Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 3 (1901)
- Issue
- 27 (5.7.1901)
- Date
- 1901-07-05
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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ätbatikm: Hil/I* ii. <zr.ft¥lntibetti Kn pan 4 bis 6 Nhr nachmittags, l-i!<.r..u. - NiwtstzeS Volksr-lat». «Sie», vni|l. Vrjchwrvden wegen verchükter oder gar niÄt erfvigter ZilttcUnng erbitten wir uns dringend. — Sftanafctföte tnerveu nicht znrücküeftelll. Postlparcassen-Tonlo 547037. In das Nbonnemeni kann man tügltÄ einrreren. ErslhM jeden FreitW »Mer Wlkwirkmnü der vom jüdischen Volks- Verein LrwaMen Prefsrvrnmifston. Anierate übenicbmen die Firmen: I. Danncberg. M. DukeS, Haafen« bein & Bögler, Rudolf Masse, 8. Oppelik, M. Pozsontzi, L. Schalet in Wien, ferner alle Annoncen-Expeditioncn im kluSlande. Eü?zel-NrrwMer in Wien IG Heller. BiirimKvntton: VIU/1, Schlö^rlgnlse 11. ZlbourrementSpreiS: Fiir Wien «. Oesterreich-Ungar«, fammi Frau^o^isicllnng. Ganzjährig ^iertessährig. . Kr. 8.- „ i~ .. ».- Tfiir da« gesaniinte SlnSlanb lammt Francozusielliing. Ganzjährig . Halbjährig . vierteljährig Kr. 8.— „ 4.50 : S.S5 I OrW«nTOtÄ*iM»t3irWJ Ar. 27 Wien. 5. Juli 1901, III. Jahrgang. Die Juden u.der Capitalismns. ii. In welchem Gm de erscheinen nun die Inden als Träger des Capitalismns? Man muss bei Behandlung dieser Frage sich vor allem vergegenwärtigen, dass das reine Geld- und Leihcapital, bei dem die Juden in der That wenigstens in gewissen Ländern eine präponderierende Nolle spielen, keineswegs diese übergroße Bedeutung hat und in Wirklichkeit nicht dieselbe Nolle lvie in der Phantasie des antisemitischen Klein- und Mittelbürgers spielt. Im übrigen hat es auch in früheren Zeiten mächtige Geld- und Leihcapitalisten, die Nichtjuden waren, gegeben. Man denke nur an die Fuggers, welche mit den Habsburgern Geldgeschäfte in ausgedehntem Maße machten und zur Zeit der Kaiserwahl Karls des Fäusten so mächtige Männer waren, dass Fürsten und Kirchen gleichmäßig um ihre Gunst buhlten. Die Herrschaft des modernen Capitalismus findet vor allem in der Industrie ihren charakteristischen Ausdruck. Nicht alle Industrien sind in volkswirtschaftlicher Bedeutung gleich. Die erste Nolle spielen diesbezüglich sicherlich Eisen und Kohle. Sehr richtig hat der König der Belgier einmal gesagt: „Der Stand der Eisenpreise ist das Barometer der Jndustrielage." Sowohl an der Eisen-, wie an der Stahlproduetion sind die Juden nicht in hervorragendem Maße betheiligt. In Deutschland befinden sich einige der hauptsächlichsten Eisen- und Stahlindustriellen sogar im antisemitischen Lager. Die Kohlenförderung und -Erzeugung ist nur in Oesterreich stark in jüdischen Händen, aber selbst hier spielen Rothschilds und Guttmanns nicht allein die entscheidende Nolle. Neben ihnen kommen Graf Larisch und vor allem die Werke des Erzherzogs Friedrich mindestens ebenso stark in Betracht. Auch in Deutschland sind die Juden in diesem Zweige der Industrie hervorragend thätig, aber mehr als Zwischeuhäudler und Großkaufleute großen Stils denn als eigentlichen Produeenten. So figuriert in erster Linie die jüdische Millionenfirma Cäsar Wollheim. ^ie hat den größten Theil der preußischen Staatsgruben gepachtet. Auch Friedläuder ist nur der Pächter der Graf Douuersmark'scheu Werke. Die so stark aufblühende russisehe Eisen- und Kohleuindustrie ist fast durchwegs nicht in den Händen der Juden, obwohl gerade unsere russischen Volksgenossen auf anderen Gebieten der Industrie sehr betriebsam und in anderen Zweigen vielfach mit großem Erfolge thätig sind. Die noch junge Eisen- und Kohlenindustrie Russlands befindet sich zum großen Theil in belgischen Händen. An der englischen Kohlenindustrie sind die Juden vielfach betheiligt, an der Eisenindustrie weniger. Die amerikanische Stahlunb Eisenindustrie ist fast durchwegs in den Händen gut christlcher Geschäftsleute. Die Macher der jetzigen Bewegung auf dem gesummten amerikanischen Stahlmarkt, Morgan, Carnegie usw., sind nicht Juden. Zieht man in diesen wichtigen Branchen das Facit, so kommt man zu dem Resultate, dass gerade hier an der entscheidenden Stelle, im Herzen des modernen Wirtschaftsgetriebes die Juden keinswegs die allein Seligmachenden sind. Kein unbefangener und objeetiver Beobachter des Weltganges der Industrie lvird die Wahrheit des obigen Satzes bestreiten können. Gehen lvir weiter. Die größte Bedeutung nach der Kohlen- und Eisenindllstrie hat die Textilbranche. Hier spielen die Juden in Deutschland, Oesterreich und zum Theil auch im Orient sicherlich eine große Rolle, aber auch hier kann man keineswegs von einein überwiegenden Einflüsse der Juden sprechen. Dies umsomehr, als sie in ganzen Theilen Deutschlands zum Beispiel kaum in Betracht kommen. Die sächsische Textilindustrie ist, um einen beliebten Ausdruck zu gebrauchen, zu mindestens neun Zehnteln „judenrein." Dies gilt zum größten Theil von Leipzig und Dresden. Ganz aber von Chemnitz, Zwickall, Meerane, Glauchau u. s. lv.Noch geringer, wie in der englischen ist der Percentsatz der Juden in der französischen Textilindustrie. Stark betheiligt sind die Juden an der chemischen Industrie in Deutschland, zum geringeren Theil. in England. Relativ schwächer an der Elektrieitätsindustrie in Deutschland. Der Leitung der Schlickert'schen Elektricitätswerke wird sogar vielfach, ob mit Recht, soll hier nicht untersucht werden, Antisemitismus vorgeworfen. Aehnlich stehen die Dinge in der deutschen Maschinenindustrie. Ziemlich judenrein ist die südfranzösiche, insbesondere Lyoner Seidenindustrie. Sehr wenig Juden sind auch an der Schweizer Seidenindustrie betheiligt. Relativ größer ist der Antheil an der italienischen Strohhutindustrie. In der amerikanischen Textilindustrie sollen Juden vielfach eine Rolle spielen, in der Maschinenindustrie eine nur sehr geringe. Dafür sind die Juden in der russischen Textilindustrie von ausschlaggebender Bedeutung. Allerdings mehr in Russisch- Polen als in Central-Russland. In Lodz, dem russischen Mailchester, wimmelt es nur so von jüdischen Jndustriemillionärcn. Eine stark jüdische Industrie ist in gewissen Ländern die Zuckerproductiou. Da kommeil die Juden wesentlich in Betracht in Mähren, in Ungarn aber and) sehr stark in Russland. Der wichtigste Litz der rlissischen Zuckerindustrie ist Kiew, der bedeliteildste Zuckerindustrielle dieser Stadt ist ein Jllde. All der russischeil Petroleulnindustrie ist, wie bekannt, Rothschild sehr stark betheiligt, aber auf deiil Weltmarkt tritt die russische Petroleulnindustrie gegenüber der amerikairischen ganz zurück, die wie ebenfalls allgemein bekannt, H IlWin»»UM—»WlMYT■■T5IWWHI8II CTIIWif tllBIB1 ■■■!!IM jMi;>*»nrrrp unter dem monopolistischen Einflüsse eines einzigen gewaltigen Capitallnagnaten steht, dessen arische Abkunft über jeden Zweifel erhaben ist. Dieser König der Jndustriekönige, Rockseller, ist sowohl seinem Capitalreichthum als seiner ökonomischen Machtsphäre nach heute bereits viel stärker als alle Rothschilds zusannnengenommen. Kupfer und Ouecksilber siild zum großeil Theil in jüdischen Händen. (Rothschild). In vorliegender, höchst lückeirhafter Skizze wurde der wirtschaftliche Einfluss der Juden sicherlich nicht verschwiegeil. Aber er ist nicht von so allsschlaggebender Bedeutung, lvie dies Antisemiten und Juden gleichmäßig wähnen. Sicherlich, die Juden speisen reichlich mit an der Tafel der Weltindustrie, sie gehören aber noch lange nicht zu den Sattesten der Satteil. Ja, wird man sagen, dies gilt aber nur für das Gebiet der eigentlichen Industrie, für die Production. Wird aber die Industrie nicht genährt und geleitet durch das Bank- und Leihcapital? Befindet sich dasselbe nicht etiva in den Händen der Juden und sind sie somit nicht doch die illdirect die ökonomischen Herrscher der Welt? Auch diese Frage wollen lvir — in unserem Schlussaufsatze — zn beantworten suchen. General-Versammlung des Jüdischen Volksvereines. Gleich wie der Wanderer ilach einem angestrengten Aufstiege rastet, mu Athem zu schöpfen und eine kurze Zeit das landschaftliche Bild zu genießen, das er sich in: Schweiße seines Angesichtes eroberte, so hielt auch am 4. d. M. der „Jüdische Volksverein" in seinem Heini nach der schwierigen Winter- und Frühlingsarbeit Rast für kurze Zeit und warf einen Rückblick auf das gewonnene Terrain. Er hat das Recht, anf kurze Zeit zu rasten, denn es gab harte Arbeit. Nicht nur mit unseren alten Gegnern aus dem Assimilationslager gab es Kampf; nein, unvermuthet überfielen uns and) falsche Freunde im Rücken, und ließen die gleißnerische Maske falleil, die sie, so lange es ihr Vortheil erheischte, trugen. Aber die Arbeit blieb nicht ohlie Segen. In diesein Jahre ist der Verein aus seinem ursprünglichen engen Rahilleil herausgetreteil und hat die auswärtige Propagallda begonnen. Die Erfolge auf diesen) Gebiete waren über alles Erwarten günstig. Es zeigte sich, dass der Boden für eine nationaljüdische Politik in Oesterreich überall vorhanden ist und es eigentlich nur der Mühe bedarf, den latenten Enthusiasmlis in die That umzusetzen. Die sorgfältigen Vertrauensmänner - Organisation, die die jüdische Volkspartei besitzt, setzt sie iir die Lage, gegebenenfalls in ganz Wien Julius Tuchmann. Ein Großer vom Stamme Israel istdahingegangen. Vergeblich suchst du bis ins letzte Winkelchen die jüdischen literarischen Wochenblätter und Monatsschriften nach einem Nachruf oder auch >lur nach einer Erwähnung Tuchmanns durch. Er war weder Börsejobber noch Wucherer, weder ein Rabbiner " la mode, noch — und, das am allerwenigsten — ein Gewo nicht aggressive Feindschaft bereit hält, er war bloß eill Denker und Forscher, der der. Wissenschaft lebte und einen Wissenszweig mitbegründen half. Um Leute seiner Art bekümmert man sich int modernen, entnationalisierten Judenthum ilicht, aber lvir Nationaljuden wollen feiner ehrend gedenken; denn er bewies mit seiner Lebensführung unb seiner Lebensarbeit, dass die alte, wahre Tugend, die Israel zil einem ruhmvollen Namen unter den Völkeril verholfen, iloch immer gedeihen mag, freilich ain besten fern voll deil Kreisen des officiellen Judenthums. Wenn lvir Juden einen unserer Stammesgenossen als einen Großen bezeichnen, begegnet intfcre Versicherung nicht mit Unrecht schärfstem Misstrauen, denn unsere Literaturgeschichtenschreiber lind Biographien-Compilatoren Preisen allzu leicht uild allzu häufig gegen geringe Eiltlohilung den erstbesten hirnrissigen Streber als eine Leuchte Israels, als eine Stütze oder gar als einen Netter des Volkes. Tuchmann verschmähte solches Lob und solche Anerkennung. Darill gieng er so weit, dass er nicht einmal mir, seinen! Verehrer gegenüber, von feiner Zugehörigkeit zum Judenthuni je ein Wort fallen ließ. Dass er aber ein edler, wahrhaftiger Jude sei, erfuhr ich erst etwa vor einem Jahre von einem Gelehrteil, christlicher Confession. Es ist dies Henri Gaidoz, Professor au den „Ecoles des hautes Etudes" zu Paris, der ein Begründer der Volkskunde-Disciplin ist und die „Melusine", die älteste nnb in der Welt angesehenste Zeitschrift für Volkskunde herausgibt. In dem vor einigen Tagen erschienenen Hefte der„Melusine" weiht erTuchmann einen Nekrolog, den wir hier auszugsweise wiederholen lllüssen; denn einem Gaidoz traut lnan unb glaubt man als einem der scharfsinnigsten, jeder Bestechllllg unzugänglichen Kritiker, die ihres Anltes in Frankreich walten. „Unser Mitarbeiter war zu Paris am 23. März 1830 geboren und verstarb in unserer Stadt am 28. Feber 1901. Er war weder Professor, iloch berufsmäßiger Gelehrter oder Schriftsteller; er war ein Autodidakt im buchstäblichsten Sinne des Wortes. Unsere Leser mochten es wohl an den Compositionsfehlern seiner langen Abhandlung über das Zauberwesen gemerkt haben, aber lvir waren der Ansicht, dass in unserer Sammlung diese Mängel von untergeordneter Bedeutung sind und dass der Reichthmn der angehäuften Doculnente zur Rechtfertigung dieser Publication ausreichen unb geilügen, das Werk für die Gelehrten und die Freunde der Folklore lehrreich zu machen. Wir glauben nicht, dass Tuchinann irgend etwas außerhalb unserer Zeitschrift publiciert hat, uild dass er sich hier einfand, geht allch nur auf einen Zufall zurück. Herr Eugen Rolland hatte während der langen Jahre seiner Thätigkeit in der Nationalbibliothek häufig zum Gegenüber einen Leser, der Bücher verlangte, die auch er (Rolland) habeil wollte,-und mitunter dieselben Werke benützte. Der Austausch einiger Worte führte die Bekanntschaft der beiden Folkloristen herbei. Herr Rolland häufte die Materialien für die Bücher auf, von denen er glücklicherweise den größten Theil veröffentlichte; dagegen war das Vorhaben Tuchmanns großartiger und ehrgeiziger. Herr Tuchmann befasste sich weder mit Volkskunde noch mit vergleichender Literatur-Geschichte; der Ursprung der Ideen des Menschen über die metaphysische Welt und die unsichtbaren Kräfte, die psychologische Gestaltung der Glaubenserscheinungen und religiösen Gebräuche waren der Gegenstand seiner Untersuchungen; er arbeitete und vereinigte mit andauernder Beharrlichkeit die Stoffe für dieses geplante Werk, das er geschrieben mld am Ende seiner Laufbahn veröfentlicht haben würde. Das wäre unzweifelhaft etwas Gewaltiges geworden, wie das große Werk des Engländers Edward Tylor, und getragen von solchem mächtigen Ehrgeiz verbrachte Herr Tuchmam: mehr als dreißig Jahre seines Lebens in der National-Bibliothek, indem er seinen Nachforschungen zuliebe, zu seinem eigenen Schaden, die Fürsorge um sein materielles und Praktisches Leben vernachlässigte. Als wir, ich und Rolland, im Jahre 1884 den Entschluss fassten, die „Melusine" wieder herauszugebeu, erbat sich Herr Rolland die Mitarbeiterschaft seines Nachbars aus der National-Bibliothek, voll dem er wusste, dass er für den Zweig der Folklore, der sich auf den Glauben und Verwandtes bezieht, bestens vorbereitet sei. Herr Tuchmann schlug die Behandlung des Zauberlvesens vor und lvir willigten darauf ein, ohne zu ahnen, welche Ausdehnung und lvelche ungeheure Entwicklung diese Arbeit nehmen würde. Das kam daher, weil Herr Tuchmann diese- Gelegenheit lvahrnahm, um alles, was bei einem vorberechneten Plane als Excurs oder Anhang erschienen wäre, in der Abhandlung uuterzubringen, wodurch er seinem geplanten Werke Vorgriff. Da aber die Artikel Tuchmanns imrner voll Belehrung waren und häufig eine kolossale Menge von Thatsacheu über eine gegebene Frage beibrachten, nahmen wir diese unabsehbaren Darlegungen gerne hin, und wir nieinen, dass unsere Leser nüt uns übereinstinnnen.