Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 3 (1901)
- Issue
- 29 (19.7.1901)
- Date
- 1901-07-19
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Erscheint jeden Freiing Ardactton:?LU/1, KiylShetgstlr u. r — 4 axtixx Mitwirkung wer vorn ILdkWpen Volks- —— ■ - - > > -♦ Administration: Yin/1, Schlotzelgasse 11. Ehne<chst»«de»r Ln Wochentagen von 4 bis 8 Uhr nachmittags. verein erwählten Pnefsromwilllon. Mb ounemeutSpreiS: pofc&itfft! Jüdisches BolkSblatt, Wien, viii«. Inserate Übernehmen die Firmen: I. Danneberg, M. Duke», Haasea- Für Wie» u. Oesterreich-Ungar« Für baS gefammte Ausland Vvfchwrrde« wegen verspäteter oder gar nicht erfolgter fsustellung erbitten wir »ns dringend. - Mannserivle werde« nicht zuLückgefteM. stein * Bögler, Rudolf Moste, TL Oppelik, M. Pozsonyi, W. Lchalek in sammt Francozustellung. sammt Francozustellung. Wie«, ferner alle vnnonceir-Hxveditionen im Auölcmbc. Halbjährig . .! . 4.- Blerteljährig. . Ganzjährig ... Kr. 9.— Postsparcaffen-Sonto »4708?. In da» Lbonnement kann man täglich eintreten. ch—.....4 , Mnzel-Nmrrrrrer ist Wie« 16 Heller. Halbjährig.. 4.50 Vierteljährig ..„ 8.25 8^ I^NOLHgeVWWWLeLSstMWSstMMLst . 29 , IS. Juli 1901. 111. Jahrgang. Polen, Ruthenen und Inden. Wie der Jude in den Sudetenländern, eingekeilt zwilchen Deutschen und Czechcn, bis jetzt sein Heil darin ersieht, für die Deutschen die Kastanien aus dem Feuer zu holen und als einzigen Dank dafür von Zeit zu Zeit von den Deutschen einen liebevollen Klaps auf die Finger erhält, so ähnlich ist die Lage der Juden in Galizien. Roman Sembratowycz, ein politischer Charakter, wie er in Galizien gerade nicht häufig zu treffen ist, behandelt in der Wiener Wochenschrift „X-Strahlen" dieselbe Frage. Wir wollen dem Autor in unserer Darlegung folgen, da er eine genaue Kenntnis des Landes und der Leute mit Objectivität und Intelligenz vereinigt. Rach einem kurzen historischen Rückblick sagt er: Deswegen ist die Rolle der Schlachta sehr leicht: Wenn sie mit ihren Repressalien zu weit gegangen ist, so dass sich eine Gährung unter der Bevölkerung bemerkbar macht, dann bestellt man antisemitische Unruhen, lässt anfangs die Juden ruhig prügeln, dann unterdrückt man die Bewegung, infolgedessen steigert sich noch der Hass der Bestraften gegen die Judm. ( Der Schlachziz schmunzelt aber vergnügt, denn er konnte sich dem Juden gegenüber als „Beschützer" auffpielen und ihm beweisen, dass der Bauer der gemeinsame Feind in. Als eigentliche Antisemiten treten also zuerst in Galigicu die Jesuiten auf und die von ihnen beeinflusste polnische Schlachta. Sie geberden sich allerdings nicht inuner als offenkundige Antisemiten, sondern begnügen sich mit der Veranstaltung verschiedener Judenhetzen, wobei sie imnier eine unschuldige Miene aufsetzen, sich nach außen hin „neutral" verhalten und sich durch andere Herrschaften vertreten lassen. Diese Politik hat neulich ein hervorragender Schlachziz, Pater Morawski, in dem Blatte „Przeglad powszechny" (im Aufsatz u. d. T. „Asemitismus") sehr gut präcisiert. Wir sind Asemiten, nicht Antisemiten — sagt der genannte Herr. Er möchte durch Voycottierung der Juden dieselben zum Verlassen von Galizien zwingen. Pater Morawski sagt deutlich genug, die Herrschaften seien Judenfeinde, verabscheuen aber die pöbelhafte Benennung „Antisemitismus". Die Organe der Schlachta, wie der „Dziennik Polski", sind mit der speciellen Aufgabe betraut, der Bevölkerrmg Galiziens die' Ueberzeugung beizubringen, dass an all' dem Elend Galiziens nicht die Schlachta, wohl aber die Juden schuld seien. „Es müssen tausende Juden erschlagen werden, bis sich die Bevölkerung beruhigt", schrieben die Schlachzizenblätter vor den letzten antisemitischen Unruhen in Galizien. Während der genannten Unruhen brachte der „Dziennik Polski" blutdürstende Artikel und die betreffenden Nummern tvurder: unter die Landbevölkerung vertheilt. So schrieb der „Dziennik Polski" in der Nr. 127 vom 8. Mai 1898: „In den Straßen unserer Stadt schleicht den ganzen Tag über eine abscheuliche Sippe von den, mit polnischen: Brot gemästeten, jüdischen Potentaten und aufgeputzten Im Jüdische Künstler in Holland. Die Juden in Holland nehmen eine Ehrenstellung in der Gesammtnation ein; sie haben es verstanden, in einem Lande, wo die Glaubens- und Gewissensfreiheit seit Jahrhunderten zuhause ist, und wo es bis in die Gegenwart keine politische Partei gibt, die den Antisemitismus auf ihre Fahne geschrieben hat, sich ihre Rasseninstinete unverkiimmert zu erhalten. So blüht die jiidische Nation auf allen Gebieten. Wenn man das Amsterdamer städtische Museum betritt, so fällt auf dem Deckengesims als erster der Name Jozef Israels auf; er sowie sein Sohn Jzaak sind berühmte Maler. Ein Maler von Ruf, David Bles, ist kiirzlich gestorben. In der schönen Literatur haben zlvei Juden eine führende Stellung. Der eine, Dr. A. Alletriiw — der außerdem einer der ersten Vertreter der criminal-anthropologifchen Schule irr Holland ist — gehört der Gruppe des literarischen „Jung-Holland" der Achtzigerjahre an, der andere, Hermann H eher m ans jun., hat sich durch seine realistischen und socialistischcn Romane und Dramen einen hervorragenden Namen erworben. Mit letzteren: wollen wir uns ausführlich beschäftigen. Hennann H e Y e r m a :: s jun. In einen: Lande wie 'Holland, das arm an Bühnenschriftstellern ist, und dessen Literaten durch) die ruhige Natur zu ruhigere:: Formen für binnen — und schaut mit Erbarmen von Oben herab auf die seltene Erscheinung eines christlichen Passanten, welcher nolens volens dem sich breit machenden Judenthum aus dem Büge gehen, und in den Weggraben kriechen muss ..." Als man die antisemitischen Unruhen im ruthenischen Ostgalizien nicht Hervorrufen konnte, schrieben die Schlachzizenblättcr, der ruthenische Bauer sei den Juden gegenüber nicht widerstandsfähig, es sei somit eine Colonisation Ostgaliziens mit den polnischen Bauern nöthig, „um das Christenthum in diesem Landestheile zu retten". (Man gründete auch wirklich eine „Parcellationsbank" für Colonisationszwecke). Der „Dziennik polski" Nr. 270 schildert einen Vorfall, wo sich ein jüdischer Kutscher (in einem ruthenischen Städtchen) erlaubt hat, eine für den Wagenverkehr nicht erschlossene Straße zu befahren und sagt wörtlich: . .Wenn das in Jaslo stattgefunden hätte oder in einer anderen westaalizischen Stadt, würde der Jude nicht mit dem Leben davonkommen, das müssten cnvch seine Glaubensgenossen büßen — aber das ruthenische Volk ist zu träge, deshalb lässt es sich von den Juden beherrschen." Das Verhalten des Polenclubs und seine jeweilige Stellung zu der judenfeindlichen Bewegung ist äußerst unaufrichtig. Während der antisemitischen Ercesse in Galizien hat der Polenclub ein Connnuniquee erlassen. Der deutsch veröffentlichte Text desselben — wie er in den Wiener Blättern zu lesen war — klang ziemlich judenfreundlich. Ganz arlders sah die Stilisierung dieses C o m n: u n i q u e e s in den polnischen Blättern aus. Zu d eser Affaire schrieben damals die Hauptorgane des Volenclubs „Czas" und „Dziennik polski" (in der Numiner vom 21. Juni 1898): „In der Angelegenheit des letzten Communiquees unserer Delegation — des Polenclubs — ■ haben wir es mit einein Jrrthum zu thun. Das in den Wiener Blättern veröffentlichte Communiquee stinunt mit dem Texte des Beschlusses nicht überein. Diese Notiz sieht dem Beschlüsse ähnlich, ist aber derart stilisiert, als ob der Polcnclub nur die Bekämpfung der antisemitischen Agitation oder des Pater Stojalowski wünschte. Indes ist das nicht der Fall. Das bezieht sich durchaus nicht auf eine Partei, und speciell nicht aus den Club des Pater Stojalowski ..." Der Polenclub hat im vorigen Jahre auch eine, die Ritualmordagitation betreffende Interpellation gezeichnet — die Herren beeilte:: sich aber, in den polnischen Blättern ihren Schritt mit der „Ungezogenheit" der polnischen Juden — sonst die Unterschriften unter den deutschen Abgeordneten zu sammeln — zu rechtfertigen. Der Schlachta, die ja alle einflussreichen Stellet in Galizien mit ihren Leuten besetzt, stehen viele Mittel zur Verfügung, um die judenfeindliche Bewegung zu fördern. Am zweckmäßigsten erweist sich aber in dieser Beziehung die Agitation des polnischen Clerus. Die von den Jesuiten herausgegebene und von den: Fürstbischof Puzyna unterstützte Monatsschrift „Glosy katolickie" brachte im Augustheft vorigen Jahres einen ungemein scharfen und aufreizenden Hetzbrief gegen die Juden und gegen die jüihre Werke angeleitet werden, ist es von großer Bedeutung, wenn sich dort ein Talent regt, das andere Wege wandelt, als die zeitgenössischen Schriftsteller. Couperus van Eeden, Borel, Kloos, van Deyssel — alle bevorzugen sie eine gewisse Stimmungsmalere:, die manchmal an Sensitivismus, grenzt. Und auf der Bühne ist in den letzten Jahren nur W. van Nouhuys iiber die Grenzen des Landes hinausgekommen. Er stellte keine Thesen auf, sondern versuchte ganz einfach in bühnenmäßiger Forn: Familiengeschichten zu erzählen. Als aber H e y e r m a n s eines Tages mit einen: kurzen Einacter, einer dramatischen Skizze „Ahasverus" (1898) ans Licht kam, da glaubte:nan etwas )oie Gerhard Hauptmann dort entdeckt zu haben. Die kleine Geschichte spielt in Russland und stellt die Ausweisung einer arn:en jüdischen Familie dar. In einen: Amsterdamer Blatt, „De Telegraf", begann Heyermans damals kurze Feuilletons zu veröffentlichen unter den: Pseudonym F a l k l a n d. Diese Skizzen giengen in Holland von Hand zu Hand. Man hatte dort derartige prägnante Schilderungen noch nicht gelesen. Sie waren mit einer fast photographischen Naturtreue verfasst. Die jüngere Generation begeisterte sich für ih::, während er der älteren zu derb und rücksichtslos war. Mit Vorliebe zeichnete Heyermans in seinen „Falklandjes" die Bedrückten und Kleinlichen und fiel über die Vertreter der Bourgeoisie mit einer Schärfe her, die wohlthuend von all der conventionellen Literatur abstach. Heyermans blieb bei seinem schlichte:: Stil und wurde allmählich in Holland der Meister der erzählende:: Kunst. In dische Religion, betitelt „Ochlebie : niebie". Dieser Hehbrief wurde von dem fürstbischhöflichen Consistorium (mit den: Beschlüsse vom 27. August 1900, Z. 4261) approbiert und in einer großen Menge in Galizien versendet. Erst nachdem die Auflage bereits erschöpft wurde, sah sich die k. k. Staatsanwaltschaft — der sonst kein missliebiges Blättchen entgeht — veranlasst, die Weiterverbreitung der Druckschrift zu untersagen! Der Pfarrer Ignaz Wojs in Trzevinia verbreitete in der Kirche und an anderen Orten eine von ihm verfasste Flugschrift, welche bestimmt ist, zwiscben Juden und Christen im sociale:: Leben eine strenge Scheidung herbeizuführen, und dadurch „den Einfluss der Judenschaft weniger schädlich zu machen." Dienst und Anstellung bei Juden zu nehmen, soll nach dem Wunsche des Herrn Pfarrers verboten sein; jüdische Aerzte sollen von den Christen nicht consultiert werden, von Juden bereitete — Medicamente nicht eingenommen werden. Das Zusammenwohnen der Christen und Juden in einem Hause, die Tbeilnahme an jüdische:: Mahlzeiten wird verpönt. Juden dürfen zu öffentlichen Aemtern nicht zugelassen werden. Die Krakauer Staatsanwaltschaft beantragte das Verbot der Weitervcrbreitung dieser Broschüre, doch gab weder das Landesgericht noch das Oberlandesgericht diesem Anträge statt. Erst der Oberste Gerichtshof in Wien hat die Sache im Sinne der bestehenden Gesetze entschieden, d. h. dem Anträge stattgegeben. Das Organ des Polenclubs, der „Czas" (Nr. 286 vom 22. November 1900) ergeht sich in Thränen über diese „gesetzwidrige" Entscheidung des Obersten Gerichtshofes und sagt, dass in gewissen Wiener Kreisen eine Strömung sich bemerkbar mache, die sich mit der Gleichberechtigung aller Confessionen nicht vereinbaren lasse. Schließlich versichert der „Czas", dass die polnischen Abgeordneten in Wien dieser Strömung entgegentreten werden. Es handelt sich hier jedoch nicht um Recht oder Unrecht, stader:: um Sieg oder Niederlage, und zum Sieg kann der Schlachta nur der ewige confessionelle Hader in Galizien verhelfen. Viel größere Wirkung auf die Massen hat natürlich das llbendige Wort, welches in. den Kirche:: gepredigt wird — denn verba Volant, man braucht somit nicht sehr vorsichtig zu sein. Da geht man in den „erzkatholischen" Conn grenzen viel weiter als der „Dziennik polski", nach dessen Meinung selbst an der Arbeitsunfähigkeit des österreichischen Parlamentes die Juden schuld waren. Es wird somit niemand wundernehrnen, dass angesichts solcher Agitat.on von allen Seiten, die Mädchenraube — eine rituelle Gewaltthat par ercelleirce — in Galizien zu einen: conventionellen Gebrauch geworden sind. Auch die Wundermärchcnliteratur wird von der Schlachta jeden Tag bereichert, die adeligen Herren wollen ja keine Nachziigler sein. Mit dieser Mission wurde unter anderen ein gewisser Dr. Czolowski betraut. Der gute Mann soll sich die Mühe gegeben haben, alle Archive durchzusehen und in der polnischen Geschichte und im Talrnuo „schlagende Beweise" für den Bestand des Ritualmordes den letzten Jahren setzte er im „Algemeen Handelsblad" seine „Falklands" fort. Es konnte nicht ausbleiben, dass ein derartiges Talent mit einem den Erscheinungen so auf den Grund gehenden offenen Blick sich an größere Aufgaben wagte. Bald erschienen sein Trauerspiel „Ghetto", eine Anklageschrift, dann „Das siebente Gebot", das seine Tendenz gegen die gesetzliche Heirat richtet, und zuletzt „D i e H o f f n u n g a u f S e g eworin er seine Stinnne gegen. die Gewissenlosigkeit der Rheder erhebt. Heyennans ruft fast in jeder Arbeit seinen Zeitgenassen ein „J'accuse" entgegen, indem er der Welt ständig dll Schäden der Gesellschaft zeigt — freilich in seine:n Spiegel. Das Amsterdamer Patois beherrscht er wie kein anderer; seine Juden, die er :::it Vorliebe hinstellt, sind durchaus naturwahre Gestalten, die den: concreten Leben eutnonnncn sind. Von seiner Fruchtbarkeit als Autor legen auch seine vielen Romane beredtes Zeugnis ab. Sie packen alle, schlagen mit Kraft in das ruhige Holland hinein und schildern meistens ehrliche Liebesgeschichten unter erschwerenden U:nstä::den, da die beiden fast inuner von ganz verschiedener Abstammung sind, social ganz verschieden gestellt, kurz äußerlich entgegengesetzte Menschen, aber in ihren: Empfinden ein Herz. „Trinette" sowohl )vie „Kamertjeszonde" (unter den: Pseudonym Koos Habbema) haben einen großen Erfolg gehabt und Heyernmns Nan:en in Holland auf den Schild gehoben.