monatsschrift „Haschlioach" folgende Worte nieder: „Zwanzig Jahre träumten wir davon, jüdische Erde zu bebauen, ohne zu beachten, dass uns die Wirklichkeit i Lügen straft. Ein reicher Jude wohnt in Paris und er-! hält einige hundert jüdische Arme, die er aus seinen Besitzungen in Palästina arbeiten lässt. Sclaven- und Schnorrerchum in Palästina, blendende Phrasen und vrwblendete Gemüther in Europa, das ist alles, was wir in biefen zwanzig Jahren erreicht haben." (Ein Schlussartikel folgt.) Deutsch oder Jüdisch? Von Dr. Meyer Ebner (Czernowitz). Die Gründung des „Jüdischen Volksvereines" in Czernowitz war für die national und zionistisch denkenden Juden ein Gebot der N o t h!v e n d i g - k e i t. Dies zu beweisen, sei Aufgabe nachstehender Zeilen. Die Verhältnisse der Juden in CzernoNntz und in der Bukowina sind typisch. Deswegen dürften auch diese jüdischlocalpolitischen Fragen das Interesse der Allgemeinheit verdienen. Im klebrigen entspricht es einen: alten philosophischen Lehrsätze, von dem Speeiellen aus das Allgemeine übcrzugehcn. Zum besseren Verständnisse der aufgeworfenen Frage will ich für einen weiteren Leserkreis des „Jüdischen Volks-, blattes" mit wenigen Worten das Verhältnis^ der .Juden zu den Deutschen in der Bukowina streifen. Es wird ein kleines,. lehrreiches Capitel aus der jüdischen Gegenwart sein. Die Juden bilden im Lande so ziemlich den siebenten Theil der gesammten, auf 700.000 Köpfe veranschlagten Bevölkerung der Bukolvina. Rumänen und Ruthenen halten sich mit der Zahl von 260 000 —300 000 Köpfen die Wage. Weiters leben 30—40 000 Deutsche im Lande, der Rest zersplittert sich aus Polen, Armenier, Ungarn usw. Da die Rumänen und die Ruthenen naturgemäß einander in den Haaren liegen, so ist der Deutsche der iertius gaudens geworden. Die Bukowina macht den Eindruck eines deutschen Landes oder zumindest eines solchen, in dem die Germanisation schon dem Abschlüsse ihrer Thätigkeit nahe ist. Deutsche Amtssprache, deutsche Schulen, deutsche Umgangssprache in den Städten, deutsche Theater, deutsch aus Schritt und Tritt. Die Pionniere dieses Deutschthums waren seit jeher die Juden, die so ziemlich die Mehrheit der städtischen Bevölkerung bilden. Die Juden lebten lange Zeit politisch gedankenlos in dm Tag hinein. Sie dienten ihrem Gotte und lebten ihren Geschäften. Vom Antisemitismus war , wenig oder gar nichts zu spüren. Es war ein gemächliches Zusammen- und Nebcneüuinderleben aller Confessionen und Nationen. Die Juden standen im deutsch-liberalen Parteilager, ja einige von ihnen waren sogar Häupter in dieser Partei. wird ein guter Untcrthan, ein guter Gatte und ein guter Bürger! sein; ein schlechter Sohn aber weder ein guter Bürger, noch ein guter Ehemann." Im fünften Gebote, welches von Moses verkündet wurde, ist ein Versprechen damit verbunden, es sage: „Ehre Vater und Mutter, auf dass Du lange lebest ans Erden." Es ist eine bezeichnende Thatsache, dass dieses Versprechen in China erfüllt wurde. Ein Sohn, wcrlcher die Pflichten gegen seine Eltern anßeracht lässt, welcher nicht für sie sorgt, obgleich er cs imstande wäre, wird in China verstoßen, niemand würde mit ihm verkehren. So sehen Sie. dass dieses Gebot von allen Chinesen strenge .befolgt lvird. Unter so vielen Millionen mag vielleicht einer oder der andere seinen Eltern gegenüber nicht seine Pflicht thun, im allgemeinen aber lieben alle Chinesen ihre Eltern, und dies ist, wie gesagt, einer der Fnndamentalgrnndsätze, welche von Confucius nicdcrgelegt wurden. Die Chantanqna Association hat eine erzieherische Tendenz, wie ich weist. Und es ist nützlich, sich hier zu versammeln und Unterricht zu crtheilen, um das Volk znsammenznbringcu und sie an ihre Pflichten und religiösen Ausgaben zu erinnern. Erziehung ist eine wichtige Sache, denn sie bildet den menschlichen Charakter. Wir müssen uns erinnern, dass die menschliche Natur von drei Gesichtspunkten ans betrachtet werden kann, von der physischen, intellectuellen und von der moralischen Seite. Bei der Erziehung der Jugend müssen diese drei Dinge beachtet werden. Keines darf aus Kosten des anderen übermästig gepflegt werden. In diesem Lande haben Sie ein ganz ausgezeichnetes Erziehnngssystem. Sie erziehen Ihre Knaben auf eine geradezu bewundernswerte Weise, sowohl in geistiger als in körperlicher Hinsicht. In der Schule und in der Universität haben sie gymnastische und athletische Hebungen, um ihr Nerven- und Muskelsystem zu entwickeln, und in geistiger Beziehung üben Sie ihre intellectuellen Fähigkeiten. Sie lehren Arithmetik, Geographie und alle nützlichen Gegenstände. Aber es liegt in der menschlichen Natur, zu übertreiben. Wenn Ihr ein Ding thun wollt, seid Ihr imstande, es so zu übertreiben, dass Ihr anderes vernachlässigt. Von Wu-Ting-Fang. (Rede, gehalten vom chinesischen Gesandtschasts-Mitgliede vor der „Jewish Chantmiyna Summer Asscmbly" in Atlantic Cich. Ich fühle mich durch die Einladung, Ihnen heute eine Rede zu halten, sehr geschmeichelt, denn ich ersehe aus derselben, dass ich unter Freunden bin. Ich muss indessen dem Herrn Vorredner, der mich einen Geistlichen nennt, widersprechen, denn ich komme aus dem fernen Osten und bekenne mich zu einer ganz anderen Religion. Ich bin ein Anhänger des C o n f n c i n s, des großen Lehrers der Chinesen. Ich glaube nicht, dass Sie heute von mir wollen, ich solle Sie zu meinem Glauben bekehren. Ich habe auch nicht im geringsten diese Absicht, und hätte ich sie, so würde ich wohl in dem gelehrten Kreise, der mich heute hier umgibt, kaum Erfolg haben. Ich bin. unter Freunden. Ich kann Ihnen durch historische Tatsachen beweisen, dass die Juden und Chinesen vor vielen, vielen Jahrhunderten einander nahe waren. Denn einer Ihrer berühmten Propheten, Jsnia, erwähnt in einem seiner bekannten Psalmen das Land Dinar und beweist dadurch, dass ihm China bekannt war. Und wenn ich nicht irre, kamen die Juden im dritten Jahrhundert nach China als Handelsleute. Sic brachten Priester und gelehrte Männer mit sich, sowie ihr heiliges Buch, ihre Gebräuche und ihren Ritus. Dann, im zwölften I a h r h u n d c r t, haben sie sich im damaligen P i n t a ii eine Synagoge gebaut, einer Stadt, welche wir heute .Mng-Chan nennen. Dort giengen sie ihren Geschäften nach, dort hielten sic ihren Gottesdienst und lebten ihren Gebräuchen. Im fünfzehnte n I ahrhundert wurde dieser Tempel niedergebrannt. Dann wurde er wieder anfgebaut und bestand bis 1849, ivo er durch eine mächtige Sturmflut zerstört wurde. Man sagt, dass die jüdische Colonie in China sehr zahlreich war. Ihre Anzahl wird auf ungefähr 5000 geschätzt. Mit der Zeit aber schrumpfte diese Zahl zusammen, und jetzt sind nicht mehr als 200—300 dort. Diese Juden, welche nach China kamen, hatten nicht unter Verfolgungen zu leiden, obgleich, ihre Religion von der Nationalreligion sehr verschieden war; sie wurden gar nicht belästigt und giengen ihren Geschäften nach wie die Eingeborenen. Diejenigen, ivclche es liebten, Geschäfte zu machen, wurden Kaufleute. Andere wurden beim Staate angestellt, sowohl beim Militär als im Civildienst. So sehen wir, dass diese Juden in China chinesische Unterthancn waren; Sie waren in der That ein Theil des Volkes und benahmen sich auch so. Sie stellten sich unseren Gewohnheiten nicht entgegen und achteten unsere Gesetze. Sie wurden auch wegen ihrer Religion nicht verfolgt. Sie werden in dieser Provinz noch heutigen Tages von Chinesen verfasste Urkunden finden, in denen es verzeichnet ist, dass sie gut behandelt wurden. Ihre Religion, steht dort geschrieben, besteht darin, ihre Vorfahren zu lieben und ihren Todten die schuldige Achtung zu bezeugen. Sie werden sehen, dass diese Juden sich wie andere Chinesen benahmen. Sie waren geachtet und geliebt. So kannten die Chinesen Euer Volk schon seit unvordenklichen Zeiten, und sie hegten freundschaftliche Gefühle für dasselbe, wie Sie sie jetzt für mich hegen. Ich möchte nun nicht behaupten, dass ich alle Mysterien, alle heiligen Bücher Ihrer Religion kenne, aber soweit ich sic kenne, war Ihr größter Prophet Moses. Sie können stvlz auf ihn sein. Er hat große Dinge für sein Volk gethan, und Sie haben recht, wenn Sic ihn ehren und seine Vorschriften befolgen. In China haben wir auch einen solchen Mann. Confucius that dasselbe für die Chinesen, was Moses für die Juden that. ConfucinS schulden wir unsere unterschiedlichen Charaktereigenschaften. Es ist merkwürdig, dass in gewisser Beziehung eine A c h n l i ch - k e i t Zwischen Confucius und Äkvses besteht — in ihren Lehren, in der Art, wie sie lehrten, und in dem Wege, auf dem sie überhaupt ihre Anhänger lenkten. Die größte Uebereinstimmung finde ich darin, dass sie beide ein großes Gewicht auf die Ehrung von Vater und Mutter legen. Dies ist eines der Gebote, welche von Moses auf dem Berge Sinai niedergelegt wurden, und dies ist auch der Fundamcntalgrundsatz der von Confucius geschaffenen Ethik. Confucius sagt: „Ehret Eure Eltern; ein guter Sohn h i i

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.