Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 3 (1901)
- Issue
- 25 (21.6.1901)
- Date
- 1901-06-21
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Kahrgans. Warum müssen wir Politik treiben? Dass für eine ernsthafte Lösung des Judenproblems auch ein wirtschaftliches Gegenwarts-Programm nothwendig sei, wird kann: mehr bestritten. Dieser Satz ist allmählich zu einer trivialen Weisheit geworden, welche heute alle Spatzen von den Dächern. zu pfeifen beginnen. Geraume Zeit verkündeten die Jüdisch-Nationalen allein diese bedeutsame Wahrheit, die uns jetzt so selbstverständlich erscheint. Aber allmählich unter dein Drucke der wirtschaftlichen Noth, zum Theile auch durch die erzieherische Thätigkeit unserer Agitation verstummten die mehr oder minder lauten Proteste in den verschiedenen jüdischen Lagern. Heute hat man sich bereits, wie cs scheint, mit dieser Gegenwarts-Thätigkeit als einer Thatsache abgefunden; dies gilt aber nur für die wirtschaftliche Seite unserer Gegenwartsforderungen. Das bloße Wörtchen Politik flößt unseren liberalen und zionistischen Gegnern Grauen ein, sie wollen von einer politischen Thätigkeit nichts hören, die alte Weise „ein politisch' Lied, ein garstig' Lied" kommt ihnen nicht aus dem Sinn. Und dennoch müssen wir Juden aus zwei sehr einfacheil Gründen heraus Politik treiben. Der erste Grund ist, dass man einfach Politik treiben muss, ob mau will oder nicht. Auch die unbewusste Art, Politik zu treiben, verdient schließlich diesen Namen. Unsere Gegner glauben keine Politik zu nmchen, weil sie schlechte und vor allem unbewusste Politik machen. Der berühmte englische Culturhistoriker Buckle hat einmal gesagt: „Die Feinde einer jeglichen Theorie finb in Wahrheit meistens die Sclaven irgend einer veralteten Theorie." Ebensowenig, wie es eine reine Praxis, gibt es auch eine reine politische Bcthätigung. Treiben denn die liberalen Juden keine Politik, weil sie keine 51t machen wähnen? Sic machen nur schlechte liberale Politik. Oder geht es den Gegnern im anderen Lager, den Zionisten besser? Sie geben vor, die Politik gehe sie nichts an, stimmt es aber auch in Wirklichkeit? Da sie kein politisches Gegenwartsprograinm haben, handeln sie von Fall zu Fall, und was dabei beranskommt, lehren ja schon heute die Thatsachen. Die Zukunft aber wird, fürchte ich, beweisen, dass die Zionisten stets wie im „Falle der A l l i a nc e" handeln werden. Dieser Fall ist geradezu ein Schulbeispiel für die zionistische Taktik. Seit ungefähr einem Jahre haben die zionistischen Redner und Führer in Schrift und Wort gegm die Alliance die heftigsten Vorwürfe erhoben. Selbst ein Mitglied des Executiv-Comites verstieg sich so weit, die Thätigkeit der Alliance als eine vcrabscheuungswürdige 31t bezeichnen. Das hinderte die Herren nicht, bei der Generalversammlung für den gesummten Vorstand einzutreten. Ter Grund ist unbekannt und auch gleichgiltig. Aber die Zionisteil haben schon öfters so gehandelt. In Galizien haben Zionisten bei den Wahlen für die Byk-Partei, für die assimilatorischen Anhänger des Polenclubs, gestimmt. Warum auch nicht? Kein Partei-Programm verbietet ihnen dies. Sie haben überhaupt fein politisches Minimum- oder Maximunl-Programm für Oesterreich. Sie dürfen für die reaktionärsten Eonservativen stimnlen, auch wenn es nicht jüdischen Interessen gilt. Man braucht sich nur alle Consequenzen anszmnalen imb sehen, wohin diese unbewusste Politik eigentlich führt. Dies gilt nicht nur für die Juden, es gilt für alle Völker. Man kann sich leicht vornehmen, im öffentlichen Leben zu stehen und nicht Politik 31t treiben, man wird aber in Wirklichkeit stets schlechte, unbewusste veraltete Politik treiben. Hiezu kommt noch eine zweite, der ersten sehr nahe verwandte Thatsache. Eine jede wirtschaftliche Thätigkeit kann nicht isoliert für sich betrachtet werdeil. Sie hängt zusanlnlen mit der psychischen Kraft deö ganzen Volkes, mit der Tradition, der organischen Entwicklung der Nation u. s. lv. Was ist aber die Politik anderes als die greifbarste, nach außen hin sichtbarste Neußernngsform der historischen, traditionellen, psychischen Kraft eines Volkes? Schon Ranke hat sehr richtig darauf hingcwiesen, und Friedjung variiert und nuanciert in sehr gewandter Weise diesen Gebemfon in seinem großen Werke, dass die äußere Politik der großen europäischen Nationen einen cvnstanten Factor bilde. Auch Napoleon der Erste hat gesagt, er betrachte seine Politik als eine Fortsetzung der Handlungsweise der alten französischen Könige. Jahrhunderte hindurch, trotz der verschiedenen ökonomischen Umwälzungen, trotz der technischen Revolutionen, bleibt die Politik eines Volkes in ihrer gesammicn Grundrichtung oft unverändert. Was beweist dies alles? Dass man nicht wirtschaftliche Reformen ohne wichtige politische Thätigkeit in Angriff nehmen kann. Das haben auch die deutschen Socialdenwkraten cingesehen, und trotz aller Prophezeiungen, dass sie zugrrmde gehen, dass sie keine Anhänger finden werden, machte sich diese sociale Partei an die Arbeit. Der Erfolg ist bekannt. Natürlich kann man auch in der rein politischen Thätigkeit zu weit gehen. Dieselbe kann die wirtschaftliche Reformation ersticken. Man braucht eben das Kind nicht mit dem Bade auszuschütten. Denn, wie männiglich bekannt, hat jede Richtung ihre Auswüchse, und darf niemand im Ernst behaupten, dass man eine gesunde Richtung bekämpfen muss, weil sie Auswüchse zeitigen könnte. Worin die Politik selbst bestehen soll, das wird uns hoffentlich vergönnt sein, bei einer anderen Gelegenheit auseinanderzusetzen. Wir wollten hier nur auf die Nothlvendigkeit aufmerksam machen, überhaupt Politik zu treiben. Inder: und Nicht-Juden verkennen hier oft genug die Macht der Thatsachen. Sie vermögen es sich nicht klar zu machen, dass eine rein wirtschaftliche Thätigkeit in den ineisten Fällen eine unfruchtbare und leere bleiben muss, wenn ihr nicht politische Reformen vorausgehen oder sie begleiten. Als Gladstone die Wahlreform von 1867 in einer Versammlung, wo viele englische Arbeiter anwesend waren, besprach, ertönte folgender Zwischenruf: „Die Arbeiter wollen sociale, aber nicht politische Reformen", worauf er schlagfertig antwortete: /,Ich kenne keine socialere Reform als die politische". Die Ekfolge der Wahlreform von 1867, die Einwirkung der äußeren Politik Disraelis auf das englische Wirtschaftsleben, der Einfluss der politischen Reformen auf die englische locale Verwaltung, kurzum die ganze englische Geschichte der letzten Decennien spricht für die Wahrheit dieses Satzes. llaiiGttaliBittus und Smalisnms bei Juden, Deutschen und Slaveu. Einem großen Theile unserer Zeitgenossen, ganz besonders aber zahlreichenunserer eigenen Bolksangehörigen, wohnt ein antiindividualistischer Zug inne, der sich in der Gegnerschaft, oft allerdings nur in dem Mangel au Verständnis für die Freiheit des Einzelindividuums und für die freie Entfaltung der nationalen Individualitäten, für die Aufgaben des niodernen Nationalismus äuß rt. Das gesammte Parteiweseu der Gegenwart, der gesammte Parlamentarismus und unsere ganze sogenannte öffentliche Meinung kranken daran. Aber nirgends macht sich diese Nichtrespectiernng des Rechtes der Individualität fühlbarer als bei den Inden. Die Assimilation ist auch nichts anderes als die Entäußerung des nationalen Cbarak ers zahlreicher Volkselemente, das Aufgeben ihrer nationalen Individualität.Die „Assimilierten* haben, bar des Verständnisses für die Rechte des Einzelindividunms und der nationalen Individualität (was gewöhnlich Hand in Hand geht) in jeder Partei, der sie bisher angehörteu, dazu beigetragen, dass der gesammten Partei das Verständnis für die oben erwähnten Begriffe, welche die Grundlagen für die Entwicklung der Völker und Einzelwesen bilden, abhanden gekommen ist. Auf diese Weise haben die Inden mitgeholfen, aus der „liberalen* Partei ein Zerrbild des wahren Liberalismus zu machen, den ursprünglich defensiven Nationalismus in die Frage des nationalen Chauvinismus der deutschen und slavischen Exaltados zu verunstalten. Auch daran ist die verkehrte bisherige Judenpolitik schuld, dass der materialistische. die individuelle Freiheit nicht berücksichtigende, marxistische Staatscommuuismus die Erbschaft deutopistischen SocialismuS angetreieu hat. die ganze sociale Bewegung nahezu ausschließlich beherricht und alle anderen Socialisten vergewaltigt. Und warum thaten dies die Juden? Warum haben die jüdischen Führer vor mehr als zwanzig J-rhren den Manchester - liberalismns gegen die im Keime begriffenen Demokraten mit allen Mitteln gefördert? Warum waren io v^cle Juden deutscher als die arischen Deutschen, czechischer als d:e arischen Eichen, und warum sind sie internationaler als die anderen Anhänger der Svcialdemokratie? Warum sind io viele jüdische Volksgenossen heute ebenso me., xistische Dogmatiker, wie sie einst Psasfeu des Mauchestertburns waren? — ES ist immer dieselbe Ursache, der nationale Fchlcr der Juden, nicht etwa nur anderen Nationalitäten sich zu assimilieren, sondern auch einer Art politischem Modegigerlthum zu huldigen, sich den jeweiligen Schlagwortcn des Tages anzupasseu, immer zur Fahne der „compacten Majorität* zu schwören, intolerant oft bis zum Despotismus nur gegen anders Gesinnte, mögen sie nun ihrem Volke oder den anderen angehören. Auf diese Weise hat die sogenannte „Judenpresse" und haben zahlreiche jüdische Politiker sowohl im „liberalen" als im soeialdemokratischen Lager nicht wenig zur Förderung des Antisemitismus beigetragen. Welche Ironie! Die Masse des Herden Viehes unter den Juden hat dazu nicht nur geschwiegen, sondern sie hat diese Vergewaltigung der individuellen Freiheit gefördert, im thörichten Glauben, zur „Ueberwindung des Antisemitismus" sei diese „Parteidisciplin" der „freiheitlichen" Parteien nothwendig. * * * Auf diesen Fehler muss aufs nachdrücklichste hingewiesen werden, besonders im gegenwärtigen Stadium, in dem unser Volk wohl die Assimilationslüge erkennt, aber in Gefahr schwebt, in manchen Beziehungen die nationalen Bewegungen anderer Völker zu imitieren, was der speeifischen Individualität des jüdischen Nationalismus widerspricht. Der jüdische Nationalismus, der weit später entstanden als andere nationale Bewegungen, darf keineswegs in Formen auftrcten, deren sich die nationale Bewegung anderer Völker in der Vergangenheit bediente und die sie allmählich abzustreifen beginnt. Es hat eine Zeit gegeben (sie ist nicht allzu ferne), in der deutsche und czechische Wortführer in Oesterreich ihre nationalen Ansprüche vielfach auf die Vergangenheit stützten. Das Recht auf die deutsche Hegemonie in Oesterreich wurde dadurch begründet, dass die Begründer des österreichischen Staates die Deutschen wären. Auch die czechischen Abgeordneten basierten ihre staatsrechtlichen nationalen Ansprüche auf ihrem böhmischen Staatsrechte der Vergangenheit. Speciell die Magyaren haben die Position, welche sie durch den österreichischungarischen Dualismus erlangten und derzeit noch immer haben, auf Grund ihres alten historischen Staatsrechtes gefordert. * * * Im Gegensätze dazu aber proclamiert der moderne Nationalismus die Rechte eines jeden Volkes auf sprachliche, ökonomische und cnlturelle Entwicklung, unabhängig von der Vergangenheit, unabhängig von vergilbten Staatsrechten, unabhängig davon, welches Gebiet es auch bewohnen möge. Nicht die Völker haben sich einer künstlich constrnierteu Staatsidee, sondern die Staaten haben sich der Nothwendigkeit der freien Entwicklung der Völker anzupassen. Hier ist der unüberbrückbare Gegensatz zwischen modernem demokratischen und chauvinistisch-reactionären Nationalismus, ein principiett allerdings unüberbrückbarer Gegensatz. Der chauvinistische Nationalismus geht ja bereits so weit, dass er nur Nationalstaaten eine Berechtigung einräumt und überhaupt die Begriffe der Nation und des Staates nie anseiuanderzuhalten versteht, dem Staate die Aufgaben der Förderung nationaler, coufessioneller oder Ciassenherrschaft imputiert. Mit dieser vollständig rückständigen Auffassung der Staatsidee muss gebrochen werden. Der Staat ist der Inbegriff aller seiner Bürger, deren geistige und materielle Wohlfahrt er zu fördern hat. Aon diesem Standpunkte hat bei der bunten Zusammenwürfelnng der Nationalitäten Europas und besonders i» jenen Gebieten, welche die österreichische Monarchie bilden, der Nationalitätenstaat Oesterreich mindestens dieselbe Berechtigung, tvie die sogenannten Nationalstaaten. * * * AuS dem Gesagten folgt für die Juden und insbesondere für die zum Bolksbewusssein gekommeneil Gruppen derselben, ihre Forderungen nicht auf die Vergangenheit zu basieren, sondern auf die lebendige Gegenwart und eine national-sociale Gegenwarts- und Zukunflspolitik zu inaugurieren, die nicht mit staatsrechtlichen Bestrebungen steht und fällt. * * * Es ist nun allerdings vollkommen richtig, dass keine ausschließliche Gegenwartspolitik den Interessen der Juden entspricht, dass eine Politik, welche die großen Interessen des Volkes für die Zukunft außeracht lassen würde, keine — Realpolitik wäre. Aber nicht minder verderblich wäre eine Gegenwartspolitik, welche nur so weit reicht als — die Prämissen einer möglichen ZuknuftSPvlmk reichen. ES gibt nur eine organische Entwicklung und keinerlei Sprünge. Nach der Gegenwart kommt die Zukunft, somit kann die Zukunstepolitik sich nur ans der G-genwaltspolit-k ausbanen, aber nicht umgekehrt.