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Jüdisches Volksblatt · 1901-08-02 · 31 (2.8.1901) · page 1

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
3 (1901)
Issue
31 (2.8.1901)
Date
1901-08-02
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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?•:Warften: VIII/1, SMSKelgcrM U. Dttrrchftn«dk»r R« Wochentagon von 4 615 6 Uhr nachmittags. Jüdisch^ VolkSdlatt, Mten, wi!»m verjväteler ober gut nicht erfolutcr -iupeUurNt erfcü.ir« «tt uns dringend. — Mittmseewle stsrrbev zrrrirSgefteKt. ^ioftsparcaifc-n-Tvnr-, s*7W. das RNir.nrment kann man ikglich einrrrten. Grschkmt jede« Freitag nwUx WfjwfrKung der vom jüdischen Volks- Verein srirmMbN Prefseourmisston. DrNerate übernehmen die Firmm: I. Danncberg, M. DukeS, HaaseN' Kurtt & Bögler. Rudolf Moste, Sk. Oppclü, M. Pozsonht, v. Schale! in Wien, ferner alle 6>inonccn°Txpebitionen im LluSlanbc. GjrrzeL-Nnmmer irr Wie« Z« Heller. AdMimitratwn: Vllifl, Schlöstelgirsse ll. Abou'rementSpreiS: Für Wtcu ii. Qesterreich-Nngarn lammt Francozuftellung. Ganzjährig .Halbjährig vierteljährig Kr. 8.- ■J,.- Fiir daS „efammtc Ausland lammt ffrancoziistellung. Ganzjährig Halbjährig ».— | Biertcljährig Kr. , 4.50 ., »ÄS Ar. 31 MWÜMMM -■ >;• V^ä’i»* .r.i**A*r4y <w*v/ ■M.^.vt-r o» fl r. WO Winst>1 Wien. 2. August 1901. i ‘p?*». «ra« ivw r* Äa»Ä t*rw Ä** rttxmäab III. Jahrgang. Im Zeichen der Landtags- Wahlen. Die parlamentarischen Ferien habeil in Oesterreich begönnen; nun haben außer dem Reichsrathe und den Delegationen auch die verschiedenen Landtage Westösterreichs ihre „Thätigkeit" beendet. " Ui; Jedoch die diesmaligen Ferien werden nitu sehr kurze Zeit dauern; es werden jetzt bereits im ganzen Reiche die Vorbereitungen für die Neuwahlen in die einzelnen Landstuben getroffen. Die Neuwahlen werden für die meisten, cisleithanischen Landtage gleichzeitig mit beit Wahlen für den ungarische:: Reichstag und den croatischen Landtag im Spätherbste stattfinden. In einzelnen Provinzen ist aber bereits für die nächste Zeit der Wahltermin anbcraumt. Die ganze Monarchie lvird sich also demnächst wieder im Wahlfieber befinden; überall unter allen Nationen Oesterreichs wird gerüstet; nur unter den Juden herrscht idyllische Ruhe. Man mag ja über den Parlamentarismus im allgemeinen und über den österreichischen insbesondere, über den Merck oder Unwert für die österreichischen Völker lind speciell für die Inden, verschiedener Meinung sein. Es ist dies nur von rein akademischer Bedeutung! Mögen der Reichstag und die Landtage Positives noch so wenig leisten; aber schaden köimen sie unendlich viel der österreichischen Gesamintbevölkernng und zum nicht geringen Theile den Juden; besonders auf wirtschaftlichem Gebiete. Die österreichischen Juden sind nun einmal politisch und wirtschaftlich viel zu enge mit den Interessen Oesterreichs und seiner Völker verknüpft, als dass die politische und sociale Entwicklung in diesem Reiche ohne Einfluss auf das Wohl und Wehe der österreichischen Juden wäre. Mögen innnerhin die Inden als nationale Individualität, als Rasse, ein Fremdgebilde am Körper der verschiedenen anderen Nationen bilden, mögen immerhin die jüdisch-nationalen Interessen andere sein als die nationalen Poitulate der Deutschen, Slaven, Magyaren, und daher eine jüdisch-volkliche Organisation erheischen, es wäre aber geradezu verhängnisvoll für die Gesammtheit der österreichischen Inden, deshalb anzunehmen, dass sie einen Fremdkörper im Staate Oesterreich bilden, dass ihre Interessen sich mit den Interessen des Staates nicht vereinigen ließen. Gerade im Gegentheile. Oesterreich ist kein Nationalstaat, kann und wird nie einer werden, Oesterreich ist vielmehr ein polyglotter Nationalitätenstaat, tind seine Existenzberechtigung und Existenzbedingung gipfelt gerade darin, dass es ein Verband gleichberechtigter Nationalitäten, ein Hort ihres politischen und socialen Fortschrittes werde. -i- Le» Tolstoi. Van Pros. Dr. Th. Achelis, Bremen. Die Welt hallt wieder von dem Rnhtne des großen Reformators der Gesellschaft, des seltsamen Einsiedlers Volt Jassnaja Poljana, und wer auch nicht zu der stets wachsenden Gemeinde seiner unbedingten Anhänger und Gläubigen gehört, ist doch gezwungen, sich irgendwie mit seiner gewaltigen Persönlichkeit abzufinden. Das liegt nun nicht zun: Geringsten an uns selbst, an unserer eigenen Zerfahrenheit und Haltlosigkeit, indem die Grundlagen unserer Enltnr erschüttert und wir in unseren: Empfinden lind der Sicherheit des sittlichen Jnstincts sehr beunruhigt sind. Mit anderen Worten, es bereitet sich wiederum eine jener verhängnisvollen Katastrophen vor ,die periodisch den gesellschaftlichen Organismus heimsuchen und wohl von Grund ans nmgestalten, — ans dieser peinigenden inneren Unzufriedenheit sind das Gefühl und die Sehnsucht nach einem inächtigen Bildner geboren, die gegenwärtig unsere Generation durchzieht. Auch hier wird zweifellos mancherlei Illusion mit unterlaufen, viel Selbstbetrug und widerwärtige.Heuchelei, nur um interessant zu erscheinen, auch manche Enttäuschung bei dem gepriesenen Seelenarzt, aber das alles lässt uns nur das unleugbare Interesse Lev Tolstoi für um so begreiflicher erscheinen, und er ist in der Thai Wohl des psychologischen Studiums wert, mögen die Ansichten über seine eigentliche Bedeutung auch noch so sehr von einander abweichen. Schon ein Blick in die Arbeitsstnbe des schlichten Denkers ist charakteristisch und instructiv; an den Wänden Diese Auffassung des österreichischen Reichsgedankens muss 51t einem politischem Axiom werden, und es muss insbesondere, anlässlich der bevorstehenden Landtagswahleu, allen Inden, ohne Unterschied der Fraction, mit flammenden Worten zugerufcn werden. Es möge im Laufe der Entwicklung welche Fraction auch immer innnerhalb der Inden Oberwasser gewinnen, will sie beit Interessen des jüdischen Volkes, besonders aber seinen wirtschaftlichen Interessen gerecht werden, dann kann und darf sie nicht passib bleiben in dem Kampfe zwischen nationaler und socialer Gleichberechtigung einerseits, und nationaler und socialer Unterdrückung andererseits. Jede Förderung von Bestrebungen, die auf nationale und wirtschaftliche Entrechtung der Völker gerichtet sind, ja sogar jede stillschweigende Assistenz wird bei den bevorstehenden Landtagswahlen das jüdische Volk und besonders das jüdische Proletariat im weitesten Sinne des Wortes vielfach mit seiner wirtschaftlichen Existenz bitter büßen müssen. Das Gesagte gilt insbesondere für die gemischtsprachigen Gegenden der österreichischen Monarchie, speciell für Böhmen, Mähren und Galizien. — Dank der bisherigen verkehrten Politik der Juden wird bei den diesmaligen Landtagswahlen die Mehrheit der deutschböhmischen. Landtagsmandate oder mindestens ein sehr großer Theil an die Alldeutschen fallen, die mit der gleichen Rücksichtslosigkeit gegen die Juden sowie gegen die Czechen Stellung nehmen. Auch in Mähren bereitet sich ein Umschwung vor, aber in einem ganz anderen Sinne. Die deutsche Landtagsmajorität dürfte wahrscheinlich schon bei den diesmaligen Wahlen der czechischen Platz machen. Mähren mit seiner überwiegend slavischcn Bevölkerung hätte längst bereits keine deutsche Landtagsrnajorität, wenn, die Juden nicht ünmer und immer wieder bei den Wahlen für die deutschen Candidaten gestimmt hätten. Trotzdem hat auch in Mähren der Antisemitismus in weiten deutschen Bevölkernngskreisen Wurzel gefasst. Die Alldeutschen und die Deutsche Volkspartei drängen auch in diesen: Kronlande den deutschen „Liberalismus" zurück, und nun sitzen gar die Vertreter des Liberalismus, des Nationalismus und Antisemitismus beisammen — im „deutschen Volksrath". Aber auch die Coalition aller deutschen Fractionen, das fühlen diese selbst, ist nicht mehr imstande, die bisherige deutsche .Herrschaft im Lande zu erhalten. Darum will man auf gemäßigt deutschnationaler Seite den Ausgleich mit den Czechen. Die Jnngczechen ivieder fürchten das Anwachsen des Clericalismus in der mährisch-czechischen Bevölkerung; darum sind auch die gemäßigten Elemente unter den Jnngczechen, sowie die Altczechen zu einem billigen Frieden bereit. iiwaimrai des höchst einfachen, um nicht zu sagen, dürftigen Gemachs hängen und lehnen die verschiedensten Werkzeuge und Geräthschaften — Säge, Schaufel, Sense usw.. Es ist unser Unglück, das wir dem unmittelbaren Verkehr mit der Natur entsagt und dass wir es verlernt haben, auch körperlich, ja im Schweiße unseres Angesichtes uns abzumühen und unseren Lebensunterhalt zu verdienen. Durch diese Vernachlässigung der natürlichen. Existenzmittel haben wir uns zu einer höchst einseitigen Pflege lediglich geistiger Interessen, zu einer bloßen Verstandsarbeit, führen lassen, die unser Herz nicht wahrhaft befriedigt und bei allein Reichthum unser Gemüth nicht ansfüllt. Deshalb arbeitet Tolstoi mit den Bauern seines Gutes um die Wette, wie er überhaupt trotz seines Alters (bekanntlich ist er über 70 Jahre alt) allen Leibesübungen sehr gewogen ist, wie Schlittschnhlanfen, Baden, Radfahren usiv. Diese rigoristische Anschauung lässt ihn auch den Reichthmn in einem so verderblichen Lichte erscheinen, so dass sich schon von dieser Voraussetzung aus sein ausgeprägter Socialismus, der freilich ganz und gar in christliche Ideen getaucht ist, erklärt. Dazu kommt der bekannte Zug der großen Menge nach der Stadt, den großen Metropolen, die alles in sich aufsaugen, so dass Tolstoi schon ans diesem Grunde ein erklärter Feind der modernen Cultur. ist. Er sagt: Der Landbewohner ist znin Theil gezwungen, in die Stadt zu gehen, wo der ununterbrochene Festtag der Reichen gefeiert und das, was ihm genommen, verzehrt wird, um sich von llen Brosamen zu nähren, die vom Tische des Neichen fallen, zun: Theil aber auch deshalb, weil er das sorglose, luxuriöse, von allen gutgeheißene und geschützte Leben der Reichen sieht und selbst wünscht, sein Leben so einznrichten, um Die mährischen Juden mögen sich mm hüten, bei ben bevorstehenden Landtagswahlei: durch Förderung einseitiger chauvinistischer nationaler Bestrebungen den nationalen Chauvinismus neuerlich anzufachen. Das Scheitern des Ausgleiches, die Zuspitzung der nationalen Gegensätze zwischen Deutschen und Czechen werden tausende mährische Juden mit ihrem — wirtschaftlichen Ruin zu bezahlen haben. Der Antisemitismus ist in Mähren latent, tritt aber iinmer mehr zutage iin Kampfe zwischen Deutschen und Czechen, sowie in der Zeitungssehde der einzelnen deutschen und czechischen Fractionen untereinander. Ein solcher ist anlässlich des czechischen Katholikentages in Kremsier zwischen dem Organe des Erzbischofs von Olmütz Dr. Kohn, den: „Hlas" und der „Lidove Noviny", dem Sprachrohre des Abgeordneten Dr. Stransky, ausgebrochcn. Diese Zeitung greift den Erzbischof von Olmütz täglich wegen Einberufung des Kremsicrer .Katholikentages an; andererseits macht sich der „Hlas", das katholische nationale Organ, darüber lustig, dass die Jnngczechen ein anticlericales Meeting abhalten wollen, und meint, dass dieses unter dem Protectoratc des Juden Gutmann in Tobitschau stattsinden könne. Die jungczechische „Lidove Noviny" nennt diesen Witz „recht dumm", mit Rücksicht daraus, „dass der Protector des Kremsierer Katolikentages — Herrn Dr. Kohn zum Protector habe". Vielleicht waren der. Großvater des Herrn Gutmann und der des Herrn Dr. Kohn gute Bekannte und giengen zusammen in eine und dieselbe Synagoge. Der reiche Dr. Kohn und der reiche Herr Gutmann sind einander.gleichwertig, beide streben die Erweiterung ihres Grundbesitzes und das Anwachsen ihres Vermögens an, es besteht höchstens der eine Unterschied, dass Herr Gutmann seine Arbeiter besser bezahle als Herr Dr. Kohn. Zu dieser Polemik der jungczechischen und clericalczechischen Presse gegen einander macht der „judenliberale" Brünner „Tagesbote" die bissige Randbemerkung: „Merkwürdig, jetzt spielen sogar schon bei Katholikentagen Inden die Hauptrolle." Es ist also hier wieder einn:al der Beweis erbracht, wie verkehrt es ist, wein: die Inden sich in nationale und religiöse Kämpfe der übrigen österreichischen Völker einmischen, nwgen sie nun getaufte oder ungetanste sein, mögen sie sich als Deutsche, Czechen oder Polen geberden. Dies gilt in gleichen: Maße für die Inden Böhmens und Mährens, wie für die Galiziens. Auch in Galizien ist der Nationalitätenkamps zwgchen Polen und Rnthenen auf den Gipfelpunkt angelangt, wie der Exodus der rnthenischen Landtagsabgeordneten aus der Lemberger Landstube beweist. Die diesmaligen Landtagswahlen in Galizien, die wohl noch früher als in anderen Kronländern stattfinden, Weniger zu arbeiten und mehr Nutzen aus der Arbeit Anderer zu ziehe::. Und so zieht er zur Stadt und lässt sich neben dein Reichen nieder, beinüht sich, mit allen Mitteln das van ihn: zurück zu erlangen, was er nüthig hat und unterwirft sich allen Bedingungen, die ihn: der Reiche auferlegt. Er dient den: R'eichen in: Hause, im Restaurant, als'Kutscher und als Prostituierte, verfertigt ihn: Equipagen, Spielzeuge und YNvdeartikel und lernt vom Reichen nach und nach dann so zu leben wie er, — nicht durch Arbeit, sondern inden: er durch verschiedene Künste anderen die. von ihnen gesannnelten Reichthi'uner abninnnt. lind so fällt er den:' Verderbnis und dem Untergang anheim. Man braucht sich nur umzusehen und n:an wird voi: Entsetzen erfasst über die Sittenverdernis, die wir, abgesehen von den unseren: Luxus dienenden Fabriken, uninittelbar dnch unser luxuriöses Leben in der Stadt unter denselben Menschen verbreiten, denen wir helfen wollen. Obgleich Tolstoi näinlich nicht wie Rousseau unmittelbare Rückkehr zur Natur fordert, so dass man, wie dan:als Voltaire boshaft sagte, ordentlich Lust bekommt, auf allen Bieren zu laufen, so ist er doch nicht lveniger ein höchst energischer Bekämpfer der modernen Civilisickio::, die ans den beiden Grundsäulen ruht, auf dein ^taat mit seiner Gerichtsorganisation und den: .Heere und andererseits ans der Kirche. Gegen diese beiden Institutionen^ richtet er deshalb, lvie wir sehen we:Mn, innnerfort die Pfeile seines grimmigen Hasses u::d Spottes. Eine jener energischen Verwahrungen unseres Denkers gegen die inoderne Gesellschaftordnung, die sich unter irgendlvelchcn Nuancierungen in vielen seiner Schriften wiederholen, lautet: Entiveder gibt es keinen Staat oder

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