Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 3 (1901)
- Issue
- 24 (14.6.1901)
- Date
- 1901-06-14
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Jahrgang. Was heißt Jüdisch-national? I Es gibt viele Leute, die unter allerlei komischen Geb erden und Wendungen, mit schlechten Witzen und schlechiverhaltenem Neid unsere bisherigen Erfolge, unsere Thätigkeit zu begleiten pflegen. Wenn mau ihnen glauben wollte, wäre es geradezu ein Verbrechen, die Juden in Oesterreich politisch und wirtschaftlich zu organisieren. Liberale, Demokraten, Socialisten und Socialpolitiker sind darin einig, dass eine Organisation der Juden unmöglich, unstatthaft uiw ungeschickt sei. Sie verkünden überall, dass der Begriff „Organisation" nur eine formale Bedeutung besitze, und thun so, als ob sie nicht aus hundert Versammlungen und unzähligen Aufsätzen sich schon lange, selbst als Gegner, einen ganz bestimmten, positiven Inhalt hätten herausschälen können. Aber das, was sie laut äußern, gilt nicht für die Auguren. Unter sich im stillen Conferenzzimmer, der öffentlichen Versammlung entrückt, flüstern sie einander die inneren Beweggründe für ihre Taktik zu. Dort kann man folgende Sprache vernehmen: „Die Jüdisch-Nationalen sind die Gefährlichsten. Während die Zionisten mit ihren Utopien nur die Jugend zu begeistern vermögen, werden jene imstande sein, das Bürgerthum an sich zu ketten. Schon jetzt fehlt es nicht an vielen versprechenden Anfängen. Die Radikalen halten die Bürgerlichen für Utopisten, ihre Anschauungen ziehen nicht. Jene aber verfügender bedeutende Zugkraft, gegen sie müssen wir vor allem kämpfen." Die Judennoth hat uns organisieren gelehrt, Jnsoferne sind wir genau fr wie alle reinliberalen Richtungen und Bestrebungen innerhalb des modernen Jndenthums ein Product des Antisemitismus. Aber — und hiermit beginnt schon das Trennende und Unterscheidende — unsere Thätigkeit verliert sich nicht in eine Abwehrpolitik, wie notwendig und segensreich eine solche auch sein mag. Wir begnügen uns nicht, unsere Rechte zu vertheidigen, wir gehen bei diesem Vertheidigungswerk auch nicht von confessionellen, sondern in erster Linie von nationalen Motiven aus. Uns ist die Abwehr des Antisemitismus nicht Selbstzweck. Der Abgeordnete von Lieber, einer der Führer des Centrums, hat in Deutschland einmal gesagt, er wäre ein „Muss-Preuße". Unsere liberalen Juden sind „Muss-Juden". Sie stehen nicht auf nationalem Standpunkte; für sie ist es nicht selbstverständlich, dass man auf die innersten Raffenempfindungen und Rasseninstincte hinhorchen müsse, dass man Warum? N a ch d e m R u s s i s ch e n v o n F. L a n d e s b e r g e r. (Schluss.) „Die Aermste! Sie ist nicht aus unserem Dorfe! Wir hatten kein so schönes Judenmädchen!" „Ist es nicht Rilvka?" „Welche Niwka? Die Tochter Abrahams?" „Ist sie nicht die Tochter Gerschcks oder Moscheks?" „Nein, sie ist eine Fremde. Man sagt, dass sie mit ihrem Vater, einem reichen Berdyczewer Juden, hier angekommen ist. Oh! Entsetzen! Man möchte schwören, dass sich noch etwas unter ihrem Kleide regt. Ja, es bewegt sich wirklich. Es müssen Krebse sein. Sie muß einen ganzen Sack unter dem Stücken haben. Die Burschen lachen. Na, inan weiß ja! Wenn sich eine Jüdin ertränkt, fängt sie noch einen Sack Krebse. Und die Herzlosen niachen rohe Scherze. Was zupft ihr so an der Tobten herum, ihr Lumpen, sagte der Bürgermeister. Warum hebt Ihr sie nicht auf? Warum lasst Ihr die Krebse diesen schönen reinen Körper zerstören. Hört Ihr sic nicht, die himmlische Stimme: Habt Achtung vor dem Tode! Warum hebt Ihr die Unglückliche nicht auf. Sie war ein zartes Geschöpf. Berührt sie vorsichtig. Oh! Schließt diese Augen, die unter den langen Wimpern hervorstarren, als wollten sic mit verzweifeltem Blick die Ewigkeit mnfassen!" Der Polizeicommissär kommt zu Pferde. Fliehen wir, Bruder!f Mädels lauft, rasch, rasch! Mutter verstecke mich vor dem Commissär, er wird mich festnchmen. Ich Hab die Juden nicht geschlagen. Opanesko hat die Judenkinder gequält. Ah, Mutter! Still, Ihr Missethäter! Hier ist schon der Couunissär. Wer läuft denn so hinter ihn: her und rauft sich den Bart? Wer kann es denn anders sein, als der Vater? Oh, die Verzweiflung tödtet den Greis! Alles weicht zurück. Sie drängen sich zusammen, wie die Schafe vor einem fremden Hunde. Aj waj! Kj Gott! Und der Greis warf sich auf den tobten Körper und küsste das Weiße Antlitz der Ertrunkenen, seine Hände krallten sich in das nasse Gelvand und wurden steif . . .. sie auszubilden, umzuformen und zu erhöhen habe. Ihr Judenthum erschöpft sich im besten Falle in einer rein, confessionellen Bethätigung. Natürlich sprechen wir von ihrem bewussten Verhalten, von dem, was sie unbewusst wünschen und wollen, von dem, was sie gegen ihre eigentliche, consequente Weltanschauung und politische Grundauffassung unternehmen, davon sprechen wir nicht. Die meisten von ihnen sind sicherlich in gewissen vereinzelnten Actionen ihres Lebens gute Juden. Ihr politisches und sociales Leben hingegen ist ein tief unjüdisches. W i r stehen nun auf einem ganz anderen Baden. Davon ausgehend, dass wir uns in der Ausbildung, Vervollkommnung und Erhöhung unserer specifisch-nationalen Empfindungs-Nuancen, GedankenzusammenhängeundTraditionen unsalsJuden bethätigen, ziehen wir aus diesen einfachen und elementaren Thatsache» alle Csnsequenzen. Wir verwerfen nicht schlechthin die Cultnrbestrebungen anderer Nationen, wir nehmen im Gegentheile bas Gute und Wertvolle anderer Nassen in uns auf. National sein heißt nicht kulturell beschränkt sein. Wir empfinden national, ohne chauvinistisch zu denken. Aber wir können es uns nicht versagen, daran zu glauben, dass wir specifische Interessen und Aufgaben haben auch auf politischem Gebiete, welche durch andere Gemeinschaften, Gruppen und Rassen nicht in Angriff genommen und gelöst werden können. Wir glauben daher, dass wir in cultureller, politischer und wirtschaftlicher Beziehungspecifische Ziele zu verfolgen haben. Wir glauben nicht, dass uns mit den so allgemeinen und darum so leeren Begriffes der „Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit" geholfen werden kann. Was uns also von den Jüdisch-Liberalen trennt, kann in wenigen dürren Worten gesagt werden. Wir sind auch wie diese für die Abwehr des Antisemitismus, doch wir gehen in dem Kampfe nicht auf. Das religiöse Leben hat für uns nur einen tiefen Sinn, inwieweit es von nationalen Grundkräften getragen und getrieben wird. W.r sind und bleiben Juden, auch wenn wir nicht verfolgt werden. Nicht so leicht ist es, in einigen knappen Sätzen unsere Stellungnahme zu einer anderen jüdischen Partei zu fixieren, mit der wir in einer gewissen Beziehung noch viel mehr gemeinsame Berührungspunkte haben. Die politischen Zionisten betonen, ebenso wie wir, die nationale Seite der Judenfrage. Freilich auch hier, geht Ihnen das tiefste Verständnis für die treibenden Kräfte ab. Zu sehr identificieren sieden Begriff der „Nation" mit dem Begriffe des „jüdischen Landes". Sie haben zu wenig Sinn für die Bedeutung Auf einem breiten bequemen Bette und einem Berge von Kissen ruhte Herr Sila Paremonitsch Nayletzow, Kaufmann zweiter Gilde von Zwienigred, er hieng goldenen Träumen nach. Es war noch gar nicht lange her, seit er aus deni finsteren trüben Russland, hierher in diese wundervolle Gegend Kleinrnsslands eingewandert war. Er kam zu Fuß, sein einziges Besitzthum bildete eine Schachtel auf dem Rücken, er heulte vor Hunger vor den Fenstern der Menschen, wie der Wolf vor der Heerde. Unablässig ertönte sein Ruf: Rothe Bänder, Korallen, schöne Ohrgehänge, Scheeren, kauft, kauft! . . . Und jetzt besitzt er eine ganze Menge von Palästen, ein großes Geschäft in Moskau und mehr als einen gut verborgenen Tausender. Sila Naylehow sieht wie ein gut genährtes Wildschtvein aus. Aber all' dies Hab und Gut genügt ihm nicht, seine gierigen Krallen möchten noch viel.mehr zusammenraffen. Aber da steht ihm das Judengesindel im Wege, das Judenvolk hat Handlungen, Maaren, und verkauft so billig, dass der Preis gleich Null herabsinkt. Ach! Wenn man das Gesindel nur drücken, den Plebs auf sie hetzen könnte! Und er unterzog sich dieser Arbeit; er trat nicht direct als Führer auf und beschränkte sich auf echt russische Art aus dem Hintergründe zu operieren. Er streute feine Einflüsterungen nur so hin: Die Juden, die saugen Euch das Blut aus. Sie haften wie die Blutegel am Körper Kleinrusslands. Was auch kommen möge, Ihr alle seid unschuldig." So schürte er das Feuer. Die Explosion ließ nicht lange auf sich warten! Nicht eines unter den Geschäften im Judenzirkel blieb verschont. Alles wurde zerstört. Die Flaumen und Federn der Skiffen und Decken flogen in alle Winde. Nur die Handlung des Sila Pazanwnitsch Nayletzow blieb unberührt, Gott schützt ihn und hält seine Hand über ihm. Auf seinen Fenstern über der Thüre sieht man Muttergottesbilder; die heilige Jungfrau selbst behütet ihn. Und dort über der Thür des Geschäftes, steht Christus mit der Dornenkrone, den Blick so voll Leid und Weh, dass die vorübergehenden Juden die Augen nicht zu diese»! Bilde zu erheben wagen. Waren es doch ihre Ahnen, die, so sag«: die Leute, seinerzeit unserem Herrgott die Dornenkrone auf- und ungeheure Tragweite der psychischen Z u s a m men g eh ö ri g kei t s-M erkm ale, die hinter dem Worte „National" stecken. Daher verwechseln sie den engeren mit dem weiteren Begriffe, daher glauben sie, dass die gewaltige schöpferische Kraft der jüdischen Nation sich durchaus in der Form einer zum politischen Zionismus hin gerichteten Bewegung äußern müsse. Daher die Zauberformel Nord aus: „Die Juden werden Zionisten sein oder sie werden nicht sein." In Wirklichkeit aber ist der Begriff „Jüdisch-national" weit umfassender, fruchtbarer als der Begriff Zionismus, welcher der engere, einseitigere, speciclle Begriff ist. Indessen, wie dem auch sein mag, in der Praxis sind die politischen Zionisten Nationalisten. In welcher Weise suchen sie aber ihr nationales Jndenthum auszugestälten? Die Erörterung dieser Frage führt uns auf das Kernproblem, das wir vor allem in der präcisesten Weise gerne heransschälen möchten... Der politische Zionismus will ein Land der jüdischen Nation geben. Diese Absicht ist mit Freuden zu begrüßen. Wenn auch die Formel der Zionisten, dass eine Nation sich nur im eigenen Lande, auf eigenem Territorium, in eigener Sprache ausleben könne, nicht richtig ist, so stimmen die Jüdisch-Nationalen auf jeden Fall mit voller Begeisterung in den Satz ein: „Wir Juden brauchen Palästina als Heimstätte für die überschüssige Kraft des Jndenthums, für die Auswanderungslustigen, für die verfolgten, gequälten und gehetzten Juden." Der Colonialzionismus ist es nicht allein, den wir unterstützen, wir sind auch für den culturellen Zionismus. Wir treten nicht nur dafür ein, dass man in Palästina für tausende von Colonistett eine Wohnstätte schaffen möge, wir sind auch dafür, dass man für die hebräische Bildung, für die jüdisch-cultnrelle Ausgestaltung sowohl der palästinensischen als auch der nichtpalästinensischen Juden arbeiten muss. Aber hiermit hören auch unsere Berührungspunkte mit den politischen Zionisten in der Palästina-Frage auf. Der politische Zionismus geht über den Colonial- und Culturzionismus insofern hinaus, als er mir ganzer Kraft auf ein einziges Ziel losstürmt: Errichtung einer rechtlich gesicherten Heimstätte für die Juden. Bis dahin hat die Colonisationsthätigkeit aufzuhören. Der kulturelle Zionismus muss als Neben- und Begleiterscheinung betrachtet werden. Die Hauptsache ist und bleibt ein „Charter". Nur ein Charter kann den Juden wirklich und endlich helfen. W i r sagen umgekehrt, der Colonialzionismus ist in der Palästina-Frage die Hauptsache. Selbst wenn man einen Charter bekommt, woran wir nicht gesetzt, ihn gemartert und gekreuzigt hatten. Aber Sila Pazamonitsch gehört nicht zu ihnen. Weder er noch seine Vorfahren haben Christus gekreuzigt. Sie haben, so steht es in den Chroniken, vom Himmel stets nur volle Speicher erlangt. Und auch heute, wie viele Silas gibt es noch, die nur den Mammon anbeten, wenn sie auch in den Kirchen weilen und geweihte Kerzen vor den Muttergottesbildern anzünden. Und Sila träumt weiter, dass er an den Ufern des Bug wandle und vor Freude, über die Ausrottung der Juden singe. Leise summt er das bekannte Lied von sich, hin: Geh' Deiner Wege, mein Bruder, Gott ist mit Dir. Sila träumt tpeiter. Etwas Weißes liegt im Grase. Es ist das junge Judenmädchen, die, während man ihre Glaubensgenossen quälte, sich aus Dummheit in den Bug gestürzt hatte, um den schlechten Witzen einesVorübergehenden zu entrinnen. Welch eine Närrin! Sie wollte sich dem Katzab, der mit ihr nur kosen wollte, nicht ergeben. Ja, das ist, das ist sie; ach, wie schön ist die Elende! Wie schön in ihrem weißen Kleide, von den Haarmassen!vie von einem Pelzmantel umfluthet. Oh! Du schönes Schäflein! Wärst Du weniger spröde gewesen! .... Und.Sila träumt weiter. Ein Mann tritt ihm entgegen, leise Worte vor sich hinmurmelnd. Wer kann es denn fein? Natürlich, ein Jude? Er stützt sich auf seinen Stock, die Haare fallen ibin auf die Schultern, wie einem Popen. Er nähert sich Sila. Der fängt wie ein Blatt im Herbst zu zittern an. Vor Sila steht ien Jude, aber mit den Zügen des Heilands mit der Dornenkrone, dieses selben, dessen geinaltes Bild über Silas Handlung hängt und die Juden in Angst versetzt. Dre Heiland wirft einen Blick tiefer Trauer auf die Ertrunkene! Dann senkt sich sein Blick prüfend auf Sila. Hu! Wie. das einem ins Herz dringt! Dann neigt der Wanderer grauenvoll das bleiche Haupt! „Warum?" So frägt sein sanftes Auge. Noch einmal streift sein Blick die Ertrunkene, fragend schlägt er das Auge zum Himmel empor und langsam wandelt er lveiter, die Ufer des Bug entlang.